Keiner will einen Hanfgarten

19. Juni 2017
Teilen

Cannabis auf Rezept, das ist keine Zukunftsmusik mehr. Die eigens dafür gegründete Agentur am BfArM nimmt gerade ihre Arbeit auf und erlebt dabei Überraschendes. Anscheinend will sich keine Firma für die Anbaulizenzen bewerben.

Im März gab die Bundesregierung grünes Licht für Cannabisblüten auf Rezept. Zuvor hatten rund 1.000 Patienten von Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine Sonderlizenz erhalten. Experten erwarten steigende Zahlen, können den Bedarf derzeit aber nur schwer abschätzen.

Bedarf schwer abschätzbar

Diese Problematik zeigt sich bei der eigens gegründeten Cannabisagentur am BfArM. Sie will ab 2019 Marihuana in Deutschland anbauen lassen und sucht seit April nach interessierten Firmen mit Expertise. Kürzlich wurde die erste Ausschreibungsrunde beendet. Ziel ist, nach der Anlaufphase in 2021 und 2022 zirka 2.000 Kilogramm Cannabis zu ernten. Rechnet man mit einem Tagesbedarf von einem Gramm Blüten pro Patient und Tag, könnten knapp 5.500 Patienten versorgt werden. Angesichts mehrerer Rückzieher könnte es aber knapp werden.

Therapie „nicht steuerbar“

Entgegen früheren Aussagen wird sich Bionorica nicht an der aktuellen Ausschreibung beteiligen. Noch im Mai erklärte der Vorstandsvorsitzende Professor Dr. Michael Popp gegenüber der Wirtschaftswoche: „Wir haben Interesse daran, Medizinalhanf in pharmazeutischer Qualität in Deutschland anzubauen.“ Jetzt rudert er zurück.

Die aktuelle BfArM-Ausschreibung für eine Anbaulizenz habe Cannabisblüten zum Ziel, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme. „Die Verschreibung von Cannabisblüten lehnen wir ausdrücklich ab, da deren Dosierung für den Patienten nicht reproduzierbar möglich und für den Arzt nicht steuerbar ist“, heißt es in der Meldung. „Uns ist wichtig, die therapeutische Nutzung deutlich von jedem Freizeitkonsum abzugrenzen.“ Deswegen bewerbe man sich auch nicht um eine Anbaulizenz.

Bionorica setzt wie gewohnt auf Dronabinol und hätte deshalb gerne selbst Medizinalhanf angebaut. „Diese Möglichkeit sehen wir jedoch bei der Ausgestaltung der aktuellen Ausschreibung für eine Anbaulizenz nicht“, teilte ein Sprecher mit. Aktuell werde Medizinalhanf von der staatlichen Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) in Wien bezogen. Auf diese Quelle muss Bionorica auch künftig zugreifen.

Besser importieren?

Ähnliche Signale kommen aus Kanada. „Wir haben uns entschieden, uns nicht auf die Ausschreibung zum Anbau von Medizinal-Cannabis in Deutschland zu bewerben“, sagt Marla Luther, Deutschlandchefin von Tilray, dem Handelsblatt. Ihr Konzern gehört zu den Marktführern weltweit. Luther weiter: „Wir wollen unseren in Kanada angebauten Cannabis nach Deutschland importieren.“ Ab wann Deutschland seinen Bedarf komplett aus heimischem Anbau decken wird, lässt sich derzeit nicht abschätzen.

8 Wertungen (4 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

9 Kommentare:

Gast
Gast

#8: das ist einfach ein Fall für Gärtner. Die können das. Wie auch Blumenkohl, Salat und Radieschen. Einfach, pragmatisch, kostengünstig und überall verfügbar. Wir brauchen keine “basisdemokratischen, nicht-kapitalistischen Kolchosen” – was meinen Sie eigentlich damit?

#9 |
  2
Gast
Gast

#6: Mit Ihrem Argument dürfte auch niemand mehr “alte” Medikamente wie ASS, Paracetamol und Co. herstellen, da gibt es auch kein Monopol.
Was wollen Sie denn?
Kostenloses Gras aus basisdemokratischen, nicht-kapitalistischen Kolchosen?
Ich denke da schließe ich mich eher der Realität der o.g. Argumente der Firmen an, die unter den jetzigen Bedingungen nichts produzieren möchten.

#8 |
  2
Gast
Gast

#1: Und wieso kommen die 20-30 “Experten” aus dem Hanfburg-Forum nicht einfach und machen eine Firma auf, mit der sie sich um die Lizenz bewerben?
Da unterstelle ich doch ehrlich gesagt, dass es leicht ist, sich in Foren aufzuregen und mit fraglich belegtem Halbwissen um sich zu werfen, und nicht ganz so einfach das ganze selbst anzubauen, wenn man eine höhere Qualität als die vom eigenen Balkon erwartet.
Das Argument, dass sich mit Blüten keine genau reproduzierbare Dosis erreichen lässt ist absolut schlüssig, lässt dann eben hoffen dass das BfArM die Zulassung entsprechend ändert und dann sinnvoll nutzbare Zubereitungen genehmigt werden.
Gut für die Patienten, die tatsächlich Cannabis-Bestandteile als Medikament benötigen, schlecht für diejenigen sie sich einen Feierabendjoint auf Kasse erträumen. Da hält sich mein Mitleid aber auch in Grenzen.

#7 |
  4
Gast
Gast

Dass sich Firmen nicht beteiligen wollen, war abzusehen. Der Gewinn ist zu gering; eine Monopolstellung kann kaum erreicht werden. Und dann kommen die bekannten Argumente, die völlig an der Realität vorbei gehen. Ein pragmatisches Vorgehen, wie es vom BfArM angestrebt wird, ist so nicht möglich.

#6 |
  7
Angestellte Apotheker

Warum muss denn ausgerechnet in D Cannabis angebaut werden, wo es doch so viele Produzenten in den verschiedensten (armen) Ländern gibt? Da würde sich doch so manche Kleinbauernkooperation in so einem Land freuen, ganz offiziell,im Rahmen eines Anbauvertrages Cannabis exportieren zu dürfen.

#5 |
  2
GastGast
GastGast

Liebe Gast, die ganze Verteufelung von dieser Pflanze war eine Populistische Aktion. Die Menschen ganz langsam wieder aufzuklären ist bzw. war um einiges schwieriger.
Sativex und co wirken nicht ohne Grund sehr beschränkt. Ohne die Wechselwirkungen und Wirkungsspektrum von THC, CBD, CBN, CBG und der zig anderen Inhaltsstoffe der Pflanze voll zu verstehen werden gute AM in standardisierter form wohl noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte auf sich warten lassen. Aber zumindest wird jetzt (dank den ganzen “schnellschussaktionen”) mal daran geforscht.

#4 |
  3
Gast
Gast

Als Ärztin sehe ich das genau so wie #2

#3 |
  4
Gast
Gast

Es gibt sicher modernere Arzneiformen und ich würde mir standardisierte AM wünschen. Als Apothekerin möchte ich mich an dieser populistischen Schnellschussaktion nicht beteiligen.

#2 |
  4
GastGast
GastGast

Ich verstehe bei der ganzen sache einfach nicht warum sich die Cannabisagentur keinen account bei einem netten forum wie z.b. dem von hanfburg macht und dort per threat nach 20-30 “erfahrenen” leuten sucht und alles einfach selbst “herstellt”.. Die Experten währen dann Mitarbeiter bei der Agentur und die Einnahmen könnten direkt in die Staatskasse fließen. Aber NEIN.. WIR brauchen Firmen.. Ausschreibungen usw. denn WIR als Cannabisagentur wollen mit diesem Zeug ja eigentlich nichts zu tun haben.

#1 |
  4
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: