ApBetrO: Pharmazieräte reden Tacheles

21. Dezember 2012
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Seit gut einem halben Jahr gilt die Novelle zur Apothekenbetriebsordnung. Viele Passagen des Machwerks sind mehr als schwammig formuliert und bieten Spielraum für Interpretationen. Jetzt machen Pharmazieräte Nägel mit Köpfen, um verschiedene Auslegungen des Gesetzeswerks zu verhindern.

Amtsapotheker und ehrenamtliche Pharmazieräte haben sich in der Arbeitsgemeinschaft der Pharmazieräte Deutschlands (APD) zusammengeschlossen. Ihr aktuelles Ziel: bundesweit einheitliche Regelungen zur Umsetzung der Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO). Das Thema stand während eines Arbeitstreffens Mitte Oktober auf ihrer Agenda. Jetzt weist eine Resolution Inhaber auf mögliche Fallstricke hin. So manche Forderung ist mit hohen Investitionen verbunden, etwa durch Umbauten in Labor, Offizin und im Außenbereich.

Vollwertige Apotheken im Verbund

Bereits mit Inkrafttreten der Novelle wurde Kollegen klar, dass der Gesetzgeber von ursprünglich geplanten “Light-Apotheken” Abstand genommen hat, nicht durch den Druck von Kollegen. Jede Apotheke eines Filialverbands muss alle typischen Dienstleistungen erbringen, sprich Plausibilitätsprüfungen durchführen, Rezepturen herstellen oder Ausgangsstoffe prüfen – entsprechende Arbeitsschritte lassen sich nicht zentralisieren. Benötigen Kunden individuell angefertigte Pharmaka häufiger, reicht ein Verweis auf bereits ausgeführte Plausibilitätsprüfungen und Herstellungsvorschriften. Dennoch ist jede Rezeptur zu protokollieren und wenigstens organoleptisch zu beurteilen. Bei Defekturarzneimitteln bereiten Pharmazieräte gerade ein sogenanntes risikobasiertes Stufenmodell vor.

Gefahrenquelle Labor

Auch das Labor selbst haben APV-Vertreter unter die Lupe genommen. Innerhalb dieses Bereichs dürfen sich Rezepturarbeitsplätze befinden, durch raumhohe Wände bis zur Decke abgetrennt. Arbeitsplätze zum Mischen beziehungsweise Abfüllen von Teedrogen sind jedoch außerhalb zu konzipieren. Wer pharmazeutische Tätigkeiten in externen Räumen ausübt, muss eine Überwachung durch Apotheker gewährleisten. Im Labor beziehungsweise in der Rezeptur gelten neue Regeln zur sachgerechten Beschriftung: Der Gesetzgeber verlangt, Reagenzien sowie Standgefäße ab sofort entsprechend der CLP-Verordnung (Regulation on Classification, Labelling and Packaging of Substances and Mixtures) zu kennzeichnen.

Entsprechende Übergangsfristen endeten bereits am 1. Dezember. Für Mischungen bleibt noch bis Juni 2015 Zeit, Gebinde entsprechend der Richtlinie zu beschriften. Auf Anregung der Pharmazieräte haben Apotheker über den Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels (Phagro) jetzt Zugriff auf aktuelle Sicherheitsdatenblätter. Der Phagro selbst stellt entsprechende Informationen online bereit – für die Aktualität sind nach wie vor Hersteller verantwortlich.

Vertretungsbefugnis ade?

Beinahe hätten Rezepturen eine noch größere Tragweite bekommen. In der ApBetrO heißt es, Anforderungen zur Herstellung eines Rezepturarzneimittels seien “von einem Apotheker nach pharmazeutischen Gesichtspunkten zu beurteilen“. Verlieren Pharmazieingenieure und Apothekerassistenten ihre zeitlich befristete Vertretungsbefugnis? Dr. Dagmar Krüger, Ministerialrätin im Bundesministerium für Gesundheit, beruhigte, dass vom Gesetzgeber keine Änderungen geplant wären. Einzige Ausnahmen seien nach wie vor Hauptapotheken im Filialverbund, krankenhausversorgende Apotheken sowie Apotheken mit speziellen Dienstleistungen. Dazu gehören die Herstellung von Parenteralia, das Verblistern sowie das Stellen von Arzneimitteln. In diesen Fällen bleibt jede Vertretung Approbierten vorbehalten.

Qualität hat ihren Preis

Die nächste Baustelle: Viele Inhaber bereiten momentan ihr eigenes Qualitätsmanagement vor. Etwas Zeit bleibt noch – immerhin gelten Übergangsfristen von 24 Monaten. Wer jedoch eine neue Apotheke eröffnet, muss bereits mit einem QMS an den Start gehen. Selbstinspektionen einmal im Jahr durch pharmazeutisches Personal werden ebenfalls Pflicht, Optimierungen inklusive. Als externe Überprüfungen kommen neben Audits Pseudocustomer, ZL-Ringversuche oder Besuche des Pharmazierats infrage. Stichwort Qualität: APD-Mitglieder haben sich auch Gedanken zur Aufbewahrung von Medikamenten gemacht. “Es muss eine Lagerhaltung unterhalb einer Temperatur von 25 Grad Celsius möglich sein”, heißt es in der ApBetrO.

Künftig haben Angestellte mehrmals am Tag die Temperatur im Lager und in der Rezeptur zu bestimmen und dokumentieren. Erreicht das Quecksilber kritische Werte, ist es an der Zeit, eine Klimaanlage einzubauen. Explizit weisen Pharmazieräte darauf hin, dass Lieferungen, die außerhalb der Öffnungszeiten eintreffen, ebenfalls mit großer Sorgfalt zu behandeln sind, um Temperaturschäden zu vermeiden.

Sparbüchse Offizin

Neben Labor und Qualitätsmanagement haben sich Pharmazieräte auch die Offizin vorgeknüpft. Künftig müssen Apotheken einen barrierefreien Zugang haben. In der Praxis bedeutet das viel Ärger – vor allem bei denkmalgeschützten Häusern. Auf alle Fälle lohnt es sich, bauliche Verbote zu dokumentieren und bei Problemen Aufsichtsbehörden um Rat zu fragen. In der Offizin selbst stehen pharmazeutische Aspekte über Marketingstrategien. Künftig müssen HV-Tische klar erkennbar und vor allem direkt erreichbar sein – ohne Umwege durch diverse Regale beziehungsweise Aufsteller. Pharmazieräte betonen damit einen “Vorrang des Versorgungsauftrags” gegenüber Freiwahlprodukten.

Bei der Beratung werden Informationsangebote zur Pflicht, orientiert am Kenntnisstand des Kunden. Inhaber sollten sich generell Gedanken machen, ab welchem Punkt beispielsweise PTA einen approbierten Kollegen zu Rate ziehen müssen. Auch hier wird die Dokumentation entsprechender Befugnisse verpflichtend. Generell sind Beratungsgespräche vertraulich, ab sofort sind zwei Meter Diskretionsabstand von Patient zu Patient im HV das Minimum. Bereits 2007 hatte die APD entsprechende Forderungen aufgestellt, ohne auf große Resonanz zu stoßen. Fand in der Apotheke kein Beratungsgespräch statt, ist das spätestens bei einer Lieferung nachzuholen. Dann müssen sich PTA oder Apotheker selbst auf den Sattel schwingen.

Wehret dem Wertverlust

Alles in allem sie die neue Apothekenbetriebsordnung durchaus geeignet, “den Heilberuf Apotheker und die pharmazeutische und heilberufliche Ausrichtung der öffentlichen Apotheke zu stärken”, heißt es von den Pharmazieräten. Sicher ein Schritt in Richtung Zukunft. Während die APD bei Apotheken mit bestehender Betriebserlaubnis kulant sein will, werden Pharmazieräte diverse Bereiche genau unter die Lupe nehmen, sollte eine neue Zulassung beantragt werden. Auch beim Eigentümerwechsel prüfen sie nach Punkt und Komma. Wer in den nächsten Jahren an einen Verkauf denkt, wird bald tief in die Tasche greifen müssen, um den Wert seines Lebenswerks zu erhalten.

43 Wertungen (4.14 ø)
Pharmazie

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21 Kommentare:

Hans Westphal
Hans Westphal

Hallo zusammen, es lebe wieder einmal der deutsche Regelwahnsinn auf. Unsere Standesführung hätte sich lieber für eine angemessene Honorierung der neuen Vorschriften stark machen sollen, als die eigenen Kollegen noch mehr zu gängeln. Für kleinere Apotheken sind die Kosten der neuen ABO kaum noch zu stemmen, oder aber sollen hiermit die kleineren vom Markt verdrängt werden??

#21 |
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Selbstst. Apotheker

Ich finde es eher traurig, dass man in einer Betriebsordnung verankern muss, dass

1. Rezepturen vor der Herstellung auf Plausibilität zu prüfen sind

2. Kunden zu beraten sind

3. der HV-Tisch vom Eingang direkt sichtbar sein muss und der Weg dorthin nicht durch bunte Aufsteller und Regale voller Blödsinn verstellt sein darf.

#20 |
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Apotheker

..ein Berufsstand schafft sich selber ab!
Wo der Gesetzgeber (eingeflüstert natürlich von Apothekern) schon hohe zusätzliche Kosten verordnet, setzen die Kollegen Pharmazieräte noch eins drauf.
Kleinen Apotheken will man seit Jahren durch immer mehr Anforderungen und Bürokratie systematisch den Garaus machen,die in unseren Berufsvertretungen gut repräsentierten “Großen” wollen den Kuchen unter sich aufteilen.
Die vom CDU-Bundesvorstand geforderten “Apothekenbusse” werden dann die Lücken auf dem Land füllen, sicherlich mit allem ausgestattet, was ApBetrO und unsere Pharmazieräte fordern!

#19 |
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Apotheker

Dann machen wir eben zu. und dann sollen die gucken, wie die, z.b. die Kammern den unnötigen Notdienst organisieren

#18 |
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Apotheker

Versteht denn niemand,dass dies die Schutzmethoden
für das Wesen Apotheke sind.Dies sichert den Wegfall
von vielen und garantiert eine neue Privilegierung.
Das Netz wird halt dünner!Wo weiss keiner.

Wer das berechtigterweise nicht will muss sich wehren.

#17 |
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Raik Arsand
Raik Arsand

Thema Temperaturkontrolle:
Wo bleibt dann bitte die Temperaturkontrolle im Versandhandel? Wie kann es sein, dass in der Standortapotheke – durchaus nachvollziehbar – dies gefordert wird, im Rahmen des Versandhandels Medikamente tagelang in einer heißen DHL-Kutsche transportiert werden dürfen???
Wenn Qualität, dann bitte konsequent, sonst werden solche Forderungen lächerlich…

#16 |
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Apotheker

Ich glaube, die Aufregung legt sich. Vor lauter Diskretion steht man schon jetzt vor vielen Geschäften im Regen. Neulich wollte ich ein Kochbuch bei der Lokalzeitung kaufen. Vor lauter Kordeln und Diskretionschildern fand ich die Verkaufsstelle nicht. Jedoch war das nette Personal sehr servicefreundlich. Schon jetzt wagen sich die Kunden aufgrund Pharmazierats Schilder nur noch in den Eingangsbereich. Ich schlage vor, Heissgetränke vor der Tür zu verteilen (und Regenschirme). Die Kunden werden sich daran gewöhnen, wie auch anderswo. Schlimmer sieht es im Ausland aus z.B. Schweiz, wie hier schon berichtet. Da geht es ums Überleben.

#15 |
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Herr Jens Kosmiky
Herr Jens Kosmiky

Am schwierigsten umsetzbar sind meiner Meinung nach die dämlichen 2 Meter (!) Abstand zwischen den HVs; in welcher Apotheke ist das denn bitte ohne teure Umbaumaßnahmen und/oder zusätzlichen Entfernens eines bzw. mehrerer HVs möglich? Dann sollen die Patienten wohl besser in Schlangen warten. Am besten vor der Tür, da können sie dann auch nicht mithören…

#14 |
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Guter Artikel, hatte von der Resolution vorher noch gar nichts mitbekommen.

Hinweis: statt “…mehrmals am Tag die Temperatur im Lager und in der Rezeptur zu bestimmen und dokumentieren.” lese ich im Originaltext “…an mehreren Messpunkten sind täglich durchzuführen,…”, also einmal am Tag.
Kleiner Unterschied, der mich aber stutzig gemacht hat.
Gruß.

#13 |
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Gerd Isenberg
Gerd Isenberg

Wie lange noch lassen wir uns weiterhin auf der Nase herumtanzen.Auflagen Bürokratie unberechtigte Retaxationen
Notdienstverpflichtung und eine Vergütung die allen anderen Bereichen hinterherhinkt.Mir reichts ich plane den Ruhestand.
g.Isenberg Apotheker

#12 |
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Tobias Suthaus
Tobias Suthaus

Wer die neue ApBetrO für positiv hält,hat von der Realität in der Apotheke keine Ahnung.
Allein die zusätzlichen Personalkosten machen bei meiner kleinen Apotheke 700 ¿ pro Monat aus.
Honorierung ? NULL !!!

#11 |
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Apotheker

Es ist einfach traurig. Oder doch nur zum KOTZEN=?
Was ist aus diesem Beruf geworden?

#10 |
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Apotheker

So hat man einen Weg gefunden, Apotheken, die nach Abgabe noch weitergeführt worden wären, vom Markt zu kippen. Dahinter steckt eine Lobbyarbeit von den Kammern und auch der Industrie : Rezeptur / Defektur kaputtmachen, die Zahl der Apotheken weiter drücken und so Ketten den Hof machen : dann wird ja alles billiger ! Ob Politik, Krankenkassen oder Funktionäre : wenn der eigene Betrieb überlebt, ist das Zier erreicht ! ApothekerInnen, die im Erwerbsleben stehen und ihren Betrieb aufgegeben haben, hat man dann als Billigst-Vertretungen. Im ländlichen Bereich wird die Versorgung noch magerer werden, in Lauflagen werden sich noch mehr Akteure die Suppe gegenseitig versalzen: Wir sind die Haßbranche, zusammen mit Optikern und dem Bestattungsgewerbe! Solange aber auch jedem Faulpelz der Maggiwürfel nach Hause zugestellt wird, Kundenzeitschriften und schwachsinnige Gimmicks verteilt werden, dazu noch Ramschpreise auf OTC Artikel, ist diese Entwicklung geplant und gewollt.
Ein Botendienst kostet zw 8 und 12 EUR, korrekt durchgerechnet : wo soviel Geld verbrannt wird, ist auch etwas zu holen . Das machen uns die KK vor!

#9 |
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Apotheker

@R. Dreher: “WIR” habend das bestellt, die Politik wäre gnädiger gewesen. Das sind unsere apothekenfernen Standesvertreter, die lange nicht mehr in iihrer Apotheke waren. Siehe unser neuer super ABDA Präsident. Wie´s unten aussieht, haben die KEINE Ahnung.

#8 |
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Heilpraktikerin

Gibt es unter diesen Umständen eigentlich noch genügend Freieillige, die in Apotheken arbeiten wollen?? Ich weiß schon, warum ich ( wie auch viele andere ehemalige PTA´s, die ich kenne ) diesem Beruf den Rücken gekehrt haben! Der Arbeitsalltag besteht doch nur noch aus dem Umsetzen immer neuer Verordnungen und Gesundheitsreformen, und die Bedürfnisse der Kunden/ Patienten können vor lauter Bürokratie nur noch hintangestellt werden!

#7 |
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Apothekerin

Ich wäre gerne ein Mäuschen, um zu sehen, wie das Gehabe in der Apotheken der Herren Pharmazieräte PRAKTISCH durchgeführt wird. Die Amtsapotheker sind da natürlich fein raus.

#6 |
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Apotheker

Wieder die Optimieren des nachrangigen oder gedankenlose Selektion.Wer kann eine Apotheke mit
Treppen noch verkaufen?

#5 |
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Selbstst. Apotheker

Viel Lärm um nicht viel….oder gibt es ernsthaft Apotheken da draußen für die die Forderungen völliges Neuland sind?

#4 |
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Soll dies alles vom den Riesengewinnen bezahlt werden?

#3 |
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Apotheker

Und wer hat das bestellt? Jetzt mal ohne Quatsch!

#2 |
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Apotheker

wer soll das bezahlen ????

#1 |
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