Stillen: Wir saugen uns nach oben

11. Juli 2013
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Stillen bringt für die Entwicklung des Kindes eine Reihe kognitiver und gesundheitlicher Vorteile. Eine britische Studie zeigt nun, dass sich Stillkinder häufiger sozial und karrieremäßig gegenüber ihren Eltern verbessern als Flaschenkinder.

Sowohl die Nährstoffe der Muttermilch (beispielsweise langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren, Proteine, Milchzucker) als auch das Stillen an der Mutterbrust an sich stärken das Immunsystem und fördern die Gehirnentwicklung des heranwachsenden Säuglings. „Bisherige Studien haben einen positiven Zusammenhang zwischen dem Stillen und den geistigen Leistungen in Kindheit und Erwachsenenalter hergestellt“, erklärt Studienleiterin Professor Amanda Sacker vom Forschungszentrum für Epidemiologie und Gesundheitswesen des University College London.

Darüberhinaus lieferten bisherige Studien Hinweise, dass Stillen auch die Persönlichkeit, die Fähigkeit zur Selbstkontrolle, die Problemlösungskompetenz als auch die Stressresistenz, wenn auch in geringerem Ausmaß, positiv beeinflusst. Wie sich das Stillen auf die berufliche Entwicklung und die soziale Mobilität auswirkt, wollten die Studienautoren anhand von Daten zweier Kohortenstudien mit mehr als 34.000 Personen der Geburtsjahrgänge 1958 und 1970 überprüfen. Die Studie „Breast feeding and intergenerational social mobility: what are the mechanisms?“ wurde in den „Archives of Disease in Childhood“ veröffentlicht.

Jedes vierte Stillkind verbesserte soziale Position

Analysiert wurden die Daten von 17.413 Neugeborenen, die 1958 auf die Welt kamen und von 16.768 Neugeborenen des Jahrgangs 1970. Die Mütter wurden befragt, ob sie ihre Kinder kürzer oder länger als vier Wochen gestillt hatten oder gar nicht. Von den Säuglingen, die 1958 zur Welt kamen, wurden 68 Prozent gestillt, bei den 1970 Geborenen waren es nur mehr 36 Prozent. Darüber hinaus wurde der Beruf und die soziale Stellung der Eltern erhoben und mit denen ihrer erwachsenen Kinder im Alter von 33 Jahren (1. Kohorte) bzw. 34 Jahren (2. Kohorte) verglichen. Überdies wurden die Kinder regelmäßig ab der Volksschule alle paar Jahre auf ihre Intelligenz, Gesundheit und psychische Verfassung hin untersucht. Die Studienergebnisse zeigen, dass die Stillkinder häufiger einen sozialen Aufstieg gegenüber ihren Eltern verzeichneten und in geringerem Maße von einem sozialen Abstieg betroffen waren.

Jeweils 24 Prozent aus beiden Kohorten verbesserten ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Position gegenüber ihren Eltern, während ihr Risiko sozial abzusteigen um 19 bzw. 21 Prozent geringer war, als für Kinder, die mit dem Fläschchen ernährt wurden. Der Zusammenhang sei umso auffälliger, weil er in beiden Jahrgängen nahezu gleich ausfiel, obwohl sich die Anzahl der Stillkinder beinahe halbiert habe. „Unsere Studie zeigt, dass Stillen die neurologische Entwicklung und dadurch die kognitive Leistungsfähigkeit verbessert , was zu einem zunehmenden sozialen Wohlstand führt und gleichzeitig einen sozialen Abstieg verhindert“, betont Sacker. Darüber hinaus leiden gestillte Kinder seltener unter emotionalen Belastungen wie Stress. Ob dies an den Inhaltsstoffen der Muttermilch liege oder am Mutter-Kindkontakt beim Stillen, konnte durch die vorliegende Studie nicht geklärt werden. „Unsere Studie zeigt jedenfalls, dass Stillen an der Mutterbrust den Kindern nicht nur gesundheitliche Vorteile bringt, sondern auch lebenslange soziale Vorteile schafft“, so Sacker abschließend.

Stillen wirkt sich positiv auf die Gehirnentwicklung aus

Eine kürzlich im Fachjournal „NeuroImage“ veröffentlichte US-Studie untersuchte die Gehirnentwicklung von 133 Kindern im Alter zwischen zehn Monaten und vier Jahren mittels leiser Magnetresonanztomographen (MRT), um das Scannen im Schlaf zu ermöglichen.  Die untersuchten Kinder stammten aus Familien mit vergleichbarem wirtschaftlichem und sozialen Background und waren gesund und nach einer normalen Gestationszeit geboren worden. Eine Gruppe von ausschließlich – mindestens drei Monate – an der Mutterbrust gestillten Kindern wurde mit  teilweise bzw. ausschließlich mit der Flasche und Beikost aufgezogenen Kindern verglichen. Ein Forscherteam von der Brown University im US-Bundesstaat Rhode Island unter der Leitung von Sean Deoni konnte nach Auswertung der MRT-Daten im „Advanced Baby Imaging Lab“ zeigen, dass die weiße Gehirnsubstanz im Alter von zwei Jahren bei den gestillten Kindern in einer Größenordnung von 20 bis 30 Prozent stärker entwickelt war als in den beiden Kontrollgruppen. Die Forscher verglichen auch die Gehirnentwicklung von Kindern, die länger als ein Jahr gestillt wurden, mit Kindern, die kürzer gestillt wurden.

Erstere zeigten eine deutlich bessere Gehirnentwicklung in den Regionen, die für die motorischen Funktionen verantwortlich sind. „Ich denke, es ist erstaunlich, wie groß die Unterschiede zu so einem frühen Zeitpunkt bereits sind“, sagte Deoni. Die weiße Gehirnsubstanz besteht aus langen Nervenfasern, die für die Kommunikation und die Vernetzung verschiedener Hirnareale verantwortlich sind. Besonders diejenigen Hirnregionen, die für Sprache, emotionale Funktionen und Warnehmung verantwortlich sind, waren bei den gestillten Kindern deutlich besser entwickelt als bei den teilweise oder gänzlich mit der Flasche aufgezogenen Kindern. Weiterhin untersuchten die Forscher auch die Mikrostruktur der weißen Gehirnsubstanz und stellten fest, dass die darin enthaltene Myelinmenge bei den gestillten Kindern größer war als bei den beiden Vergleichsgruppen. Myelin ist ist eine lipidhaltige Substanz, welche die Nervenzellen umhüllt und für die Leitungsgeschwindigkeit der Nerven verantwortlich ist. Bei den drei- bis vierjährigen Kindern führten die Forscher zahlreiche kognitive Tests durch und konnten nachweisen, dass die gestillten Kinder bei der sprachlichen Entwicklung, der motorischen Leistungsfähigkeit und beim Sehen den beiden Kontrollgruppen überlegen waren. „Zusammenfassend könnte man sagen, dass Stillen in Kombination mit den bisher vorliegenden Erkenntnissen absolut vorteilhaft ist“, so Deoni.

Stillempfehlungen der Nationalen Stillkommission

Die Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin wurde 1994 gegründet und setzt sich aus Wissenschaftlern, Kinderärzten und Geburtshelfern zusammen. Sie hat insgesamt 14 Empfehlungen für die Säuglingszeit formuliert:

  • Die beste Ernährung des Säuglings ist Muttermilch. Diese reicht in der Regel als alleinige Nahrung im ersten Lebenshalbjahr aus. Auch nachdem begonnen wurde, Beikost zu füttern, kann und soll weiter gestillt werden.
  • Ausschließlich gestillte Kinder benötigen keine zusätzliche Flüssigkeit.
  • Stillen nach Bedarf sichert am besten die Abstimmung zwischen Milchbildung und Sättigung des Kindes und ist eine gute Basis für die Entwicklung eines individuellen Mutter-Kind-Stillrythmus.
  • Beim Stillen nach Bedarf (in den ersten Lebenswochen 10-12 Mal/Tag) wird ausreichend Muttermilch auch für Mehrlinge gebildet.
  • Anfangs sollte das Kind an beiden Brüsten angelegt werden, später ein- oder beidseitig.
  • Richtiges Anlegen (Erfassen eines großen Teils des Brustwarzenhofs) und häufiges Anlegen beugen Milchstau, schmerzhaften Brustwarzen und Brustentzündungen vor.
  • Hungrige Kinder sollten besonders häufig und beidseitig angelegt werden.
  • Gestillte Kinder sollten höchstens in den ersten Lebenstagen täglich unter gleichen Bedingungen gewogen werden, später wöchentlich oder im Rahmen von Früherkennungsuntersuchungen.
  • Stillende Mütter benötigen psychische und praktische Unterstützung durch den Vater, Familienangehörige oder Freunde.
  • Stillende Mütter sollten ausgewogen essen und trinken. Es empfiehlt sich, beim Stillen ein Glas Wasser zu trinken.
  • Eine notwendige medikamentöse Behandlung ist nicht gleichzusetzen mit einer Indikation zur Stillpause oder Abstillen. Es gibt zumeist ein Medikament, bei dem weiter gestillt werden kann. Auf jeden Fall sollte ein Arzt zu Rate gezogen werden.
  • Gestillte Kinder mit (Brech-)Durchfall werden weiter gestillt. Ein Flüssigkeits-/Elektrolytverlust wird nach ärztlicher Empfehlung durch geeignete Rehydratationslösungen zusätzlich ausgeglichen.
  • Bei schwerwiegenden Stillproblemen sollte professionelle Hilfe bei Hebammen, Laktationsberaterinnen, Kinderkrankenschwestern, Kinder- und Jugendärzten oder Frauenärzten eingeholt werden.
  • Selbsthilfegruppen stillender Mütter helfen, Probleme zu vermeiden bzw. zu lösen. Die Adressen können Sie bei ihren regionalen Gesundheitsämtern erfragen.
133 Wertungen (4.65 ø)

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21 Kommentare:

Student der Humanmedizin

“so ist nun mal Wissenschaft” – Wissenschaft lebt vom Zweifel. Jedes Ergebnis (auch jedes eigene) erst einmal anzuzweifeln und zu überprüfen, ist Grundvorraussetzung für erfolgreiche Forschung und gehört zur guten wissenschaftlichen Praxis dazu.

Dass der vorliegende DocCheck-Artikel Fakten zu präsentieren meint, stattdessen aber Falschaussagen trifft, habe ich denke ich deutlich gemacht.

Dass das Stillen an sich von Vorteil ist, ist darüber hinaus kein “Fakt”, denn sonst müsste man es nicht mehr nachweisen.

“Es gibt gesichertes Wissen über den Unterschied zwischen Kollektiverziehung und Einzelerziehung (Familie) in den ersten (3) Lebensjahren, die bis ins Erwachsenenleben hineinwirken.”

Das mag schon eher ein “Fakt” sein, hat aber eben mit dem vorliegenden Artikel nicht mehr viel zu tun. Dass es Unterschiede gibt habe ich nie in Frage gestellt.

Ich habe in meinem ersten Post kritisiert, dass Studien wie sie hier zitiert werden dazu führen, dass Mütter, die nicht Stillen können, von anderen angegriffen werden und sich mitunter auch selber Sorgen machen, ihrem Kind “zu schaden”.
Auch DAS ist ein enorm wichtiges Problem.

“Und hier haben wir in der Tat harte Fakten.”
Wo konkret ist jetzt “hier”? In den ersten beiden zitierten Studien zumindest finde ich eben keine “harten” Fakten. Und im DocCheck-Artikel finde ich nicht einmal “Fakten” sondern eben klare Falschaussagen.

#21 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Verehrter Herr Dick,
so ist nun mal Wissenschaft und man muss selbstverständlich den Faktenteil immer von der Deutung der Fakten trennen. Fakten sind IMMER wertvoll und nicht wertlos, wie Sie meinen! Und hier haben wir in der Tat harte Fakten. Meine Meinung (Deutung) dazu habe ich ja schon in #2 geäußert.
Es gibt gesichertes Wissen über den Unterschied zwischen Kollektiverziehung und Einzelerziehung (Familie) in den ersten (3) Lebensjahren, die bis ins Erwachsenenleben hineinwirken.
Das ist eine enorm wichtige gesellschaftspolitische Frage!

#20 |
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Student der Humanmedizin

So, zum Spaß habe ich gerade mal in den zweiten Artikel reingeschaut, die MRT Studie.
Der DocCheck Artikel behauptet: “dass die weiße Gehirnsubstanz im Alter von zwei Jahren bei den gestillten Kindern in einer Größenordnung von 20 bis 30 Prozent stärker entwickelt war als in den beiden Kontrollgruppen”

Tolle Zahlen, sehr eindrucksvoll – und schlichtweg falsch!

Wenn man sich das Paper zu Gemüte führt, erfährt man, worauf sich diese Zahlen beziehen:
Betrachtet man von vornherein nur DIE Areale, wo auch wirklich signifikante Unterschiede der gewünschten Richtung (breastfed > formula-fed) bestehen, DANN findet man Abweichung zwischen 15 und 35%.
Und schon ist es eine völlig andere Aussage.
Witzig: das Paper schreibt sogar, dass es auch Areale gibt, wo es sich GENAU UMGEKEHRT verhält, das wird aber statistisch nicht weiter ausgewertet. Es gibt auch keinen GESAMT-Vergleich (wie der DocCheck Artikel ja impliziert).

Wenn man sich die Korrelations-Kurven anguckt, ist das noch ernüchternder (kann ich jetzt aber hier natürlich nicht darstellen, wer einen Zugang hat, kann selber nachsehen).

Die Studie wurde darüber hinaus nicht blind durchgeführt, die auswertenden Forscher scheinen also bereits während der Auswertung gewusst zu haben, ob sie gerade ein Bild aus der breastfed oder eines aus der formula-fed Gruppe vor sich hatten. Auch das finde ich bedenklich, schließlich geschieht MRT-Asuwertung ja nicht Vollautomatisch (genaue Infos über manuell vorgenommene Justierungen werden aber nicht gegeben, also ist das sicherlich mein schwächster Kritikpunkt).

Und, um noch einmal drauf zurück zu kommen:
Die confounding variables sind hier NOCH dürftiger betrachtet worden. Außerdem fand dann kein paarweises Gruppieren statt, stattdessen wurden mittels t-Tests die Ausprägungen in den einzelnen Gruppen miteinander verglichen (zwar ist davon nichts für sich genommen signifikant, es sind aber in mehreren Variablen Tendenzen vorhanden – und zwar in wichtigen Variablen wie der male:femal ratio und im social status der Mutter).

Die von mir vorgeschlagene confounder variable “Zeit, die die Mutter mit dem Kind verbringt” ist natürlich auch nicht erfasst (ist zugegebenermaßen schlecht messbar).

Dass dann Kinder, die länger gestillt werden (also Kinder von Müttern, die über mehr als 1 Jahr eine 1:1 Betreuung durch die wichtigste Bezugsperson ermöglichen) stärkere Entwicklung zeigen, als jene, die mglw. mit 12 Monaten in die Krippe kamen, finde ich auch nicht überraschend. (Um jetzt gleich Diskussionen vorzubeugen – auch gegen frühe Betreuung in der Krippe möchte ich erstmal nichts einwenden, also auch niemanden dafür angreifen, Kinder früh in Betreuung zu geben und wieder arbeiten zu gehen. Das Ganze ist nur einfach ein sehr simples, schönes und wirkungsvolles Beispiel einer Störvariable).

In diesem Sinne: traue nie einer Studie, die du nicht mal selbst gelesen hast (nein, Moment, das Zitat ging anders. Na was solls)

#19 |
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Student der Humanmedizin

Leider kein Edit möglich, also hier der Nachtrag:

Sie beziehen sich auf die zweite Studie, die ich nicht mehr im Original lesen konnte (s. Anmerkung 2 meines ersten Postings). Meine Ausführungen bezogen sich zunächst mal auf die erste Studie.

Ich ziehe also “Ich bin mir aber fast sicher, dass die Gruppenzuordnung in den anderen Studien nach ähnlichem Schema erfolgte” vorerst sicherheitshalber zurück, damit mich da in geschriebener Form niemand drauf festnageln kann – und denke mir meinen Teil… ;)

#18 |
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Student der Humanmedizin

@ Wolfgang Bayerl:

welche “kleine Gruppe”? In der ersten zitierten Studie lese ich
“17 419 individuals participated in the 1958 cohort and 16 771 in the 1970 cohort. The effect of breast feeding on intergenerational social mobility from age 10/11 to age 33/34 was analysed after multiple imputations to fill in missing data and propensity score matching on a wide range of confounders measured in childhood (1958 cohort N=16 039–16 154; 1970 cohort N=16 255–16 361). ”

Das sind doch keine kleinen Kohorten!

Ich sprach auch nicht von “Erziehung” die hier den entscheidenden Unterschied macht, sondern habe einfach mal “Zeit mit dem Baby” im allgemeinen vorgeschlagen – aber auch das ist natürlich erstmal nur eine vage Behauptung.

Ich glaube schon, dass die Bereitschaft der Mutter zu stillen mit vielen anderen Variablen zusammenhängt, die in der ersten Studie nicht erfasst wurden (und will nach wie vor niemanden dafür angreifen, das Kind nicht zu stillen). Solange man die nicht rausrechnet, ist die Studie wertlos (oder zumindest ist es grob fahrlässig, daraus kausale (!!) Schlüsse zu ziehen).

#17 |
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Kinderfreund
Kinderfreund

Verehrte Frau Kaspar, ich will hier Ihre Fürsorgequalität nicht im entferntesten anzweifeln. Sie sind nur eine “glorreiche Ausnahme” in der biologischen Fähigkeit des Stillens. Fragen Sie eine Stillberaterin.

#16 |
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Katharina Kaspar
Katharina Kaspar

Hallo Kinderfreund, vielen Dank für dieses anschauliche Beispiel meiner Erfahrung: nicht stillen = kümmert sich auch sonst nicht ums Kind.
Selbstverständlich würde eine verantwortungsvolle Mutter ihr Kind auch eher natürlich verhungern lassen als es mit böser – gesüsster – Ersatznahrung zu füttern.
Ich hab mir dann mal die Freiheit genommen mich trotzdem intensiv um mein Kind zu kümmern. Aus dem ganz egoistischen Grund dass es mir einfach Spass macht.
Und es wäre anmassend zu denken ich sei damit eine glorreiche Ausnahme.

#15 |
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@ Johannes Dick, mit der Statistik musst du aber noch etwas üben.

Hier wird ja gerade bei der kleineren Gruppe (133) ein eklatanter Unterschied gezeigt.
Der muss einfach zunächst einmal zur Kenntnis genommen werden.
Wenn man nun überzeugt ist, dass es nicht nur der Ernährungsfaktor Muttermilch sein kann, dann muss man sich fragen, was unterscheidet die “Erziehung” der gestillten Babies noch von der Erziehung nicht gestillter Babies.

#14 |
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Student der Humanmedizin

“Aber ich denke es geht mehr um die persönliche Betreuung, als um die Milchqualität!”
Da trifft doch “Kinderfreund” – vielleicht ohne es zu wissen? – den Nagel auf den Kopf. Zwar handelt es sich hier immerhin um eine prospektive Studie (genauer: die erhobenen Primärdaten wurden in einer solchen erhoben, der jetzt veröffentlichte Artikel nutzt ja nur noch einmal die bereits erhobenen Daten). Die Einteilung in Untersuchungsgruppen lässt aber definitiv keine kausalen Schlüsse zu:
“Mothers were asked when their child was age 7 (1958 cohort) or age 5 (1970 cohort) whether they had breast fed their child.”

Alle Mütter, die ihre Kinder nicht gestillt haben (und zwar egal aus welchen Gründen) landen in der einen, die anderen Mütter in der anderen Gruppe.

Wer sein Kind nicht stillen will oder bereits früh wieder anfängt zu arbeiten, schenkt ihm möglicherweise auch im Allgemeinen weniger Aufmerksamkeit, als eine Mutter, die das Kind stillen möchte (um niemandem zu Nahe zu treten: natürlich fallen auch diejenigen in die “nicht-stillen-Gruppe”, die das Kind nicht stillen KÖNNEN, so etwas geht dann aber in einer groß angelegten Studie erst recht unter).

Zwar wurden verschiedene Variablen im Rahmen eines propensity scores mit einbezogen, um “vergleichbare” Kohorten zu erhalten (zumindest verstehe ich so das vorliegende Paper), die Variablen erfassen aber wesentliche Dinge (eben zum Beispiel, wie viel Zeit die Mutter unabhängig vom Stillen mit ihrem Kind verbracht hat) nicht im Geringsten.
[Anmerkung: Besprochen wird dies in Appendix B. Der ist aber auch anderweitig sehr aussagekräftig: dort ist nämlich von Korellation zwischen Körpergröße der Mutter und Stillverhalten die Rede. Wer’s noch nicht wusste: Mit ausreichend großen Datensätzen kriegt man ALLES signifikant! Spätestens an diesem Punkt hätte man aber doch ahnen müssen, dass Unterschiede in späterem sozialen Status der Kinder möglicherweise genausowenig mit Stillen zu tun haben, wie die Haarfarbe der Stillenden…]

Zusammenfassend: Was haben die Forscher herausgefunden? Möglicherweise (!) gibt es einen irgendwie gearteten Zusammenhang zwischen Stillen und späterem sozialen Status des Kindes. Kausal ist er dann aber noch lange nicht (sondern wird vielleicht durch eine dritte Variable vermittelt).

Wenn es nun also um die Frage geht “Stillen – Ja oder Nein?”, so kann ich dazu natürlich auch überhaupt keine Antwort geben – aber wie man (nunmehr seit Jahrzehnten) dermaßen unwissenschaftlich auf diesem Thema herumhacken kann, verstehe ich beim besten Willen nicht. Daraus dann Empfehlungen abzuleiten ist fahrlässig. Und Müttern, die nicht stillen wollen (oder gar denen, die nicht stillen können), einen Vorwurf zu machen, ist vor allem eines: armselig. Erst recht, wenn man seine offene Abneigung dann auch noch mit so einem Pseudowissenschaftlichen Stuss wie dem oben geschilderten zu begründen versucht.

In diesem Sinne: helft euren Kindern bei den Mathe-Hausaufgaben, damit sie solchen Unsinn später erkennen – Basiskenntnisse in Statistik schützen darüber hinaus vor Diabetes. Gebt mir eine Kohorte mit 500.000 Probanden und ich werde es euch beweisen.

[Anmerkung 2: bitte verzeiht, dass ich jetzt nur den ersten Artikel durchgegangen bin, für mehr fehlt mir die Zeit. Ich bin mir aber fast sicher, dass die Gruppenzuordnung in den anderen Studien nach ähnlichem Schema erfolgte]

#13 |
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Kinderfreund
Kinderfreund

nicht besonders kinderfreundliche Antworten!
Selbstverständlich gibt es auch ein Riesenangebot an Babynahrung, kaum noch überschaubar, meist zu süß.
Aber ich denke es geht mehr um die persönliche Betreuung, als um die Milchqualität!
Und wer gegen das Stillen meckert, wird wohl auch bei dieser Betreuung Abstriche machen wollen.

#12 |
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Heilpraktikerin

@ Frau Kaspar: Ich freue mich, dass Sie die allgemeine “Still-Euphorie” öffentlich anzweifeln. Auch ich hatte anfangs große Schwierigkeiten, meine erste Tochter anzulegen und wurde dann mitten in der Nacht von der Schwester fast beschimpft, weil dann zugefüttert werden musste: “Sie geben sich gar keine Mühe!” Missachtung trifft es wirklich!

@ Frau Bair: Wo lesen Sie aus dem Artikel heraus, dass Väter ihre Frauen zum Stillen anhalten wollen/sollen, damit aus den Kindern was wird? Ich habe da keinen entsprechenden Absatz gefunden.

#11 |
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Katharina Kaspar
Katharina Kaspar

Frau “Gast”, ich kann Frau Bair sehr gut verstehen. Als nicht stillende Mutter wird man zwar nicht durch Artikel aber durch Menschen die diese entsprechend der eigenen Ideologie einsetzen angegriffen. Ich bin selber Ärztin und durchaus von den Vorteilen des Stillens überzeugt. Dennoch konnte ich trotz Beratung durch Frauenärztin, Stillberaterin, Hebamme und Krankenschwestern meine Tochter nicht stillen. Es war einfach keine Milch da. Neben den eigenen Zweifel war ich auch noch der Missachtung durch andere Mütter und der Ungläubigkeit dass es wirklich so seien könne ausgesetzt. Diese Erfahrungen wurden mir durchaus von anderen Müttern denen das Stillen nicht gelang bestätigt. Ich frage Sie daher: Wo bitte sind die Hilfsangebote für Mütter in dieser Situation? In der öffentlichen Diskussion hört man leider praktisch nur Aussagen von “jede Frau kann stillen wenn sie denn nur will” bis “Ersatzmilch ist Körperverletzung” statt “es gibt eine Menge Frauen denen es genauso geht”. Artikel die letztlich eher vage Vermutungen bezüglich der Ursachen ihrer Ergebnisse aufstellen sind sicherlich nicht hilfreich.

#10 |
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Regine Reusch
Regine Reusch

Das einzig echte “Stillproblem” sind die politischen Diskussionen und Entscheidungen, denn dort wird diese Möglichkeit der Säuglingsernährung, mit all ihren organisatorischen Konsequenzen ausgeblendet. Weder die Frau, die Geld verdienen muss, noch die Frau die einfach sehr gerne der Arbeit in ihrem Beruf nachgeht, wird organisatorisch unterstützt.
Trotz des einen oder anderen Kritikpunktes der bisherigen Kommentatoren bitte dieses Studienergebnis ans Familien- und Arbeitsministerium schicken.

#9 |
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Was hat Stillen denn nun mit “männlicher Forschung” zu tun?

#8 |
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Dirk Blanke
Dirk Blanke

Frau Bair, ich kann Ihnen da nur zustimmen. Welche Eltern lassen ihren Kindern für eine Studie eigentlich ein MRT zukommen, außer dafür abzukassieren?
“Die untersuchten Kinder stammten aus Familien mit vergleichbarem wirtschaftlichem und sozialen Background…” kann vieles bedeuten.
Eltern die ihre Kinder vermarkten, sind wohl nicht der Standard.

#7 |
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R.Wick
R.Wick

Wenn das stimmt, dann müssten im 19.Jahrhundert alle Kinder ihre Eltern überflügelt haben, denn es gab nichts anderes! Wenn eine arme Frau wegen Stress oder Schwäche nicht stillen und sich keine Amme leisten konnte, sind die Kinder oft verstorben, weil Tiermilch von den Säuglingen, auch in verdünnter Form, nicht gut vertragen wurde/wird.
Selbstverständlich ist stillen sehr gut für das Kind, das hat sich schließlich seit Anbeginn der Menschheit bewährt, aber ich finde der Artikel übt auf die Frauen Druck aus.
Was ist mit denen, die aus gesundheitlichen oder anderen Gründen nicht stillen können? Die wollen ja auch das Beste für ihr Kind und müssen nun das Gefühl bekommen nicht gut genug zu sein, da sie nicht alles für ihr Kind leisten zu können.
Dr. Bair: Es müssen nicht nur Väter sein, die ihre Frauen zum Stillen „motivieren“, die Frauen würden sich mit Sicherheit auch selbst unter Druck setzen, wenn sie diesem Artikel glauben.
Entscheidend für die positive Entwicklung eines Kindes ist immer noch die Zuwendung, die Anregung und die Zeit, die man für ein Kind hat und das Kind selbst. Alles andere ist Quatsch. Bei der Studie wurde nur der vergleichbare wirtschaftliche und soziale Background gesehen, aber nicht, wie die Eltern mit ihren Kindern tatsächlich umgegangen sind.
Übrigens mein Jüngster ist ein Flaschenkind und hat in seiner Entwicklung nicht nur alle anderen gleichaltrigen Kids überflügelt, sondern inzwischen auch mich.
Hilfe und Beistand für Mütter die stillen w o l l e n finde ich aber in jedem Falle gut.
R.Wick

#6 |
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Gast
Gast

Frau Bair, sie sind Ärztin? Fühlen sich aber irgendwie persönlich von dem Artikel angegriffen. Das tut mir sehr leid! Dennoch KANN man niemandem zum Stillen anregen – Stillen muss man WOLLEN. Und zwar mit ganzem Herzen. Erst dann kann man auch Widrigkeiten überwinden. Weiterhin nötig ist die von Herrn Dr. med. Bayerl genannte Unterstützung: “Stillende Mütter benötigen psychische und praktische Unterstützung durch den Vater, Familienangehörige oder Freunde.” Dem möchte ich hinzufügen, dass weiterhin oftmals eine kompetente fachliche (Still-)beratung nötig ist. Ich selbst wurde nicht gestillt (da adoptiert), bin Sonderschulpädagogin, Mutter zweier Kinder und ehrenamtlich für La Leche Liga Dt. e.V. zuständig. Dieser Verein setzt sich neben der AFS für die Förderung des Stillens ein und gibt ratsuchenden Müttern Hilfe und Beistand und fördert den Austausch der Mütter untereinander. Erstaunlich ist, dass (nachweislich!) “gebildete” Mütter oft auch eher die Hilfe solcher Vereine annehmen als Mütter, denen in ihrem Milieu suggeriert wird, es gehe auch ohne Flasche. Aber ich kann nur noch einmal betonen: gerade die letztgenannten benötigen Aufklärung und Unterstützung, um ihren Kindern von Anfang an die gleichen Chancen zu ermöglichen!

#5 |
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Ärztin

Sehr geehrter Herr Strausz, es gibt ja verschiedene Modeformen, nicht nur in der Kleidung. Dass das Stillen was Gutes ist, wenn auch sonst (gesellschaftlich und familiär) alles gut ist, bedarf keinerlei männlicher Forschung. Es gab allerdings mal Zeiten, da wurden Kinder in r e i c h e n Familien nicht von der Mutter, sondern von einer Amme gestillt. Ist aus denen dann später auch nix geworden?
Wieviel gesellschaftlichen Druck transportieren männliche Wissenschaftler doch gern mit ihren “neuen Erkenntnissen”! Ich bin Jahrgang 1955, von einer damals mit Umweltgiften angereicherten Mutter (wie hieß das aus der Luft gesprühte Kartoffelkäfergift?) nur kurz gestillt, dann allerdings aus einem Glasfläschchen gefüttert, nicht auch noch mit Biphosphenolen verseucht worden.
Was müssen das für Väter sein, die ihre Frau zum Stillen anhalten, damit aus dem Kleinen mal was Ordentliches wird! Meine Mutter unterschied da noch nach Geschlecht, sie hielt es durchaus nicht für einen Vorteil, wenn eine Tochter ihren Vater überflügelt. Weder ich noch einer meiner Brüder sind Professor geworden oder haben sonst unsere Eltern überflügelt – wegen zu kurzen Stillens nicht, oder aufgrund unserer Erziehung, oder gar aus eigenem Willen??? M. Bair

#4 |
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milawin
milawin

Dass die Stillempfehlungen in der Liste unten so oft mit “es soll…” beginnen bzw. bestückt sind, macht unnötig Druck und wirkt eher zwanghaft als ermutigend.
Z.B.

Hungrige Kinder sollten besonders häufig und beidseitig angelegt werden.

Wenn man oder besser gesagt: Frau nach Bedarf stillt, dann wird nicht geschaut, wie häufig ist besonders häufig? Und ob ein- oder beidseitig spielt dann auch keine Rolle mehr, wenn sowieso zu jeder Tages- und Nachtzeit gestillt wird; wie lang der Abstand zwischen den beiden Brüsten ist entscheiden Mutter und Kind.

#3 |
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Herzlichen Dank Herr Michael Strausz für den wichtigen Beitrag!
Darüber sollte geredet werden.
Die gravierenden Unterschiede bes. der US-Studie sind als reine Ernährungswirkung wohl kaum zu erklären. Die Plastizität des Gehirns auf externe “Anforderung” ist eigentlich bekannt, ebenso der NEGATIVE Einfluss von Stress auf die unglaublich dynamische Hirnentwicklung, objektiv messbar als erhöhter Cortisolspiegel, den man ja inzwischen unblutig im Speichel bestimmen kann.
Interessant wäre also die Korrelation zu frühkindlichem Stress (erhöhter Cortisolspiegel). Und hier ist seit langem bekannt, dass er durch frühzeitige Trennung von der (natürlich positiv eingestellten) EINZIGEN Hauptbezugsperson (Mutter) stark beeinflusst wird. Und hier trifft sich zwanglos langes Stillen mit später Trennung von dieser Person.

Politisch natürlich unerwünscht im Zeitalter der staatlichen Kita-Förderung. Deshalb darf ich diesen guten Beitrag mutig nennen!

Dieser scheinbare Widerspruch versteckt sich wohl in der “Empfehlung”:
“Stillende Mütter benötigen psychische und praktische Unterstützung durch den Vater, Familienangehörige oder Freunde.”,
was sich wohl weniger auf das Stillen selbst, als viel mehr die “24-Stunden-Bereitschaft” für ein gesundes “hyperaktives” Baby bezieht.
Der Wunschtraum aller Eltern,
die Intelligenz ihres Sprösslings durch spezielle Ernährung zu beeinflussen, wird jedenfalls auch in Zukunft unerfüllt bleiben, auch wenn die Bedeutung für die “biologische Gesundheit” keineswegs unterschätzt werden soll.

mfG

#2 |
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Eberhard Zittrell
Eberhard Zittrell

das Beste an der Muttermilch ist die Verpackung

#1 |
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