Angstagram oder Fearbook?

28. Juni 2017
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Soziale Medien können viel – auch süchtig machen oder Minderwertigkeitsgefühle auslösen. Das Leben der anderen weckt in vielen die Angst, etwas zu verpassen. Zeit für Ärzte, dem Problem auch im Patientengespräch mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Ein bisschen absurd ist das auf den ersten Blick schon: Inzwischen gibt es Angebote im Internet, die Menschen unterstützen sollen, die sich zuviel im Internet aufhalten. Beratung zu Sucht, Depressionen oder Ängsten durch soziale Medien, die auf Social-Media-Plattformen stattfindet. Und Apps, die den Nutzer darauf hinweisen, dass er heute schon wieder zu viel Zeit mit seinem Smartphone verbracht hat.

Darüber diskutiert wird viel: Häufig ist von der Generation „Kopf unten“ die Rede, die nur noch auf den Bildschirm starrt, von den Problemen, die durch das dauernde Online-Sein entstehen, oder von „Internet-“ oder „Smartphone-Sucht“. Doch bisher weiß man wenig darüber, wie sich die häufige Nutzung sozialer Medien tatsächlich auswirkt – wann etwa der Gebrauch zu psychischen Problemen oder sogar zu psychischen Erkrankungen führen kann. Auch gibt es bisher keine Leitlinien, die aufzeigen, wie man Internet, Smartphone oder soziale Medien angemessen nutzen kann – also so, dass sie nicht das psychische Wohlbefinden oder die eigene Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.

Soziale Medien: Die Top 5

Eine aktuelle Studie aus Großbritannien hat nun untersucht, wie sich soziale Medien auf 14 verschiedene Aspekte der psychischen Gesundheit bei jungen Menschen auswirken. In der Untersuchung, die von der Royal Society for Public Health (RSPH) veröffentlicht wurde, wurden 1.479 junge Leute zwischen 14 und 24 Jahren aus ganz Großbritannien befragt. Die Forscher um Shirley Cramer und Becky Ingster wollten wissen, wie sich die fünf populärsten sozialen Medien auf die Psyche auswirken: Nämlich Facebook, Twitter, YouTube, Instagram und Snapchat.

Gefragt wurde nach Gefühlen von Angst, Depression oder Einsamkeit, die durch die Nutzung sozialer Medien entstehen können, nach Mobbing in sozialen Medien, aber auch nach Schlafqualität, dem eigenen Körperbild oder der Qualität der Beziehungen in der „realen“ Welt. Ein weiterer wichtiger Aspekt war die Angst, etwas zu verpassen – bzw. das Gefühl, ständig online sein zu müssen, weil man sonst etwas Wichtiges verpassen könnte. Auf Englisch wird sie auch als „Fear of Missing Out“ oder „FoMO“ bezeichnet.

Verbundenheit und Einsamkeit

Die jungen Leute sahen bei allen Plattformen sowohl positive als auch negative Aspekte für die psychische Gesundheit. So erhielten alle Medien positive Wertungen bei der Selbstidentität (der Fähigkeit, zu sagen, wer man selbst ist), dem Selbstausdruck (der Möglichkeit, seine eigenen Gefühle, Gedanken und Ideen auszudrücken), bei der emotionalen Unterstützung durch Freunde oder Familienmitglieder und beim Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören.

Allerdings erhielten alle auch negative Wertungen – insbesondere für Schlafqualität, Mobbing, Körperbild und FoMO. Und alle außer YouTube waren mit negativen Wertungen für Depression und Angst verbunden. Lediglich YouTube konnte die Werte für Depression, Angst und Einsamkeit vermindern.

Am negativsten wirkte sich dabei Instagram auf die psychische Gesundheit aus, direkt gefolgt von Snapchat. Auf den mittleren Plätzen lagen Facebook und Twitter, während YouTube die höchsten Werte für psychische Gesundheit und Wohlbefinden erhielt. Instagram schnitt dabei zwar bei Selbstidentität und Selbstausdruck gut ab, jedoch besonders negativ bei Angst, Depression, Mobbing und FoMO.

Der Vergleich mit den anderen

Die ungünstigen Auswirkungen der sozialen Medien können unterschiedliche Gründe haben. Zum einen vergleicht man sich dabei unbewusst mit anderen. Und wenn jemand ständig das Gefühl hat, andere hätten mehr Spaß, bessere Leistungen oder tollere Freunde, kann das zu Unzufriedenheit, Niedergeschlagenheit und eben zur ständigen Angst, etwas zu verpassen, führen. Gleichzeitig kann es auch zu einem Gefühl, nicht gut genug zu sein und so zu einem geringen Selbstwertgefühl betragen. „Das könnte vor allem bei Plattformen, bei denen Fotos im Mittelpunkt stehen, von Bedeutung sein“, schreiben die Autoren der Studie. So berichtete eine der Studienteinehmerinnen: „Bei Instagram fühlt man sich als Mädchen oder Frau leicht so, als ob der eigene Körper nicht gut genug ist – denn andere Leute bearbeiten ihre Fotos, so dass sie möglichst ‚perfekt‘ aussehen.“

Außerdem kann die ständige Nutzung sozialer Medien zu Symptomen führen, wie sie bei einer Sucht auftreten: Etwa zu dem starken Verlangen, ständig online zu sein, zu Schwierigkeiten, die Zeit des Internet- oder Handy-Gebrauchs zu kontrollieren oder zur Vernachlässigung von Verpflichtungen, sozialen Kontakten und anderen Aktivitäten. „Soziale Medien wurden als stärker abhängig machend beschrieben als Zigaretten und Alkohol“, betont Cramer.

Ängste können sich verstärken

„Andere Untersuchungen haben ergeben, dass eine problematische Nutzung des Internets und sozialer Medien mit sozialer Ängstlichkeit und depressiven Symptomen einhergeht“, berichtet Dr. Kay Uwe Petersen, Projektleiter der Sektion für Suchtmedizin und Suchtforschung des Universitätsklinikums Tübingen und Mitbegründer der Webseite „Erste Hilfe Internetsucht“. Insgesamt sei bisher nicht klar, ob gerade Menschen mit Ängsten und depressiven Symptomen zur problematischen Nutzung von Social Media neigen oder ob die Symptome durch die exzessive Nutzung solcher Plattformen entstehen. „Es könnte sein, dass es jemandem mit sozialen Ängsten oder depressiven Symptomen leichter fällt, online Kontakte zu pflegen als im ‚realen Leben‘. Dies kann jedoch wiederum die Ängste oder die Depression verstärken“, so der Diplompsychologe.

Auch bei FoMO konnten Forscher in einer Studie zeigen, dass diese nicht allein mit der starken Nutzung sozialer Medien zusammenhängt, sondern auch mit psychischen Faktoren. So tritt die Angst, etwas zu verpassen, verstärkt bei Menschen auf, die über ein geringes psychisches Wohlbefinden und eine geringere Lebenszufriedenheit berichten.

Warnsignal bei intensiver Nutzung

„Soziale Medien gehören inzwischen so zum Leben junger Leute, dass man sie nicht ignorieren kann, wenn man über die psychische Gesundheit dieser Menschen spricht“, sagt Cramer. Die Forscher rufen deshalb Regierungen und die Social-Media-Firmen dazu auf, Änderungen vorzunehmen, um die möglichen negativen Auswirkungen sozialer Medien auf die psychische Gesundheit zu vermindern.

Die Empfehlungen der Royal Society for Public Health lauten:

  • Bei zu intensiver Nutzung sollte auf dem Social-Media-Plattform ein Warnsignal erscheinen.
  • Die Plattformen sollten mithilfe der Nutzerbeiträge Nutzer identifzieren, die unter einem psychischen Problem leiden könnten – und durch diskrete Hinweise Unterstützungsmöglichkeiten aufzeigen.
  • Auf den Plattformen sollte angezeigt werden, wenn Fotos von Personen digital verändert wurden.

Diese Maßnahmen wurden in der Untersuchung von 68 bis 80 Prozent der Befragten unterstützt. Darüber hinaus sollten mehr Studien zu den Auswirkungen sozialer Medien auf die psychische Gesundheit durchgeführt werden, fordert die Arbeitsgruppe der RSPH.

Hilfe bei psychischen Belastungen

„Wer durch die Nutzung von social Media deutliche psychische Beeinträchtigungen erlebt und seine Nutzung als problematisch empfindet, sollte sich am besten an eine Suchtberatungsstelle wenden“, sagt Petersen. „Das klingt vielleicht zunächst befremdlich. Aber dort gibt es spezialisierte Berater, die auch Erfahrung mit Problemen durch soziale Medien haben.“ Diese könnten zum Beispiel zusammen mit den Betroffenen prüfen, ob tatsächlich ein problematisches Nutzungsverhalten vorliegt – und sie dann eventuell beruhigen, dass die Nutzung noch im „gesunden“ Bereich liegt. Bei ausgeprägten Problemen durch social Media können die Betroffenen auch bei Fachambulanzen, niedergelassenen Psychotherapeuten oder stationären Behandlungsangeboten Hilfe finden.

Auf der Webseite „Erste Hilfe Internetsucht“, die seit Februar 2017 online ist und vom Bundesministerium für Gesundheit unterstützt wird, können Ratsuchende zu Internetsucht, aber auch zu Problemen mit sozialen Medien gezielt nach Hilfsangeboten suchen. Hier finden sich unter „weitere Informationen“ auch Links zu weiteren Angeboten, etwa https://www.onlinesucht-ambulanz.de/, ein Forschungsprojekt, bei dem eine Online-Ambulanz für Internetsüchtige entwickelt wird, oder www.ins-netz-gehen.de, ein Online-Beratungsprogramm der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Auch für die Forscher um Cramer können Internet und soziale Medien gute Möglichkeiten sein, um bei psychischen Belastungen Hilfe zu erhalten – auch bei Belastungen, die durch soziale Medien entstehen. „Solche Technologien gehören ja schon zum Leben junger Menschen. Und vielen fällt es möglicherweise leichter, online über persönliche Dinge zu sprechen“, sagt Becky Ingster. „Außerdem könnten die Angebote auch zur Vorbeugung psychischer Probleme dienen: Sie könnten jungen Menschen helfen, sich mehr über ihre psychische Gesundheit bewusst zu werden, Informationen vermitteln und ihnen helfen, aus eigenen Antrieb etwas zu verändern.“

Regeln für einen „gesunden“ Umgang

Aus Sicht von Petersen könnte es zudem sinnvoll sein, Verhaltensregeln für einen „gesunden“ Umgang mit Internet, Smartphone oder sozialen Medien zu etablieren. Das Thema könnte zum Beispiel im Bereich Medienbildung an Schulen behandelt werden. „Zu diesen Regeln könnte zum Beispiel gehören, dass bei Gesprächen mit Freunden oder beim Essen mit der Familie das Smartphone weg gelegt wird. Oder dass bewusst Zeiten geschaffen werden, in denen auf mobile Geräte verzichtet wird“, so der Wissenschaftler.

Dann wird es in Zukunft vielleicht auch keine Posts wie folgenden von Facebook mehr geben, wo eine Userin schreibt: „Ich frage mich, wie andere Leute es schaffen, so viel zu erleben. Während ich die ganze Zeit damit beschäftigt bin, zu verfolgen, was andere posten“

 

38 Wertungen (4.45 ø)

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7 Kommentare:

Gast
Gast

Es ist immer nur von den negativen Erscheinungen die Rede. Mir als Behindertem, der eben nicht so oft unterwegs sein und Freunde besuchen kann, hilft Facebook, meine sozialen Kontakte aufrecht zu erhalten, und da bin ich sicher nicht der einzige.

#7 |
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Gast Ärztin, Oma von 2 erwachsenen Mädchen und einem dreijährigen und einem künftigen wilden Jungen
Gast Ärztin, Oma von 2 erwachsenen Mädchen und einem dreijährigen und einem künftigen wilden Jungen

Jeden, der bei What’s Ap, Facebook, Instagram, Twitter und Co seine banalen Aktivitäten und Meinungen schreibt, halte ich für einen Idioten. Abgesehen davon, daß die meisten heutzutage kein richtiges Deutsch mehr können.
Man macht sich damit nur noch gläserner, als man sowieso schon ist.

Wir haben wohl das Zeitalter der Narzisten, da diese armen Menschen meinen, ihre Banalitäten würden jemanden interessieren und die anderen Idioten, die sie “liken” seien ihre Freunde.

Und Selfies sind der Gipfel des Narzissmus. Mich interessieren Fotos von Natur, Kunst, anderen Menschen in ihren Traditionen, aber doch nicht mein Bild davor. Mit einem gesunden Selbstbewußtsein interessiere ich mich für andere. Menschen in Afrika, Südamerika und so weiter, kämen doch nicht auf die Idee bei ihrer Arbeit oder ihren traditionellen Festen Selfies von sich zu machen.

Ich sehe das weniger als Sucht an, sondern eher als Zeichen einer immer stärker werdenden Oberflächlichkeit und dem Verlust von echten Werten.

Daß die meisten Firmen mittlerweile bei den Social? (Commercial) Media sind, kann ich ja noch verstehen, weil es bei ihnen um Werbung geht.
Was mich dabei am meisten stört ist, daß ich sie nicht disliken kann. Bei Rezensionen über Produkte und Dienstleistungen von Firmen schreibe ich zwar als besondere Anerkennung, wenn sie sich durch kompetenten und hilfsbereiten Kundendienst hervorgetan haben, aber über die Produkte insbesondere über deren Mängel und bei leider sehr vielen Firmen wäre die Beurteilung eher mindestens 3 Daumen nach unten!

Leider stellte sich bei meiner eigene Familie heraus, daß die letzten Familienfeiern nicht von gemeinsamer Kommunikation geprägt waren, sondern bei den meisten Mitgliedern, auch den Erwachsenen, vom Blick auf das eigene Handy, weshalb ich diese Feiern auch sehr schnell verlassen habe.

Meiner Ansicht nach ist es zu einfach, alle solche Entwicklungen als Sucht zu bezeichnen. Man schiebt sie damit in eine krankhafte Ecke ab und delegiert sie an “Experten”, anstatt sie als gesellschaftliches Defizit zu betrachten und sich in dieser Richtung um Abhilfe zu bemühen, wobei jeder Mitverantwortung trägt. Es ist ein Zeichen gesellschaftlicher sowie geistiger Verarmung von weiten Teilen der Bevölkerung welche dadurch zum idealen Objekt der politischen und kommerziellen Manipulation werden. Dabei sind viele Erwachsene genauso betroffen und diesbezüglich den Jugendlichen kein Vorbild mehr.

Entweder wird an die Ärzte delegiert, oder an die Schulen.
Was sollen die armen Lehrer denn noch alles leisten?

Die Eltern haben keinen Schimmer mehr von Erziehung und zeichnen sich durch Unfähigkeit und Interesselosigkeit aus, und alles soll die Schule reparieren und, wenn das die Lehrer nicht leisten können, dann werden die Psychologen damit beauftragt.

Gibt es denn hier in Deutschland noch jemanden, der willig und fähig ist, Verantwortung zu übernehmen?

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Gast
Gast

#3: gilt nicht nur dort, auch für Ärzte in Dokcheck-Kommentaren

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Dr. Max-Georg Kühl
Dr. Max-Georg Kühl

„Ich frage mich, wie andere Leute es schaffen, so viel zu erleben. Während ich die ganze Zeit damit beschäftigt bin, zu verfolgen, was andere posten“

Damit ist alles gesagt !

#4 |
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Gast
Gast

Die schlimmsten Selbstdarsteller auf Facebook sind übrigens Ärzte selbst. Und ich weiß, wovon ich rede.

#3 |
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Gast
Gast

Alle Anerkennung – Sie arbeiten mich suchtabhängigen, das ist eine sehr belastende Arbeit, ich kann sie nur bewundern.
Alle anderen: das zi in Mannheim hat sich auf Online-Abhängigkeit spezialisiert.

Es stimmt natürlich, dass der Begriff Sucht inflationär gebraucht wird, aber gilt dies nicht auch für viele andere Diagnosen. Wie schnell wird in einem normalen Gespräch gesägt: Das ist doch ein Autist, ein Depressiver, ein Schizophrener.

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Das ist immer sehr schwierig, in einem Post eine sich etablierende Mainstreammeinung zu kommentieren, bzw. etwas dagegen zu sagen. Ich versuch’s so: der Umgang mit fast Allem kann problematisch werden, aus verschiedenen Gründen. Den inflationären Gebrauch des Begriffes “Sucht” finde ich problematisch bis kontraproduktiv und die enorme Definitionselastizität unangebracht. Ich persönlich bin mit dem Begriff Sucht sehr vorsichtig, weil ich seit Jahrzehnten mit wirklich abhängig kranken Menschen arbeite und es schlimm finde, wenn solch eine schwere chronisch rezidivierende Erkrankung durch Inflation zum alltäglichen Pipifax mutiert.

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