Asexualität ist keine Krankheit

15. September 2017
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Als es für andere Jungs nur das Thema Mädchen gab, blieb Jan außen vor. Das Verlangen nach Sex existiert bei ihm nicht. Jan ist asexuell. Oft fühlen sich Asexuelle unverstanden, ihre Orientierung wird pathologisiert. Sexualforscher fordern ein Umdenken.

„Als ich in die Pubertät kam, hatten meine Kumpels nur ein Thema, nämlich Mädchen“, erinnert sich Jan* (26). „Mich hat das nie interessiert, auch Erotik oder Sex nicht.“ Damals machte sich Jan wenig Gedanken, er hielt sich für einen Spätzünder. Doch über Jahre hinweg änderte sich nichts. Egal, ob für Männer oder Frauen – das Begehren blieb aus. Über solche Themen spricht niemand gern. Jan gab seine Fragen bei Google ein und stieß auf einen Begriff, den er zuvor noch nie gehört hatte: asexuell. DocCheck lernte ihn über ein Forum kennen und durfte Fragen stellen.

Keine Störung, sondern Orientierung

Für Jan waren damals viele Erkenntnisse neu. Heute weiß er, dass Asexualität eine eigene Identität ist, wie Hetero-, Homo- oder Bisexualität. Doch viele Menschen würden darin ein Krankheitsbild sehen, kritisiert er.

„Asexualität hat nichts mit Ekel oder einer Abneigung gegen Sex zu tun, sondern bedeutet lediglich, dass kein Verlangen nach sexueller Interaktion vorhanden ist“, erklären Experten beim Asexual Visibility and Education Network (AVEN). Ziel des Netzwerks ist es, mehr öffentliche Akzeptanz zu schaffen. Gleichzeitig sollen „Ass“, wie sich Asexuelle selbst nennen, bessere Möglichkeiten zum Austausch haben. Das Wort „Asexual“ fängt, englisch ausgesprochen, genauso an wie „ace“ (die Spielkarte Ass) an. So ist diese Abkürzung entstanden.

Auch „AktivistA“, der Verein zur Sichtbarmachung von Asexualität, unterstützt Menschen wie Jan. Ärzte betrachten das Thema folgendermaßen: Laut Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) ist jede Selbstidentifikation als Asexueller explizit ein Ausschlussgrund für die Diagnose einer sexuellen Appetenzstörung.

Anthony Bogaert, ein Psychologe und Sexualforscher an der kanadischen Brock University, spricht zwar von „theoretischen Überlappungen“ mit sexuellen Appetenzstörungen. Zur Abgrenzung führt er jedoch mehrere Argumente an.

„Dass eine Minderheit betroffen ist, lässt keine Rückschlüsse auf pathologische Verhaltensweisen zu“, schreibt er. Schließlich seien Menschen mit homosexueller Neigung, gemessen am heterosexuellen Lebensmodell, auch in der Unterzahl. Außerdem würden Menschen, die sich selbst als asexuell einstuften, deshalb nicht unbedingt leiden.

Lori A. Brotto von der University of British Columbia, Vancouver, zeigte dies zumindest im Rahmen einer kleinen Studie. Sie befragte 54 asexuelle Männer und 133 asexuelle Frauen online zu verschiedenen Aspekten. Die sexuelle Reaktion war verglichen mit nicht asexuellen Personen zwar niedriger, aber dies wurde nicht als belastend wahrgenommen. Bei zwischenmenschlichen Interaktionen fand Brotto keine Auffälligkeiten. Generell ist die Datenlage aber dünn.

Gray-romantisch oder gray-sexuell?

Das zeigt sich auch bei unvermeidlichen Klassifikationen. Jan hat in Foren gelernt, dass es nicht nur um Schwarz oder Weiß geht, sondern auch im wahrsten Sinn des Wortes um Graustufen. „Asexualität ist wahrscheinlich genauso komplex wie Sexualität“, lautet seine Einschätzung. Es gibt nicht nur Asexuelle, sondern auch Gray-Asexuelle. Hinzu kommen Aromantische oder Gray-Aromantische. Was bedeuten die Begriffe?

  • Asexualität bezeichnet das fehlende Verlangen nach Sex oder die fehlende sexuelle Anziehung.
  • Bei Gray-Asexualität fühlen sich Personen gelegentlich zu anderen hingezogen, die Übergänge sind fließend.
  • Aromantische Menschen können sich keine romantische Beziehung im Sinne von Verliebtheit vorstellen.
  • Bei Gray-Aromantischen ist dies in gewissem Umfang durchaus möglich.

Asexualität steht per se in keinem Zusammenhang mit Aromantik, da viele asexuelle Menschen sich auch romantische Beziehungen wünschen und dabei die romantische von der sexuellen Orientierung trennen. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Aspekte. Jan bestätigt: „Ich kann mir eine Beziehung vorstellen, aber eben nicht mit der normalen Körperlichkeit.“ Er hatte während der Pubertät zwar Sex mit einer Frau, aber keine Beziehung. Für ihn ist Asexualität kein Defizit, aber die Suche nach verständnisvollen Menschen gestaltet sich schwierig.

Diese Komplexität nimmt eine Bloggerin unter dem Pseudonym „Handyfeuerzeug“ auf die Schippe. Sie hat eine Art Regelwerk veröffentlicht, um „wirklich asexuell zu sein“ und spielt mit Vorurteilen vieler Menschen:

  • „Als asexuelle Person ist es sehr wichtig, von Sex absolut angewidert zu sein. Die betreffende Person darf weder Spaß an Sex noch sich in irgendeiner Weise überhaupt dafür interessieren (…)“.
  • „Eine asexuelle Person darf kein Interesse an ihrem Aussehen haben. Da sie ja von Sex angewidert ist und diesen nicht haben möchte, muss eine asexuelle Person ihr Erscheinungsbild so gut es geht vernachlässigen. Lediglich regelmäßiges Duschen und Zähne putzen sind gestattet. Alles darüber hinaus erweckt den Eindruck, die Person möchte Sex haben.“

Bogaert ergänzt aus wissenschaftlichem Blickwinkel: „Eine signifikante Zahl an asexuellen Menschen masturbiert aus eigenem Antrieb“, berichtet er. „Doch nur die wenigsten würden mit nicht asexuellen Partnern schlafen, um eine Beziehung im klassischen Sinne zu führen.“ Asexuelle wie Jan empfinden ihre Orientierung einfach als normal – ähnlich wie die Homo- oder Heterosexualität. Zum Arzt ist Jan deshalb nie gegangen. Viel wichtiger sind für ihn Möglichkeiten, sich mit anderen Menschen auszutauschen. Neben Online-Foren gibt es mittlerweile auch regionale Stammtische. Jan selbst wünscht sich von Ärzten, „Asexualität nicht als Krankheit zu sehen“ und „Menschen – eben nicht Patienten – Kontakte zu vermitteln“. Dadurch lasse sich ein möglicherweise vorhandener Leidensdruck am besten auffangen.

Versuch, Asexualität in Zahlen wiederzugeben

Wie viele Menschen tatsächlich asexuell sind, lässt sich schwer abschätzen. Die erste relevante und auch heute noch oft zitierte Publikation erschien im Jahr 2004. Damals befragte Bogaert mehr als 18.000 Einwohner Großbritanniens nach ihren Präferenzen. Von ihnen stimmten 195 (ein Prozent) der Aussage zu: „Ich habe mich noch nie von einem anderen Menschen sexuell angezogen gefühlt.“ Später kamen Forscher ebenfalls für Großbritannien nur noch auf 0,4 Prozent. Aus Neuseeland (1,8 Prozent) oder Finnland (Frauen 3,3 Prozent, Männer 1,5 Prozent) kommen weitere Zahlen. Bogaert bewertet den Wert von einem Prozent deshalb als „Arbeitshypothese“.

Auch Tesla und Andersen waren womöglich asexuell

Dabei handelt es sich um kein Phänomen unserer Zeiten. Aufgrund biographischer Angaben waren der Erfinder Nikola Tesla (1856 bis 1943) und der Schriftsteller Hans Christian Andersen (1805 bis 1875) nach heutigem Ermessen recht wahrscheinlich asexuell. Gesellschaftliche Zwänge, wie sie der britische Schriftsteller Ian Russell McEwan in seinem Roman seinem Roman „Am Strand“ beschrieben hat, gelten heute kaum noch.

 

WorldPride

Asexuelle demonstrieren in London, um anderen Menschen die Augen zu öffnen. © Tom Morris / Wikimedia Commons

Die Handlung spielt im Jahr 1962. Edward Mayhew und Florence Ponting verbringen ihre Flitterwochen in Dorset. Während der Hochzeitsnacht wird dem Leser klar, dass Ponting asexuell veranlagt ist. Sie flüchtet aus dem Hotel, und ihr Ehemann reagiert mit Unverständnis. Die „Verweigerung des ehelichen Verkehrs“ galt damals noch als Scheidungsgrund. In Deuschland sind derartige Begriffe seit 1977 zwar aus dem Familienrecht verschwunden. Im Unterschied zur Homosexualität wissen viele Menschen bis heute nicht, was es mit Asexualität auf sich hat. Deshalb gehen Menschen weltweit für Aufklärung auf die Straße. Jan tröstet das nur bedingt. Er spürt zwar kein Begehren im eigentlichen Sinne, wünscht sich aber trotzdem eine Partnerschaft. Seine Suche geht weiter.

*Name auf Wunsch geändert

56 Wertungen (4.21 ø)

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36 Kommentare:

fotobus
fotobus

Frau Oetken und Herr Schätzler, Sie schreiben beide ziemlichen Humbug über (Asperger-)Autismus.
Ja, das Asperger-Syndrom IST Autismus. Da gibt es nichts zu unterscheiden.
Nach ICD 10 ist der Unterschied vorwiegend der Zeitpunkt der Sprachentwicklung. Nach DSM V gibt es nur noch ein Autismus-Spektrum, in dem frühkindlicher Autismus, Asperger-Autismus und atypischer Autismus aufgehen, ohne Unterscheidung.

Des Weiteren handelt es sich bei Autismus um ein Spektrum. Ein Spektrum ist nicht linear einteilbar in leicht und schwer.
https://themighty.com/2016/05/rebecca-burgess-comic-redesigns-the-autism-spectrum/

Die Sache mit der Theory of Mind, die übrigens durchaus umstritten ist, stellen Sie, Frau Oetken, etwas arg stereotyp dar.
Autisten können mitunter durchaus bewusst darüber reflektieren.

Asexualität kann natürlich auch bei Autisten vorkommen, genauso wie bei Nicht-Autisten, ist aber kein Symptom von Autismus und schon gar nicht eine eigene Form oder Ausprägung von Autismus.
Eventuell überlassen Sie das Sexualleben von Autisten lieber den Autisten selbst.

#36 |
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Angelika Oetken
Angelika Oetken

Sehr geehrter Herr Dr. Schätzler,

es tut mir leid, dass bei Ihnen der Eindruck entstanden ist, ich wollte das Asperger-Syndrom mit Autismus gleich setzen. Menschen, die von Asperger betroffen sind, leben oft relativ unauffällig mitten unter uns, während Autisten wegen ihrer deutlichen Symptomatik und Hilflosigkeit in vielen Lebensbereichen im Alltag schnell auffallen.

Was Fortpflanzungsaspekte und Asexualität betrifft, möchte ich zu bedenken geben, dass Asexualität, so wie sie oben im Artikel definiert wird

“Asexualität bezeichnet das fehlende Verlangen nach Sex oder die fehlende sexuelle Anziehung”

nicht zwingend dazu führt, dass ein Mensch keinen Sexualverkehr mit einer Person des anderen Geschlechts ausführt. In Gesellschaften, in denen Sexualität innerhalb einer Ehe vor allem der Zeugung von Nachkommen dient, fallen Asexuelle gar nicht groß auf. Erst recht dann nicht, wenn es sich um weibliche Personen handelt, denen eine lustvolle, selbstbestimmte Sexualität aus kulturellen Gründen sogar abgesprochen wird. Während männlichen grundsätzlich ein großes Interesse an Sex unterstellt, bzw. solche Haltungen sogar als Beweis von Männlichkeit angesehen werden. Das war in unserer Kultur in einigen Bereichen bis in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts noch so. Bei Zeugung und Empfängnis handelt es sich in erster Linie um rein biologische Vorgänge. Sexuelle Anziehung und Verlangen fördern und bereichern das Sexualleben zwar, bilden aber keine Voraussetzung für sexuellen Verkehr zwischen männlichen und weiblichen Personen. Die “eheliche Pflicht” war sogar bis in jüngere Zeit hinein gesetzlich verankert.

Von der Zahl heterosexueller Verbindungen und der Rate an Nachkommen auf die Ausprägung asexueller Orientierungen zu schließen, wäre deshalb falsch.

VG
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

#35 |
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Eva
Eva

Und wo wir schon dabei sind: Achten Sie doch bitte in Zukunft auf einen sauberen Bezug der Kommentare auf die Thematik. Vielen Dank dafür!

#34 |
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Eva
Eva

Und ebenso “Danke” für das Löschen meines ironisch gehaltenen Kommentars gegen wiederholte Selbstdarstellerei!

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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

“Danke” für das Löschen meines Beitrags, der grundsätzlicher, biologischer sein wollte – siehe # 17 !

#32 |
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Nichtmedizinische Berufe

Herr Dr. Schätzler, wie ich es verstehe, sind die sozialen Beziehungen von Asexuellen wenn man vom Sex absieht völlig der Norm entsprechend: sie haben Freunde und oft auch rein romantische Beziehungen. Natürlich kann man auch Autist und asexuell sein, man kann auch gleichzeitig Läuse und Flöhe haben, aber ich sehe keinen direkten Zusammenhang.

#31 |
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Rettungssanitäterin

Ich möchte zu der hier öfter gezogenen Verbindung von Übergriffen und Asexualität anmerken, dass die Kausalrichtung auch umgekehrt sein kann. So gilt deviantes Verhalten gerade bei Mädchen und Frauen nach wie vor für viele übergriffige Menschen als Rechtfertigungsgrund für Übergriffe auf diese. Daher kann, einer gewaltsamen Logik von Heterosexualität folgend, diese trotz lesbischer, bisexueller, geschlechtsnonkonformer, asexueller oder sonstiger vermeintlicher Irrungen hergestellt und der Täter, in der eigenen Wahrnehmung als hemdsärmliger Sexualpädagoge, entlastet werden. Ein Erklärungsansatz, der ein Opfer solcher Umstände ausschließlich als Opfer wahrnimmt, statt als einen komplexen Menschen mit Eigenheiten, läuft Gefahr, ihm zusätzliche Schmerzen zuzufügen oder gar als jemand zu erscheinen, der solche Übergriffe billigt.

#30 |
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Gast (Asexuell und glücklich)
Gast (Asexuell und glücklich)

Sehr schöner Artikel, zumal auch ENDLICH mal angesprochen wird dass Asexualität ein Spektrum hat UND dass man romantische Anziehung und Sexualität voneinander trennt. (man kann z.B. Aromantisch sein aber durchaus sexuell aktiv, oder anders herum.) Natürlich ist die Sache noch etwas komplizierter als im Artikel beschrieben aber ich finde es schön dass die Sache auch mal hier angekommen ist. Denn gerade wir als Mediziner sind in der Pflicht auch aufklärend zu wirken und besondere Gegebenheiten der einzelnen Menschen im Bezug zu setzen. Wir sind eine professionelle Figur der man auch Vertrauen entgegen bringen soll, wir sollten deswegen umso genauer bescheid wissen über Grundlegende Fragen von Gender, romantischer und sexueller Anziehung. Und dazu gehört halt auch JEDE Fasette des Queer-Regenschirms. Übrigens: Romantische und glückliche ace Partnerschaften sind 100% möglich, bin lebendes Beispiel dafür. Ich wüsche Jan deswegen auch alles Gute auf der Suche.

#29 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Hallo Frau Oetken (#39),
Der sexuelle Antrieb, auch wenn er in sublimierter Form auftritt, ist ein sehr starker Antrieb in Kunst und Wissenschaft.

#28 |
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Bitte vielmals um Entschuldigung, mein Schreibprogramm! Es muss natürlich @ ANGELIKA OETKEN heißen!

#27 |
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@ Angelika Osten #40 Das ist doch etwas veraltet, was Sie da so ausführlich vortragen. Autismus mit Asperger gleichsetzen zu wollen, ist schon längst obsolet.
“Das aktuelle ICD-10 unterscheidet noch zwischen verschiedenen Formen von Autismus (z. B. frühkindlichem Autismus oder Kanner-Syndrom, dem Asperger-Syndrom und dem atypischen Autismus). Das DSM-5 und das ICD-11 (für 2018 erwartet) hingegen unterscheiden keine Subtypen mehr und sprechen nur noch von einer allgemeinen Autismus-Spektrum-Störung (englisch autism spectrum disorder, kurz ASD). Grund für diese Änderung war die zunehmende Erkenntnis in der Wissenschaft, dass eine klare Abgrenzung von Subtypen (noch) nicht möglich ist – und man stattdessen von einem stufenlosen Übergang zwischen milden und stärkeren Autismusformen ausgehen sollte” https://de.m.wikipedia.org/wiki/Autismus
“Das DSM-5 ist die US-amerikanische Klassifikation psychischer Störungen. Darin werden alle Formen des Autismus in der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) unter dem Schlüssel 299 zusammengefasst. Diagnostische Kriterien
Domäne A: Soziale Kommunikation
Defizite der sozial-emotionalen Reziprozität (z. B. ungewöhnliche soziale Annäherung; verringertes Teilen von Interessen, Emotionen und Affekt)
Defizit der nonverbalen Kommunikation (z. B. weniger oder kein Augenkontakt bzw. Körpersprache; Fehlen von Mimik und Verständnis von Mimik)
Defizite in der Entwicklung, dem Erhalten und Verständnis von Beziehungen (z. B. Schwierigkeiten, Verhalten dem sozialen Rahmen anzupassen)
Domäne B: Restriktive, repetitive Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten
Stereotype Verhaltensweisen auf motorischer, sprachlicher und spielerischer Ebene (z. B. Echolalie, Umdrehen von Gegenständen)
Bestehen auf Routine (z. B. extremer Stress bei kleinen Veränderungen, spezielle Grußrituale, rigide Denkmuster)
Eingeschränkte/intensive Interessen (z. B. starke Bindung an ungewöhnliche Objekte)
Hyper- bzw. Hyporeaktivität gegenüber sensorischen Reizen sowie eigene sensorische Interessen (z. B. Gleichgültigkeit gegenüber Schmerz- oder Temperaturreizen, starke Reaktionen auf bestimmte Geräusche oder Oberflächenbeschaffenheiten)
Domäne C: Symptome müssen in früher Kindheit vorhanden sein, können sich aber erst dann voll manifestieren, wenn die sozialen Anforderungen entsprechend hoch sind.
Domäne D: Symptome müssen zu klinisch bedeutsamer Behinderung im Alltag (z. B. sozial, schulisch, beruflich) führen.
Domäne E: Ausschlussdiagnosen: Symptome lassen sich nicht durch intellektuelle Behinderung oder globale Entwicklungsstörung erklären.”
Differenzialdiagnostisch müssen das ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung), emotionale Bindungsstörungen, Borderline-Persönlichkeitsstörung und schizoide Persönlichkeitsstörungen am häufigsten genannt werden.
Bei Ihrer historischen, sexuologischen Betrachtungsweise verfehlen Sie die Logik: Nur weil Form und Inhalt individualisierter “romantischer” Liebesbeziehungen laut V. Sigusch erst etwa 150-200 Jahre alt sind, bedeutete das für die Sexualgeschichte der Menschheit mitnichten Asexualität… sonst wären wir tatsächlich ausgestorben?

#26 |
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Angelika Oetken
Angelika Oetken

Herr Dr. Schätzler,

Sie spielen auf Menschen an, die vom Asperger-Autismus betroffen sind. Bei denen kann das Verlangen nach sexueller Interaktion mit Anderen gegenüber der rechnerischen Norm deutlich reduziert sein. Allerdings ist das Meiden von jedwedem direktem Kontakt zu Mitmenschen für Asperger-Betroffene typisch. Es mögen sich in die Selbsthilfegruppen und NGOs der Asexuellen etc. Asperger einfinden. Aber das, was die Personen, die Herr van den Heuvel oben zitiert anführen, wirkt auf mich nicht wie etwas, das jemand, der zu den Aspergern gehört, äußern würde. Bei dieser high-functional-Form des Autismus ist zwar die Intelligenz und Lebenspraxis oft sogar überdurchschnittlich entwickelt, aber symptombedingt fällt es diesen Menschen sehr schwer, sich in die Perspektive Anderer zu versetzen. D.h. der Asperger berichtet, dass andere Menschen ihn seltsam finden, kann sich das aber nicht recht erklären. Es ist für ihn wegen seiner besonderen Kognition sehr schwer, zu erfassen, was das Gegenüber denken und fühlen oder welche Verhaltensoptionen es wohl erwägen könnte.

“Nicht nur die bio-psycho-sozialen Ursachen-Forschungen sollten sich m. E. allerdings nicht allein auf sexuellen Missbrauch, sexuelle Traumatisierungen und Gewalterfahrungen bzw. sexuelle Unterdrückung beschränken.”

Darin stimme ich Ihnen vollkommen zu. Einmal, weil die von Ihnen angeführten Erfahrungen viel zu verbreitet sind, als dass sie als alleinige Ursache von Asexualität etc. herhalten könnten. Zum Anderen, weil es, sofern kein Leidensdruck existiert, bei der Frage, wie Asexualität usw. bewertet werden sollen, um die Festlegung herrschender gesellschaftlicher Normen im Hinblick auf Sexualität geht.

In früheren Zeiten, als ein erheblicher Teil der Frauen und Männer aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen keine Ehe schließen und wegen des hohen Risikos eine Schwangerschaft herbeizuführen, auch nichteheliche heterosexuelle Kontakte mied, wäre “Asexualität” gar kein Thema gewesen. Wer nicht heiraten konnte, hatte per se “asexuell” zu leben. Und “Aromantik” war ebenfalls eher die Norm denn die Ausnahme. So ist es in Kulturen, wo Ehen arrangiert und aus pragmatischen Gründen geschlossen werden, so wie das bei uns bis in die jüngere Vergangenheit auch war, eigentlich die Regel. Man heiratet, weil das so üblich ist oder um das Elternhaus verlassen zu können. Man pflanzt sich fort, weil das erwartet wird oder ansonsten eine Altersversorgung und Arbeitskräfte fehlen. Ich bin unter Menschen aufgewachsen, die größtenteils um die Wende des vorvorherigen Jahrhunderts geboren worden sind. Für “Romantik” hatten die keinen Sinn. Dazu war ihr Leben zu schwierig. Dafür wurden aber viele stützende Rituale gepflegt, die ich als Kompensation ansehe. Tanzkurs, Feste, Verlobung, Eheschließung, Geburt, Taufe, Konfirmation, Ehejubiläen, Geburtstage usw.

Für romantische Bücher, Filme oder Geschichten hatten die älteren Frauen und Männer dieser Generation, die zwei Weltkriege bewusst miterlebt hatten, so gut wie kein Verständnis. Sie haben aber über die Aktivitäten von uns “Babyboomern” in diese Richtung, ironisch-wohlwollend gelächelt.

VG
Angelika Oetken

#25 |
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Mich persönlich beschleicht der Eindruck, Asexualität als fehlendes Verlangen nach gelebter Sexualität oder fehlende sexuelle Anziehungskraft, “Gray-Asexualität” wo sich Personen nur gelegentlich zu anderen hingezogen fühlen, Aromantik ohne romantische Beziehung im Sinne von Verliebtheit und “Gray-Aromantik” mit Verliebtheit nur in gewissem Umfang könnten zusammen mit reiner Autoerotik auch spezielle Verhaltens-Formen und -Ausprägungen von Autismus sein.
Direkte Parallelen zur Homosexualität kann ich auf Grund von Publikationen von Prof. Volkmar Sigusch und Prof. Martin Dannecker nicht erkennen, wenn man von biografisch begründeter gender-übergreifender sexueller Inappetenz, fehlendem sexuellen Verlangen und sexuell gestörten Beziehungen einmal absieht (“die Sexualität desexualisiert sich selbst durch ihren gelebten Vollzug” M. Dannecker).
Dass Asexualität wie im Übrigen auch Hypersexualität keine Krankheiten sind , geht schon daraus hervor, dass damit lediglich ein Symptom beschrieben und eine Zustandsbeschreibung definiert werden. Nicht nur die bio-psycho-sozialen Ursachen-Forschungen sollten sich m. E. allerdings nicht allein auf sexuellen Missbrauch, sexuelle Traumatisierungen und Gewalterfahrungen bzw. sexuelle Unterdrückung beschränken.

#24 |
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Angelika Oetken
Angelika Oetken

@Remedias Cortes,

guter Vorschlag. Zumal die Romanfigur Jenny Fields sich auf recht originelle Weise eine Schwangerschaft verschaffte. Und vielleicht gerade wegen ihrer Asexualität ihrem Sohn eine sehr gute Mutter war.

VG
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

#23 |
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Nichtmedizinische Berufe

Ein literarische Beispiel für Asexualität, das mir einfällt, ist die Figur der Krankenschwester Jenny Field s aus ” The world According to Garp” von John Irving. Sie schreibt dann auch innerhalb der Romanhandlung ihre Biographie “Eine sexuell Verdächtige” – sexuell verdächtig eben, weil sie keine sexuellen Beziehungen möchte. Ein Missbrauch oder ein Trauma steht nicht dahinter, daher eventuell geeigneter für die Illustrierung von Assexualität als Florence Ponting

#22 |
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Angelika Oetken
Angelika Oetken

Zu mindestens sind die Leute, die sich als Asexuelle und Aromantische outen, mutig @Gast X. Denn es gilt als Zeichen von Minderwertigkeit und Schwäche, sich nicht für das zu begeistern, was als “Liebe” und “Leidenschaft” bezeichnet wird.

Nur Leute vom Stand eines Papst Franziskus dürfen öffentlich sagen, dass man in ihrem Alter und ihrer Position Wichtigeres vorhat, als sich mit dem eigenen Sex zu beschäftigen ;-)

VG
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

#21 |
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Gast X
Gast X

Ganz nüchtern betrachtet. Wenn man bedenkt was wir uns alles selbst und gegenseitig antun, nur der Liebe und Leidenschaft wegen, und dann davon ausgeht dass krank ist was Leid verursacht und gesund was mit Zufriedenheit einhergeht dann könnte man auf die Idee kommen Asexuelle sind die einzig gesunden und alle anderen krank…

#20 |
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PR,HP;MZS Stefan Graf
PR,HP;MZS Stefan Graf

Sie sollten das Thema Randgruppen einfach weg lassen. Da haben Sie keine Ahnung.
Das betrifft alle Randgruppenthemen wie Inter, Trans und Asexualität. Ebenso hat der Schreiber hier 0 Ahnung von den Randgruppen, Akupunktur, Naturheilkunde und Heilpraktiker.
5 mal 0 bleibt 0.

Dafür hat Herr Heuvel aber viel Ahnung von Rechtschreibung, Medikamentenmedizin und Ärztepolitik.

Ich Denke da sollte der Schreiberling Herr Heuvel sein Augenmerk hinrichten.

#19 |
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Gast
Gast

Na, das ganze als Dimension von Asexualität über Hyposexualität bis hin zur Hypersexualität, das ist doch schon mal tief genug. Und wenn dann auch noch auf Fäkalsprache wie neulich bei dem Blog-Beitrag über Sex im Krankenhaus verzichtet wird, dann stimmt doch eigentlich alles.

Man kann in pathologischem Ausmaß leiden unter Asexualität bzw. Hyposexualität, wobei ich über keine Expertise verfüge, ob und wann man unter Asexualität überhaupt leidet. Wenn blöde Fragen kommen, wieso man immer noch alleine lebt und keinerlei Interesse an Beziehungen kürzerer oder längerer Dauer zeigt, da gibt’s ja Schlimmeres.

Schlimmer ist wohl eher die Hypersexualität wie bei Tiger Woods, dessen Leben dadurch aus der Bahn geraten ist.

#18 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

Ich finde die Diskussion zu oberflächlich. Es wird nur beschrieben, aber nicht tiefer nachgeacht.

#17 |
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Angelika Oetken
Angelika Oetken

@Eva,

auf Ärzteblatt.de wurde vor Kurzem eine Studie mit dem Titel “Sexualverhalten in Deutschland” veröffentlicht. 57 Prozent der TeilnehmerInnen gaben an, in einer festen Partnerschaft zu leben. Sie haben natürlich Recht damit, dass man von einem Singledasein nicht direkt darauf schließen kann, ob jemand mit anderen Menschen sexuell interagiert. Aber das ist umgekehrt auch nicht möglich. Junge Menschen sind aus verschiedenen Gründen sexuell aktiver als ältere. Eine Partnerschaft wird aber auch aus einer sozialen oder sogar ökonomischen Motivation heraus eingegangen. Die Bandbreite zwischen Menschen, die in einer Beziehung leben und keine sexuellen Kontakte miteinander pflegen, unabhängig davon, ob grundsätzlich, vorübergehend oder nicht mehr und solchen, für die der sexuelle Kontakt mit ständig wechselnden PartnerInnen eine Art Hauptbeschäftigung ist, ist groß. All das gilt in unserer Kultur noch als normal, so lange man damit keine Gesetze bricht.

Ich will darauf hinaus, dass Asexuelle oder Gray-Sexuelle durchaus auch unter den Menschen zu finden sein werden, die Partnerschaften führen oder in einer Ehe leben. Das kann eine Reaktion auf soziale Zwänge und Normen sein, aus dem Wunsch heraus entstanden, eine Familie zu gründen oder aufgrund wirtschaftlicher Notwendigkeiten. Wie viele Menschen haben wohl Sex mit anderen Personen, obwohl sie den eigentlich weder wollen noch mögen? Weil der Partner das möchte, oder weil sie meinen, irgend eine Norm erfüllen zu müssen?

VG
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

#16 |
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Angelika Oetken
Angelika Oetken

@Gast, Kommentar Nr. 19: in Deutschland leben ca. 72 Millionen Erwachsene. 9 Millionen davon ergeben ein Achtel der Bevölkerung. Meine Angabe basiert auf den Werten, die durchschnittlich in wissenschaftlichen Untersuchungen erhoben wurden. Sie finden einen Bericht dazu auf der Homepage des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des Sexuellen Kindesmissbrauchs, Titel “Expertise Häufigkeitsangaben”. Darin ist ein Kapitel “Diskussion” enthalten, welches ausführt, warum es schwierig ist, durch wissenschaftliche Methoden belastbare, auf die Allgemeinheit übertragbare Zahlen zu ermitteln. Opfer von sexuellen Übergriffen zu werden ist höchst tabuisiert. Es greift so massiv in die persönliche Integrität und Identität ein, dass selbst Menschen, die über Jahrzehnte eine intime Beziehung führen, dem oder den PartnerInnen nicht offenbaren, Missbrauchsopfer zu sein. Viele Betroffene verdrängen das Erlebte für sehr lange Zeit. Bei missbrauchten Babys und Kleinkindern kann die Traumatisierung nicht aus dem expliziten Gedächtnis abgerufen werden. Ist aber implizit, also als Impuls, Körpererinnerung oder spontane Reaktion auf Reize, die an das Missbrauchserleben erinnern, vorhanden. Deshalb kann man sexuellen Traumatisierungen in der Kindheit gewisse Phänomene zuordnen. Aber natürlich von denen nicht direkt auf Missbrauchserfahrungen rückschließen. Mit wenigen Ausnahmen, darunter eindeutige Verletzungsmuster, die bleibende Schäden hinterlassen.

Mein Zusatz bezieht sich auf Straftaten, die unter § 176a,
Schwerer sexueller Mißbrauch von Kindern, im Strafgesetzbuch aufgeführt sind. Als “schwerer Missbrauch” werden beischlafähnliche Handlungen gewertet. Also alles, was gewöhnlich sexuell ausreichend reife Menschen tun, wenn sie Sex miteinander haben.

Deshalb findet man auf jeder gewöhnlichen Pornoplattform auch mit erwachsenen Darstellern nachgestellte typische Missbrauchsszenarien. Immer häufiger kursieren im Netz auch Filme, die realen Kindesmissbrauch zeigen. Sie finden große Verbreitung und werden stark nachgefragt. Ich betrachte das Internet mittlerweile als eine Art kollektivem Gedächtnis und einem Abbild aller unterschwellig vorhandenen Phänomene und offiziell verbotener oder geschmähter Phantasien und Bedürfnisse. Und orientiere ich mich an der Bedeutung die Kindesmissbrauch im Internet hat, dann offenbart sich, wie sehr dieses Thema die Menschen bewegt. Solche, die sich Sorgen um den Schutz von Kindern machen und die, welche davon phantasieren, Kinder zu missbrauchen oder das real tun.

VG
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

#15 |
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Gast
Gast

Ich antworte kurz nur auf die Überschrift: Und sage: Jede Art von mobbender Gemeinheit, welche die Freiheit des Anderen nicht nur nicht toleriert, sondern achtend ihr die Freiheit ebenso frei zuehrt, ist mir verdächtig.In diesem gemeinen Sinne müssen nicht alle gleich sein, so dass, wer anders ist, niedergemetzelt wird-Jedem das Seine: Dies leichte Sprichwörtle vereinfacht vieles im Askekt des freiseins eben gerade des Anderen.

#14 |
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Gast
Gast

@ #2: bzw . Angelika Oetken:

9 Millionen Erwachsenen mit Z.n. Schwerem Sexuellen Missbrauch wären ca. 15% der Bevölkerung. Auch hier wieder: wie will man solche Daten verlässlich erheben? Wahrscheinlich lief das über irgendwelche nicht-repräsentativen Stichproben, die dann auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet wurden.

Ich halte 9 Millionen für klar übertrieben, vielleicht 4-5 Millionen oder noch weniger käme eher hin. Diese Zahl von 9 Millionen führt dazu, dass bei jeder psychischen oder sozialen Auffälligkeit gleich der Generalverdacht aufkommt, die erwachsene (oder minderjährige) Person sei sexuell missbraucht worden. Falsche Verdächtigungen dieser Art können Familien und Freundeskreise zerstören.

#13 |
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Eva
Eva

Die Anzahl der Singlehaushalte liegt bei 37,2%. Davon sind ca. 60% ü50. Viele junge Singles leben alleine, haben aber ein aktives Sexualleben, nur eben getrennte Wohnungen. Ich gehe davon aus, dass die überwiegende Mehrheit der ü50jährigen bis zum Eintreten eines life-events wie Scheidung oder Verwitwung ebenfalls sexuell aktiv war. Dies in direkten Zusammenhang mit einer asexuellen Orientierung zu bringen ist nicht schlüssig. Nochmal: Es geht nicht um ein reaktives Geschehen, sondern um eine sexuelle Orientierung.

#12 |
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Angelika Oetken
Angelika Oetken

Zum Begriff der Normalität im Hinblick auf die menschliche Sexualität erschien am 12. September auf Zeit-online ein Artikel mit dem Titel “Ist das normal? Hier finden Sie Hilfe!”

Den Kommentar Nr. 3 dazu, von “Recht und Gerechtigkeit” formuliert, empfand ich als sehr passend. Denn wenn potentielle PatientInnen bzw. KlientInnen mit dem Hinweis “Sie denken, mit Ihrem Sexleben stimmt etwas nicht” angesprochen werden, dann stellt sich doch die Frage, wer festlegt, wann ein Sexleben “stimmt”. Von strafrechtlich relevanten oder als psychiatrische Krankheiten definierten Störungen mal abgesehen. Leiden kann sich auch ergeben, weil jemand unrealistische Vorstellungen von sexueller Normalität hat oder sich all zu sehr an gesellschaftlichen Vorgaben orientiert. Heißt es doch nicht umsonst, dass in keinem Bereich, außer wenn es um das eigene Vermögen geht, so viel geschwindelt wird wie beim Thema Sex.

#11 |
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Angelika Oetken
Angelika Oetken

@Gast, Beitrag Nr. 14,

beim Lesen des Artikels dachte ich daran, dass vermutlich viele Menschen im Laufe ihres Lebens phasenweise die Kriterien für Gray-Asexualität oder Gray-Aromantik erfüllen. Weil sie Sex wollen, aber keine feste Partnerschaft, eine feste Partnerschaft, aber keinen Sex. Oder gar nichts von beidem, da sie sich anderen Lebensbereichen widmen und vor oder nach diesem biografischen Abschnitt, dann wenn es passt, ein klassisches Sexual- und Beziehungsleben führen.

Das Nachdenken über “Asexualität” wirft die Frage auf, inwieweit Sexualität nur existiert, wenn sie sich auf andere Personen bezieht. Ist Autoerotik keine Form der Sexualität? In einer Gesellschaft, in der 50 Prozent der Erwachsenen als Singles leben, wäre die Vorannahme, dass “sexuell aktiv sein” zwangsläufig bedeutet, seine Sexualität mit anderen Menschen zu teilen, unangebracht. Sie könnte sich, sollte sich der Single-Trend ausweiten, zu einem kollektiven Normativ entwickeln, das letztlich nur von einer Minderheit gelebt wird. Das wäre doch absurd.

VG
Angelika Oetken

#10 |
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Angelika Oetken
Angelika Oetken

@Dr. Rüdiger Hübschmann,

ich stimme Ihnen in den beiden von Ihnen angeführten Punkten zu. Je nach Bezugswissenschaft bzw. Standpunkt können die Definitionen die oben im Artikel genannt werden, Symptome von Pathologien oder Abweichungen von gesellschaftlichen Normen darstellen:

“Asexualität bezeichnet das fehlende Verlangen nach Sex oder die fehlende sexuelle Anziehung.
Bei Gray-Asexualität fühlen sich Personen gelegentlich zu anderen hingezogen, die Übergänge sind fließend.
Aromantische Menschen können sich keine romantische Beziehung im Sinne von Verliebtheit vorstellen.
Bei Gray-Aromantischen ist dies in gewissem Umfang durchaus möglich.”

Was das angeht, gibt es durchaus Parallelen zur Homosexualität. Und deshalb halte ich die Frage des Leidensdruckes und des Potentials an möglicher Selbst- oder Fremdgefährdung für entscheidend. Ich habe vorhin überlegt, ob eine der vier Formen (Asexualität, Gray-Asexualität, Aromantik, Gray-Aromantik) irgendwelches Schadenspotential entfalten könnte und mir fiel keines ein.

Deshalb halte ich die Forderungen der sich als asexuell usw. empfindenden Menschen nach Akzeptanz für mehr als berechtigt. Auch wenn dies in unserer Gesellschaft, die trotz aller Freizügigkeit starke Normative im Hinblick auf die Haltung zur Sexualität pflegt, Stichwort “Sexhype” auf viele Personen irritierend wirken könnte.

VG
Angelika Oetken

#9 |
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Gast
Gast

Was die Zahl von ca. 1% Menschen, die asexuell sind, angeht, ich halte 1% für untertrieben. Wie will man solche Daten verlässlich erheben? Wenn man Asexualität nicht als Alles-oder-Nichts, sondern als dimensionale Angelegenheit betrachtet, sind 1% wohl klar zu wenig und 5% würde eher hinkommen – und das nur bezogen auf die “freiwillig” Asexuellen bzw. die “unfreiwillig” Asexuellen nicht miteinbezogen.

#8 |
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Angelika Oetken
Angelika Oetken

@Dr. Rüdiger Hübschmann,

meinen Beitrag mit der Nr. 2 habe ich als Reaktion auf folgende Passage im Artikel angelegt:

“Gesellschaftliche Zwänge, wie sie der britische Schriftsteller Ian Russell McEwan in seinem Roman seinem Roman „Am Strand“ beschrieben hat, gelten heute kaum noch.

Die Handlung spielt im Jahr 1962. Edward Mayhew und Florence Ponting verbringen ihre Flitterwochen in Dorset. Während der Hochzeitsnacht wird dem Leser klar, dass Ponting asexuell veranlagt ist.”

VG
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

#7 |
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Dr. med. Erika Plöntzke
Dr. med. Erika Plöntzke

Und das Thema unter Entwicklungsaspekt?
Ein Patient hat doch viele andere Eigenschaften,Probleme usw.,die sein
Wesen ausmachen!
Was sind wir für eine narzißtische Gesellschaft -nur das eine interessiert!
Mich aber nicht, wenn es keinen Leidensdruck gibt! PLöntzke

#6 |
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#2: Themenbezug? Hier gehts doch um genuine Asexualität und nicht um Missbrauchsfolgen. Wobei ich allerdings auch vermute, dass bei einem Teil der “Asexuellen” verdrängte Missbrauchserfahrungen eine Rolle spielen. Nur wären sie das dann nicht mehr im Sinne des Artikels. Wie man das im einzelnen abgrenzen kann, ist mir dabei auch rätselhaft. Einziges praktikables, aber diagnostisch nicht unbedingt valides Kriterium scheint mir (fehlender) Leidensdruck zu sein.

#5 |
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Peter Stich
Peter Stich

Guter und ausführlicher Bericht – mehr gibt es m.E. nicht dazu anzumerken…

#4 |
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Angelika Oetken
Angelika Oetken

Eine Frage in die Runde: warum heißen Leute, die zu feige sind, um ihre Bemerkungen mit ihrem Echtnamen zu adeln, eigentlich immer “Gast”?

#3 |
  9
Angelika Oetken
Angelika Oetken

Zu “Am Strand”, einem Buch, was ich persönlich für eines der besten halte, die je geschrieben wurden: McEwan skizziert auf genial genaue, gleichzeitig realistische, aber diskrete, empathische und von jeder Anzüglichkeit befreite Weise welche Folgen es hat, wenn Väter ihre Töchter sexuell ausbeuten und wie tragisch-destruktiv die Wirkungen nicht nur für die Opfer selbst, sondern auch für die Menschen sind, mit denen sie ggf. später intime Beziehungen eingehen. Das Buch ist auch insofern ein Lehrstück, als dass Personen, die über entsprechende Erfahrungsexpertise verfügen, sofort erkennen, in welchen Passagen beschrieben wird, wie Mr. Ponting seine Tochter Florence sexuell bedrängt. In einer Szene wird aus Sicht der 12jährigen beschrieben, was wir heute in Juristendeutsch als “beischlafähnliche Handlung” bezeichnen. Eindrucksvoll, wie es McEwan schafft, mit wenigen, präzisen Worten den tiefen Ekel, die Erschütterung und Verzweiflung des Mädchens angesichts der Konfrontation mit der buchstäblich schmutzig-klebrigen Sexualität ihres eigenen Vaters spürbar zu machen.

Florence ist alles andere als “asexuell”. Sondern eine zutiefst sinnliche junge Frau, die tiefe, echte Liebe für ihren Edward empfindet. Dadurch aber, dass ihr eigener Vater die Beziehung zu ihr instrumentalisiert und sie mit seiner übergriffigen Sexualität überzogen hat, fehlt ihr die robuste Gelassenheit, die ein Mädchen oder eine junge Frau benötigt, um über die Ungeschicklichkeiten und Derbheiten im anfänglichen sexuellen Kontakt hinweg zu sehen, die bei ihren meistens wenig älteren männlichen Partnern aus Unerfahrenheit, Unkenntnis, Gehemmtheit und falschen Vorbildern entstehen. Traditionelle Paradigmen verlangen von jungen Mädchen und Frauen, dass sie die Sexualität von Männern kontrollieren, dirigieren und deshalb selbst dafür Sorge tragen müssen, dass sie durch deren sexuelles Agieren weder beschädigt, noch beeinträchtigt werden. In familiären Gefügen wird die Pflicht der Frauen zur Wachsamkeit auch auf den Schutz der Kinder vor der Sexualität männlicher Familienmitglieder ausgedehnt. Die Pflicht der Männer ist es, die Familienmitglieder nach außen hin zu verteidigen und für materielle Grundlagen zu sorgen. “Am Strand” spielt im England der 60er-Jahre. Wie überall sonst in Europa galt die “alte Ordnung” dort noch.

Edward wiederum, der als Junge parentifiziert wurde, weil er Sorge für seine Geschwister und seine behinderte Mutter tragen musste, ist ebenfalls ein Opfer. Nämlich das einer Gesellschaft, die dazu neigt, Jungen schon früh nicht heraus zu fordern, wie es angemessen und angezeigt wäre, sondern über-fordert, indem sie sie in die Rolle von erwachsenen Männern drängt.

Edward und Florence sind insofern ein ganz typisches Paar. Sie hätten miteinander an der Bewältigung ihrer Traumata wachsen können. Gesellschaftliche Tabus, Barrieren, Vorurteile und Grausamkeiten und die eigene Angst vor der Auseinandersetzung mit der Wahrheit verhindern das aber.

Florence flieht direkt nach der Hochzeitsnacht entsetzt vor Edward, weil sie in ihm die übergriffige, Ekel erregende Sexualität ihres Vaters wieder erkannt hat. Edward zögert zwar. Aber seine Liebe zu Florence reicht nicht, um sie zu fragen, was in ihr vorgeht. Beide trennen sich, indem sie am Strand vor ihrem Hotel in verschiedene Richtungen auseinander gehen und nie wieder zusammen kommen.

Edward geht später keine feste Bindung zu einer Frau mehr ein. Entgegen seinem ursprünglichen Wunsch gründet er auch keine Familie. Er dümpelt quasi durchs Leben, lässt sich relativ ziellos treiben. Während Florence ganz in ihrer erfolgreichen Karriere als Berufsmusikerin aufgeht.

Besonders berührt hat mich beim Lesen des Buches, dass der Autor die Figur des Edward als alten Mann auf seine gescheiterte, aber intensive Beziehung zu Florence zurück schauen lässt und Ian McEwan sehr genau heraus arbeitet, wie ratlos-wehmütig sein Held auf das Geschehen von damals blickt.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen erwachsenen Menschen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

#2 |
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Gast
Gast

Läuft oder lief eigentlich in sexueller Hinsicht jemals was zwischen Joachim Sauer und Angela Merkel?

#1 |
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