Polyneuropathien – Das große Kribbeln

10. September 2010
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Viele Nerven, viele Beschwerden: Bei Polyneuropathien nehmen die Neuronen außerhalb vom Rückenmark Schaden. Patienten klagen über Missempfindungen wie Kribbeln und Taubheit. Ist die Ursache bekannt, lassen sich Therapien einleiten.

Polyneuropathien zählen nicht gerade zu den häufigen Erkrankungen: Wissenschaftler schätzen, dass sich unter 100.000 Menschen gerade einmal 40 Patienten befinden. Dabei gibt es große regionale Unterschiede durch die Standards in Ernährung, Hygiene und medizinischer Versorgung. Aber Polyneuropathie ist nicht gleich Polyneuropathie: Mit rund 34 Prozent aller Fälle gilt Diabetes mellitus als häufigster Auslöser, gefolgt von Alkohol (11 Prozent). Autoimmunerkrankungen und Infektionen mit Bakterien bzw. Viren sowie angeborene Formen der Polyneuropathie sind seltener. Aufgrund der Vielzahl von Mechanismen steht die Suche nach dem auslösenden Faktor an erster Stelle.

Wenn der Stoffwechsel außer Takt gerät

Ist der Blutzucker nicht richtig eingestellt, schädigt Diabetes mellitus nicht nur die Blutgefäße, sondern auch die Nerven. Eine diabetische Neuropathie ist dann unausweichlich – mit körperlichen und seelischen Qualen. „Diabetes und Schlafstörungen, Depression und Angststörungen, Energie- und Appetitlosigkeit bilden bei manchen Patienten ein psycho-internistisches Syndrom“, weiß Prof. Dr. Göran Hajak vom Regensburger Universitätsklinikum. Schüttet der Körper das Stresshormon Kortisol aus, belastet das die ohnehin schlechte Stoffwechsellage zusätzlich.
Therapeutisch ist vor allem die Verbesserung der Blutzuckerwerte durch häufige Messungen und daran angepasste Insulingaben wichtig. Um aber den Teufelskreislauf aus Schmerzen und Stress zu durchbrechen, helfen zum Beispiel Antikonvulsiva und Antidepressiva. Bei neuropathischen Schmerzen empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie Duloxetin, Gabapentin, Pregabalin, Amitriptylin, Nortriptylin sowie Venlafaxin. Einer kanadischen Studie zufolge hat sich die Kombination von Nortriptylin und Gabapentin als besonders verträglich erwiesen. Diese Empfehlungen werden durch Opioide wie Tramadol und Oxycodon ergänzt. Bei gleicher Wirksamkeit ist Tapentadol, ein in Deutschland noch nicht zugelassenes Arzneimittel, weitaus verträglicher. Mit einer Zulassung rechnen Apotheker noch bis Ende des Jahres.

Bei Missempfinden in den Beinen und Nervenschmerzen schafft ein neues Therapieverfahren des Universitätsklinikums Heidelberg Abhilfe. „Wir halten die Muskelstimulation für eine effektive Therapie, die vielen Patienten helfen kann und sie wenig belastet. Insbesondere der günstige Effekt auf den Nachtschlaf sollte für eine Verbesserung der Lebensqualität bei den betroffenen Patienten sorgen“, betont Professor Dr. Peter Nawroth, der Ärztliche Direktor der Abteilung Endokrinologie und Stoffwechsel. Dabei reizen Ärzte die Muskulatur des Oberschenkels mit Stromimpulsen. In einer Studie profitierten 73 Prozent der Teilnehmer bereits nach vier Wochen von der Therapie.
Auch die Blockade toxischer Stoffwechselwege bringt Linderung. Benfotiamin, eine Vorstufe des Vitamins B1 (Thiamin), reduziert speziell die Bildung schädlicher Abbauprodukte aus Eiweißen und Zuckern, die sich bei einer schlechten Stoffwechsellage anhäufen. „Diabetiker weisen im Vergleich zu Gesunden eine um 75 Prozent geringere Thiaminkonzentration im Plasma auf“, so Privatdozent Dr. Burkhard Herrmann, Direktor des Instituts für Kardio-Diabetes und Endokrinologie, Technologiezentrum an der Ruhr-Universität Bochum. Dieser Mangel führt zu einer Anhäufung toxischer Stoffwechselprodukte und damit zu einer weiteren Schädigung der Nerven. Bei einer Studie halfen den Patienten 600 mg Benfotiamin pro Tag über sechs Wochen, indem Entgiftungsenzyme aktiviert wurden.

Wenn sich der Körper selbst bekämpft

Statt gesunder Abwehrreaktionen, die bakterielle und virale Eindringlinge in Schach halten würden, geht es bei der chronisch-inflammatorischen, demyelinisierenden Polyneuropathie (CIPD) den eigenen Nerven an den Kragen: Ihre Hüllstrukturen werden sukzessive abgebaut. Unbehandelt führt das Leiden früher oder später zu Lähmungserscheinungen. Eine hoch dosierte, langfristig angelegte Kortikoidtherapie stoppt diese Entzündungsvorgänge. Allerdings treten Nebenwirkungen wie aus dem Lehrbuch auf: Gewichtszunahme, Entkalkung der Knochen oder Veränderungen der Haut sind an der Tagesordnung. Um die Dosis reduzieren zu können, verabreicht man ergänzend immunsuppressive Substanzen.

Im Akutfall greifen Fachärzte zum Plasmaaustausch: Eiweißbestandteile des Erkrankten lassen sich gegen eine Lösung aus Salzen, Puffern und Albumin austauschen – eine Erfolg versprechende, aber äußerst belastende Prozedur, deren Wirkung maximal acht Wochen anhält. Intravenös verabreichte Immunglobuline sind im Vergleich dazu ähnlich wirksam, aber deutlich schonender. Wie diese Behandlung funktioniert, konnte eine Arbeitsgruppe um Professor Dr. Falk Nimmerjahn an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zeigen: Patienten mit CIPD haben aufgrund eines Gendefekts zu wenig Moleküle eines regulatorischen Eiweißstoffs, der das Immunsystem im Zaum hält. Bei der Gabe von Immunglobulinen normalisierte sich der Prozess, indem das regulatorische Molekül vom Körper vermehrt hergestellt wurde.

Lebensbedrohliche Lähmung

Während sich die CIPD vergleichsweise langsam ausbildet und die Symptome auf die Extremitäten beschränkt bleiben, entwickelt sich beim Guillain-Barré-Syndrom innerhalb weniger Tage eine Lähmung, die den ganzen Körper betreffen kann. Besonders bedrohlich ist dabei der Funktionsverlust der Atemmuskulatur, aber auch Herzrhythmusstörungen werden beschrieben. Dementsprechend konzentriert sich die stationäre Therapie neben der Unterdrückung der Autoimmunreaktion auf die Stabilisierung des Herz-Kreislauf-Systems und der Atmung sowie auf die Thromboseprophylaxe. In schweren Fällen ist dazu eine wochenlange intensivmedizinische Betreuung erforderlich.

Wodurch diese Vorgänge letztlich ausgelöst werden, konnten Wissenschaftler noch nicht zweifelsfrei klären. Bei der Auswertung von Patientendaten fiel aber auf, dass etwa zwei Drittel im Vorfeld unter einer bakteriellen oder viralen Entzündung litten. Möglicherweise reagiert das ohnehin aktivierte Immunsystem eben nicht nur auf die Oberflächenstrukturen der Erreger, sondern auch auf die chemisch ähnlich aufgebaute Membran der Nervenfasern. Hingegen konnten Impfungen als Auslöser weder bestätigt noch dementiert werden.

Vergiftete Nerven

Einige Chemikalien schädigen speziell die Nerven. Dazu gehört vor allem Alkohol: Sowohl Ethanol selbst als auch das Abbauprodukt Acetaldehyd wirken toxisch. Hinzu kommt, dass bei chronischem Alkoholmissbrauch der gesamte Stoffwechsel in eine Schieflage gerät. Aber auch Medikamente wie Chemotherapeutika oder Schwermetallsalze wie Arsen, Blei und Thallium greifen die Neuronen an und führen zu Polyneuropathien. An erster Stelle stehen hier die Entgiftung des Körpers und die Fahndung nach den Ursachen. Bei Alkoholmissbrauch sind langfristige pharmakologische und psychotherapeutische Ansätze gefragt.

205 Wertungen (3.91 ø)
Medizin

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7 Kommentare:

Noch immer müssen wir mit einer hohen Zahl, d.h.ca. 20-25% von “idiopathischen” Fällen rechnen, bei denen keine Ursache gefunden wird. Ihre Behandlung beschränkt sich auf Bekämpfung der Schmerzen, insoweit Schmerzen vorhanden sind und nicht die Lähmungssymptome im Vordergrund stehen. Letztere sind in der Regel therapieresistent und damit ein Tummelplatz alternativer Verfahren.
Gr0ß

#7 |
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Natürlich ist der Hinweis auf die Berufskrankheit Nr. 1317 wichtig, insbesondere war der jahrelange Kampf gegen die “Holzschutzmittel” kein Ruhmesblatt deutscher Medizinalaufsicht einschließlich der betreffenden Rechtssprechung,
aber sie steht heute natürlich nicht im Mittelpunkt der Polyneuropathie-Ursachen.
Ganz ausgezeichnet ist dagegen der Hinweis unseres Heilpraktikers (#3) bezüglich Vit.B12-Mangel, denn dieses Vitamin ist essentiell für die Myelinhüllen der Nerven.
B12-Mangel nimmt im Alter massiv zu, es wird auch trotz ausreichender oraler Zufuhr nicht mehr ausreichend resorbiert (atrophische Gastritis). Beachtet wird routinemäßig meist nur die Megaloblasten-Anämie aber nicht der Nervenschaden, der manchmal auch ohne Anämie im Vordergrund steht.
Eine mir jetzt nicht präsente Studie hat bei Alzheimer-Patienten in 40% Vit.B12-Mangel festgestellt,
der übrigens labormäßig, wie in #3 angedeutet, gar nicht so einfach festellbar ist (B12-Analoga)
Gruß

#6 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Zu 4) LetztenAbsatz nicht gelesen???

#5 |
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Ingolf Spickschen
Ingolf Spickschen

Der Beitrag ist entweder ignorant oder gezielt irreführend: Die inzwischen häufigste ursache der Polyneuropathie – wie ihrer Steigerungsform Enzephalopathie – dürfte die Vergiftung durch organische Lösemittel oder ihre Gemische sein: Berufskrankheit Nr. 1317 nach der Berufskrankheitenverordnung. Infolge Ignoranz vieler behandelnder Ärzte und der Interessenbindung aller sog. Beratungsärzte und der Mehrheit der medizinischen Gutachter der Unfallvwersicherungen/Berufsgenossenschaften bleiben die beruflich bedingten Ursachen unentdeckt oder werden klein- bzw. weg”begutachtet”.
Dieser Beitrag reiht sich nahtlos in die schändliche Tradition einer Arbeitsmedizin ein, die Jahr für Jahr seit Jahrzehnten Tausende Betroffener und deren Familien um ihre gerechten Entschädigungen bringt und in unsägliches Leid stürzt.
Dies schreibe ich vor dem Hintergrund meiner inzwischen fast 30 – jährigen Erfahrung als kontrollierender Datenschützer und Anwalt. Im Rheinischen Merkur,Nr. 34 v. 26.08. 2010 ist jüngst die einschlägige Sach- und Rechtslage anhand eines typischen Falles unter Beteiligung des Nestors der deutschen Sozial- und Arbeitsmedizin, Prof. Woitowitz und des Bundesbeauftragten für den Datenschutz überaus zutreffend dargestellt und problematisiert worden. Auch die TAZ sowie zahlreiche Fernsehmagazine haben sachverständige Beiträge dazu in den letzten Jahren veröffentlicht.
Der DocCheck – Autor sollte sich künftig umfassend sachkundig machen, bevor er sich zu derart sesiblen Themen äußert!

#4 |
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Ich vermisse den orthomolekularen Ansatz mit neuroproktiv wirkenden Substanzen wie Alpha-Liponsäure, N-Acetylcystein, Benfotiamin und Methylcobalamin.
Gerade mit der Kombi aus ALA-Infusionen, zusätzlichen oralen Gaben von ALA an den injektionsfreien Tagen und Injektionsserien mit Vitamin B12 und Folsäure (Benchmark sollte die Normalisierung der Methylmalonsäureausscheidung im Urin sein – Folsäure wegen der Methylierung von Cyanocobalamin zu Methylcobalamin) sieht man in der Praxis mittelfristig oft Gutes. Und das Ganze belastet den Patienten weit weniger als z.B. Tramadol oder Gabapentin.
Sapere aude

#3 |
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Nichtmedizinische Berufe

Sehr geehrte Frau Dr. Schuerkamp,

die Verlinkung zur kanadischen Studie wurde nachgepflegt und ist jetzt im Fließtext als auch oben rechts in der Linkbox zu finden.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr DocCheck News Team

#2 |
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Dr. med. Elke Schuerkamp
Dr. med. Elke Schuerkamp

Nennen Sie mir bitte die Literaturstelle der kanadischen Studie, nach der die Kombination von Nortriptylin und Gabapentin besonders verträglich sei.

#1 |
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