Nach der Infektion: Was gegen Influenza wirkt

16. Mai 2017

Derzeit gibt es keine verlässlichen Medikamente, um Personen nach einer Influenza-Infektion zu therapieren. Forscher stellen jetzt eine neue Wirkstoffklasse vor: Multivalente Influenza-Inhibitoren erhöhen die Chance, Krankheitserreger zu erkennen und zu inaktivieren.

Den besten Schutz vor Influenza-Infektionen bieten nach wie vor Vakzine. Erhebungen des Robert Koch-Instituts zufolge lassen sich Risikopatienten jedoch immer seltener impfen. Derzeit gibt es keine verlässlichen Wirkstoffe, um Personen nach der Infektion zu therapieren. Neuraminidase-Hemmer wirken als Inhibitoren des viralen Oberflächenproteins Neuraminidase, zeigten in der Praxis aber nicht den ursprünglich erhofften Effekt. Cochrane Reviews zufolge verringern die verfügbaren Substanzen Oseltamivir oder Zanamivir weder die Zahl an stationären Aufenthalten noch die Schwere typischer Symptome. Deshalb machen sich Forscher auf die Suche nach neuen Möglichkeiten.

Der Natur nachempfunden

Multivalente Influenza-Inhibitoren scheinen besonders vielversprechend zu sein. Hier handelt es sich um Nanopartikel mit zahlreichen Liganden auf ihrer Oberfläche, um spezifisch Grippeviren zu binden. Durch die Vielzahl an Koordinationsstellen ist die Chance wesentlich größer, dass Pathogene erkannt und inaktiviert gesetzt werden:

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Bindung der neuen Inhibitoren an Influenza-Viren. Türkis: Nanopartikel. Rot: Liganden © Kai Ludwig, Maria Glanz

Um Liganden zu konstruieren, hatten die Wissenschaftler zuvor menschliche Antikörper untersucht, die Influenza eliminieren. Entscheidende Peptidsequenzen wurden identifiziert, isoliert und in vitro synthetisiert. So entstanden optimale Liganden, die in großer Stückzahl am Inhibitor verankert wurden.

„Dadurch ist die Affinität zum Virus wesentlich größer, also bindungsstärker“, erklärt Professor Dr. Andreas Herrmann, Leiter des Bereichs Molekulare Biophysik an der Humbold-Universität Berlin. “In vitro haben unsere multivalenten Peptid-Nanopartikel-Konjugate richtig gut gegriffen.“

So wandlungsfähig wie das Virus selbst

Multivalente Partikel bringen noch weitere Vorteile mit sich. Da sie unterschiedliche Bindungsstellen tragen, werden auch Viren mit veränderten Oberflächenproteinen erkannt. Ältere Systeme waren nur gegen eine Bindestelle gerichtet.

„Wir haben jetzt wesentlich mehr Möglichkeiten und können unser System viel leichter adaptieren, etwa wenn Resistenzen und Mutanten entstehen“, erklärt Erstautor Daniel Lauster von der HU Berlin. Weitere Pluspunkte seien, dass sich das neue Inhibitoren-Design auch für andere Peptidsysteme eigne und einfach synthetisieren lasse. Er hofft, Inhibitoren gegen andere Viren herzustellen. Bislang funktionieren diese Ansätze nur im Labor. Wie lange der Weg in die Praxis dauert, lässt sich bisher nicht sagen.

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Forschung, Pharmazie

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1 Kommentar:

Nicht schon wieder tendenziös-dogmatische Neuraminidase-Debatten!

Einer Metaanalyse vom 29. 1. 2015 online in THE LANCET zu Folge von Joanna Dobson et al. unter dem Titel “Oseltamivir treatment for influenza in adults: a meta-analysis of randomised controlled trials” publiziert, gefördert von der Pharmaindustrie-unabhängigen MUAGS [“Funding – Multiparty Group for Advice on Science (MUGAS) foundation”], bringt Licht in die verworren-widersprüchliche Datenlage um Oseltamivir als Neuraminidase-Hemmer.
http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(14)62449-1/fulltext

Frühere Cochrane-Publikationen vs. Neuraminidasehemmer waren voreingenommen und tendenziös in ihren pseudowissenschaftlichen Argumentationen: Eine BMJ-Publikation “Oseltamivir for influenza in adults and children: systematic review of clinical study reports and summary of regulatory comments” (BMJ 2014; 348 doi:http://dx.doi.org/10.1136/bmj.g2545) vom 10.4.2014 stammt von Tom Jefferson et al.:
Von 23 Literaturangaben beziehen sich 13 auf konkrete Autoren, 10 stammen von Institutionen. In keinem Fall wird eine Placebo-kontrollierte, doppelblinde, randomisierte, kontrollierte (RCT)-Studie zu Oseltamivir zitiert oder diskutiert. Die gesamte BMJ-Publikation bleibt auf der Meta-Ebene von zitierten Metaanalysen. Die Literaturstelle Nr. 13 von Jefferson et al. “Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in healthy adults: systematic review and meta-analysis.” BMJ2009;339:b5106 kam zu für Oseltamivir u n d Zanamivir überraschend p o s i t i v e n Ergebnissen [“The efficacy of oral oseltamivir against symptomatic laboratory confirmed influenza was 61% (risk ratio 0.39, 95% confidence interval 0.18 to 0.85) at 75 mg daily and 73% (0.27, 0.11 to 0.67) at 150 mg daily. Inhaled zanamivir 10 mg daily was 62% efficacious (0.38, 0.17 to 0.85). Oseltamivir for postexposure prophylaxis had an efficacy of 58% (95% confidence interval 15% to 79%) and 84% (49% to 95%) in two trials of households.”].Dieser Widerspruch wurde von den Autoren selbst n i c h t mehr angesprochen und ausdiskutiert.

Eine 2. BMJ-Publikation “Zanamivir for influenza in adults and children: systematic review of clinical study reports and summary of regulatory comments” (BMJ 2014; 348 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.g2547) vom 10.4.2014 stammt mit Tom Jefferson als Co-Autor vom fast gleichen Autorenteam: Hier stammt die Literaturstelle Nr. 1 ebenfalls von Jefferson et al. mit den für Oseltamivir u n d Zanamivir p o s i t i v e n Ergebnissen.

Die bisherigen meta-analytischen Metaebenen-Analyse von Metaanalysen sind kein wissenschaftlich legitimiertes Vorgehen. Konkrete, Placebo-kontrollierte, randomisierte RCT-Studien zur Wirksamkeit und/oder Nichtwirksamkeit von Neuraminidasehemmern müssen vorgelegt, kritisch analysiert und gewichtet werden.

Denn was tun, wenn ein klinisch perakuter Influenza-Fall vor uns in der Praxis steht? Was mit ungeimpften, direkten Kontaktpersonen machen?

Ich schreibe hier n i c h t über Patienten mit “Schnupfen”, “Erkältung”, katarrhalisch infizierten unteren und oberen Atemwegen, “grippalen Infekten”. Im englisch-sprachigen Raum aus Verlegenheit “common flu”, “common cold” oder “influenza-like-illness” genannt. Sondern über die im HxNx System an den verschiedenen Influenza-Varianten Erkrankten. Nur und ausschließlich dabei besteht die Indikation zur Tamiflu® oder Relenza® Therapie, um den klinischen Verlauf abzumildern, abzukürzen. Die konsequente Durchimpfung meiner Patienten/-innen ergänzt die Herdenimmunität, so dass meine Tamiflu®-Therapien nur äußerst selten eingesetzt werden mussten.

In den letzten 3 Influenza-Saisons 2014/15 und 2015/16 und 2016/17 hatte ich jeweils immer weniger als je 10 Neuraminidase-Hemmer Therapie-Fälle: U. a. eine hochbetagte, multimorbide und immobile Patientin mit Pneumonie-Anamnese, die bei schwerer klinisch eindeutiger Influenza-Symptomatik mit Oseltamivir von mir erfolgreich behandelt wurde. Vgl. dazu “Comment – Influenza: the rational use of oseltamivir” von H. Kelly und B. J. Cowling http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(15)60074-5/abstract

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