Trauermachos und Deprimanzen

2. September 2010
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Chronische Schwermut trifft jeden anders. Warum und wie Depressionen zuschlagen, hängt von Genen, traumatischen Ereignissen oder dem Geschlechtschromosom ab. Ob es die männliche und die weibliche Depression gibt, darüber streiten sich die Experten.

120 Millionen Kranke sind es weltweit, sagt die WHO. Entsprechend den amerikanischen Zahlen sind rund 19 Prozent der US-Bürger betroffen, bei uns leidet jeder achte irgendwann in seinem Leben einmal an einer Depression.

Frauen: Mehr Patientinnen, weniger Selbstmorde

Aber Frauen leiden ganz anders als Männer. Frauen sind traurig, antriebslos und niedergeschlagen, depressive Männer nicht selten rücksichtslos und leicht reizbar. „Frauen suchen Hilfe, Männer sterben“, überschreibt etwa Armand Hausmann von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Innsbruck einen Artikel für die Zeitschrift Neuropsychiatrie. Die Wahrscheinlichkeit für den Mann, sein Leben durch Selbsttötung zu beenden, liegt bei rund 1,5 Prozent, bei der Frau ist das Risiko „nur“ halb so groß. Dennoch sind etwa doppelt so viele Frauen von einer Depression betroffen. Woran liegt das?

Darüber streiten sich die Experten. Frauen gehen anders mit der Krankheit um als Männer. Sie sprechen darüber, während Männer ihren Gemütszustand als Zeichen der Schwäche gern verheimlichen. Männer nehmen im Laufe ihres Lebens nur halb oft wie Frauen medizinische Leistungen in Anspruch, sterben aber früher. Oder sind es physiologische Gründe? Typisch bei Frauen: Die prämenstruelle Depression oder die postpartale Schwermut, der „Baby-Blues“.

Testosteron schützt vor Depression – aber nur in der Pubertät

Amerikanische Forscher vom National Instiute of Health zeigten im Jahr 2003 mit transkranieller Magnetstimulation, dass Hormonschwankungen im weiblichen Zyklus auch Auswirkungen auf die Ausschüttung von Neurotransmittern wie GABA haben und damit den inneren Antrieb beeinflussen. Die depressiven Symptome beim Prämenstruellem Syndrom lassen sich somit auf eine veränderte Hirnchemie zurückführen. In der Kindheit begünstigt etwa ein GABA-Überschuss Fieberattacken. Ein hoher Testosteronspiegel stimuliert wiederum die Ausschüttung dieses Hormons. Im den ersten Lebensjahren liegt dann auch das Risiko für Depressionen bei Jungen sehr viel höher als bei Mädchen. In der Pubertät drehen sich dann die Verhältnisse um. Testosteron schützt nun eher vor depressiven Verstimmungen, während Östrogen die Cortisolausschüttung der jungen Frauen in die Höhe treibt. Schließlich beeinflusst das Sexualhormon auch die Spiegel von Serotonin. Fehlt es an diesem Botenstoff, tauchen typische Symptome einer Depression auf: Müdigkeit, aber auch Ängstlichkeit. Tracy Bale von der University of Pennsylvania konnte diese Erkenntnisse an weiblichen Mäusen demonstrieren. Testosterongaben schützten sie zuverlässig vor einem depressionsähnlichen Zustand – aber nur dann, wenn die Hormone heranwachsenden Tieren verabreicht wurden. Es kommt also nicht nur auf die Hormone selber an, sondern auch auf den richtigen Zeitpunkt.

Weil Männer den Gang zum Arzt scheuen, kommen deren Depressionen auch wohl seltener ans Tageslicht. Eines der viele typischen Beispiele ist der Tod des Fussball-Idols Robert Enke, der seine Krankheit bis zu seinem Selbstmord geheim hielt. Weil sich Männer anders über ihre Beschwerden äußern, wird es auch manchmal für den Arzt schwierig. Eine große Aufklärungsaktion unter Ärzten auf der schwedischen Insel Gotland vor etwa 20 Jahren konnte die Zahl der Selbstmorde dort deutlich senken. Jedoch zumeist nur bei Frauen. Viele Männer wurden einfach „übersehen“. Ein Ergebnis mit Folgen: Seit etwa einem Jahrzehnt wenden immer mehr Analysten die Gotland Male Depression Scale an, ein Leitfaden, der ganz speziell auf die Symptome der „männlichen Depression“ eingeht.

Therapie je nach Lebensphase

Aber nicht nur die Symptome unterscheiden depressive Männer von Frauen. Auch in der Therapie reagieren Frauen manchmal anders als ihr Gegenpart. Moderne Antidepressiva wirken bei Frauen öfter als bei Männern und dort vor allem bei Jüngeren. Bei Trizyklischen Antidepressiva finden die meisten Studien allerdings keinen Unterschied. Mindestens genauso wichtig wie das Geschlecht dürfte die Lebensphase des Patienten sein, für die der Arzt Antidepressiva verschreibt. Susan Kornstein aus Virginia stellte etwa fest, dass Frauen nach den Wechseljahren schlechter auf SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer) reagieren als jüngere. Bei jenen wiederum scheinen besser Medikamente zu wirken, die es auf die Neurotransmitter Noradrenalin oder Dopamin abgesehen haben.

„Die männliche Depression äußert sich … klinisch anders und untypischer als die klassische depressive Symptomatik“ sagen Armand Hausmann, Wolfgang Rutz und Ullrich Meise in ihrem Essay. Nicht überall wird diese Meinung geteilt. Depressionsexperte Ulrich Hegerl von der Uniklinik in Leipzig vermag im Gespräch mit DocCheck kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei schwer Depressiven erkennen. Dementsprechend sieht er auch bei den Therapieoptionen keinen Grund zur Geschlechtertrennung.

Sexualhormone und Psyche

Die unipolare Depression ist kein Einzelfall, wenn es um die unterschiedliche Ausprägung von Symptomen geht. Bei Bipolaren Störungen sind die Tiefs extremer und die Schwankungen bei Frauen häufiger. Eine Studie zeigte, dass bei etlichen Männern noch Defekte im Kurzzeitgedächtnis dazukommen, nicht aber bei Frauen. Auch bei der Schizophrenie sind kognitve Defizite bei Männern viel häufiger. Sie sind dann sehr oft apathisch, während Ärzte bei Frauen nicht selten übersteigerte Gefühlsausbrüche beobachten.

Die Liste ließe sich weiter fortsetzen: Autismus, ADHA oder der Konsum unterschiedlicher Drogen. Symptome und Reaktionen sind bei Männern oft anders als bei Frauen. Vieles hat mit unterschiedlicher Erziehung und Umwelt zu tun. Aber auch für Hirnforscher und Endokrinologen bleibt noch immer viel Arbeit. Die Einflüsse von Sexualhormonen auf die Psyche im zentralen Nervensystem ist noch weitgehend eine Black Box.

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Medizin

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12 Kommentare:

Apothekerin

Wie und ob eine Depression bei Mann oder Frau beschrieben wird, hängt (nicht grundsätzlich) auch von der Wahrnehmungswirklichkeit vom Patienten oder Arzt ab.
Beides unterliegt oftmals einer gesellschaftlichen Prägung.
Meine Berufserfahrung zeigt mir, dass mit Begrigffen wie Depression, Trauer, Schwermut etc. manchesmal sehr leichtfertig umgegangen wird auch bei Diagnosestellungen.

Leider trifft die Überschrift in mancher Hinsicht den Nagel auf den Kopf. Sie entspricht zum Teil der Wahrnehmung unserer Gesellschaft bzw. der Konsequenzen unserer Gesellschaft.
Daher regt sie eher zum Nachdenken als zum Stigmatisieren an.

Medikamnetös sind eventuell keine großen Unterschiede zu beachten, wenn die Auslöser oder Gründe gleich sind und nicht hormonelle Gründe u.ä. Parameter zu berücksichtigen sind.
Mit Sicherheit sollten Unterschiede bei einer psychologischen Betreuung gemacht werden.

#12 |
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Auch wenn ich die Ansicht von Herrn Dr. Tremblau nicht in dieser Schärfe nachvollziehen kann, fällt bei den Artikeln im DocCheck doch auf, dass man sich oft um “besonders originelle” oder “einfallsreich doppeldeutige” Überschriften für die Artikel bemüht. Leider ist das Ergebnis in der Regel nicht besonders originell oder einfallsreich sondern wirkt buchstäblich “an den Haaren herbeigezogen”. Dabei haben die hier veröffentlichten Artikel eine solche “Bild”-hafte Überschrift doch gar nicht nötig. Schließlich hat auch der Medizinjournalismus mehr mit der Fach- als mit der Boulevardpresse zu tun. Ich würde es daher begrüßen, wenn man sich bei den Überschriften etwas inhaltsbezogener und weniger “reißerisch” geben würde.
Ansonsten finde ich den obigen Artikel als Internist und somit Nicht-Neurologe oder-Psychiater, der aber hin und wieder mit depressiven Patienten zu tun hat, recht informativ und gut geschrieben.

#11 |
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Frau Helga Moltzen
Frau Helga Moltzen

Sehr hilfreicher Artikel, verständlich verfasst, um Probleme gerade bei Jugendlichen eher zu verstehen/zu erkennen und somit angehen zu können.

#10 |
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Ärztegemeinschaft  Amedis
Ärztegemeinschaft Amedis

Wichtiges Thema. Guter Artikel. Die Feminisierung führt hier auch dazu, dass die weibliche Problematik eher wahr genommen wird und behandelt wird als das Problem bei Männern, obwohl Männer die schwereren Krankheitsverläufe haben (Suizid).

#9 |
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Mitarbeiterin Versicherung

Sehr guter Artikel. Vielen Dank

#8 |
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Valentina Ciucas
Valentina Ciucas

Sehr interessant

#7 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Sehr geehrter Herr Lederer,
bei aller Hochachtung und Wertschätzung für Ihre guten Referate
darf ich mir bitte erlauben, mich gegen die ungeschickte Wortwahl
< TRAUERMACHOS und DEPRIMANZEN >
mit aller gebotenen Höflichkeit doch mit energischem Nachdruck undvoller Abscheu zu wenden. In keinem anderen Fach als ausgerechnetin der Psychiatrie ist es so leichtfertig üblich, leidende Kranke zu verspotten.Selbst wenn die gerügte Wortwahl nicht von Ihnen stammen sollte und als harmlos empfunden wird so wird sie von den Betroffenen als schlimme
STIGMATISIERUNG empfunden.-
Literatur bei GÄBEL, TREMBLAU und anderen.- Wer die Geschichte
des “tausendjährigen Reiches” nicht nur auf deutschem Boden
kennt bekommt bei den beanstandeten Worten Panik ! Bitte
beherzigen Sie das !
Freundlichen Gruß und nichts für ungut
Dr.Tremblau

#6 |
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Danke für den schönne Artikel!

#5 |
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Dr. med. Fritz-martin Müller
Dr. med. Fritz-martin Müller

gut beschrieben, empfehlenswert

#4 |
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Dr. Ralf  Hettich
Dr. Ralf Hettich

Eine sehr gut dargestellte Version einer Männerdepression ist in der US-amerikanische Filmkomödie ¿Alles nur Show¿ zu sehen.
Der wiedergewählte Präsident der Vereinigten Staaten (Dennis Quaid) zeigt sichtbare Anzeichen einer Depression: Morgens will er nicht aufstehen und sitzt lustlos im Bett. Die Nachrichten der Zeitungen lösen bei ihm Niedergeschlagenheit aus und seine anhaltende Freudlosigkeit können auch die besten Ratschläge seiner Frau nicht vertreiben.
So komödiantenhaft die Vorstellung eines depressiven Staatspräsidenten auch ist. Eine Depression kann jeden treffen, egal der Mensch arm oder reich, ob bekannt oder unbekannt ist.
Lange Zeit hat man Depression als reine Frauenkrankheit angesehen. Doch seit wenigen Jahren wissen die Forscher wie Prof. Dr. Matthias Berger, dass Depressionen bei Männern häufiger auftreten als einst gedacht. Männer leiden auch unter anderen Symptomen als Frauen. Und Männer begehen häufiger Selbstmord.

#3 |
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Dr. med. Margarete Klapdorkaiser
Dr. med. Margarete Klapdorkaiser

Artikel sehr informativ, praezise und dankenswerter Weise frei von Schwafulatio. Letztere kann man leider heute immer öfter feststellen. ( 1 )

#2 |
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Studentin der Humanmedizin

Sehr schöner Artikel :-) .

#1 |
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