Essstörung: Wenn Mama Stress hat

13. Juni 2017
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Essanfälle bei weiblichen Jugendlichen können auf Stressphasen der Mutter während der Schwangerschaft zurückgeführt werden. Scheinbar findet die Programmierung bereits im Gehirn des Fötus statt. Der Ausbruch der Störung kann aber verhindert werden.

Die Binge-Eating-Störung ist eine verbreitete Essstörung, von der bis zu drei Prozent der Bevölkerung betroffen sind, hauptsächlich Frauen. Dieses als „Essanfall“ oder auch „Heißhungerattacke“ umschriebene Phänomen entzieht sich der Kontrolle des Betroffenen. Sie nehmen häufig innerhalb kürzester Zeit große Mengen an Nahrung zu sich. Viele Betroffene sind übergewichtig und haben dadurch ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Diabetes und Herzerkrankungen. Häufig leiden Patienten mit diesen Essanfälle auch an Depression und niedrigem Selbstwertgefühl und neigen vermehrt zu Angststörungen.

Es ist bekannt, dass sich negative Lebensumstände der Mutter während der Schwangerschaft auch negativ auf das spätere Leben des Nachwuchses auswirken und Männer wie Frauen für verschiedene Krankheiten anfällig machen können. Die Neurobiologin Mariana Schroeder wollte zusammen mit ihren Kollegen herausfinden, ob dieses Phänomen auch bei Essstörungen eine Rolle spielt.

Im Mausmodell konnte die Aktivierung der zentralen Stressantwort während einer fortgeschrittenen Schwangerschaft biologisch nachgebildet werden. Dann wurde getestet, ob die Nachkommen während der Pubertät anfällig für Heißhungerattacken waren. Am Ende kam heraus, dass weibliche Nachkommen von Mäusen, die während der Schwangerschaft gestresst waren, eher Fressattacken entwickelten als weibliche Nachkommen nicht gestresster Mäuse.

Essstörungen machen sich erst in Pubertät bemerkbar

Schroeder erklärt: „Nun wollten wir wissen, wie Stress genau Heißhungerattacken verursacht. Wir haben herausgefunden, dass viele Moleküle im Hypothalamus der betroffenen Nachkommen epigenetisch verändert waren. Diese Programmierung während der Schwangerschaft führt jedoch nicht immer zu gestörtem Essverhalten. Erst wenn während der Pubertät bestimmte Auslöser auftreten, machen sich die bereits durch pränatale Programmierung gegebenen Veränderungen bemerkbar.“

Mit ausgewogener Ernährung im heranwachsenden Alter, kann der Störung entgegengewirkt werden. Alon Chen, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, resümiert: „Das Bemerkenswerteste an der Studie ist, dass wir den Ausbruch von Heißhungerattacken vollständig unterbinden konnten, indem wir den heranwachsenden Mäusen eine ausgewogene Diät verabreichten.“ Chen fügt hinzu: „Diese Studie ist der Beweis dafür, dass Essanfällen eine pränatale Programmierung zugrunde liegt.“

Der Text basiert auf einer Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts München

Quelle:

A Methyl-Balanced Diet Prevents CRF-Induced Prenatal Stress-Triggered Predisposition to Binge Eating-like Phenotype
Mariana Schroeder et al.; SellPress Selections, doi:10.1093/aje/kwx177; 2017

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Bildquelle: Antranias, pixabay / Lizenz: CC0

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6 Kommentare:

Gast
Gast

Rudelkuscheln wäre gesünder, als Essstörungen Aller Art

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Nichtmedizinische Berufe

Und wieso haben die Esstörungen seit den Achzigerjahren so zugenommen?
Hatte die Generation der Baby Boomer und 68er und 70er denn mehr Stress als die Kriegs- und Nachkriegsgeneration?
Eher unwahrscheinlich.
Die Frage ist doch , warum sich Stressverarbeitung auf ein Feld wie das Essverhalten verlagert hat ?

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Gast
Gast

Die Gesamtheit der Epigenetik-Forschung besteht aus HYPOTHESEN, HYPOTHESEN und nochmals HYPOTHESEN aber aus absolut rein gar nichts Handfestem und Bewiesenem.

#4 |
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Vgl. dazu meine kritische Einschätzung: “Die Presseerklärung des Max-Planck-Institut (MPI) für Psychiatrie in München sagt bewusst die Unwahrheit, wenn behauptet wird: „Pränataler Stress begünstigt Heißhungerattacken – Ausgewogene Ernährung schützt vor Essstörung“. Denn dies bezieht sich nur und ausschließlich auf Versuchs-Mäuse in einer künstlichen Laborsituation und nicht auf bio-psycho-sozial bedingte menschliche Lebensverhältnisse…”

http://news.doccheck.com/de/blog/post/6463-fundstueck-der-woche-mpi-sagt-nicht-die-ganze-wahrheit/

#3 |
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“von bis zu 3 Prozent” – ist gar keine Aussage, sondern Unsinn. Und nicht alle Kriegskinder haben so eine Störung – aber die Eltern in dieser Zeit immer negativen Stress. Es ist vielleicht “scheinbar”, aber nicht “anscheinend”. Und nein, das Mausmodell kann eben nicht auf den Menschen übertragen werden.

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Anja
Anja

Ich habe mal sowas ähnliches gelesen. Wenn die Mutter in der Schwangerschaft hungert, denkt das Gehirn des Babys im Bauch: “dadraussen ist eine Hungersnot, ich muss bunkern.” Das Verhalten der Mutter, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt aktiviert oder deaktiviert beim Baby anscheinend irgendwelche Gene, die es für das ganze Leben prägen können. Aber ob das wirklich so stimmt? Wer weiß das schon.

#1 |
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