Onkologie: Die Suizid-Metastase

13. Juli 2017
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Krebspatienten haben durchschnittlich ein 60 Prozent höheres Suizidrisiko als Nichtbetroffene. Im Vergleich zur Behandlung mit Pharmako- und Strahlentherapie, hat die Psychoonkologie einen niedrigen Stellenwert. Amerikanische Onkologen wollen das ändern.

„Die meisten Ärzte denken nicht über das Selbstmordrisiko bei Krebspatienten nach“, sagt Mohamed Rahouma vom New York Presbyterian Hospital. Zusammen mit Kollegen hat er jetzt statistisches Material ausgewertet und überraschende Unterschiede entdeckt. Rahoumas Ziel ist es, „das Bewusstsein bei Kollegen zu schärfen“, so dass „diese Katastrophe bei Patienten in unserer Obhut nicht vorkommt“. Deshalb versuchte er, Suizidrisiken zu quantifizieren.

Bronchialkarzinom mit hoher Suizidrate assoziiert

Basis seiner Arbeit bildeten Daten von mehr als 3,6 Millionen US-Bürgern aus der Surveillance, Epidemiology, and End Results (SEER)-Datenbank. Innerhalb von 40 Jahren kam es zu 6.661 Suiziden in Zusammenhang mit einer Krebsdiagnose. Über alle malignen Erkrankungen hinweg erhöhte sich das Risiko um 60 Prozent. Bei einer älteren Metaanalyse war von 55 Prozent die Rede.

Rahouma fand deutliche Unterschiede je nach beteiligtem Organsystem. Bei Prostata- und Mammakarzinomen ging das Suizidrisiko um 20 Prozent nach oben, bei Kolonkarzinomen waren es sogar 40 Prozent mehr. Bronchialkarzinome fielen mit 420 Prozent deutlich aus dem Rahmen.

Über den Grund lässt sich nur spekulieren. In Foren berichten Angehörige von unerträglichen Schmerzen bei Krebs und fragen nach Möglichkeiten zur Sterbehilfe. Max Höppner (Name geändert), er litt an einem Prostata-Carzinom, berichtet recht offen über seine Suizidgedanken: „Für mich wäre es ein Fortschritt, wenn ich ohne Schmerzen in kürzester Zeit sterben kann. Einem Sterbenskranken sollte man das ermöglichen.“ Er selbst habe vor allem Angst, Schmerzen nicht zu ertragen. Und der User namens Unrettbarer, er leidet an einem Non-Hodgkin-Lymphom, schreibt: „Ich bin momentan weder verzweifelt noch schmerzbehaftet und will ja gerade deswegen eigenverantwortlich Vorsorge treffen, mich diesem mir aufgezwungenen Selbstmord rechtzeitig entziehen zu können.“

Neben der Angst vor Schmerzen, Übelkeit spielt die Prognose selbst eine Rolle. Statistische Daten sind online leicht abrufbar. Dazu einige Beispiele: Lungenkrebs ist bei Männern die zweithäufigste und bei Frauen die dritthäufigste maligne Erkrankung, berichten Forscher am Robert Koch-Institut. Fünf- oder Zehn-Jahres-Überlebensraten bleiben im Vergleich zu Neoplasien der Brust oder Prostata trotz innovativer Therapien absolut betrachtet extrem niedrig.

Krebs: Gesamtüberleben

© Robert Koch-Institut

Auch das Stadium spielt eine Rolle

Bereits im Jahr 2010 zeigte Anna Bill-Axelson vom schwedischen Karolinska Institutet, dass es weitere Unterschiede abhängig vom Krankheitsverlauf gibt. Sie wertete verschiedene schwedische Datenbanken aus und konzentrierte sich auf 77.439 Patienten mit Prostatakarzinom. 128 Menschen nahmen sich selbst das Leben. Statistisch wären 85 Suizide zu erwarten gewesen.

Laut Bill-Axelson gab es bei 22.405 Männern mit Tumoren im Stadium T1c keine Auffälligkeiten hinsichtlich ihres Suizidrisikos. Der Tumor wurde nach erhöhtem PSA-Wert durch eine Feinnadelbiopsie diagnostiziert, machte aber keine klinisch relevanten Beschwerden. Dafür war das Risiko bei lokal fortgeschrittenem Verlauf oder bei Vorliegen von Metastasen mehr als doppelt so hoch. Bleibt zu klären, welche Relevanz entsprechende Studien für die Praxis haben.

Suizide in der Praxis kaum zu beobachten

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Professor Dr. Susanne Singer © privat

DocCheck sprach dazu mit Professor Dr. Susanne Singer. Sie hat zwölf Jahre Krebspatienten und deren Angehörige psychosozial beraten. Derzeit forscht Singer am Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. „Forscher fanden in mehreren Ländern ein erhöhtes Suizidrisiko bei Krebspatienten“, berichtet die Expertin. Trotzdem sei das Thema während Singers Tätigkeit als Psychoonkologin nicht präsent gewesen.

„In dieser Zeit ist es zu keinem einzigen Suizid oder Suizidversuch bei Krebspatienten bekommen.” Singer beobachtete genau das Gegenteil: „Viele Menschen hatten Angst vor dem Sterben, wünschten sich aber nicht den Tod.“

Eine gewisse Selektion kann sie nicht ausschließen: „Man sieht vor allem Menschen, die selbst wissen, dass sie Unterstützung benötigen.“ Oft komme der Hinweis auch vom Arzt oder von Angehörigen. „Was ich jedoch ganz oft erlebt habe, sind Gedanken an den Tod“, ergänzt Singer. „Hier kann durchaus eine klinisch relevante Depression vorliegen, was in der Praxis nicht immer erkannt wird.“

Auf der Suche nach Unterstützung

Dies zeigte Jane Walker, Forscherin am Department of Psychiatry der University of Oxford, anhand einer Studie mit 21.151 Krebspatienten. Besonders häufig litten Patienten mit Lungenkrebs an einer Major Depression (13,1 Prozent), gefolgt von Patienten mit gynäkologischen (10,9 Prozent), kolorektalen (7,0 Prozent) und urogenitalen Tumoren (5,6 Prozent). Von 1.538 Patienten mit der Diagnose Depression erhielten 1.130 (73 Prozent) keine eine effektive Therapie ihrer psychiatrischen Erkrankung.

Ältere Studien kamen zu einem ähnlichen Ergebnis. Von allen Krebspatienten mit psychischen Erkrankungen sahen neun Prozent einen Psychotherapeuten innerhalb von drei Monaten, 19 Prozent mussten neun Monate warten, und bei elf Prozent waren es sogar 15 Monate.

Psychoonkologische Mitbetreuung macht Sinn

Dass gezielte Maßnahmen sehr wohl funktionieren, zeigte Michael Sharpe aus Oxford. Zusammen mit Kollegen hat er 500 Krebspatienten mit guter Prognose in eine multizentrische, randomisierte, kontrollierte Studie aufgenommen. Bei zwei von drei Teilnehmern am speziell entwickelten Depression Care for People with Cancer (DCPC)-Programm verringerte sich der Schweregrad ihrer Depression um mindestens 50 Prozent. Unter Standard-Betreuung waren es nur 17 Prozent.

Singer sieht es als Herausforderung, Patienten über Betreuungsangebote zu informieren. Zwar sei die Informationsvermittlung besser geworden, da Krebszentren laut Zertifizierungsrichtlinien Patienten informieren müssten. „Aber es gibt noch Raum für Verbesserungen.“

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Medizin, Onkologie

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11 Kommentare:

Gast
Gast

Ganz schön schoffelig Herr Dr. Lang :(

#11 |
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Sehr geehrter Herr Kollege Lang, Sie scheinen ja ein sehr mitfühlender Arzt zu sein, wenn es um ein Bronchus-Ca. geht. Schade, daß Sie nicht mein Hausarzt sind. Offenbar juckt Sie auch ein gesteigertes Suizid-Bedürfnis nicht, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Wer möchte schon sterben, Raucher oder nicht? Sie aber glänzen durch Empathielosigkeit bei “gefallenen” Rauchern. Glückwunsch zu Ihrer Einstellung. Übrigens würde ich an Ihrer Stelle mal eine Fortbildung zum Thema Bronchus-Ca. wahrnehmen. Sie werden staunen, was heute alles geht und nicht auf Ihren “Sargnagel” hinausläuft. Gut, daß es aufgeklärtere Ärzte gibt. So eine Bodenlosigkeit an Gleichgültigkeit habe ich hier nur selten gelesen.

#10 |
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Es wundert mich nicht, dass Pat mit Lungencarcinom häufiger den Freitod wählen. Meist sind es wohl starke Raucher, die den Suizid auf Raten suchtbedingt in Kauf nehmen; Zigarette als Sargnagel, ein bekannter Ausdruck. Die Prognose ist ja wirklich schlecht. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Krankheit/Sterben/Tod
wird mit jeder neuen Schachtel angeboten. Psychotherapie in der Endphase dürfte da wenig heilsam sein, die entsprechenden Bemühungen müssen bei der Prävention ansetzen.

#9 |
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Gast
Gast

Mich wundert es nicht, dass bei Tumorpatienten die Suizid-Rate so hoch ist.
Ich hatte selbst ein Karzinoid. Es war auf MRT-Aufnahmen 10 Jahre lang öfters gesehen worden und wurde stets fehlinterpretiert.
Ich hatte während dieser 10 Jahre aufgrund auffälliger Laborwerte auch wiederholt die Fachärzte (Onkologen und Endokrinologen) wegen eines Karzinoids angesprochen. Ich erntete teils die Nebendiagnose “somatoforme Störung” und teils wollte man die Laborwerte schönreden.
Letztlich wurde das Karzinoid dann nur operiert, weil ich “am Ball geblieben” bin …
Doch jetzt, wo aufgrund von Bildgebungen an anderer Stelle ein Karzinoid von Radiologen vermutet wird und ein Marker für Metastasen von Karzinoiden auffällig ist, werde ich wieder nicht ernst genommen …

Natürlich denke ich über einen Suizid nach, wenn sich herausstellen sollte, dass ich aufgrund dieser Vorgehensweisen der Ärzte gesundheitliche Nachteile haben würde.
Natürlich entwickelt man auch Ängste, wenn man sich bewußt wird, dass man nicht mal bei einem Verdacht auf Tumorerkrankungen wirklich ernst genommen wird.

Was ich damit sagen will:
Solange die Ärzte sich so verhalten, produzieren sie selbst durch ihr Verhalten Ängste bei den Patienten und auch Suizide.
Darüber sollte man mal nachdenken.

#8 |
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Gast
Gast

Einige Monate noch meiner Op, wurde mir vom Klinikum ein Fragebogen zugesendet,in dem ich abkreuzen sollte, wie die psychologische Betreunung nach der OP gewesen sei.
Es gab leider keine, auch kein Hinweis darauf. Vielleicht hätte mir eine selbige gegen meine damaligen Angstattacken geholfen.

#7 |
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Dr. med. Michael Traub
Dr. med. Michael Traub

Die Geschichte der neuzeitlichen Psychosomatik beginnt mit der Erforschung der Unfallpersönlichkeit durch die Chrirurgen und der Psychoonkologie, interssanterweise auch von Chirurgen angeregt. Es gibt sie also
schon seit über 100 Jahren, und schon damals war die Krebserkrankung als ganzheitliches
Problem gesehen worden, das neben krebsspezifischer Vorgehensweise auch ganz selbstverständlich die Behandlung des ‘ganzen Menschen’ impliziert. Wie auf anderen
medizinischen Gebieten gibt es zwischenzeitlch ein Auf und Ab mit insgesamt aber doch positiver Tendenz in der Psychoonkologie.

#6 |
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Gast
Gast

Wie ideologisch verblendet muss eine Gesellschaft sein, wenn selbst bei Todkranken, die ihr Leben lieber eigenständig beenden wollen, statt dem palliativen Klüngel in die Hände zu fallen und langsam vor sich hinzukrepieren, von einem Suizid-“Risiko” gesprochen wird?

Selbst ohne tödliche Krankheit ist das Leben von vielen Menschen dermaßen unerfreulich, dass es vernünftig sein kann, diesem Leben einen Zustand dauerhafter Bewusstlosigkeit vorzuziehen. Wenn aber jetzt noch starke Schmerzen, Übelkeit, Bettlägerigkeit und der nahende Krebstod auf dem Programm stehen; warum sollte es dann keine rationale Entscheidung sein, das Leben vorzeitig zu beenden? Woher nehmen Psychiater das Recht, diese Entscheidung zu pathologisieren, so wie sie es früher mit Homosexualität und weiblicher Renitenz gemacht haben?

Auch dass bei körperlich Schwerstkranken von einer “Depression” gesprochen wird, ist absurd. Als wäre die mangelnde Lebensfreude dieser Menschen das Ergebnis einer psychischen Fehlfunktion und nicht die Folge einer objektiven Verschlechterung der Lebensqualität. Diese Menschen sind doch nicht durch eine psychische Krankheit außerstande, die Schönheit ihres Lebens wahrzunehmen, sondern diese Menschen haben in vielen Fällen wirklich ein miserables Leben. Natürlich spricht nichts dagegen, ihnen SSRIs und sogenannte Therapien anzubieten, wenn sie das wollen, aber wenn sie es nicht wollen, dann sollte man sie in Ruhe lassen. Fehlende Lebensbejahung bei Schwerstkranken ist kein Symptom einer mentalen Störung.

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Sterbehilfebefürworter
Sterbehilfebefürworter

Was soll den dieser Lebenszwang und Leidenszwang in Deutschland. In Holland belgien und luxemburg gibt es schmerzfreie , konfortable sichere und unspektakuläre Sterbehilfe wenn ein Patient gegenüber zwei Ärzten klar zum Ausdruck bringt daß er physisch oder und emotional unermesslich leidet während in Deutschland der Bundesärzteverband durchgesetzt hat daß die Sterbehilfe gesetzlich verunmöglicht wurde. Die Patienten wissen selber ob sie mit einer chronischen Krankheit leben oder sterben wollen und wollen nicht wie Leibeigene behandelt werden.

#4 |
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Gast
Gast

An meinem Bett (Ovarial-CA) erschien eine Psychoonkologin. Heute im Rückblick zu früh, ich hatte nicht einmal den histologischen Befund. Geschweige denn die Situation angenommen.
Und ich konnte die Frage nach Gesprächsbedarf verneinen. Nur eine Frage hatte ich:

“Was treibt einen dazu, Psychoonkologe zu werden?”.
Das sei eine lange Geschichte….
Nun ja, ich hätte gerade zufälligerweise Zeit….
Die Dame drehte sich auf dem Absatz um und ward nie wieder gesehen.

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Gast
Gast

Es sollte sowohl während der Therapie als auch danach eine Betreuung geben durch Leute, die sich ein wenig mit der Materie auskennen. Sonst wird z.B. auch das Chronic Fatique Syndrom CFS behandelt wie ein burn-out (aka Depression), obwohl die Ursache ja eine andere ist.

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Gast
Gast

Es muss den patienten klar gesagt werden, dass sie als krebspatienten anspruch auf zeitnahe psychotherapeutische begleitung in einem psychoonkologischen zentrum haben. Sie rufen nämlich die psychotherapeuten aus dem telefonbuch oder google an. Sie erwischen dort selbsternannte möchtegern-psychotherapeuten, die ihnen nur viel geld aus der tasche ziehen, aber keine anerkannte ausbildung haben. Oder sie sind soweit gekommen, nur nach kassenleistungen zu fragen, dort wird ihnen gesagt, wartezeit mindestens sechs monate. Dann sagen sie sich, bis dahin hab ich im zweifelsfalle schon hinter mir.
Oder bringen sich um. Weil keine hilfe kommt.
Solange in onkologischen zentren in deutschland patienten mit bei diagnosestellung inkurablem bc mit plexusinfiltration bei erneuter stationärer aufnahme wegen hämoptysen alle opiate schlagartig abgesetzt bekommen – wegen suchtgefahr- und der zuständige spezielle schmerztherapeut der klinik, ausgebildeter sozialpädagoge, mit dem vor schmerzen durchdrehenden patienten über den flur spaziert und mit ihm übt, den schmerz wegzuatmen, kann man die angst unserer deutschen krebspatienten vor langsamem siechtum in agonie und den wunsch nach schnellem tod verstehen.

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