Algenbefall in der Offizin

17. September 2010
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Für so manchen Apotheker, der die kleinen grünen Pillen als gesunde Nahrungsergänzung verkauft klingt es ungewöhnlich, doch ein Blick auf die Pharmazieforschung belegt: Die als NASA- und Öko-Nahrung bekannte Spirulina-Alge entfaltet starke antivirale Effekte und zerstört sogar Tumorzellen. Erobern die Algen Deutschlands Apotheken jetzt auch therapeutisch?

Die Zusammensetzung der winzigen Organismen dürfte zunächst Ernährungswissenschaftler begeistern: Rund 70 Prozent Proteingehalt, hohe Konzentrationen an Vitamin B12 und Provitamin A, zudem ein nicht zu unterschätzender Anteil Eisen und Tocopherol – in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts Journal of Pharmacy Research begeistern sich die indischen Wissenschaftler für Spirulina jedoch aus einem ganz anderen Grund. Denn seit Jahren zeigen in vitro Studien, dass Extrakte der fluoreszeirenden Algen die Replikation von HI-Viren zum Stillstand bringen – und selbst Herpes simplex, Cytomegaloviren, Mumps oder Masern den Garaus machen. Alles Zufall?

Blaualgen als Virenkiller rückten schon einmal ins Visier seriöser Forschung, wie Rabadiya und seine Kollegen jetzt ausführlich dokumentieren. Im Jahr 1983 gingen Forscher des US-amerikanischen National Cancer Institute (NCI) der Frage nach, ob Spirulina bei Tumorzellen wirkt – und beobachteten über Umwege sechs Jahre später, wie bestimmte Inhaltsstoffe der Algen „bemerkenswerte Wirkungen“ gegen HI-Viren entfalteten. Als Ursache der Virenkiller-Eigenschaft machten die Amerikaner Sulfolipide in einer Konzentration von 2-5 Prozent aus. Offensichtlich hindern diese Verbindungen HI-Viren an die Durchringung gesunder Zellen, was die weitere Infektion zumindest deutlich verlangsamt, wie die Inder jetzt im Journal of Pharmacy Research erklären.

Tumorzellen unter Spirulina-Beschuss

Auch im Kampf gegen Krebs verspricht die Alge einiges an Potenzial. Eine deutliche Reduktion des Tumorwachstums beobachteten Wissenschaftler an der Harvard Medical School im Tierversuch bereits 1988 – die Entdeckung galt fortan als beachtliches Kuriosum, doch ohne direkten Nutzen im klinischen Alltag. Im Gegenteil. „Eines der weiteren Beispiele für risikoreiche Anwendungen ohne Prüfung liefern etwa Algenpräparate, die immer wieder in Nahrungsergänzungsmitteln festgestellt werden“, schreibt etwa der vom Deutschen Krebsforschungszentrum betriebene Krebsinformationsdienst heute, und: „Die Bundesbehörden warnten jedoch schon 2001 vor den von vielen Algen produzierten natürlichen Giften sowie vor Verunreinigungen sogar mit Schwermetallen. Sie wiesen zudem darauf hin, dass die Einnahme solcher Mittel nach bisherigem Kenntnisstand unnötig ist“.

Tatsächlich handeln die deutschen Behörden aus juristischer Sicht richtig, denn klinische Studien nach dem üblichen Zulassungsmuster über die Effektivität der Blaualgen gegen Viren oder Krebs gibt es so gut wie keine. Andererseits führt gerade die an sich korrekte Haltung zur Ignorierung eines enormen Potenzials, wie die indische Publikation jetzt belegt.

Denn die indischen Pharmakologen richten ihr Augenmerk unter anderem auf die einzelnen Komponenten der Algen, darunter Zeaxanthin. Anders als die meisten anderen Pendants komme diese Substanz „nie als Pro-Antioxidans vor“, betonen die Autoren. Im Klartext: Die Verbindung fungiert als ausgezeichneter Radikalfänger und somit als antikarzinogener Inhaltsstoff der Alge. Als ebenso potentes Schutzschild gegen Krebs erweist sich der Publikation zufolge eine weitere Komponente der Mikroalgen: Die für die blaugrüne Farbe verantwortliche Substanz Phycocyanin. Auf welche Weise genau der Farbstoff im Körper wirkt, ist nach wie vor unklar, fest aber steht: Tumorzellen vermehren sich in Anwesenheit von Phycocyanin deutlich langsamer, wie eine chinesische Studie bereits vor neun Jahren belegte.

Algen dank Vater Staat

Deutschlands Apotheken könnten, wenn sie wollten, angesichts der jetzt vorliegenden Dokumentation aus Indien, die Blaualgenextrakte zumindest als Präventionsmittel guten Gewissens vertreiben. Dass sich einige Bundesbehörden gegen den Siegeszug der Mikroorganismen stemmen, scheint andere Institutionen des Staates wenig zu stören. So unterstützte das Bundesministerium für Wirtschaft über das BMWi-Programm “Netzwerkmanagement-Ost (NEMO)” die Etablierung eines ganz speziellen Präparats, mit Erfolg. Die Klosterbrauerei Neuzelle stellt seit 2006 ein entsprechendes „Anti-Aging-Bier“ her. Wichtigste Komponente des lebensverlängernden Trunks mit Segen von Vater Staat: Spirulina-Algen.

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Pharmazie
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1 Kommentar:

Tina  Wagner
Tina Wagner

HIV! Krebs! Können die Dinger auch Schnupfen??? ;-)

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