Laufen im Sommer: Bist du noch dicht im Darm?

14. Juli 2017
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Läufer kennen gastrointestinale Beschwerden wie Durchfall oder Übelkeit. Sind Läufe sehr lang, kann das schwerwiegendere Folgen haben. Das Leaky-Gut-Syndrom erhöht die Durchlässigkeit der Darmwand: Bakterielle Lipopolysaccharide und Toxine gelangen in die Blutbahn.

Sport fördert die Gesundheit, das ist unumstritten. Vor allem Muskeln und Herz-Kreislauf-System profitieren von regelmäßigem Training. Übertreiben sollte man es dabei allerdings nicht, wie eine aktuelle Metastudie zeigt. So erhöht intensives Training über zwei Stunden vor allem bei Hitze offenbar die Durchlässigkeit der Darmwand und die Anzahl mikroskopischer Verletzungen im Darm.

Extremsport kann zu einem undichten Darm führen

Ausdauersport-Events wie Marathonläufe erfreuen sich stets steigender Teilnehmerzahlen. Doch viele Läufer haben während oder nach dem Lauf mit gastrointestinalen Beschwerden wie Durchfall oder Übelkeit zu kämpfen. Die Symptomhäufigkeit nimmt zu, je länger der Lauf andauert und je höher die Temperaturen dabei sind.

Leaky-Gut-Syndrom fördert subklinische Entzündungszustände

Als kritische Grenze fanden australische Ernährungswissenschaftler um Ricardo Costa von der Monash University in Melbourne in einer Metastudie folgende Parameter: Wer länger als 2 Stunden mit weniger als 60 % seiner maximalen Sauerstoffaufnahme läuft, schadet seinem Darm massiv – und das unabhängig vom individuellen Fitness-Status. Die lange, hohe Belastung erhöht die Durchlässigkeit der Darmwand, sodass bakterielle Lipopolysaccharide (LPS), Toxine und unverdaute Stoffe in die Blutbahn gelangen können. Dieser Zustand wird als Leaky-Gut oder „durchlässiger Darm“ bezeichnet und kann schwerwiegende Folgen haben. In der Blutbahn angelangt, aktivieren die körperfremden Stoffe das Immunsystem – es kommt zu einer subklinischen Entzündung (silent inflammation), die wiederum mit zahlreichen chronischen Erkrankungen in Verbindung gebracht wird.

Extremer Sport verändert Durchblutung im Darm und die Darmmotilität

Gastrointestinale Beschwerden durch Extremsport sind das Ergebnis komplexer, multifaktorieller Interaktionen zwischen dem Verdauungstrakt und dem Blutkreislauf, dem Immunsystem und dem enterischen Nervensystem. Grob zusammengefasst können zwei unterschiedliche Wege zu einem extremsportbedingen Leaky-Gut führen: Zum einen der veränderte Blutfluss während des Sports zur Aufrechterhaltung der Muskelleistung. Dabei kann das fehlende Blut im Darmbereich eine viszerale Hypoperfusion auslösen, auf die eine viszerale Ischämie folgt. Diese Prozesse verletzen die Epithelzellen des Darms durch Brüche im Epithel, Zerstörung der Tight Junctions oder der Proteine, die die Tight Junctions regulieren. Zum anderen verändern Stresshormone und die Aktivierung des Sympathikus die Darmmotilität. Bei Extremsportlern äußern sich diese Prozesse in Brechreiz, Aufstoßen und Blähungen. Die Symptome verstärken sich häufig, wenn die Sportler während des Trainings essen oder trinken.

 

 

 

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Zwei verschiedene Wege können bei Extremsportlern zu einem Leaky-Gut führen. Quelle: Costa, RJS. Et al. Aliment Pharmacol Ther. 2017 Jun 7.

Fettbindendes Proteins I-FABP Maß für verletztes Darmepithel

Als Maß für ein verletztes Darmepithel zogen die Wissenschaftler in ihrer Metaanalyse die Blutkonzentration des fettbindenden Proteins I-FABP (intestinal fatty-acid binding protein) heran. Das kleine cytosolische Protein wird freigesetzt, sobald reife Enterozyten verletzt oder zerstört sind. Seine Konzentration im Blut korreliert mit der trainingsassoziierten viszeralen Hypoperfusion und der daraus resultierenden Ischämie.

Auch der Austausch verschiedener Zucker, sowie die Konzentration von Lipopolysacchariden im Blut können als Maß für die Durchlässigkeit des Darms und die Ausprägung eines Leaky-Guts herangezogen werden. Bei diesen Parametern variierten die Versuchsdurchführungen der jeweiligen Studien jedoch so stark, dass ein direkter Vergleich nicht möglich war.

Leaky-Gut mit zahlreichen chronischen Erkrankungen assoziiert

Wenn Endotoxine oder andere giftige Stoffe die durchlässige Darmwand passiert haben, gelangen sie rasch in den Blutstrom und werden im gesamten Körper verteilt. Das Immunsystem versucht die Eindringlinge durch Entzündungsreaktionen und Antikörper zu bekämpfen. Das kann weitreichende Folgen haben. Das Leaky-Gut-Syndrom wurde in wissenschaftlichen Studien bereits mit zahlreichen chronischen Erkrankungen assoziiert. Dazu gehören beispielswiese Rheuma, Psoriasis, Neurodermitis, Reizdarm, dem chronischen Müdigkeitssyndrom, Diabetes, Zöliakie, Multipler Sklerose, Herzkrankheiten, Migräne, Autismus und Parkinson in Verbindung gebracht. Wie lange das durch Extremsport ausgelöste Leaky-Gut-Syndrom anhält, ist noch nicht genau geklärt. Erste Studien ermittelten Werte zwischen einem Tag und einer Woche.

Wie lässt sich der Leaky-Gut beim Extremsport vermeiden?

Förderlich sind in solchen extremen Sportsituationen Bakterien, die kurzkettige Fettsäuren wie beispielsweise Buttersäure bilden. Denn diese kurzkettigen Fettsäuren benötigt der Darm, um seine Epithelzellen zu ernähren und die Tight Junctions funktionsfähig zu halten. Sie helfen außerdem dabei, kleine Verletzungen an den Epithelzellen zu reparieren und könnten daher – aufgenommen über die Nahrung oder als Probiotika – hilfreiche Begleiter für Extremsportler sein. Die Studienlage ist in diesem Bereich jedoch noch so dünn, dass bisher keine klaren Empfehlungen zu Bakterienstämmen und Einnahmedauer gegeben werden können.

 

 

 

Die bakterielle Darmbesiedlung des Sportler ist am Ausmaß des "leaky gut" beteiligt.

Die bakterielle Darmbesiedlung des Sportler ist am Ausmaß des Leaky-Gut beteiligt. Quelle: Costa, RJS. Et al. Aliment Pharmacol Ther. 2017 Jun 7.

 

Weitere Maßnahmen, um einem extremsportbedingten Leaky-Gut vorzubeugen, sind laut Angaben der australischen Wissenschaftler:

  • Ausreichend, aber nicht zu viel trinken: Sportler, die normal hydriert ihr Training begannen, hatten weniger gastrointestinale Beschwerden als Sportler, die de- oder überhydriert waren, denn auch eine Überhydrierung kann zu gastrointestinalen Beschwerden führen. Die normale Hydrierung sollte während des Trainings möglichst aufrechterhalten werden.
  • Kohlenhydrate verzehren: Sportler, die 15 g Kohlenhydrate vor dem Training und dann alle 20 Minuten während eines Laufs bei 60 % maximaler Sauerstoffaufnahme und 35 Grad Celsius verzehrten, hatten bessere Darmparameter als Sportler, die im gleichen Zeitraum nur Wasser tranken. Der Verzehr von Gluten scheint die Ausprägung von intestinalen Beschwerden beim Extremsport nicht zu beeinflussen.
  • FODMAPs reduzieren: Wer sich als Extremsportler FODMAP-arm ernährt, hat offenbar weniger Magen-Darm-Beschwerden als andere Sportler. Diese Diätform, bei der fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide sowie Polyole stark reduziert werden, ist bereits bekannt aus Ernährungsempfehlungen für Reizdarmpatienten.
  • Auf NSAIDs sollten Extremsportler wenn möglich verzichten, denn sie fördern das Leaky-Gut-Syndrom. Ist die Einnahme von nichtsteroidalen Antirheumatika unbedingt notwendig, sollte sie auf keinen Fall unmittelbar vor dem Training erfolgen.

Die wohl effektivste Methode, Magen-Darm-Probleme während und nach dem Sport zu vermeiden, ist ein moderates Training. Die Metaanalyse der australischen Wissenschaftler zeigte: Nur Extremsportler, die etwa einen Ultramarathon von ca. 90 km oder ein 100 Meilen Radrennen absolviert hatten, hatten Anzeichen für eine Endotoxinämie – stark erhöhte Lipopolysaccharid (LPS)-Konzentrationen im Blut. Teilnehmer, die unter zwei Stunden trainierten, hatten nur geringfügige erhöhte LPS-Werte. Die Werte stiegen bei Trainingseinheiten, die länger als 2 Stunden andauerten (bei 60-70 % der max. O2-Aufnahme) und/oder bei großer Hitze von mehr als 33 Grad Celsius. Wer weniger als 2 Stunden und bei Temperaturen unter 30 Grad trainiert, entlastet seinen Darm – und hat mutmaßlich auch mehr Spaß am Sport.

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Quelle:

Systematic review: exercise-induced gastrointestinal syndrome-implications for health and intestinal disease.
R.J.S. Costa et al.; Alimentary Pharmacology and Therapeutics, doi: 10.1111/apt.14157; 2017

40 Wertungen (4.85 ø)

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13 Kommentare:

Gast
Gast

@#11, mein Beitrag #10 war ausschließlich an Drs. Sabine Breiholz gerichtet.
Einer Biologin würde ich es zutrauen, Studien selbst zu lesen, anstatt
sich auf die namenlosen selbsternannten Universalgelehrten von Psiram
zu berufen, die alles und jeden jenseits ihrer Weltanschauung anprangern.

#13 |
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Gast
Gast

Mir scheint, daß wir hier folgendes Problem haben: Das systematische Review von Costa et al. beschäftigt sich mit Permeabilitätsstörungen des Darms bei körperlichem Training im Sinne einer akut herbeigeführten Störung, ohne daß auf dauerhafte chronische Folgen eingegangen wird. Die Begrifflichkeit “Leaky gut” kommt im gesamten Paper kein einziges Mal vor!
Frau Schmitzer bringt nun das “Leaky-gut-syndrome” in einem Abschnitt ihres Beitrages auf das Tapet, ohne für die postulierten Zusammenhänge mit chronischen Erkrankungen irgendwelche Quellen zu bringen. Im Gegensatz dazu konnten Costa et al. für CID-Patienten keine klare Aussagen treffen, ob Extremsport den Darm vermehrt schädigt oder nicht.
Das österreichische Cochrane-Zentrum stellt zum Thema (Stand 2016) fest, daß schlicht keine Studien bestehen, ob der durchlässige Darm eine Krankheit verursacht, oder die Krankheit die Darmveränderungen (https://www.medizin-transparent.at/leaky-gut-syndrom). Siehe auch: https://en.wikipedia.org/wiki/Leaky_gut_syndrome
Letztlich dürfte es auch schlicht zwei verschiedene Definitionen von “Leaky gut” geben: Einmal die “mainstreamwissenschaftliche” und dann die “alternativmedizinische”, d.h. was in z.B. in pubmed als leaky gut bezeichnet wird, dürfte mit demselben Begriff auf einer alternativen Laienwebseite nicht viel zu tun haben. Man vergleiche hierzu einmal, was heutzutage alles als Jarisch-Herxheimer-Reaktion bezeichnet wird…

#12 |
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Gast
Gast

@10: off topic: Psiram kann man Einseitigkeit, die antireligiöse Weltanschauung, teilweise fehlende Quellen und schon lange nicht mehr überarbeitete Einträge im Wiki vorwerfen. Cum grano salis ist es aber ein brauchbares Medium, gerade wenn es um eine erste Orientierung zu umstrittenen Themen geht. Eine “Denunziationsplattform”, wie Sie schreiben, ist es nicht (es sei denn, daß Sie Einträge zu solchen Geistesgrößen wie Hamer, Coldwell, J. Conrad, Konz und Tolzin als denunziatorisch ansehen). Daß bei pubmed nun mehr als 2500 Einträge zum Thema “leaky gut” zu finden sind, ist schön, sagt aber nichts über die Qualität der zugrundeliegenden Arbeiten aus – oder erwarten Sie, dass wir jetzt alle Einträge lesen sollen? Geben Sie uns doch mal eine gute, hochkarätig publizierte Übersichtsarbeit an; DAS würde bestimmt Licht ins Dunkel der Eingeweide bringen.

#11 |
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Gast
Gast

@#8 eine mögliche alternative Quelle zur Denunziationsplattform Psiram:
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/?term=leaky+gut

#10 |
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Gast
Gast

Bisher fehlt jegliche Evidenz für dieses Syndrom.

#9 |
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“Alternativmedizinischer” Blödsinn!

https://www.psiram.com/de/index.php/Leaky-Gut_Syndrom

#8 |
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Dr. Hermann Grötschel
Dr. Hermann Grötschel

Im Grunde genommen muss man Extremsportler als Suchtkranke betrachten.

#7 |
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Gastarzt
Gastarzt

Zweifellos ein sehr interessanter Artikel – in mehrfacher Hinsicht. Zum einen wird hier sehr deutlich auf das Problem Leaky-Gut-Syndrom hingewiesen und nicht verschwiegen, welche weitreichenden Folgen es haben kann (Assoziation mit einer Vielzahl von chronischen Erkrankungen – deren Gemeinsamkeit ist, dass es sich dabei ausnahmslos um Auto-Immun-Phänomene handelt).
Zum anderen wird nur eine mögliche Ursache genannt (sportliche Intensivbelastung); wobei noch zu klären ist, ob die Belastung wirklich die Ursache für die Durchlässigkeit ist oder nicht schon vorher eine erhöhte Durchlässigkeit besteht, die durch die Belastung nur verstärkt wird.
Ich halte es für eine Illusion, anzunehmen, dass ein einzelnes (oder auch wiederholte) Trainingsereignis(se) für Veränderungen im Darm verantwortlich ist(sind), die systemische chronische Erkrankungen begünstigen.
Allen voran – und das ist nicht meine Meinung sondern wissenschaftlich nachgewiesen – sind es Ernährungseinflüsse, die das Darmepithel und seine tight junctions löchrig werden lassen: Lektine, Kasein, Gluten (und auch hier ist es interessant, dass genau letzterer Punkt ausdrücklich verneint wird).
Doch wenn man die Entstehung und den Verlauf der genannten chronischen Erkrankungen maßgeblich durch die Auswahl der Nahrungsmittel beeinflussen kann, gibt es für Pharma- und Medizinindustrie nichts zu verdienen. Dann mus halt Extremsport als Sündenbock herhalten …

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Manfred L. DIETWALD, Apotheker
Manfred L. DIETWALD, Apotheker

Bisher wurde postuliert, dass der Mensch durch seine Langlaufeigenschaft auf zwei Beinen allen Tieren nach deren Verletzung überlegen war und dadurch das gefährliche Savannenleben erst überstehen konnte. Durchfall mit seinem intensiven Geruch hätte diesen Vorteil zunichte gemacht. Vielleicht war erst die Umstellung auf Körnerfrucht mit Fleischverzehr der Vorteil im Überlebenskampf.

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Ich kenne einige und tue des durchaus selbst auch, Hr. Larisch! =o)

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Sven Larisch
Sven Larisch

Interessant. Was es alles gibt. Und wieder wird der Darm und sein Biom wichtig für die Gesundheit.

Aber wer läuft bei über 33°C mehr als 2h ?
Kein vernünftiger Mensch , hoffe ich :-)
Vielleicht in Australien?

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Heilpraktiker

Das sind wichtige Informationen. Danke dafür!

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Ernährungswissenschaftler / Ökotrophologe

Sehr interessanter Artikel… Vielen Dank!

#1 |
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