Hirnatrophie: Bitte Ruhe bewahren

6. Juni 2017
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Das Gefahrenpotenzial von Neuroleptika wurde zuletzt intensiv diskutiert. Unter anderem war von Veränderungen des Hirnvolumens die Rede. Den Einsatz von Neuroleptika bei Psychosen sollte man dennoch sachlich und differenziert betrachten, fordert nun ein Expertenteam.

Neuroleptika sind ein zentraler Bestandteil der Behandlung akuter Psychosen“, erklärt Prof. Dr. Peter Falkai, Direktor der Psychiatrischen Klinik am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München. „Die Vorteile dieser Medikamente sind sehr gut belegt und wiegen die potenziellen Nebenwirkungen auf“, sagt der Psychiater weiter.

Auch sein Forschungspartner von der Medizinischen Universität in Innsbruck und Co-Autor der Studie, Prof. Wolfgang Fleischhacker, pflichtet ihm bei: „Nach genauer Prüfung der Fakten kommt die internationale Expertengruppe zur Ansicht, dass für die meisten Patienten der Nutzen der Verschreibung von Antipsychotika das Risiko überwiegt.“

Allein in Deutschland nehmen geschätzt 400.000 Patienten mit Psychosen Neuroleptika ein. Zu den Psychosen zählt beispielsweise die Schizophrenie. Diese Erkrankungen sind geprägt von Denk- und Wahrnehmungsstörungen. Unbehandelt können Psychosen zu „einen großen psychosozialen Schaden führen“, wie Falkai es ausdrückt. So haben Patienten häufig krankheitsbedingt Schwierigkeiten, Arbeit zu finden und langfristig soziale Beziehungen zu halten.

Ärzte verordnen Neuroleptika auch gegen Schlafstörungen oder Unruhezuständen bei Demenzerkrankungen und bei schweren Depressionen gegen Wahnsymptome. 
In den vergangenen Jahren tauchten in der medizinischen Fachliteratur allerdings Hinweise auf, dass Neuroleptika zu Gehirnveränderungen wie einer Volumenminderung führen können. Dafür gibt es auch „eine gewisse Evidenz“, betont Falkai.

Das Hirn schrumpft

Das Gehirnvolumen unter Neuroleptika schrumpft im Mittel um ein bis zwei Prozent. Dieser auch in den Medien diskutierte Befund hat viele Patienten verunsichert. „Überoptimistische Berichte über positive Krankheitsverläufe ohne Medikamente beruhen primär auf einigen wenigen wissenschaftlich mangelhaften Studien“, ergänzt Prof. Fleischhacker, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik an der Medizinischen Universität Innsbruck. 

Zwei Drittel dieser Veränderungen seien aber eher auf die Krankheit und den Lebensstil (zum Beispiel Rauchen, Alkoholgenuss) an sich zurückzuführen.

Bei einer psychischen Erkrankung, erklärt der Psychiater, „ist außerdem die Informationsverarbeitung im Gehirn häufig beeinträchtigt.“ Das führt zu einer „funktionellen Atrophie“, die in einer Hirnvolumenreduktion mündet. „Übrigens sind Fluktuationen im Hirnvolumen gar nicht so ungewöhnlich“, sagt Falkai – zum Beispiel in längeren Stressphasen oder durch Schlaflosigkeit.

Aktuell keine Alternative

Dem Experten zufolge profitieren die meisten Patienten mit einer akuten Psychose von der Behandlung mit Neuroleptika, „da diese Menschen so die Möglichkeit haben, ihr Leben erfolgreicher zu bewältigen.“ Nach einer sorgfältigen Diagnose sollten Ärzte ihre Patienten über diese Medikamente aufklären und sie in der kleinstnötigen Dosis verschreiben. Nach Erstauftreten einer Psychose dauert die Behandlung zunächst ein Jahr. Kehrt die Erkrankung regelmäßig wieder, sei gegebenenfalls eine jahrelange Therapie mit Neuroleptika nötig, „wozu es leider im Augenblick keine Alternative gibt.“

 

Der Text basiert auf einer Pressemitteilung der Universität München.

 

Quelle:

The Long-Term Effects of Antipsychotic Medication on Clinical Course in Schizophrenia
Donald C., Goff et al.; American Journal of Psychiatry, doi: 10.1176/appi.ajp.2017.16091016; 2016

20 Wertungen (4.25 ø)

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2 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

2. Kommentar: Neuroleptika werden auch gegeben, wenn die Diagnose nicht eindeutig ist. Die Diagnose “Psychose” ist sogar relativ oft einfach falsch.
Dahinter verbergen sich Traumata, PTBS, Dissoziationen, schwere Depressionen, autistische Störungen. Wenn NL dem Patienten dennoch “helfen”, liegt das daran, dass sämtliche höheren kognitiven Funktionen lahm gelegt werden. Der Patient wird “ruhiger”. Ungefähr so, als würde man einem zu schnell fahrenden Auto , um es anzuhalten, in die Reifen schießen.

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Nichtmedizinische Berufe

. Da das Umsatzfeld nicht allzu groß ist, bemühen sich nahezu alle Hersteller von NL um weitere Zulassungsfelder: Risperidon bei unruhigem, aggressivem Verhalten im Kindesalter, Quetiapin bei Depressionen und Schlafstörungen, Promethazin und Olanzapin, um schwierige Bewohner von Alten- und Pflegeheimen ruhig zu stellen und die so niedlich klingende Flupsi- Spritze zur Nervenkräftigung – oft habe ich den Eindruck, die Dinger werden verteilt wie Smarties.
Diese starken Medikamente mit ihren vielen Nebenwirkungen sollten Fällen schwerer Psychosen vorbehalten sein.
Schon bei leichten Psychosen kann man darüber streiten, ob Metakognitives Training und Reizabschirmung nicht die gleichen Resultate bringen und die Prophylaxe verursacht Negativsymptome, Depressionen, Bewegungsstörungen und verhindert auf längere Sicht gesellschaftliche Integration und/oder sogar Heilung (Recovery) https://ddpp.eu/news-meldung/aktuelle-forschungsergebnisse-zur-neuroleptika-behandlung.html
Im Zweifelsfall sollte sich der behandelndende Psychiater selbst fragen: “Würde ICH selbst Medikamente einnehmen, die eine Hirnatrophie verursachen? Würde ich sie meinem Partner/ meinen Kindern geben?”

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