Parkinson: Da nervt was im Darm

21. Juni 2017
Teilen

Morbus Parkinson beginnt zum Teil im Darm. Das belegen aktuelle Zahlen. Frühere Untersuchungen zeigten, dass Vagotomien Krankheitsprozesse verlangsamen. Mit einer vollständigen Vagotomie lässt sich das Risiko, an Parkinson zu erkranken, sogar deutlich verringern.

Trennt man einen Nerv, der das Gehirn mit dem Bauchraum verbindet, sinkt das Risiko, an Morbus Parkinson zu erkranken. Dieser Zusammenhang zwischen Bauch und Hirn wurde jetzt von schwedischen Forschern bestätigt. Die aktuelle skandinavische Studie unterstützt laut Daniela Berg von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) die Hypothese, „dass die Parkinson-Krankheit im Magen entsteht und sich über die Nervenbahnen ins Gehirn ausbreitet“.

Die Parkinson-Krankheit ist nach der Alzheimer-Krankheit die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. Weltweit leben rund 4,1 Millionen Menschen mit ihr – allein in Deutschland sind mehr als 280.000 Personen betroffen. Bei der Parkinson-Krankheit gehen Zellen im Gehirn zugrunde, die für die Steuerung von Körperbewegungen wichtig sind. Den motorischen Symptomen gehen meist jahrelange unbestimmte Symptome voraus, so leiden spätere Parkinson-Patienten etwa doppelt so häufig an Verstopfung und Schlafstörungen wie die Allgemeinbevölkerung.

Modell deutscher Neurologen bestätigt

Die Verbindung zwischen Darm und Gehirn haben deutsche Parkinson-Forscher schon länger im Visier. Die sogenannte Aszensionshypothese geht davon aus, dass Parkinson zumindest teilweise im Verdauungstrakt beginnt. Die Hypothese ließ sich in einem Tiermodell bestätigen. Eine Schlüsselrolle spielt das fehlgefaltete Eiweißmolekül Alpha-Synuklein, das sich bei der Parkinson-Erkrankung typischerweise in den erkrankten Gehirnzellen ablagert. Ablagerungen von Alpha-Synuklein entstehen – womöglich durch den Einfluss von Umweltgiften – auch im Nervensystem des Magens und des Darms. Von dort aus, so die Hypothese, klettern die Ablagerungen ins Gehirn. Dabei nutzen sie den Vagusnerv und seine Verästelungen wie eine Steigleiter. Frühere Untersuchungen an Mäusen haben gezeigt: Kappt man diesen Nerv, wird der Krankheitsprozess zumindest verlangsamt.

Magengeschwür-Operation bremst die Parkinson-Krankheit

Für die Untersuchung, die aktuell in der Fachzeitschrift „Neurology“ veröffentlicht wurde, nutzten schwedische Forscher eine nationale Gesundheitsdatenbank, um alle Patienten zu finden, die sich einer Vagotomie unterzogen hatten. Bei dieser Prozedur, die früher oft zur Behandlung von Magengeschwüren angewandt wurde, durchtrennen Chirurgen den Vagusnerv, der vom Gehirn in den Bauchraum zieht, um die Produktion von Magensäure zu blockieren. Die Wissenschaftler verglichen dann die Häufigkeit von Parkinson-Erkrankungen unter Patienten, deren Vagusnerv ganz oder teilweise getrennt worden war, mit einer Kontrollgruppe aus der Bevölkerung. Das Ergebnis: Von 9430 Patienten, die eine Vagotomie hinter sich hatten, erkrankten 101 an Parkinson, das entspricht 1,07 Prozent. In der Allgemeinbevölkerung lag die Rate bei 1,28 Prozent.
Nochmals deutlicher wurde dieser Trend, als die Forscher sich auf Patienten konzentrierten, deren Vagusnerv vollständig durchtrennt worden war (im Gegensatz zur Abtrennung einzelner Äste). Gegenüber der Kontrollgruppe war das Risiko, an Parkinson zu erkranken, nach einer vollständigen Vagotomie um 22 Prozent geringer, und wenn der Eingriff bereits mindestens fünf Jahre zurücklag, sogar um 41 Prozent. Ganz ähnliche Ergebnisse hatte bereits zwei Jahre zuvor eine dänische Arbeitsgruppe veröffentlicht, nachdem man sämtliche 14.883 Vagotomien des Landes zwischen den Jahren 1977 und 1995 ausgewertet hatte.

Verständnis des Krankheitsverlaufs führt zu neuen Therapieansätzen

„Auch wenn wir zum jetzigen Zeitpunkt noch keine neue Therapie anbieten können, wird ein besseres Verständnis des Verlaufs des Zelluntergangs langfristig natürlich auch den Patienten zugutekommen, weil wir Parkinson früher behandeln können. Darüber hinaus werden neue Therapieansätze im Rahmen von Studien angeboten, die die Ausbreitung des fehlgefalteten Eiweißes verhindern sollen. Der Erfolg dieser Therapieansätze muss natürlich abgewartet werden“, so Professorin Daniela Berg.

 

Der Text basiert auf einer Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e.V..

 

Quelle:

Vagotomy and Parkinson disease: A Swedish register-based matched-cohort study.
Bojing Liu et al.; Neurology, doi:10.1212/WNL.0000000000003961

27 Wertungen (4.19 ø)
Forschung, Medizin, Neurologie
, ,

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

7 Kommentare:

Michael Müncheberg
Michael Müncheberg

Sorry, ich bin selbst seit 10 Jahren an Parkinson erkrankt, und kenne die vielen
“Erfolgsmeldungen” der Pharmaindustrie, und was dann letztendlich dabei rauskommt, zur Genüge !
Ich hab in dem Kommentar etwas überreagiert, und möchte mich
entschuldigen dafür !!!

Gruss MM

#7 |
  0
Michael Müncheberg
Michael Müncheberg

Ist ja mal wieder ein hochinteressanter Artikel nach dem Motto:

“Ich weiß, daß ich nichts weiß !!!!!!!!!!

Vagusnerv kappen um eine Verlangsamung der Krankheit zu bewirken ?
Ist ja ne super Sache, aber wie wäre die Krankheit verlaufen,
wenn man nicht gekappt hätte ????
Und genau das kann einem dann keiner mehr sagen !!!!!!!

Ausserdem hat der Nerv ja ne Funktion….
Wenn man ihn kappt, blockiert man die Produktion der Magensäure.
Ist ja wieder ne super Sache für Parkis !!!
Keine Magensäure = keine gescheite Verdauung !
Keine gescheite Verdauung = keine gescheite Magenentleerung und Abtransport der Nahrung.
Somit auch kein Transport der Medikamente in den Dünndarm wo sie ja absorbiert werden.

Dolle Kiste !!!!

Dann hat man die Krankheit verlangsamt, aber speziell in späteren Stadien der Krankheit, wo sich die
Verdauuung eh immer mehr verlangsamt, keine Medikamentenwirkung mehr !!

Was ist denn das wieder für ein Scheiß ?
Denkt da einer mal was ????????????????????????????

#6 |
  0

Es wäre sinnvoll, an den Ursachen zu arbeiten. Ich vermisse in diesem Artikel einen Hinweis auf die Zusammenhänge zwischen dem Insektizid Rotenon und der Entstehung des M. Parkinson. Siehe dazu auch die Forschungsergebnisse der Uni Dresden. Rotenon führt im enterischen Nervensystem zur Bildung von Alpha-Synuclein!
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/morbus_parkinson/article/587399/parkinson-geht-durch-magen.html

#5 |
  0
Dr. rer. nat. Michael Pelger
Dr. rer. nat. Michael Pelger

Wie belastend ist eine Vagotomie z.B. im Vergleich zu einer Blinddarmentfernung?

#4 |
  0

Am besten gar nicht ;-)
Die Vagotomie ist bislang keine anerkannte Behandlungsmethode zur Prophylaxe der Manifestation eines M. Parkinson. Bevor sie es wird, werden noch ein paar Jährchen ins Land gehen – und vermutlich stattdessen eine weniger belastende und riskante Pharmakotherapie entwickelt sein.
Just my 2 ct …

#3 |
  1
Dr. rer. nat. Michael Pelger
Dr. rer. nat. Michael Pelger

Wie stellt man fest, dass man zu ener parkinson-Erkrankung neigt umd ann eine Vagotomy durchführen zu lassen?

#2 |
  1
Svenja
Svenja

Welche genauen Symptome kann man bei Betroffenen erkennen? Hat das eventuell etwas mit undifferenzierten Durchfallerkrankungen zu tun, bei der es keine organischen Ursachen gibt und auch keine Allergien?

#1 |
  4


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: