Depression: Prävention im Sandkasten

10. Juli 2013
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Depressionen bei Kindern nehmen stark zu, Lehrer sind daran interessiert, ihren Schülern zu helfen. Wissenschaftler konnten nun zeigen, dass ein Präventionsprogramm in der Grundschule die Depressionsraten von Schülern nachhaltig senken kann.

Studien zufolge leiden 14% aller 15- bis 18-Jährigen an einer Depression. Mit 14 Jahren haben etwa 9% aller Jugendlichen bereits eine schwere depressive Episode erlebt. Anscheinend hat die Schule einen großen Einfluss darauf, ob Kinder und Jugendliche depressive Symptome entwickeln oder nicht. Zum Beispiel schützt ein positives Klassenklima vor Depressionen.

Gezielte Präventionsprogramme in der Schule können die psychische Gesundheit von Kindern stärken. Der Vorteil von Schulprogrammen liegt auf der Hand: Wenn alle Schüler beteiligt sind, verringert sich die Gefahr von Vorurteilen und Stigmatisierungen. Außerdem können sich Lehrer und Schüler infolge der neuen Erfahrungen und des aktuellen Wissens gegenseitig besser unterstützen.

Shoji Sato und Kollegen der Miyazaki-Universität Japan führten eine Studie mit 189 Drittklässlern durch. Lehrer, die einen Master in pädagogischer Psychologie hatten, führten das Programm in der Schule ein. Klassenlehrer und Studenten assistierten als Co-Trainer.

Einmal pro Woche reicht

Einmal wöchentlich fand für die Drittklässler ein 45-minütiges Programm statt, das die sozialen Kompetenzen der Schüler stärken sollte. 114 Kinder nahmen direkt an dem Programm teil, 75 Kinder gehörten zur Wartegruppe (Kontrollgruppe) und begannen mit dem Programm, nachdem die erste Gruppe ihren Durchgang beendet hatte.

Das Programm namens “Smile Project” (SP nach Iwanaga et al. 2009) besteht aus 5 Sitzungen. Die Kinder lernen unter anderem, besser zuzuhören, andere um einen Gefallen zu bitten, eine Bitte auch einmal freundlich abzulehnen, positive Botschaften auszusenden, sich zu behaupten und sich gegenseitig zu ermutigen. Außerdem üben sie, das Gelernte auf das tägliche Leben zu übertragen.

Die Schüler füllten vor und nach der Intervention zwei Fragebögen aus: die Social Skills Scale for Children (SSS-C) von Watanabe et al. sowie die Depression Self Rating Scale (DSRS) nach Birleson. Die Befragung wurde in den Schuljahren 4, 5 und 6 wiederholt. Abschließend konnten die Daten von 180 Kindern (91 Jungen und 89 Mädchen) ausgewertet werden. Daneben erhoben die Autoren die Daten von 2.292 Kindern der vierten bis sechsten Klassen, die nicht an dem Programm teilgenommen hatten. Auch diese Kinder füllten den SSS-C mehrmals aus.

Programm zeigt deutliche Wirkung

Die sozialen Kompetenzen der Kinder verbesserten sich drastisch, nachdem sie am Programm teilgenommen hatten. Die Messergebnisse vor und nach der Intervention unterschieden sich deutlich. Auch in den Follow-up-Untersuchungen nach ein, zwei und drei Jahren war eine erhöhte soziale Kompetenz nachweisbar. Allerdings nahmen die sozialen Kompetenzen in den Jahren zwei und drei nach der Intervention wieder ab. Dennoch konnten die Autoren aus ihrer Studie den Schluss ziehen, dass die verbesserten sozialen Fähigkeiten die Kinder vor Depressionen schützten.

Studie der Universität Marburg weist präventive Wirkung  nach

In Deutschland wurde ein ganz ähnliches Programm eruiert: Das Interpersonelle Präventionsprogramm gegen Depression im Jugendalter (IPPDJ). Pamela Reich und ihre Kollegen der Universität Marburg veröffentlichten 2007 ihre Studienergebnisse: Nachdem 111 Jugendliche der Jahrgangsstufe 8 an insgesamt 8 Schulungs-Sitzungen teilgenommen hatten, war ihre soziale Kompetenz signifikant gestiegen. Die Kinder suchten bei Problemen rascher Hilfe auf und wussten signifikant mehr über Depressionen als Schüler der Kontrollgruppe. Somit wiesen also auch die Marburger Forscher nach, dass ein Präventionsprogramm in der Schule schon nach relativ wenigen Stunden gute Wirkung zeigt.

117 Wertungen (4.45 ø)
Medizin, Pädiatrie, Psychiatrie

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15 Kommentare:

Nicht umsonst wird in der ergotherapeutischen Behandlung Wert auf Sandkasten, Tonarbeiten und Wasserspiele gelegt. Dies ist unserer Berufsgruppe schon lange bekannt. Schön, dass es nun Studien gibt, die dies verifizieren. Leider haben zu viele Kinder nicht mehr die Möglichkeiten zu Hause im Kreis von Nachbarkindern dies schon früh auszuleben und die Erfahrungen für sich zu machen.

#15 |
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Rettungsassistent

Entweder möchten wir eine Leistungsgesellschaft oder eine solziale Gesellschaft.
Beides zusammen ist schwierig und nur mit viel Aufwand realisierbar.
Solange Kinder für schlechte Noten ausgeschimpft werden, statt Ihnen Hilfe anzubieten, solange zuhause keine gesunde Diskussionskultur gelebt wird und jeder jedem ins Wort fällt und lauter wird, solange Empathie weniger wert ist als eine 1 auf dem Zeugnis, solange sind solche Ansätze nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Wenn wir es schaffen, einen wertschätzenden Umgang miteinander zu pflegen, kriegen die Kinder permanent so viele Vorbilder zu sehen, das es hierzu kaum gesonderter Programme bedarf.
Vielleicht können solche Kleingruppenstudien an den entscheidenden Stellen aufzeigen, das wir in die falsche Richtung gehen.

#14 |
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Ergotherapeut

Hinwendung ist wirksam und Prävention beginnt im Sandkasten also schon vor der Schule. Und unsere Welt und die Welt unserer Kinder ist so dermaßen auf Leistung und Wachstum getrimmt das es da für alle beteiligten schon schwierig wird die Hinwendung zu geben. Der Faktor Zeit bestimmt alles. Das Kind kommt auf die Welt und geht schon nach ein paar Monate in die Kita. Dort werden schon viele Werte des sozialen Zusammenlebens vermittelt. Nur ich denke die Werte von Verlässlichkeit, Vertrauen, Wertschätzung, Kommunikation, Anerkennung… etc. und vor allem aber auch Grenzen Vermittlung können im System der Familie mit am besten erlernt werden. Dieses wird nun immer schwieriger, aufgrund des Zeitfaktors indem wir uns selber immer mehr eingrenzen. Haben wir noch die Zeit oder den Kopf noch so frei um auch nach Feierabend, mit unseren Kindern ausreichend zu kommunizieren? Ihr tun wahrzunehmen, zu wertschätzen und zu loben?
Unsere, von uns geschaffene Welt ist so beschleunigt, da kommen unsere Kinder nicht mehr mit oder verpassen zum Teil Entwicklung, altersgemäße Entwicklung, Kind sein… und dann müssen die Kinder all das in therapeutischen Settings (Selbst.- bzw. Fremdwahrnehmung usw.), in der Schule mit qualifizierten Lehrern ?!, mit Medikamenten und und und nacherleben/ lernen? Da gibt es also sehr viele Baustellen und das kann und wird UNSER Schulsystem absolut nicht leisten.

#13 |
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Dr. med. Christa Wilbertz
Dr. med. Christa Wilbertz

Hjklöö

#12 |
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Hinwendung ist eben wirksam.

#11 |
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Annett Mende
Annett Mende

Soziale Kompetenz wird im “eigenen Rudel” erworben und zwar von Geburt an. Kitas, Schulen, Tagesmütter, Hort, Computer, Handy usw. usf. sind zwar ein Teil des Systems, ersetzen den Erwerb soz. Kompetenz in keinster Weise. Leider wird sich dieser Mittel viel zu häufig bedient bzw. die Verantwortung auf einige dieser Einrichtungen abgewälzt. Das Ergebnis ist tagtäglich zu erleben. Bin selber Mutter zweier Kinder, kenne den Klinikalltag in Bereich Psychosomatik und durchaus auch den ganz normalen Alltag (Wahnsinn) in Kindereinrichtungen etc.
Eine solche Studie ist witzlos, denn das Ergebnis ist nur allzu bekannt. Und die Wirkung zu diversen Maßnahmen ja doch nur eine Symptombehandlung, deren Effekt verpufft.
Der Ansatz liegt im jeweiligen eigenen Rudel – ein Blick über den Tellerrand hinaus kann nicht schaden, lernen vom Wolfsrudel, Verhaltensweisen, die einst selbstverständlich waren, sollten durchaus wieder entdeckt werden. Die Denaturierung des Menschen ist das was sich klar wiederspiegelt – in sozialer Inkompetenz.

#10 |
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Sabine von Lienen
Sabine von Lienen

Es ist sicher ein guter Ansatz und eine (gute) Überlegung wert. Allerdings bezweifel ich stark, dass diese Studien dazu führen, die Lehrerschaft in Deutschland dafür zu sensibilisieren.

Die wenigsten Lehrer sind “Pädagogen” und haben deshalb weniger mit Pädagogik zu als man annehmen kann.

Leider ist für Prävention noch weniger Geld vorhanden als für Bildung…deshalb wird man vermutlich abwarten müssen, welche Auswirkungen diese Forschungsergebnisse auf Deutschlands Kinder haben.

#9 |
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Man könnte sich auch ganz einfach mal Zeit nehmen für die Kids.

#8 |
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Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann
Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann

Gut. Ich denke, während diesen Sitzungen hat man sich “Auge in Auge” einfach unterhalten, und nicht in irgendein Handy geplärrt oder gesimst. Schon ein nettes, persönliches Gespräch, fast egal, worüber, kann durchaus therapeutischen Nutzen haben. Leider schreitet die IT-gesteuerte Isolation bei Jugendlichen stark voran. Aber es gibt ja auch Anti-Depression- Apps, die man laden kann…

#7 |
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Sehr schön. Ergebnisse mit konkretem praktischem und offenbar nachhaltigem Nutzen.

#6 |
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Warum sollten wir nicht einmal über unseren Mediziner-Tellerrand hinausschauen? Weshalb wird das Thema hier gleich als statistisch ungenügend recherchiert abgeschmettert oder mit Spam belegt?
Dass zunächst ein organisches Korrelat (wie z.B. eine Hypothyreose) als Ursache der möglichen Ängste, der Niedergeschlagenheit, der Antriebslosiglkeit etc. abgeklärt gehört, versteht sich von selbst. Die berühmte “Dysbalance der biogenen Amine im Gehirn” als Auslöser depressiver Verstimmung ist uns ätiologisch ebenso bekannt, wenn auch ein “schwammiger Begriff ;)”. Da überweisen wir schnell mal zum Neurologen/Psychiater/Psychologen. ^^Andere Baustelle?

Resilienz erwirbt man sich in der Kindheit. Das erfolgreiche Überstehen von Frustrationen, Rückschlägen, sozialen Spannungen und Widrigkeiten vieler Art macht stabil. Der Erwerb von Kompetenzen stärkt das Sebstwertgefühl. Förderung von Begabungen, das Entdecken verborgener Talente, Mannschaftserlebnisse beim Sport etc. sind so wichtig für die Entwicklung eines “gesunden” Selbstwertgefühls.
Warum sollten wir den Kindern im 21. Jahrhundert, die zunehmend in Kinderkrippen, Kindergärten, Kitas und Horten aufwachsen, nicht die Chance geben, von fähigen Psychologen, Sozialpädagogen, Erziehern und Kinderpflegerinnen Hilfestellung zu bekommen? Es braucht zunehmend Projekte, die Kinder in allen Entwicklungsphasen begleiten und unterstützen. Die Mamas und Papas wollen/sollen sich ja baldmöglichst wieder ins Berufsleben stürzen und geben ein Großteil Erziehungsarbeit an Gemeinschaftseinrichtungen ab.
Freuen wir uns doch über jede Unterstützung!

#5 |
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Dr. Christina Schlumbohm
Dr. Christina Schlumbohm

Ich habe 4 Kinder und bin froh, wenn das jüngste Kind die Schule überstanden hat. Es gibt gute Lehrer, die fachkompetent sind, gebildet sind, über den Dingen stehen und denen ich meinen uneingschränkten Respekt zolle. Es gibt aber auch Lehrer, die der Aufgabe nicht gewachsen sind, die unbeherrscht herumschreien, die Aufgaben nicht präzise formulieren können, die sich nicht von Vorurteilen frei machen können, aber tagtäglich die Leistungen unserer Kinder bewerten sollen. Würde nicht auch ein Erwachsener in einem Job Depressionen bekommen, in dem er Aufgaben erledigen soll, deren Ziel Auslegungssache ist, in dem die Leistung durch den Filter des Vorurteils herabgemindert wird, bei dem lautstark geschimpft wird und im dem die Chefetage ein solches Verhalten ohne mit der Wimper zu zucken toleriert? Nicht alle Kinder entwickeln genügend Frustrationstoleranz um Durststrecken mit weniger kompetenten Lehrern zu überwinden. Sie stehen schon gar nicht über den Dingen und nehmen die Bewertungen der Lehrer ohne zu Murren an. Auch als Eltern gibt es leider keine Möglichkeit so etwas im Nachhinein zu relativieren.

Was wir brauchen ,und diesen Gedanken habe ich schon seit vielen Jahren, ist eine echte unabhängige Qualitätskontrolle der Lehrer und der Schulen, denen wir unsere Kinder anvertrauen. Ein Anti-Frust Kurs für Schüler ist nur ein nettes add-on.

#4 |
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Mal wieder ein sehr schwammiger Artikel? Woher stammen die Zahlen zur Häufigkeit der Depression bei Jugendlichen? Beziehen sie sich auf Deutschland oder auf Japan oder worauf? Japanische Jugendliche sind allein schon von ihrer Lebensweise und Erziehung ganz anders gestrickt als europäische/deutsche Jugendliche. Die Probandengruppen sind viel zu klein für eine seriöse “Studie”, dies sind einfache Untersuchungen an Kleingruppen. Daß Kinder von Schulungen zur sozialen Kompetenz profitieren, ist längst bekannt. Diese Schulungen bringen aber nur marginal etwas, denn das Vermitteln sozialer Kompetenzen ist eine wesentliche Aufgabe von Lehrern und Erziehern. Kompetente Lehrer und Erzieher schaffen es – wenn sie die entsprechende Unterstützung von Schulleitung und Eltern erhalten -, unseren Kindern ein angemessenes Sozialverhalten zu vermitteln. Und dies geschieht täglich in Schule, Kindergarten und Elternhaus. Was genau an den beschriebenen Präventionsprogrammen vor Depressionen schützen soll, wird überhaupt nicht klar. Übrigens: Depression ist eine sehr allgemein gehaltene Diagnose, unter der sich vielfältige Krankheitsbilder mit unterschiedlichsten Ursachen verbergen, u.a. auch eine Stoffwechselstörung des Gehirns.

#3 |
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Wolfram Kröger
Wolfram Kröger

spielt man als Drittklässler noch ganz typischerweise im Sandkasten?

#2 |
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Katrin Held
Katrin Held

Die Idee mit dem Programm ist wirklich super und zeigt, dass man mit relativ geringem Einsatz einen großen Erfolg erzielen kann.
Das Problem: Wer soll das bezahlen? Auch wenn der Nutzen so hoch ist, wird es schwer sein, dass Geld dafür zusammen zu bekommen… Schade eigentlich!

#1 |
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