Ich weiß, was du vor dem Schlaganfall getan hast

15. Mai 2017
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Vermeintlich ohne Vorankündigung trifft er einen: der Apoplex des Gehirns. Doch die Interstroke-Studie zeigt, dass es bis zu zehn beeinflussbare Risikofaktoren gibt, die mitbestimmen, ob es zu einem Schlaganfall kommt oder nicht. Ganz oben auf der Liste: die Hypertonie.

Zehn Risikofaktoren, zu denen neben der Hypertonie auch Bewegungsmangel, Hyperlipidämie, Ernährungsfehler, abdominelle Adipositas, Herzerkrankungen, psychosoziale Faktoren sowie Rauchen , Alkohol und Diabetes mellitus gehören, verursachen etwa 90 % der Schlaganfälle.

Die Interstroke-Studie ist eine Fall-Kontroll-Studie, die fast 27.000 Teilnehmer umfasste. Zwischen 2007 und 2015 verglich sie die Schlaganfalldaten von 13.500 Patienten mit denen von ebenso vielen Kontrollpersonen. Interessant ist zudem, dass sozioökonomische und geographische Gruppen unterschieden wurden: Westeuropa/Nordamerika/Australien, Ost- und Zentraleuropa/Naher Osten, Südamerika, China, Südasien, Südostasien sowie Afrika.

Hypertonie ist Hauptursache für Schlaganfälle

Endpunkte der Studie waren die Odds Ratio (OR) und das populationsattributable Risiko (PAR). Mit letzterem lässt sich bestimmen, wie hoch der prozentuale Beitrag eines bestimmten Risikofaktors (hier Schlaganfall) am Gesamtrisiko innerhalb einer Bevölkerung ist. Die Summe aller PAR kann durchaus höher als 100 % sein, denn einige Risikofaktoren beeinflussen sich gegenseitig.

Das größte Risiko ging vom Hypertonus aus, dessen PAR bei 47,9 % lag. Direkt dahinter folgten Bewegungsmangel (PAR 35,8 %), Hyperlipidämie (PAR 26,8 %), Ernährungsfehler (PAR 23,2 %) und abdominelle Adipositas (PAR 18,6 %). Psychosoziale Faktoren (PAR 17,4 %), Rauchen (PAR 12,4 %), Herzerkrankungen (PAR 9,1 %), Alkohol (PAR 5,8 %) und Diabetes mellitus (PAR 3,9 %) rangierten nachgeordnet.

All diese Risikofaktoren waren in den geographischen Regionen alters- und geschlechtsunabhängig von Bedeutung. Einzig die Trends der Risikofaktoren zeigten regionale Unterschiede. So lag die PAR für Hypertonie als Risikofaktor in Südostasien bei etwa 60 %, während sie in Westeuropa/Nordamerika/Australien nur 39 % ausmachte. Dahingegen waren die „westlichen“ Regionen bei der Adipositas mit einer PAR von 32,1 % die Spitzenreiter in der Welt.

Ischämie oder Hämorrhagie?

Unterschiede bestanden aber auch bei der Verteilung von ischämischen zu hämorrhagischen Schlaganfällen. In den westlichen Industrieländern fanden sich bei neun von zehn Schlaganfällen (= 93,3 %) ischämische Ursachen. In Südostasien hingegen nur in zwei von drei Fällen.

Ebenso scheinen bestimmte Risikofaktoren entweder eher ischämische oder aber hämorrhagische Insulte auszulösen. So spielten sieben Risikofaktoren sowohl beim ischämischen als auch beim hämorrhagischen Schlaganfall eine Rolle. Der Hypertonus war z. B. besonders kritisch für zerebrale Blutungen. Auf der anderen Seite scheinen Rauchen, Diabetes mellitus und Hyperlipidämie nur für ischämische Insulte relevant zu sein.

Rauchen und Alkohol bildeten bei den Männern das größere Risiko, während die abdominelle Adipositas und Herzkrankheiten Frauen schwerer belasteten.

Global vs. regional

Weltweit gesehen gehen 90 % der Schlaganfälle auf zehn Risikofaktoren zurück. Dennoch gibt es wichtige regionale Unterschiede in der Gewichtung dieser Risikofaktoren. Neben der globalen Prävention sollten deshalb zukünftig auch regional angepasste Vorsorgemaßnahmen zur Anwendung kommen, so die Autoren abschließend.

Quelle:

Global and Regional Effects of Potentially Modifiable Risk Factors Associated With Acute Stroke in 32 Countries (INTERSTROKE): A Case-Control Study.
MJ O’Donnell et al.; The Lancet, doi: 10.1016/S0140-6736(16)30506-2; 2016

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1 Kommentar:

INTERSTROKE – “ZU VIELE LÄNDER VERDERBEN DEN BREI”?
Auch die erweiterte INTERSTROKE-Studie im Lancet (2016; doi: 10.1016/ S0140-6736(16)30506-2) kann nicht über die uneinheitliche Datenlage hinwegtäuschen, je m e h r unterschiedliche Länder betrachtet werden.

Dass die meisten Schlaganfälle vermeidbar sind, aber konkret doch nicht vermieden werden können, hatte vor sechs Jahren bereits die erste Phase der INTERSTROKE-Studie gezeigt. Die INTERSTROKE-Studie basierte auf dem Vergleich von 3.000 Schlaganfall-Patienten.

Für die neue Publikation konnte das internationale Team von Martin O’Donnell bis Salim Yusuf vom Population Health Research Institute an der McMaster Universität in Hamilton 13.447 Schlaganfallpatienten (davon 10.388 mit ischämischem Schlaganfall und 3.059 mit einer intrazerebralen Blutung) und 13.472 Kontrollen aus 32 Ländern auswerten.

Aber auch in “Global burden of stroke and risk factors in 188 countries, during 1990–2013: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2013” von Valery L Feigin et al. wurden soziodemografisch, kulturell und ökonomisch völlig unterschiedliche Länder und deren Krankheits-, Lebens- und Arbeitsbedingungen in ebenso allgemeine wie einheitliche Intepretations-Muster gezwängt, dass eine differenzierte Einzelanalyse unmöglich war.

• 188 Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer wurden über 14 Jahre evaluiert und deren völlig unterschiedliches Schlaganfall- und Risikofaktoren-Geschehen detektiert [“high-income countries and low-income and middle-income countries, from 1990 to 2013”].

• Deshalb gibt es auch keine Schlussfolgerung ‘Conclusion’, sondern nur eine (relativ unverbindliche) Auslegung der Daten “Interpretation” bzw. Suggestionen: [“Interpretation – Our results suggest that more than 90% of the stroke burden is attributable to modifiable risk factors, and achieving control of behavioural and metabolic risk factors could avert more than three-quarters of the global stroke burden”]. Und nicht 90% Modifizierung der Risikofaktoren, sondern nur 75% wegen endogener Zwangsläufigkeit des Schlaganfall-Geschehens.

• Luftverschmutzung spielt zweifelsfrei eine große Rolle. Aber eben nicht betrügerische Abgasmanipulationen an VW-Dieselaggregaten in industrialisierten Ländern, sondern offene Feuerstellen in den einfachen Behausungen der Schwellen- und Entwicklungsländer [“Air pollution has emerged as a significant contributor to global stroke burden, especially in low-income and middle-income countries, and therefore reducing exposure to air pollution should be one of the main priorities to reduce stroke burden in these countries”].

• Offene häusliche Feuerstellen lassen sich nicht ‘per ordre de mufti’ abstellen, sondern werden Jahrzehnte bestehen bleiben, ebenso wie man Bewohner an schmutzigen Hauptverkehrsstraßen der Metropolen und Ballungsgebiete nicht einfach zwangsweise in Villen und Gartenanlagen der Reichen umsiedeln kann.

• “stroke-related disability-adjusted life-years (DALYs) associated with potentially modifiable environmental, occupational, behavioural, physiological, and metabolic risk factors in different age and sex groups worldwide” negiert völlig Alterungs-, Degenerations- und Hirnabbau-Prozesse bzw. Verlust an Elastizität cerebraler Blutgefäße. Diese lassen sich gerade nicht modifizieren.

• Das “stroke-related disability-adjusted life-years (DALYs)” verkommt zur Beliebigkeit, wenn 17 direkt benennbare Risikofaktoren mit 6 Risiko-Häufungen (‘cluster’) und 3 verschiedenen Inputs bzw. hohem BMI, systolischem Bluthochdruck und hohem Gesamtcholesterin kombiniert werden sollen [“17 risk factors (air pollution and environmental, dietary, physical activity, tobacco smoke, and physiological) and six clusters of risk factors by use of three inputs: risk factor exposure, relative risks, and the theoretical minimum risk exposure level…high body-mass index (BMI), through other risks, such as high systolic blood pressure (SBP) and high total cholesterol”].

Diese LANCET-Publikation http://www.thelancet.com/journals/laneur/article/PIIS1474-4422%2816%2930073-4/fulltext
scheitert mit ihrem völlig übersteigerten Anspruch, beim Schlaganfall alles mit allem global erklären und gleichzeitig modifizieren zu wollen, ohne auf die einzelnen Bedingungen in 188 verschiedenen Ländern dieser Welt näher eingehen zu wollen. Das ist u. a. rausgeworfenes Geld der Bill und Melinda Gates Stiftung [“Funding – Bill & Melinda Gates Foundation, American Heart Association, US National Heart, Lung, and Blood Institute…”].

Der “Global and regional effects of potentially modifiable risk factors associated with acute stroke in 32 countries (INTERSTROKE): a case-control study” geht es da kaum anders.

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