MS: Minocyclin verzögert Krankheitsbeginn

13. Juni 2017
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Minocyclin hat Nebenwirkungen, die das zentrale Nervensystem betreffen. Genau dieser Effekt könnte bei neurodegenerativen Erkrankungen von Vorteil sein. Erstmals haben Forscher eine Studie zum Nutzen des Wirkstoffs bei Multipler Sklerose veröffentlicht.

Minocyclin wirkt bakteriostatisch auf grampositive, gramnegative und zellwandlose Keime. Ärzte verordnen das Tetracyclin bei unterschiedlichen systemischen Infektionen. Es hat ausgeprägte lipophile Eigenschaften, was sich als nachteilig erwiesen hat. Minocyclin passiert die Blut-Hirn-Schranke und führt zu zentralnervösen Nebenwirkungen. Genau dieser Effekt ist in einem anderen Kontext durchaus erwünscht. Seit Jahren häufen sich Hinweise auf neuroprotektive Eigenschaften bei Morbus Parkinson, Chorea Huntington oder bei Schlaganfällen. Erstmals haben Forscher eine methodisch hochwertige Studie zum Nutzen bei Multipler Sklerose veröffentlicht.

Benefit nur in frühen Phasen

Luanne M. Metz von der Universität Calgary startete eine multizentrische Studie an zwölf kanadischen Krankenhäusern. Sie rekrutierte insgesamt 142 Patienten mit hohem MS-Risiko. Bei ihnen fanden Ärzte neurologische Funktionsstörungen, ohne dass sich im MRT bereits Läsionen zeigten. Mit ihrer Studie wollte Metz vorrangig untersuchen, ob Minocyclin die Progression hinauszögert.

72 Personen wurden randomisiert der Verum-Gruppe (100 mg Minocyclin pro Tag) und weitere 70 der Placebo-Gruppe zugeordnet. Primärer Endpunkt war der MS-Nachweis anhand bekannter Diagnosekriterien nach McDonald. Dazu gehört sowohl die Zahl der Schübe als auch dei Zahl objektiv nachgewiesener Läsionen. Auch die räumliche und zeitliche Verteilung (Disseminierung) ist von Relevanz.

Nach sechs Monaten war MS anhand dieser Kriterien bei 23 Teilnehmern unter Verum (33,4 Prozent) und 41 Teilnehmern unter Placebo (61 Prozent) der Fall. Selbst nach Korrektur von Baseline-Unterschieden in beiden Gruppen blieb der Mehrwert statistisch signifikant. Beide Gruppen waren zu Beginn hinsichtlich der Krankheitslast nicht identisch.

Deutlich enttäuschender verlief die Analyse nach 24 Monaten. Zu diesem Zeitpunkt hatten 34 Teilnehmer (55,3 Prozent) versus 47 Teilnehmer (72,0 Prozent) das Krankheitsbild gemäß McDonald entwickelt. Hier sei kein statistisch signifikanter Unterschied mehr nachweisbar, schreibt Metz.

Alternative zu Standardtherapien

Die Wissenschaftlerin sieht trotzdem einige Vorteile von Minocyclin bei frühen Erkrankungsstadien. Der Wirkstoff sei in oraler Galenik anwendbar und deutlich preisgünstiger als derzeitig zugelassene Pharmaka, gibt sie zu bedenken. Das Tetracyclin schlägt, gemessen am kanadischen Markt, mit jährlich 600 Dollar zu Buche. Derzeit belaufen sich die Kosten leitliniengerechter Therapien im gleichen Zeitraum auf bis zu 40.000 Dollar.

16 Wertungen (4.69 ø)
Forschung, Pharmazie

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3 Kommentare:

Niedrigere Kosten und orale Verabreichung sind doch überhaupt kein Kriterium. Es gibt also gar keinen Mehrwert. Man sollte nicht etwas als “positives” Ergebnis bezeichnen, was keines ist. Die Studie hat ein negatives Ergebnis gebracht. Das ist die Aussage. Diese Aussage ist auch relevant, nämlich, daß dieser Weg ein Versuch war, aber gescheitert ist und nicht weiter verfolgt werden sollte. Auch das ist ein hilfreiches Ergebnis.

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Annika Diederichs
Annika Diederichs

Eine in jeder Hinsicht schwache Studie ohne klinisch verwertbare Ergebnisse.

#2 |
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Mitarbeiterin Industrie

Und Wie ist vergleichend mit der zugelassenen Standardtherape das Nebenwirkungsprofil? Kosten können nicht alles sein

#1 |
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