Soll ich mein Medizinstudium abbrechen?

19. Juli 2017

Fünf bis zehn Prozent der Medizinstudenten werfen das Handtuch und brechen ihr Studium ab. Ursachen, warum sie dem Medizinstudium den Rücken kehren, sowie vorbeugende Maßnahmen gegen einen Abbruch wurden in einer großen Umfrage ermittelt.

Es gibt viele Gründe, warum angehende Ärzte den weißen Kittel an den Nagel hängen. Kein Fall gleicht dem anderen. Und doch fanden Wissenschaftler fächerübergreifende Mechanismen zur Erklärung, warum Jugendliche sich umentscheiden.

Man muss schon gerne lernen. Und viel.

Dazu ein Blick in den Hörsaal. „Ich habe mein Medizinstudium nach einem Semester abgebrochen“, erzählt Corinna. „Zu schwierig war es mir nicht, ich habe nur gemerkt, dass es nicht der richtige Beruf für mich wäre, und die Inhalte haben mir auch nicht sonderlich zugesagt.“ Medizin sei nicht generell anspruchsvoll, sondern einfach nur oft relativ viel auf einmal. Man müsse schon gerne lernen.

Thomas traf die Entscheidung wesentlich schmerzvoller nach vier Jahren. Er bestätigt: Der theoretische Teil sei „nicht so schwer“ gewesen – „Medizin besteht hauptsächlich daraus, Dinge auswendig zu lernen“. Die Klinik hat er jedoch gehasst. Kommilitonen warnt er vor dem vermeintlich gut gemeinten Rat „Es wird schon besser“. Dadurch zögere man nur Entscheidungen heraus, wie es bei ihm der Fall gewesen sei.

Jeder Studienabbrecher hat seine Geschichte. Um repräsentative Aussagen zu treffen, hat das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) jetzt Ergebnisse einer repräsentativen Studie veröffentlicht.

Medizinstudenten sind zäh

Wissenschaftler analysierten Daten von 32 Universitäten und 28 Fachhochschulen aller Bereiche. Sie schrieben 6.029 Personen, die sich exmatrikuliert hatten, an. Die Rücklaufquote lag bei 23 Prozent.

Betrachtet man sämtliche Studiengänge, die man belegen kann, brechen in Summe 29 Prozent ihr Studium ab. An Unis sind es 32 Prozent, an Fachhochschulen 27 Prozent. Das Medizinstudium schneidet vergleichsweise gut ab: „Die Staatsexamensstudiengänge sowohl in Medizin als auch in Lehramt zeichnen sich nach wie vor durch einen vergleichsweise geringen Studienabbruch aus“, schreibt Ulrich Heublein vom DZHW. „Dies unterscheidet sich nicht wesentlich von den vorangegangenen Jahrgängen. Seit Anfang der 1990er Jahre bewegt sich der Studienabbruch im Medizinstudium zwischen fünf und zehn Prozent.“

Zur Erklärung seiner erfreulichen Zahlen führt Heublein den hohen Numerus clausus, die „starke intrinsische Motivation der Studierenden“, ein „klares Berufsbild“ sowie günstige berufliche Aussichten an.

Manchen reicht es – aber warum?

Im nächsten Schritt wollten Foscher erfahren, warum Studierende das Handtuch werfen. Sie fanden unabhängig von der Fachrichtung mehrere Beweggründe.

Rund 31 (Bachelor) beziegungsweise 24 Prozent (Staatsexamen) aller Abbrecher trafen ihre Entscheidung aufgrund zu hoher Leistungsanforderungen im jeweiligen Fach. Verglichen mit früheren Befragungen gab es hier keine nennenswerten Veränderungen. 18 beziehungsweise 14 Prozent sprachen von einer zu niedrigen Motivation. Sie identifizierten sich nicht oder nicht mehr mit ihrem Fachgebiet. Nennenswerte Trends gab es auch hier nicht.

Weitere 15 beziehungsweise 16 Prozent orientieren sich in ihren Erwartungen um. Sie wünschen sich eine praktischere Tätigkeit und vermissen diesen Aspekt im Studium. Außerdem wollen sich nicht etliche Semester die Hörsaalbank drücken, sondern rasch Geld verdienen. In diesem Bereich beobachtet Heublein einen Anstieg um vier Prozentpunkte, verglichen mit 2008. Dementsprechend groß sei auch das Interesse an Berufsausbildungen.

Und nicht zuletzt mussten zehn beziehungsweise zwölf Prozent aller Ex-Studierenden ihre akademische Ausbildung aufgrund von gesundheitlichen Problemen abbrechen. Das sind doppelt so viele wie in 2008. Schwierigkeiten aufgrund familiärer Verpflichtungen spielten zahlenmäßig eher eine untergeordnete Rolle.

Eine Entscheidung muss her

Doch wie lange zögern Studierende ihre Entscheidung hinaus?

Im Schnitt entschlossen sich die Befragten, ihr Studium nach 4,7 Fachsemestern zu beenden. Das entspricht 1,6 Fachsemestern weniger als noch in 2008. Bachelor-Kandidaten (2008: 2,3 Semester; 2014: 3,8 Semester) machten eher Nägel mit Köpfen als ihre Kolegen in Staatsexamens-Studiengängen (2008: 6,7 Semester; 2014: 7,6 Semester).

Besonders schnell trafen angehende Akademiker, deren Motivation nachgelassen hatte, die Entscheidung. Bekamen sie Angebote für einen Ausbildungsplatz oder einen Job, beschleunigte das ihre Entscheidung weiter. Probleme bei Klausuren sowie der Wunsch nach einer praxisnäheren Ausbildung wirkten bei der Suche nach Alternativen ebenfalls als Beschleuniger.

Wer mit der Organisation oder den allgemeinen Bedingungen unzufrieden war, harrte vergleichsweise lange aus. Noch länger schob sich der Studienabbruch hinaus, wenn familiäre, persönliche oder finanzielle Problemen den Ausschlag gaben.

Forum Hochschule 1 2017 Zwischen Studienerwartungen und Studienwirklichkeit fh 201701.pdf-4

Reise in die Vergangenheit

Die Forscher gingen noch einen Schritt weiter und versuchten, herauszufinden, ob es auch Einflussfaktoren beim Abbruch des Studiums gibt, die mit der eigenen Jugend und Kindheit beziehungsweise Erziehung zu tun haben. Eltern mit akademischem Hintergrund waren äußerst förderlich für die akademischen Leistungen der Kinder. Studienabbrecher hatten im Vergleich zu Absolventen häufiger eine Berufsausbildung abgeschlossen (23 versus 17 Prozent). Als Grund sehen die Autoren eine „starke Divergenz von berufspraktischer und akademischer Lehr- und Lernkultur“. Während fachliche Nähe gut sei, könne es bei fachfremden Ausbildungen eher zu Schwierigkeiten kommen.

Wer über den klassischen Weg, sprich das Gymnasium, zur Hochschule gekommen war, hatte es besonders in der Anfangsphase leichter. Wer später sein Studium schmiss, hatte meist schon in den ersten Monaten Schwierigkeiten. Einführungskurse der Unis, speziell in Mathematik und Naturwissenschaften, schließen diese Lücke aktuell nicht.

Rezepte gegen Katastrophen

Hier setzen die Autoren mit Forderungen an. Schulen sollen stärker als bislang Grundlagen vermitteln. Gerade Naturwissenschaften und Mathematik erweisen sich in vielen Studiengängen als Stolperstein, auch in Medizin.

Von Unis wünschen sich die DZHW-Experten, über Eingangstests den Kenntnis- und Fähigkeitsstand von Studenten zu erfassen. Auf Basis besserer Daten sei es möglich, zielgerichtete Angebote zu entwickeln. Dazu gehören Mentoring-Programme, aber auch Möglichkeiten, um mehr Praxisbezug zu vermitteln und um die Motivation zu erhöhen. Und nicht zuletzt nehmen die Autoren Schüler stärker in die Pflicht, sich beizeiten zu informieren.

Ringen Studierende mit der Entscheidung, neue Wege zu gehen, rät Ulrich Heublein ihnen, sich mit Hochschullehrern, Mentoren, aber vor allem mit Kommilitonen auszutauschen, um möglichst objektiv zu entscheiden. Ein Abbruch ist kein Beinbruch. Wer sich im eigenen Studium nicht wohl fühlt, permanent an seiner Entscheidung zweifelt und trotzdem durchhält, leidet womöglich später als Arzt.

20 Wertungen (4.85 ø)

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14 Kommentare:

Bernd Brüggemann
Bernd Brüggemann

Man kann ein Medizinstudium nicht abbrechen und dann irgendwann fortsetzen. Einmal raus, immer raus. Einzigartig….

#14 |
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Studentin der Humanmedizin

Wenn das Studium aus familiären/finanziellen Gründen abgebrochen wurde, so muss dieses später fortgesetzt werden – das Ziel sollen die Studierenden im Auge behalten und sich dafür einsetzen, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse menschenfreundlicher werden.

#13 |
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Gast
Gast

#6: In allen klinischen Praktika (zusammengerechnet inkl. Famulaturen ca. 8 Monate netto) hatte ich immer sehr den Eindruck, dass es von der persönlichen Einstellung abhängt, was man mitnimmt.
Kenne Leute, bei denen jedes Praktikum “total mies war, durfte nichts machen und nur Blut abnehmen”, und wenn ich in der selben Abteilung war, waren die Ärzte nett, ließen mich auf Nachfrage viel machen und freuten sich, einen engagierten Studenten zu haben. (Ausnahmen gibt’s natürlich immer).
Aber es gibt natürlich Menschen, bei denen immer andere Schuld an allem sind.
Und wer im Studium (gerade auch in der Klinik) ausschließlich auswendig gelernt hat, tut mir ziemlich leid – das muss ja ein Vielfaches der Zeit kosten, die man braucht um einfach die Zusammenhänge zu verstehen. (Auch hier: Ausnahmen wie abstruse Charcot-Marie-Tooth-Hoffmann-Syndrom-Eigennamen muss man eben einfach pauken – oder Mut zur Lücke haben)
Liebe Kommilitonen, die gemerkt haben das die Medizin nichts für sie ist: das tut mir leid für euch und die evtl. als verschwendet empfundene Zeit und Mühe, aber deswegen müsst ihr trotzdem nicht das Studium bzw. das Fach schlecht reden.
Natürlich wird einem das Examen nicht geschenkt, aber trotz aller Arbeit ist es immer noch ein schönes, interessantes und vielseitiges Fach, das ich jedem nur empfehlen kann!

#12 |
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Agnes Nocun
Agnes Nocun

#9 und 10:
Vermutlich gab es 2008 deutlich weniger Bachelor-Studenten als 2014. So kann es statistisch zu dieser merkwürdigen Verschiebung kommen. Gruß

#11 |
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Krhs- Arzt
Krhs- Arzt

Nein. #9. Wie man aus den Einzelergebnissen zu diesem Gesamtergebnis kommt, erschließt sich nur dem, der die Statistik gefäl…. ähhh errechnet hat. :-))

#10 |
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Gast
Gast

Bin ich die einzige, die bei der Grafik zur durchschnittlichen Studiendauer bis zum Abbruch stutzig wird?

#9 |
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Studentin der Humanmedizin

Sich exmatrikulieren und (unfreiwillig) exmatrikuliert WERDEN – davon steht nichts in diesem Artikel. Denke die “Abbrecherzahl” wäre dann um einiges höher!!

#8 |
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Das sehe ich genauso. Approbation schadet nicht. Danach hat man Möglichkeiten wie in kaum einem anderen Beruf.

#7 |
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Uta Scholz
Uta Scholz

Die Approbation schadet nicht… Nicht mal Herrn Lauterbach, der Sie Jahre nach dem Examen beantragte und uns seitdem mit Bürgersicherung und anderem Blödsinn zu belästigen.
Ich wollte Ärztin werden und damit zunächst mal meinem eigenen Autonomie-Bedürfnis gerecht werden. Das hat mich dann veranlasst, die Approbation nach einer knapp 20-jährigen Studienpause zum Ziel meiner beruflichen Bemühungen zu machen. Bin also jetzt Ärztin und war nach dem Studienabbruch 1990 Lehrerin Journalistin, Schulleiterin, Mutter…
Das Medizinstudium ist ein Witz und wegen der vielen Arbeitsmöglichkriten im klinischen Teil auch gut finanzierbar. Eine Katastrophe ist die praktische Ausbildung. Vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen in und mit anderen Berufsgruppen muss ich leider resümieren, dass die “Arschlochquote” nach subjektiver Einschätzung überdurchschnittlich ist. Trotzdem: Das Studium unbedingt auf IRGENDEINE Weise beenden…✌️

#6 |
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Ärztin
Ärztin

Frau Söntgen: Sie haben völlig Recht. Es ist allein schon deswegen absoluter Blödsinn von einem 15 jährigen zu erwarten sich festzulegen weil nach dem Abitur erstmal mindestens 10 Wartesemester fällig sind bis er überhaupt einen Studienplatz ergattert. In all den Jahren kann viel passieren…

#5 |
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1337
1337

Ich habe vom ersten Semester an mit meiner Studienwahl gehardert, obwohl ich sehr lange and fokussiert auf dieses Ziel, Medizin studieren zu können, hingearbeitet hatte. Ich war jedoch von Anfang an ziemlich unzufrieden. Ich hatte nie Leistungsprobleme, aber ich fand und finde das Lernen trotzdem sehr stumpfsinnig, langweilig und teilweise auch sinnlos, weil man zu viel Theorie lernt und am Ende zu wenig Praxis betreibt- das Wissen geht bei mir schnell wieder verloren, wenn ich es nicht praktisch vertiefe. Ich dachte auch immer, dass es nach dem Physikum besser werden würde, aber es ist eigentlich nur schlimmer geworden, weil man jetzt noch mehr auswendig lernen muss und noch weniger Zeit für Verständnis hat (zumindest an meiner Uni). In der Vorklinik hatte ich wenigstens noch “meine” Naturwissenschaften, die ich auch mit Verständnis gut lernen konnte. Die klinischen Fächer lassen sich in der Kürze der Zeit für mich nicht so gut lernen. Naja, jetzt bin ich schon im 8. Semester und werde nicht mehr abbrechen, aber hätte ich in der Vorklinik gewusst, dass es in der Klinik nicht besser, sondern eher noch schlimmer wird, hätte ich 100%ig abebrochen und stattdessen was Naturwissenschaftliches studiert. Jetzt ziehe ich das noch durch und dann gucke ich mal, ob ich wirklich in die praktizierende Medizin gehe oder vielleicht doch eher einen alternativen Weg einschlage. Ich kann jedenfalls jeden verstehen, der sich das nochmal überlegt oder im Laufe des Studiums merkt, dass es nicht so das Richtige ist. Man muss für dieses Auswendiglernen schon irgendwie “geboren” sein, sonst fällt es einem sehr schwer.

#4 |
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Gast
Gast

Medizinstudium abbrechen vs. Arztberuf aufgeben. Man kann auch fertig studieren und dann danach endgültig feststellen, dass einen das Ganze ankackt.

#3 |
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Studentin der Humanmedizin

“Und nicht zuletzt nehmen die Autoren Schüler stärker in die Pflicht, sich beizeiten zu informieren.”

Absolut lachhaft, so jung, wie man heutzutage ist, wenn man mit 5 eingeschult wird. Dann müsste man bereits vor dem Eintritt in die Oberstufe (in diesem Fall also mit ca. 15 Jahren) wissen, was man später machen will.

Ich habe das Studium mit 19 begonnen, wie es üblich war, als man noch G9 hatte. Mit 17 hätte ich auch nicht die Motivation gehabt, die Vorklinik inkl. Präpkurs zu stemmen.

#2 |
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Gast
Gast

Corinna, abgebrochen im ersten Semester, nicht weil es zu schwierig war sondern weil es nicht der richtige Beruf für sie ist.
Da muss man ja auch nichts mehr zu sagen.

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