Sozialphobie – Zu scheu fürs Leben

1. September 2010
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Jeder kennt es: Das Gefühl von Schüchternheit und Zurückhaltung, vor allem in neuen Situationen oder auch bei Prüfungen. Aber aus Zurückhaltung kann sich in manchen Fällen eine Sozialphobie entwickeln. Oft hilft nur eine Verhaltenstherapie, um aus diesem Teufelskreis wieder auszubrechen.

Viele Menschen behaupten von sich selbst, sie seien schüchtern. Sie bekommen Lampenfieber vor einer Rede, werden rot, wenn jemand sie anschaut oder trauen sich nicht, eine fremde Person anzusprechen. Solche Angstgefühle sind generell nicht schlecht. Sie helfen, sich auf eine neue Situation vorzubereiten. Der Adrenalinstoß trägt dann dazu bei, sich zum Beispiel bei einer Rede auf den wichtigsten Punkt zu konzentrieren.

Soziale Phobie

Extreme Schüchternheit wird erst zum Problem, wenn die Betroffenen ihre Ängste kaum mehr ertragen können. Soziale Phobie, so der Fachbegriff, ist eine Angststörung. Die Ängste müssen dazu übermäßig stark sein, häufig auftreten, lang andauern und dazu führen, dass bestimmte Situationen vermieden oder nur unter großer Anstrengungen ertragen werden. Die normale Lebensführung ist in solchen Fällen ziemlich eingeschränkt. Bestes Beispiel ist eine bevorstehende Prüfung. Man ist vor dem Termin schon Wochen vorher angespannt und kann kaum schlafen. Dabei ist es noch nicht einmal die Prüfung selbst, vor der man Angst hat, sondern eher vor den Menschen, die einen prüfen. Oder die Betroffenen gehen nicht mehr gerne in Restaurants essen, weil sie Angst haben, es könnte etwas auf den Boden fallen und sie würden sich blamieren. Die Scheu vor Kontakten mit anderen Menschen oder bestimmten Situationen kann so überwältigend sein, dass manche es nicht einmal mehr schaffen, die Wohnung zu verlassen.

Die Trennlinie zwischen Schüchternheit, Scham, unsicheren Gefühlen und einer sozialen Phobie ist manchmal schwer zu ziehen. Wenn jedoch ein Leidensdruck vorhanden ist und der Betroffene durch die Symptome oder die Vermeidung beeinträchtigt ist, wird man die Diagnose stellen können. Die Angst vor dem, was andere über einen denken könnten, ist ein wesentliches Merkmal einer sozialen Phobie. Man hat ständig diese Gedanken, dass man sich blamieren könnte oder man von seinen Mitmenschen kritisiert werden könnte, auch wenn zu dem Zeitpunkt gar kein Grund dafür vorliegt. Diese Gedanken kommen aber automatisch, obwohl die Betroffenen wissen, dass ihre Ängste übertrieben oder grundlos sind.

Als Angststörungen bezeichnet man eine Gruppe psychischer Störungen, die ihre Gemeinsamkeit in einem übersteigerten Angstempfinden haben. Betroffene Menschen erleben ausgeprägte Angst und körperliche Angstsymptome, die i.d.R. so stark sind, dass sie das alltägliche Leben beeinträchtigen.

Die Angststörungen lassen sich in folgende Gruppen unterteilen:
* Panikstörungen
* Phobien
* Generalisierte Angststörungen
* Posttraumatische Belastungsstörung

(DocCheck Flexikon: Angststörung; mehr lesen)

Körperliche Symptome

Die Angst schlägt sich auch auf den Körper nieder. Symptome sind Stottern, Herzrasen, Schweißausbrüche, Zittern, Atembeschwerden oder das Gefühl von Enge auf der Brust. Manche Betroffenen erleben in solch einer Situation eine Art Depersonalisation. Die Dinge werden unwirklich, man fühlt sich weit entfernt, ebenso fürchten sie, die Kontrolle zu verlieren oder auch verrückt zu werden. Meist beginnt das Leiden schon in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter. Frauen erkranken häufiger an Sozialphobie als Männer und haben auch ein höheres Risiko für die Erkrankung.

Neben der Sozialphobie stellt man häufig noch andere Erkrankungen wie Depressionen, andere Angststörungen und Alkoholabhängigkeit fest. Vor allem bei älteren Patienten hat etwa die Hälfte noch eine andere Erkrankung. Daher ist es besonders wichtig, frühzeitig mit einer Therapie zu beginnen. Krankhafte Schüchternheit lässt sich therapeutisch behandeln, vor allem hat sich die kognitive Verhaltenstherapie bewährt.

Therapie

Ängste werden durch Meinungen, Wünsche und Vorstellungen beeinflusst und lassen sich verringern, wenn der Patient diese Zusammenhänge erkennt. Während der Therapie soll diese verzerrte Wahrnehmung korrigiert und behandelt werden. Die Patienten setzen sich während diversen Rollenspielen in verschiedene Situationen, in denen sie normalerweise Schweißausbrüche und Angstzustände bekommen. Zum Beispiel muss sich der Patient an eine Kasse im Supermarkt stellen und vor allen Leuten nach Kleingeld suchen um zu bezahlen. Aus der Reaktion des Therapeuten und anderer Teilnehmer lernt dann der Betroffene, dass so eine Situation keine Katastrophe ist und unter Umständen niemanden stört, wenn man nach seinem Geld an der Kasse kramt.

In solch einer Therapie geht es im Endeffekt darum, Strategien im Umgang mit anderen Menschen zu lernen und sich mit der eigenen Angst zu konfrontieren. Gegen starke Nervosität helfen auch Entspannungsübungen und in ganz schweren Fällen können Psychopharmaka helfen, vor allem Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer.

Fazit

Viele Menschen überwinden mit der Zeit ihre Angst oder können diese mit der Zeit in ihr Leben integrieren. Manche Betroffene sind sogar ihr eigener Therapeut und gewöhnen sich Schritt für Schritt an bestimmte Situationen. Sie setzen sich selbst dieser Reizüberflutung immer und immer wieder aus, um sich daran zu gewöhnen. So ermöglichen es sich die Betroffenen, selbst mit den Ängsten klar zu kommen und damit zu leben. Sollte dies aber nicht funktionieren, kann professionelle Hilfe keinesfalls schaden.

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