Schnelltest für Depressionen

4. Juli 2013
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Der Leidensdruck für Menschen mit Depressionen ist enorm hoch. Es ist deshalb wichtig, Depressionen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Ein nun entwickelter Schnelltest soll Allgemeinmedizinern die Erkennung erleichtern.

Eine Forschergruppe am Fachbereich „Adaptive Rationalität“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin hat einen neuen Ansatz entwickelt, wie man Depressionen schneller diagnostizieren kann. Sie vereinfachten dazu das in der Psychologie gängige und häufig zur Diagnose von depressiven Verstimmungen herangezogene Beck-Depressions-Inventar mit insgesamt 21 Kriterien. Hintergrund ist eine Annahme aus der Entscheidungsforschung, wonach einfache Mechanismen der Entscheidungsfindung oftmals genauso gut funktionieren wie komplexe. Der von ihnen entwickelte Entscheidungsbaum enthält insgesamt vier Fragen, die mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden sollen, etwa „Haben Sie diese Woche mehr geweint als früher?“ oder „Sahen Sie diese Woche besonders mutlos in die Zukunft?“. Werden alle Fragen mit „Ja“ beantwortet, liegt der Verdacht einer klinisch relevanten depressiven Verstimmung nahe.

Getestet wurde der Entscheidungsbaum auf Grundlage der Dresdner Längsschnittstudie zur psychischen Gesundheit – einer epidemiologischen Studie aus dem Jahr 2010, bei der etwa 1.300 junge Frauen zwischen 18 und 25 Jahren in einem Zeitraum von 18 Monaten Auskunft zu depressiven Symptomen geben mussten. „Wir konnten zeigen, dass sich mit dem Entscheidungsbaum Depressionen ähnlich zuverlässig vorhersagen lassen wie mit komplizierteren und langwierigeren Methoden“, sagt Studienleiterin Mirjam Jenny vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Jedoch müsse berücksichtigt werden, dass der Entscheidungsbaum für die Erkennung von Depressionen bei Frauen entwickelt und an dieser Probandengruppe getestet wurde. Männer zeigten oftmals andere Symptome als Frauen – beispielsweise weniger Traurigkeit. Dies müsse sich auch in den Fragen widerspiegeln.

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Entscheidungsbaum zum Test auf depressive Stimmung
© Grafik: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin

Ins Anamnese-Gespräch einbauen

Langfristig soll der Entscheidungsbaum im allgemeinmedizinischen Bereich zum Einsatz kommen: „Er kann als eine Art Schnelltest verwendet werden“, sagt Mirjam Jenny. Besonders Hausärzte könnten davon profitieren. Denn für viele Patienten mit Depressionen ist der Hausarzt die erste Anlaufstelle. „Die Fragen des Entscheidungsbaums lassen sich leicht in das Anamnese-Gespräch einbauen“, so die Wissenschaftlerin weiter. Der Test kann auch nicht medizinisch-geschultes Personal in Schulen oder im militärischen Bereich sensibilisieren, Depressionen frühzeitig zu erkennen und weitere Hilfsmaßnahmen für die Betroffenen einzuleiten. „Psychiater, Psychologen oder Psychotherapeuten soll er aber auf keinen Fall ersetzen. Die Diagnose von Depressionen soll letztlich immer im entsprechend professionellen Kontext geschehen“, betont Mirjam Jenny.

Originalpublikation:

Simple Rules for Detecting Depression
Mirjam Jenny et al.; Journal of Applied Research in Memory and Cognition, doi: 10.1016/j.jarmac.2013.06.001; 2013

55 Wertungen (2.78 ø)

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22 Kommentare:

Es wäre schön, wenn eine so komplexe Erkrankung wie die Depression in ihren vielen Variationen, Kombinationen und Manifestationen anhand von vier einfachen Fragen sicher diagnostizierbar wäre. Ich hätte da jedoch meine Zweifel. Zwar nähern sich die Ergebnisse einfacher oft denen komplizierter Entscheidungen an, es bleibt jedoch die Frage, ob das unkritisch auf psychische Diagnosen übertragbar ist. Vielleicht generiert die Art der Fragestellung, in Kombination mit dem recht kleinen Testkollektiv und der engen Auswahlkriterien, ja schlicht einen Fehlschluss. Jedenfalls gilt “Weinen” für sich gesehen weder als starkes Kriterium für noch gegen eine Depression.

#22 |
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Helga Husemann
Helga Husemann

Hallo Herr Wegener,
einen Kommentar mit Hilfe! anzufangen nenne ich nicht “auf wissenschaftlichem Niveau” argumentiert. Zumal richtig lesen bedeutet: Die 4 Fragen des Entscheidungsbaumes sollen das Beck-Depressions-Inventar – und dieses hat 21 Kriterien! – vereinfachen! Entscheidungsbaum und Beck-Depressions-Inventar sind 2 verschiedene paar Schuhe – der eine mit 4 und das andere mit 21 Items.

#21 |
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Heilpraktikerin

Da versiegen die Tränen endgültig!

#20 |
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Armin Wegener PP
Armin Wegener PP

Hilfe! Artikel lesen (nicht 4 BSP Items sonder 21 Items) 2. Bitte den Originalartikel lesen und dann auf wissenschaftlichem Niveau argumentieren Bitte!

#19 |
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Olaf Bachmann
Olaf Bachmann

Was nützt es, mit einem Schnelltest die fragwürdige Diagnose ” Depression” zu stellen, wenn man die andere Phase, die Manie, nicht erkennt?! ( Nicht erkennen kann! )
MD Patienten rennen nur in der Depriphase zum Arzt, in der manischen sind sie ja in der Selbstreflektion “gesund”.
Betroffene Familienangehörige können da ganze Opern von singen, denn die baden dann die fehlerhafte, weil nur halbe Diagnose aus.

O.Bachmann

#18 |
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Dr. Harald Bailer
Dr. Harald Bailer

Solche Kurztests sind nichts Neues, es geht auch kürzer mit nur zwei Fragen im Sinne eines Screeners (http://link.springer.com/article/10.1007/s10354-006-0274-9). Das kann in der Allgemeinarztpraxis durchaus nützlich sein. Allerdings sind diese beiden Fragen geeignet, eine klinisch relevante Depression relativ sicher auszuschließen, nicht jedoch, die Diagnose zu sichern. Ein positiver Screeningwert erfordert dann weiteres, gezielteres Vorgehen.
Vermutlich stimmt die Diagnose, wenn 18 – 25jährige Frauen (nur diese wurden untersucht; Generalisierbarkeit?) alle vier Fragen positiv beantworten. Dass aber bei einem Nein keine klinisch relevante Depression vorliegt – fraglich.

#17 |
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Gast
Gast

Ergänzend dazu: Die betroffene ist weiblich, depressive Frauen müssen keinesfalls zum Weinen neigen.

#16 |
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Gast
Gast

Ich habe Angehörige mit Depressionen. Diese wären mit diesem Test nicht diagnostiziert worden, weil Punkt 1 nicht erfüllt gewesen wäre.

#15 |
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Dr. Veronika Bansagi-Bieber
Dr. Veronika Bansagi-Bieber

Wenn jemand solche “Fragebogendiagnose” noch behandeln würde-
ist Scharlatan!

#14 |
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Dr. med. Thomas Täuber
Dr. med. Thomas Täuber

Ganz einfache Frage, über welchem Artikel ist das wundervolle Bild(genialer Photograph) mit den Teufelsmasken auf den Holzstielen? Danke im Vorraus, Ute Täuber,
entschuldigung alle Artikel sind super, mehr oder weniger, aber die Fotos, einfach super!

#13 |
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Heilpraktikerin

Das nennt sich Diagnose stellen?

Unsere Patienten haben besseres verdient!

#12 |
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Psychotherapeut

In der Tat: unglaublich.
Auch mir fehlt der Wille, hierzu mehr zu sagen.

#11 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Lieber Herr Hammerla,

es ist natürlich richtig, mit der Vergabe von F-Diagnosen vorsichtig zu sein. Diagnosen sollen auch nicht intuitiv gestellt werden, jedoch auch nicht nach diesem Entscheidungsbaum. Dazu ist er auch nicht gedacht. Allerdings ist es nicht zielführend, einen Verdacht nicht abzuklären, weil die Patientin nicht mehr weint. Nach diesem Entscheidungsbaum würden die weiteren Fragen nicht mehr gestellt, nachdem die erste verneint wurde.
Ob man damit auf der sicheren Seite ist?

#10 |
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Carsten Grabowski
Carsten Grabowski

Könnte glatt in der Apothekenumschau oder Brigitte erscheinen…

#9 |
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Liebe Vor-KommentatorInnen,
kann es sein, dass sie übersehen haben, dass dieser Kurztest Gender-spezifisch nur für Frauen validiert wurde?
Sie wissen doch alle, dass wir zwar intuitiv die meisten Entscheidungen treffen, aber in unserer juristischen Zwangsjacke für unsere Entscheidungen objektive Kriterien dokumentieren müssen. Es ist ihre Arbeitszeit, die sie für eine weitergehende Abklärung einer depressiven Störung (meist unbezahlt!) aufwenden, und bereits eine einzige “F-Diagnose”, selbst mit dem Suffix “A” für Ausschluss oder “V” für Verdacht, schließt unsere Patienten für Jahre von allen privaten Lebens-, Kranken- oder Berufsunfähigkeitsversicherungen aus – und sie haften persönlich für diese möglichen Folgen einer voreilig “intuitiv” erfassten Verdachtsdiagnose – genau wie für die Folgen einer “intuitiv” unterlassenen, eingehenden Depressionsdiagnostik.
Lieber einen Mini-Textbaustein erstellen und damit auf der sicheren Seite handeln.
Schöne Grüße vom “Patientenrechtegesetz”

#8 |
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Es ist kaum zu fassen, dass ein solcher Test tatsächlich in einem medizinisch versierten Onlineblatt wie diesem, ohne weitere Form Recul publiziert wird. Dass das MPI dabei einbezogen wurde macht es noch beschämender.
Mir fehlen die Worte und der Wille hierzu mehr zu sagen.

#7 |
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Martina Kuhlbusch
Martina Kuhlbusch

Was für ein Schwachsinn.Warum nicht gleich im Kaffeesatz lesen?

#6 |
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Daniel Kneubühler
Daniel Kneubühler

Bei so “aussagekräftigen” Tests verliert man immer mehr den Glauben an die Medizin.

#5 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Da kommt man um’s Fremdschämen nicht herum. Weinen als erstes Kriterium… Bei diesem Entscheidungsbaum wären Hausärzte mit ihrer Intuition vermutlich besser beraten.
Die Fragen an sich sind nicht schlecht. Als Screeningfragebogen könnte ich mir das gut vorstellen, das müsste man testen. Aber als Entscheidungsbaum mit der vorliegenden Struktur einfach peinlich.

#4 |
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Ärztin

unfaßbar

#3 |
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Ist das jetzt die ›Aldi-Depression-Schnelltest-Variante‹???
FINGER WEG!!!

#2 |
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dipl.psych. Solveigh Reinhardt
dipl.psych. Solveigh Reinhardt

Weinen als ein entscheidendes (noch dazu an 1. Stelle) Kriterium für das Vorliegen einer Depression zu sehen ist Unfug!

#1 |
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