Suchtmedizin-Kongress: Total Balla-Balla

10. Juli 2013
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Auf dem "Forum Sucht"-Kongress wird seit einiger Zeit mit neuen Vortragsmethoden jongliert. Die wichtigen Themen Substitution und Rollenkonflikte seitens des behandelnden Arztes wurden dabei kontrovers diskutiert. Zeit für einen Wandel in der Suchtmedizin?

Das Forum Sucht in Kassel fand bereits zum dritten Mal statt. Die 160 Teilnehmer wussten meist, worauf sie sich einlassen, einige waren dennoch überrascht, dass es keine festen Themen und keine Vortragenden gab. Nach dem Zufallsprinzip (jeder musste einen farbigen Ball ziehen) wurden die Teilnehmer in 6 Gruppen eingeteilt. In jeder Gruppe waren Ärzte, Psychologen, Apotheker, Sozialtherapeuten und MFA. Alle Teilnehmer sind in der Suchtmedizin tätig. Jede Gruppe hatte einen Moderator, der die Gruppen unterstützte. In der ersten Phase wurden Themen und Fragestellungen gesucht und gefunden, die die Gruppe einen Nachmittag und einen Tag bearbeiten sollte. Die Fragestellungen waren so umfangreich, dass sich die Gruppen erneut in vier kleinere zergliederten. Welches ist für wen das richtige Substitutionsmittel? Sind Benzodiazepine Teufelswerk in der Therapie Opiatabhängiger? Wer schützt die Therapeuten vor Frustration und Burnout? Wie sieht eine effiziente Gewaltprävention in der Praxis aus? Welche Deeskalationsstrategien existieren?

Mitmachen als Konzept

Bei den meisten Kongressen konsumiert der Teilnehmer passiv Wissen: Referent – Beamer – Powerpoint, so die didaktische Troika. Beim “Forum Sucht” ist der Weg das Ziel, aber auch das Ziel das Ziel. Die Teilnehmer haben nach eigenen Angaben immens vom interdisziplinären, multiprofessionellen Meinungsaustausch profitiert. „Jetzt verstehe ich endlich, warum einige Patienten unter einigen Substituten so aggressiv reagieren“ so eine Sozialpädagogin. Das Ziel war aber auch der „Marktplatz der Perspektiven“. In dieser Phase durften die Gruppen ihre Ergebnisse als Rollenspiel, Quiz, Vortrag, Flipchart oder Stellwand allen Gruppen präsentieren. Und was gehört zu einem Marktplatz? Obst und Kittelschürzen. Beides war vorhanden, der Präsentator der Gruppe trug eine grüne Schürze und „verkaufte“ sein Produkt, die Früchte seiner Session. Viele etablierte Ziele wurden über den Haufen geworfen. Substanzfreiheit als Ziel der Substitution? Nein, Lebensqualität und Verzicht auf illegale Drogen, nicht auf Substitute. Das Ergebnis wurde von zwei jungen Sozialarbeitern präsentiert.

Arzt im Rollenkonflikt

„Ich muss bei meinen Patienten so viele Rollen spielen, dass ich mich selbst manchmal darin verliere“, so ein Psychiater. Heiß wurde diskutiert, wie sich Therapeuten in der Suchttherapie vor Rollenkonflikten und Schäden schützen können. „Ich sag denen offen, wenn es mir schlecht geht und der Patient zum Reden am nächsten Tag wiederkommen soll“, teilte ein Arzt seinem Kollegen mit und stieß auf Unverständnis. „Du musst Dich doch abgrenzen und Profi sein, deine Gefühle haben in der Praxis nichts zu suchen“. Genau dieser Informationsaustausch macht nachdenklich und gibt Raum für neue Denkansätze. „Sehen und erfahren, wie es die Anderen machen“ war für viele Motivation für die Teilnahme. Ein derartiges Konzept ist enorm aufwendig, logistisch und finanziell. Die Industrie hat die Möglichkeit zu Satellitensymposien genutzt und die Teilnehmerbeiträge mitfinanziert. In den Foren selbst war industriefreie Zone. „Wir müssen draußen bleiben“ – so das Motto für die Pharmafirmen.

Mehr Motivation durch Qualifizierung

Auch auf diesem Kongress sind die extrem motivierten und engagierten MFAs aufgefallen, die manchmal als rechte und gleichzeitig linke Hand des Arztes den Suchtpatienten betreuen. Im Plenum und in den Diskussionen wurde von den „Arzthelferinnen“ der Wunsch nach Qualifikation und Anerkennung deutlich. „Wir brauchen endlich eine Fachkraft für Suchtmedizin“, so die Meinung einer Teilnehmerin, die dafür tosenden Applaus bekam. Für Teilnehmer und Moderatoren war der Kongress eine spannende Erfahrung. „Wirklich erstaunlich fand ich die Erfahrung, wie schwer es den Leuten fällt, sich in die Gefühle anderer zu versetzen: wie es sich wohl anfühlen mag „depressiv“ oder „borderline“ zu leben, wurde durchgängig mit Symptombeschreibungen umschrieben“, so einer der Moderatoren, der Suchtmediziner Chaim Jellinek aus Berlin.

Benzodiazepine unter Substitution?

Eine Gruppe traute sich auf die große Bühne. Die Sozialpädagogin Kerstin Dahl, die Allgemeinmedizinerin Dr. Katrin Rudewig und der Assistenzarzt der Psychiatrie Malte Beissert haben als Thema den Stellenwert der Benzodiazepine in der Substitutionsmedizin bearbeitet. Nach dem Motto „Kann, muss, soll, darf?“ wurden Thesen für einen vernünftigen Umgang mit den Psychopharmaka aufgestellt. „Benzodiazepine wirken Wunder, helfen bei Perspektivlosigkeit, entlasten das Personal, warum also eigentlich keine Benzos?“. Die Polemik von Malte Beissert wurde rasch erkannt. 60 Prozent der Methadonsubstituierten leiden unter Schlafstörungen. Das Opiat löst ein RBD-Syndrom aus. Diese REM-Sleep-Behavior-Disorder lässt die Patienten nicht durchschlafen. Als Eigentherapie werden Benzodiazepine konsumiert. Nicht, um „toll draufzusein“, sondern um schlafen zu können oder Ängste zu unterdrücken. Also ein Freibrief für die Mittel? Nein! Man erkauft sich damit eine zweite Sucht und steigert massiv die Gefahr einer opiatbedingten Atemdepression. Nicht selten werden als Alternativen die so genannten Z-Substanzen empfohlen. Zolpidem und Zopiclon greifen jedoch am selben Rezeptor wie Diazepam & Co an. Ein Vorteil ist lediglich die kürzere Wirkdauer. Andere Nebenwirkungen und das Abhängigkeitspotenzial sind mit den Benzodiazepinen vergleichbar. Zurückhaltend sollte mit Zolpidem umgegangen werden, es kann den Methadonspiegel um 200 – 300 Prozent boosten. Die Gruppe formulierte griffig und prägnant: „Wenn Benzos bei Substitution, dann Zopiclon“.

Benzos auf BtM-Rezept

Klar positionierten sich die Gruppenmitglieder dafür, dass Benzodiazepine insgesamt sehr zurückhaltend in der Opiatsubstitution eingesetzt werden, als Ausnahme. Und wenn, dann nur auf Kassenrezept, damit die KV eine Kontrollmöglichkeit hat. Um das weiter zu verstärken, wurde gefordert, alle Benzodiazepine für Suchtpatienten grundsätzlich auf BtM-Rezept zu verordnen. Viele Landesärztekammern beziehen eine eindeutige Position: „Die Verordnung von Benzodiazepinen an Suchtkranke gilt generell als kontraindiziert. Die Gefahr ist groß, dass auch eine Abhängigkeit von Benzodiazepinen induziert wird“, so beispielsweise die Ärztekammer Nordrhein. Die Kammer rät dazu, sedierende Antidepressiva oder niederpotente Neuroleptika einzusetzen. Sollte ein Benzodiazepin zwingend notwendig sein, sollte eine Zweitmeinung eingeholt und dokumentiert werden. Die Teilnehmergruppe geht noch einen Schritt weiter und fordert bei einer Benzodiazepinverschreibung an Suchtkranke die schriftliche Vorstellung des Patienten vor einer Kommission, die aus Psychiater, Suchtmediziner und Sozialarbeiter besteht.

Das Thema bleibt schwierig, echte Alternativen als Hypnotika sind nicht vorhanden. Pregabalin und Doxepin sollte der Arzt von seinem Verordnungsverhalten streichen, beide Substanzen können mit Methadon interagieren und die Gefahr einer Atemdepression steigern. Promethazin und Mirtazapin scheinen möglich zu sein.

94 Wertungen (4.55 ø)

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11 Kommentare:

Gast
Gast

Sehr geehrte Damen und Herren,
mit viel Interesse haben wir Ihren Artikel über Qualifizierungsmöglichkeiten der MFA zum Thema Sucht gelesen.
Hierzu gibt es bereits eine 60-stündige Qualifizierungsmaßnahme “Assistentin in der Suchtmedizin”, welches ab Sommer 2014 starten wird. [Kommentar von der Redaktion gekürzt]

Mit freundlichen Grüßen
Ingrid Gerlach

#11 |
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Cornelia Lüders
Cornelia Lüders

Zu viel und zu schnell werden Subtitutionsmittel verschrieben. Frei nach dem Motto…wenn die schön bedröhnt sind, halten die jedenfalls die Klappe und stören nicht. Wie sonst ist zu erklären jemandem 28 ml methadon, jede Menge Diazepan, Valium und massenhaft Doxepin zu geben! Und das in einer ” Entzugsklinik”! Die junge Frau starb dann an einer Überdosis Doxepin. Warum Doxepin? Wo man doch weiß, dass es bei Überdosierung Atemlähmung hervorruft. Es gibt doch genügend andere “Antidepressiva”!

#10 |
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Zahnarzthelferin

Leider wird hier die Problematik der Sucht nicht richtig erkannt.
Die Sucht ist nicht geheilt, indem die Droge durch ein Substitutionsmittel ersetzt wird, ohne das Ziel auch dieses irgendwann vollständig ab zu setzen.
Da gibt es ein Kind von 2 ehemals heroinabhängigen Eltern. Und nun von einer Methadon abhängigen Mutter, die dies auch spritzt.
Da die verordnete Menge nicht ausreicht, wird auch oft auf dem Schwarzmarkt dazu gekauft.
Das ist kein Einzelfall! Welche Auswirkungen die jahrzehntelange Substitution sonnst noch hat ist auch nirgends benannt.
Geist und Körper leiden darunter. Die Familie wird nie ein geregeltes Leben führen können.
Aber es kommt leider keiner von Euch Ärzten darauf diese Substitutionsmittel ausschließlich in therapeutischen Einrichtungen unter regelmäßiger Kontrolle abzugeben um solche Dinge zu verhindern.
Nein, es wird weiter fleißig über Jahre das Methadon als “take home” verordnet und die Augen vor diesen Problemen verschlossen.

#9 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Einen interessanter Ansatz hat der Forum-Sucht -Kongress mit der Art der Gestaltung! Gerade im Zusammenhang mit dem Thema Sucht finde ich den Weg von der konsumierenden Haltung bei Kongressen hin zu einer mitgestaltenden bezeichnend – genau das, was ja auch in präventiven Ansätzen gepredigt wird, nun selber umzusetzen! Wow! Wann gibt es wo den nächsten?

Klar – vielleicht nicht wissenschaftlich, aber wichtig für Erfahrungsaustausch und einen Blick zur Basis!!

#8 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Hallo Herr Dr. Täuber,

das Wort Sucht kommt nicht von suchen, sondern von dem alten Wort siechen.

#7 |
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Gabriele Richter
Gabriele Richter

Danke für den Artikel. Wann findet der nächste Kongress in analoger Gestaltung statt?- bin neugierig geworden. Meine Erfahrung in der Behandlung / Begleitung Suchtkranker: ohne den tiefen Blick in das private Umfeld geht es nicht. Welche Muster zur Bewältigung des Alltags liegen zugrunde, die die Sucht als “Weg des Betroffenen” bedingen? Wenn Kompensationsmechanismen im Sinne von Gesprächen / Austausch fehlen, wird die Verdrängung einsetzen, die dann mit Suchtmitteln unterstützt wird. DAher ist Substitution eher eine weitere Verdrängung. Grundsätzlich sollte bei der Suchttherapie weniger das Suchtmittel im Fordergrund stehen. Bei allen psycho-sozialen Erkrankungen (Sucht, Burn-out, Stress…) gibt es immer eine “Baustelle” im privaten des Betroffenen. Wie weit dürfen wir als Therapeuten dort eingreifen und wie “schützen”? Wahrheit kann weh tun, wie fangen wir Betroffene auf? Wir stehen vor der Notwendigkeit einer breiten gesellschaftlichen Diskussion, denn die kleinste Zelle der Gesellschaft (Fam., Partnerschaft, Freundschaft) erlebt eine Umgestaltung, derer wir uns bewußt werden müssen, um sie gestalten zu können. Dann wird auch Suchterkrankung therapierbar (mit weniger Rückfallquote).

#6 |
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Dr. med. Thomas Täuber
Dr. med. Thomas Täuber

“Die Dosis macht das Gift”, meiner Meinung nach, in jeder Hinsicht.
Einer meiner persönlichen Geheimtips um meine Süchte zu bekämpfen, den Song von ich und ich “stark” anhören.
Zum Wortfeld Sucht, gehören auch die Begriffe Sehnsucht, süchtig nach….., durchaus positive Betonungen.

U.Täuber

#5 |
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Ein sehr guter Artikel.Ich habe selber ca 15 Jahre substituiert und bin mit der hier erarbeiteten Meinung -Lebensqualität -soziale Integration unter Substitution-vor Jahren mit dem Leiter einer Psychosozialen Betreuuungseinrichtung in Konflikt geraten,der nur Drogenfreiheit propagiert hat.Da dann die Betreuung meiner Patienten abgelehnt wurde konnte und wollte ich nicht mehr weitermachen.Zu den Benzodiazepinen gab und gibt es leider Kollegen die den Suchtpatienten gerne mal ein Privatrezept gegen cash ausstellen auch wenn sie wissen dass es Substitutionspatienten sind.Auch das hat Patienten an den Rand des Lebens gebracht und mich fast vor den Richter.

#4 |
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Stefan Horneburg
Stefan Horneburg

Sehr guter Artikel, sorgt für Diskussionen.
Ich, ehemals abhängig,1 Jahr substituiert, natürlich mit Beikonsum. Nach langer drogenfreier Zeit als Ergotherapeut in verschiedenen Drogentherapieeinrichtungen in Arbeitstherapie, Rückfallprophylaxe u.a. tätig gewesen.Nach 13 Jahren Suchtarbeit und Burn-out nicht mehr in der Sucht tätig, aber immer noch interessiert und gut informiert in der Thematik, kann ich eins sagen: Tödlich ist für die Betroffenen die Spirale Sucht- Kriminalität, selten das Substitut. Benzodiazepine begleitend zur Substitution sind nicht der Königsweg und können es auch nicht sein. Aber in Einzelfällen kann es der Weg sein! Nur bedarf es da einer gut überlegten Prüfung,… wie sieht es aus mit Alkohol als Beikonsum, ab wann wird was gefährlich für Leib und Leben, gerade in der beliebten Kombination? Das sind sicher Fragen, die können Suchtmediziner besser beantworten als ich.
Mein Fazit: Solche Cross-Over-Veranstaltungen bereichern die eher klassisch Berufsgruppenspezifischen Fortbildungen ungemein. Bitte mehr davon!
Um bestmögliche Hilfe fernab von Dogmas geben zu können braucht es mehr individuelle Vorgehensweisen und weniger gesetzliche Verordnungen.

#3 |
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Ein interessanter Ansatz mit manchen nachdenkenswerten Hinweisen. Ich weiß, dass man das in diesem Rahmen nicht verlangen kann aber irgendwie fehlen mir doch die Belege für manche Behauptungen. Ist die Veranstaltung ausführlich dokumentiert? Finden sich dann ggf. Verweise auf Literatur? So etwas wäre wohl nötig, um so eine Veranstaltung für einen größeren Kreise als nur die Teilnehmer fruchtbar werden zu lassen.

#2 |
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Die Gruppe kann Bewegung in festgefahrene Denkchemen bringen,wird aber nichts
wesentliches an der täglichen Arbeit mit Abhängigen ändern.Ich habe während meiner fast zehnjährigen Tätigkeit mit Drogenanhängigen auch einige Erfahrungen
machen können.In der Medikation und Substitution hat sich einiges eher zum Guten
hin ändern können und die Menschen können damit aus dem Teufelskreis der Be-
schaffungskriminalität herausgeholt werden,wobei als angestrebtes Ziel die lang-
fristige Abstinenz von allen Suchtstoffen an erster Stelle stehen sollte.
Die Verelendung,verbunden mit sozialem Abstieg und dem Verfall der Persönlichkeit beginnt schleichend,geht aber schnell in einen zunehmenden
Prozeß über und spiegelt die Brutalität der Sucht in der heutigen Zeit wieder,
was zeigt,das sich an den Ursachen der Sucht wenig geändert hat und die modernen Drogen eine nicht zu unterschätzende Gefahr,gerade bei den “Neu-
einsteigern” bilden.

#1 |
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