Diabetiker in der Schläferstellung

6. Juni 2017
Teilen

Diabetiker haben oft nicht nur mit ihrem Blutzucker zu kämpfen, sondern auch mit Problemen im Bett. Sexualstörungen sind die häufigste Begleiterscheinung, an der Männer und Frauen mit Diabetes mellitus leiden. Und die Gruppe der Betroffenen wächst.

Wenn es im Bett nicht richtig klappt, wird aus der angeblich natürlichsten Sache der Welt schnell ein alles beherrschendes Thema. Denn plötzlich geht es um sehr viel mehr als Sex. Es geht um Leistung, um Selbstwert, um das Gefühl, bestehen zu wollen und auch um die eigene Partnerschaft. Ursachen für eine Flaute im Bett gibt es viele. Einige bereiten nur vorübergehend Probleme. Stress bei der Arbeit, Ärger in der Familie oder depressive Verstimmungen sind wahre Lustkiller. Sobald sich die Lage im Job entspannt oder der Streit mit dem Partner geklärt ist, geht es jedoch oft auch mit der Sexualität wieder aufwärts. Dauern die Probleme im Bett dagegen an, stecken vielleicht noch ganz andere Auslöser dahinter, wie etwa unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten oder körperliche Störungen.

Diabetes etwa bringt nicht nur den Zuckerstoffwechsel der Patienten durcheinander, sondern oft auch ihr Liebesleben. „Sexuelle Störungen sind die häufigste Folgekomplikation beim Diabetes mellitus“, sagt Thomas Haak, vom Diabeteszentrum Mergentheim. Schätzungen zufolge leiden etwa die Hälfte der Männer mit einem seit mehreren Jahren bestehenden Diabetes an einer erektilen Dysfunktion. „Dabei handelt es sich um eine Potenzstörung, bei der der Penis nicht ausreichend steif wird oder die Erektion nicht lange genug anhält“, erklärt der Haak.

Steigende Zahlen

Aber auch ein ausbleibender Samenerguss, ein verzögerter oder fehlender Orgasmus oder eine Eichelentzündung können Diabetikern Probleme bereiten. Noch weniger weiß man darüber, wie verbreitet sexuelle Störungen bei Frauen mit Diabetes sind. Ein Grund dafür könnte sein, dass Frauen sich mit diesem Problem nur selten zum Arzt trauen und das vermeintliche Tabuthema nicht ansprechen wollen. Sicher ist jedoch, dass auch sie darunter leiden.

Bei einer Befragung von Frauen im Alter von 40 bis 80 Jahren, stellten amerikanische Wissenschaftler fest, dass Diabetikerinnen seltener mit ihrem Sexleben zufrieden sind. Nach dem kürzlich erschienenen Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2017 leiden in Deutschland mehr als sechs Millionen Menschen an Diabetes, und es werden auch jedes Jahr etwa 300.000 mehr. Mit den stetig steigenden Zahlen der Stoffwechselstörung wächst auch die Gruppe derjenigen, die unter sexuellen Störungen leidet. Je länger der Diabetes besteht, und je höher das Alter, desto größer sind die negativen Auswirkungen auf die sexuelle Erregbarkeit und die Lust der Patienten.

Der erhöhte Blutzucker schädigt mit der Zeit zum Beispiel das Nervensystem. „Die Schäden an den Nerven wiederum können dazu führen, dass Penis und Klitoris nicht mehr wie gewohnt auf sexuelle Reize reagieren“, sagt Haak. Bei Männern entwickeln sich mitunter Erektions- und Ejakulationsstörungen, Frauen klagen über Orgasmusprobleme oder verminderte Lust. Bei Frauen beeinträchtigen hohe Zuckerwerte zudem die Durchblutung der Schleimhaut. Die Scheide muss gut durchblutet sein, damit sie beim Geschlechtsverkehr feuchter wird. Fehlt hier Feuchtigkeit, kann der Sex für die Frau unangenehm und schmerzhaft werden. „Außerdem steigt mit schlechten Blutzuckerwerten ihre Gefahr, Infektionen mit Pilzen oder Bakterien zu bekommen“, so Haak.

Risiko Herzinfarkt

Bei einigen Männern, die wegen Erektionsstörungen einen Arzt aufsuchen, ist das Auftreten einer erektilen Dysfunktion auch der erste Hinweis auf das Vorliegen einer beginnenden Gefäßerkrankung, aus der dann später eine Arteriosklerose. Beginnen die Arterien sich zu verhärten und zu verkalken, fließt nicht genügend Blut in den Penis. Eine Erektion wird so oft schon zu einem sehr frühen Krankheitsstadium geschwächt. Außerdem beeinträchtigen Bluthochdruck und erhöhte Blutfettwerte, die häufige Begleiter eines Diabetes sind, ebenfalls die Blutgefäße. Wer seinen Problemen beim Sex nachgeht, kann daher unter Umständen auch einem Herzinfarkt rechtzeitig vorbeugen.

Erster Ansprechpartner ist der Hausarzt oder der Diabetologe. Sie können herausfinden, was hinter den Problemen im Bett steckt, ob Nerven angegriffen sind oder Blutgefäße, oder ob Medikamente schuld an der Flaute sind. Außerdem muss er sicherstellen, dass der Zucker gut eingestellt ist und die Blutzuckerschwankungen möglichst gering gehalten werden. Ist die Ursache für die sexuellen Probleme einmal identifiziert, kann man das Problem gezielt angehen.

Der Arzt kann helfen

Die Therapien für Männer reichen von Tabletten bis hin zur Operation. PDE-5-Hemmer bewirken, dass bei sexueller Erregung mehr Blut in die Schwellkörper strömt. „Sie verbessern die Erektionsfähigkeit mit einer Ansprechrate von etwa 60 Prozent“, sagt Diabetesexperte Haak. Drei Wirkstoffe arbeiten nach diesem Muster: Sildenafil, Vardenafil und Tadalafil. „Vor allem Menschen mit einer schlechten Herzleistung sollten die Einnahme vorher jedoch mit ihrem Arzt abklären.“

Ein mechanisches Hilfsmittel ist die Vakuumpumpe, ein hohler Kunststoffzylinder, den sich der Mann vor dem Sex über den Penis stülpt. „Pumpt man anschließend die Luft heraus, strömt durch den Unterdruck Blut in den Penis und er wird steif“, erklärt Thomas Haak. „Damit das Blut nicht wieder abfließt, werden die Venen für maximal 30 Minuten mit einem Gummiring abgeklemmt.“ Deutlich seltener zum Einsatz kommt die Schwellkörper-Autoinjektionstechnik (SKAT), bei der man ein gefäßerweiterndes Mittel in den Penis spritzt. Wird eine Tablette in die Harnröhre gegeben, die den Blutfluss steigert, sprechen Ärzte meist von MUSE. In sehr seltenen Fällen macht es Sinn, den Blutfluss im Penis durch eine Operation zu verbessern.

Bei Frauen mit hormonellen Veränderungen können hormonhaltige Salben oder Zäpfchen Probleme wie Scheidentrockenheit oder Schmerzen beim Sex bessern“, sagt Haak. Gleitcremes befeuchten die Scheide, während Beckenbodentraining mit Gymnastik die Durchblutung im Vaginalbereich und das Lustempfinden fördert. Und auch Vaginaltrainer und Dilatatoren zum Weiten der Vagina können dabei helfen, dass Frauen den Sex wieder genießen können. Thomas Haak ist sich sicher: „In den meisten Fällen lässt sich die Zufriedenheit im Sexualleben der Patienten deutlich verbessern.“

59 Wertungen (4.41 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

7 Kommentare:

Angelika Oetken
Angelika Oetken

Sehr geehrter Herr Dr. Hübschmann,

die Sexualität des Menschen ist wirklich eine komplexe Angelegenheit. Und um die geht es im Artikel, nämlich wenn sie im Zusammenhang mit einer diabetischen Erkrankung beeinträchtigt wird. Und da übergriffiges Sexualverhalten in unserer Kultur, so wie in fast allen Kulturen der Welt tief in der Tradition verankert und weit verbreitet ist, spielt das auch im Zusammenhang mit sexuellen Problemen der vielen Millionen Menschen, die an der Volkskrankheit Diabetes leiden eine Rolle.

Es war übrigens Prof. Jörg Fegert, einer der ausgewiesensten deutschen Experten zum Thema, der Kindesmissbrauch in seiner Dimension mit Diabetes verglich. Nicht nur deshalb ist ein Vergleich angezeigt. Sondern auch, weil traumatischer Streß in der Kindheit epigenetische Folgen hat. Auf der Homepage der Max-Planck-Gesellschaft ist ein Artikel dazu eingestellt, der auf eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema hinweist. Titel „Kindesmisshandlung beeinflusst die Gene nachhaltig“. Das Risiko, strukturelle Schäden zu erleiden, die chronische Krankheiten nach sich ziehen steigt.

Zu den von mir angeführten Zahlen: sie beziehen sich auschließlich auf Kindesmissbrauch, der strafrechtlich relevant ist. In keinem Fall also auf das, was Sie vermutlich unter “normale Zärtlichkeit” verstehen. Zur Problematik von Häufigkeitsangaben hat der UBSKM auf seiner Homepage unter “Hintergrundmateralien” eine Fachexpertise veröffentlicht, an der Prof. Fegert und viele seiner FachkollegInnen mitgearbeitet haben.

Mit freundlichen Grüßen,
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

#7 |
  1

liebe Frau Oetken,
das Thema ist schon kompliziert genug, muss es durch die Ergaenzung des fruehkindl.Missbrauchs noch komplizierter gemacht werden?
Ich halte es uebrigens fuer gewaltig uebertrieben, von 9Mill.Erwachsener in DE auszugehen, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden.
Allein schon da die Grenze, ab wann aus normaler Zaertlichkeit Uebergriffigkeit wird, schwer zu ziehen ist, sind solche Statistiken mit Vorsicht zu betrachten.
Ich selbst haette jahrzehntelang die Frage, ob ich als Kind sexuell missbraucht wurde, bejaht. Heute sehe ich das zurueckhaltender (obwohl damit vermutlich nicht dem Zeitgeist entsprechend) und wuerde nur noch von grenzwertiger Uebergriffigkeit sprechen.

#6 |
  4

lieber herr laudenbach, franz
ich hatte ihnen schon einmal geraten, sich als MÄRCHENERZÄHLER umhabilitieren zu lassen. aber auch in diesem fall müssen sie immer von etwas neuem berichten und nicht immer nur die schlafapnoe und die ‘schwerwiegenden’ uaw von bewährten medikamenten herunterleiern. – oder ist ihre supratentorielle festplatte schon voll?

#5 |
  4
Angelika Oetken
Angelika Oetken

Ich bin seit 1970 Typ-I-Diabetikerin und möchte Folgendes zu bedenken geben:

1) die Rate an Menschen, die unter Depressionen leiden, ist unter Diabetikern sowieso erhöht. Wer depressiv ist, hat oft kein Interesse an (gemeinschaftlichen) Sexualaktivitäten
2) im Laufe des Lebens verändert sich das sexuelle Verlangen und das sexuelle Verhalten. Die Frequenz, sowohl im Hinblick auf Selbstbefriedigung, als auch die Rate an parterschaftlich ausgeübtem Sex lässt nach. Die Toleranz gegenüber ungeschicktem oder übergriffigem Verhalten des Partners auch. Für Frauen ab 40 ist die Unzufriedenheit mit der Sexualität des (Ehe-)Mannes einer der häufigsten Trennungsgründe. Wenn die Familienplanung abgeschlossen ist, eigene Kinder aus dem Gröbsten raus und die ökonomische und soziale Abhängigkeit vom Partner damit sinkt
3) auch die Einstellung zur Sexualität wandelt sich im Lauf der Jahre. In der Phase der Partnersuche sind junge Frauen und Männer toleranter, was das Sexualverhalten des potentiellen Lebensgefährten angeht, als später, wenn andere Dinge im Leben wichtiger werden. In der Lebensmitte beginnen viele Menschen mit einer Rückschau. Ein Viertel aller Frauen und mindestens ein Siebtel aller Männer sind in der Kindheit sexuell missbraucht worden. Die meisten davon versuchen, sich damit zu arrangieren, oft indem eigene Bedürfnisse unterdrückt, negative Gefühle abgespalten werden. Das betrifft ganz besonders intime Kontakte. Viele Betroffene wollen oder können das irgendwann nicht mehr und suchen sich außerhalb des Üblichen Möglichkeiten, ihre sexuellen Bedürfnisse auf passende und würdige Art zu leben. Oft indem sie auf Intimkontakte zu Anderen verzichten. Getrennte Schlafzimmer oder sogar Wohnungen sind bei Paaren nicht immer nur eine Reaktion darauf, dass einer schnarcht
4) Menschen, die am Diabetes Typ II erkranken, haben häufig noch andere gesundheitliche Probleme, insbesondere ein deutliches bis starkes Übergewicht. Aber auch Herz- Kreislaufstörungen oder orthopädische Erkrankungen. Alles Dinge, die das Sexuelle in den Hintergrund treten lassen, erschweren oder den Menschen in sexueller Hinsicht unattraktiver werden lassen

Abgesehen davon, ist die Leistungsfixierung auf (fragwürdige) Normen im sexuellen Bereich eh schon problematisch und sorgt für Verunsicherung. Ich muss immer schmunzeln, wenn so viel Gewese um die männliche Erektion gemacht wird. Möglicherweise überschätzen einige Männer da die Bedeutung dieser Funktion, wenn es um die sexuellen Bedürfnisse von Frauen geht. Neulich las ich, eine Umfrage hätte ergeben, dass ein Drittel der Frauen bei Vaginalpenetration einen Orgasmus vortäuschen, um die Sache abzukürzen. Für diese Frauen könnte ein Beckenbodentraining übrigens Wunder wirken. Gezielt angesteuert kann eine Frau mittels ihre Beckenbodenmuskeln das Ganze bei ihm schnell zum Ende führen. Tragisch, wenn “er” dann alle möglichen Mittelchen und Geräte zum Einsatz bringt, damit “es” funktioniert. Womöglich noch länger als sonst, so dass „sie“ wieder unter Druck kommt. So entwickeln sich Teufelskreise der unausgesprochenen Fehlannahmen. Auch damit kann man eine an sich funktionierende Beziehung kaputt und sich gegenseitig das Leben schwer machen. Dabei ist es gerade die Partnerschaft, das soziale Miteinander, was vielen der 10 Millionen Diabetiker, die in unserem Land leben eine der wichtigsten Ressourcen im Umgang mit ihrer Erkrankung darstellt.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer von schwerem sexuellen Missbrauch wurden

#4 |
  4
franz laudenbach
franz laudenbach

Hans Weiss in seinem TB.; Mit Hochdruck leben beschreibt schon 1986:
Schwerwiegende Nebenwirkung der Betablocker; Diabetes; Leberentzündung mit Gelbsucht, Bauchspeicheldrüsenentzündung, Knochenmarksdepression, Gedächtnisschwierigkeiten, verringerte sexuelle Potenz Verwirrungen, Delirium.
Warum ist das so?: Ganz einfach Blutdrucksenkende Medikamente senken nicht den Blutdruck, einzig frieren sie die Herzfrequenz ein. Bremsen dadurch den Blutvolumenumsatz, die Durchblutungsrate aus. Problem ist; Blutdrucksenkende Medikamente in Kombination mit Grunderkrankung Schlafapnoe Syndrom (OSAS/ZSA); Übergewicht = OSAS, Untergewicht = ZSA! Eine Erkrankung an der mindestens 50% der deutschen Bevölkerung mehr oder weniger stark leidet. Auf Basis Gesetz, wird Schlafapnoe ambulant behandelt. Ambulant heißt: Ich muss dem Arzt erklären: Ich leide an Schlafapnoe, bitte abklären. Leider der Apnoiker selbst kann nie feststellen, das er an Schlafapnoe leidet!
Mehr? flc@live.de;

#3 |
  12
Gabriele Petersen
Gabriele Petersen

Ja, “der Penis ist die Wünschelrute des Herzens” – auch diese alte Volksweisheit ist nun wissenschaftlich untermauert und durchaus nicht nur metaphorisch zu verstehen.

#2 |
  1
Gast
Gast

Liebe Patienten, versucht es mal mit Transzendalen Sex, dabei eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten

#1 |
  11
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: