Fluchtweg Ausland: Ein Gedankenspiel

19. Dezember 2012
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Die berufliche Zukunft vor Augen und vom heimischen medizinischen Sektor abgeschreckt? Das Ausland soll es sein? Doch welche Arbeitsbedingungen erwarten einen und welche bürokratischen Hürden gilt es zu überwinden? Wir wagen ein Gedankenspiel.

Ich habe soeben promoviert und schreite den Pfad der Selbstverwirklichung weiter voran. Zu meiner Rechten sehe ich einen Richtungsweiser, “Ausland” steht dort geschrieben. “Wir fühlen uns durch jedes Leben angezogen, das für uns etwas Unbekanntes darstellt, durch eine alte Illusion, die erst noch zerstört werden muss”, so Marcel Proust. Aber wie sind die Arbeitsbedingungen in den diversen EU-Staaten, wo wäre es am klügsten hinzugehen, welche bürokratischen Hürden sind zu überwinden? Ich muss mich informieren.

Ich dekodiere die europäische Richtlinie 2005/36/EG, die im Kern folgendes besagt: Die ärztliche Grundausbildung wird in allen Mitgliedsstaaten des europäischen Wirtschaftsraumes (EWR) automatisch anerkannt. Der Beweis, dass eine ebensolche abgeschlossen wurde, ist in Österreich eine Urkunde über die Verleihung des akademischen Titels Dr.med.univ., in Deutschland ein Zeugnis über die ärztliche Prüfung. Der Verdacht, dass dies nicht die ganze Wahrheit ist, bestätigt sich alsbald. Diese offenbart sich vor allem in der Bedingung “wenn eventuell geforderte Nachprüfungen erfolgreich absolviert worden sind.”

Nerven auf die Probe gestellt

Diese unterscheiden sich mehr oder weniger stark zwischen den Ländern, die unsägliche Bürokratie wird mein Nervenkostüm sicherlich auf die Probe stellen. Ich setze in meinem Browser ein Lesezeichen für folgenden überblicksmäßigen Artikel. Sind Hürden da, um genommen zu werden?

Warum habe ich eigentlich diesen Impuls, fern von der Heimat einen Arbeitsplatz zu suchen? Hauptmotive sind die vielen Arbeitsstunden, die in Österreich in Anbetracht der hohen Verantwortung, der sich ein Arzt stellen muss, niedrig entlohnt werden und die oftmals schlechte ärztliche Ausbildung. Hinzu kommt ein reges Interesse an fremden Kulturkreisen und Sprachen. Ich möchte arbeiten, um zu leben und nicht umgekehrt.

Die Routen der Zuagroasten

Es scheint, als würden viele dieselben Gedanken hegen: “Ich arbeite gerne als Arzt, möchte aber meine Freizeit, meine Familie und letztlich mich selbst nicht dafür aufgeben.” “Die Arbeitsbedingungen in Deutschland tragen nicht zum allgemeinen Wohlbefinden bei (…), trotz Engagement kann der Weg sehr steinig sein.” “Ich bin jung und es stehen mir viele Türen offen. Wenn ich nicht jetzt diese Chance ergreife, wann dann?” – diese Meinungen lese und höre Ich. Die Arbeitsmigration von Ärzten innerhalb Europas findet rege statt. Auf der Suche nach einem höheren Lebensstandard führen die Routen vorwiegend von ärmeren in reichere Länder: Ein Viertel der Ärzte in der Schweiz sind nicht Einheimische, in Großbritannien gar die Hälfte, während in Polen nur drei von hundert Ärzten “Zuagroaste” sind.

Ich will möglichst wenig arbeiten, um möglichst viel zu verdienen, jawohl, das ist der Plan! Wohin sollte ich also gehen? In einer kürzlich erschienenen, von der deutschen Krankenhausgeselllschaft publizierten, Studie lese ich folgendes: Eine Liste von 9 europäischen Ländern der höchsten kaufkraftbereinigten Einkommen wird angeführt von der Schweiz, gefolgt von Dänemark und Deutschland. Am anderen Ende des Rankings stehen Frankreich, Österreich (Himmel!) und Schweden. Jetzt habe ich es schwarz auf weiß, dass man in Österreich ungerecht bezahlt wird.

Kalt ist’s halt schon

Durch das Lesen einiger Erfahrungsberichte erfahre ich von den großen Anreizen einer Facharztausbildung in Dänemark: eine flache Hierarchie unter der Kollegenschaft, Unterstützung seitens des Krankenhauses in zahlreichen Fragestellungen, Arbeitszeitverträge, die auch eingehalten werden und bei der Wohnungssuche wird einem auch noch unter die Arme gegriffen. Die Sprachbarriere ist kein allzu großes Hindernis, die meisten Dänen sprechen sehr gut Englisch und Dänischkurse werden von den meisten Kliniken angeboten. Aber kalt ist’s halt schon.

Welche Gegenden der europäischen Union lassen einen eigentlich die meisten warmen Sonnenstrahlen auf der Haut spüren? Der “Sonnenschein”-Artikel von Wikipedia verrät es mir: Digne les Bains im Südosten Frankreichs, Kreta sowie die mallorquinische Gemeinde Calvia Isla Baleares sind die Gegenden mit den meisten Sonnenstunden Europas. Trotz des niedrigen Verdienstes, könnte ich mir vorstellen, das “savoir-vivre” in Frankreich zu genießen.

Rundgang durch mein Inneres

Ich spinne den Gedanken weiter, recherchiere und komme zu dem ernüchternden Ergebnis: In Frankreich wird die Facharztausbildung 3ieme cycle – 3. Zyklus – genannt und kann nur nach bestandenem “Concours d’internat” begonnen werden, dies gilt auch für Ausländer. “Ich kenne praktisch keinen deutschen Arzt, der nach dem Abschluss des deutschen Medizinstudiums diesen Aufnahmetest je geschafft hätte”, lese ich die Aussage von Herrn Nachtwey, Leiter einer renommierten Personalvermittlungsagentur für Mediziner. Der Consensus unterschiedlichster Interneteinträge: Es ist klüger mit bereits abgeschlossener Facharztausbildung in Frankreich mit der Arbeit zu beginnen.

Nach diesem kreisförmigen Rundgang durch mein Inneres bin ich um folgende Erkenntnisse reicher: Mit mehr (Großbritannien, Frankreich) oder weniger (Schweiz, Deutschland) bürokratischem Aufwand und Geduld steht mir der gesamte europäische Arbeitsmarkt offen, worüber ich mich glücklich schätzen sollte. Ich kann überall hingehen, wo ich will – toll. Aber wie wär’s, wenn ich nicht doch einfach zu Hause bleibe?

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