Schmerzempfinden: Das Baby sprechen lassen

30. Mai 2017
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Das Baby schreit. Hat es Schmerzen? Häufig ist das schwer abzuschätzen. Heikel wird es besonders, wenn Ärzte entscheiden müssen, ob Analgetika verabreicht werden sollen oder nicht. Nun zeigen Forscher, wie sich die Schmerzen mit simplen EEG-Ableitungen bestimmen lassen.

Schreien oder weinen Säuglinge, kann das viele Gründe haben. Mitteilen können sie sich nicht. Ob das Kind Schmerzen hat und falls ja, wie stark diese sind, daüber können Eltern und Ärzte häufig nur spekulieren. „Tausende von Säuglingen werden allein in Großbritanniens Kinderkliniken und Kinderarztpraxen tagtäglich schmerzhaften Prozeduren unterzogen – ohne Schmerzmittel“, so Rebeccah Slater von der Universität Oxford. Das Problem trifft vermutlich auf sehr viele Länder zu.

Stärkere Schmerzen als Erwachsene

Sie hat untersucht, wie kleine Patienten im Vergleich zu Erwachsenen auf Schmerzen reagieren. Dazu nahm Slater zehn Babys und zehn Erwachsene in eine Studie auf. Alle Probanden wurden im MRT beobachtet.

Während der Messung piekte Slater sie mit einem stumpfen Bleistift leicht in den Fuß. Bei Erwachsenen aktivierte der Reiz 20 Gehirnregionen, bei Kindern waren es 18. Überraschenderweise reagierten die Kleinen vier Mal stärker auf leichte Stimuli, gemessen an der Vergleichsgruppe. „Unsere Studie zeigt, dass Babys Schmerzen nicht nur wie Erwachsene fühlen, sondern sensibler reagieren“, erklärt Slater.  Sie fordert, den Umgang mit Analgetika neu zu überdenken. Das war bislang leichter gesagt als getan.

Einfache, praxistaugliche Messung

Jetzt zeigt Slater, wie sich Schmerzen in der Praxis mit geringem Aufwand bestimmen lassen.

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Wikimedia Commons

Sie arbeitete mit EEG-Ableitung, wobei laut Slater nur eine Elektrode am Punkt „Cz“ erforderlich war, siehe links.

Leichte Stimuli veränderten in einer anderen Studie an 18 Säuglingen innerhalb von 446 bis 611 Millisekunden das EEG-Muster. Nach Validierungstests zeigte Slater, dass Babys bei einer Blutentnahme aus der Ferse ebenfalls Schmerzen spüren.

Im EEG kam es bei elf von zwölf kleinen Probanden zu Anomalien, die auf Schmerzen hinweisen. Erhielten sie vor der Blutentnahme aus einer Vene topisches Tetracain, war das Signal schwächer.

Nun will die Forscherin herausfinden, wie niedrig dosierte Schmerzmittel vor geplanten Untersuchungen oder Eingriffen wirken. Als häufiges Beispiel nennt sie Frühgeborenen-Retinopathien mit unkontrollierten Gefäßneubildungen. Hier sind unter anderem Laserkoagulationen möglich. Morphin könnte sich zur Schmerzlinderung eignen, so Slater.

 

 

Quellen:

Nociceptive brain activity as a measure of analgesic efficacy in infants
Caroline Hartley et al.; Science Translational Medicine, doi: 10.1126/scitranslmed.aah6122; 2017

fMRI reveals neural activity overlap between adult and infant pain
Sezgi Goksan et al.; eLife, doi: 10.7554/eLife.06356; 2015

26 Wertungen (4.77 ø)

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8 Kommentare:

Gast
Gast

#7 Das ist auch am Thema vorbei, Sie Kleingeist

#8 |
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Gast
Gast

Ach, Blutentnahme aus der Ferse tut weh??!!! Dazu braucht es Forschung?
Das weiß doch jedeR, der/die das Neugeborenenscreening duchführt/mitansieht.
Zu #3: völlig am Thema vorbei und schlechte Kindheit gehabt, oder was? Dazu fällt mir nix Höfliches ein…

#7 |
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Annika Diederichs
Annika Diederichs

#3 Wie kommen Sie jetzt auf das Thema Schreibabys? Das war überhaupt nicht Inhalt der Studie.

#6 |
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Gast
Gast

# 4 Ich habe in den USA gelebt und war mit einem Amerikaner verheiratet, der auch beschnitten war, aber nicht ohne Betäubung

#5 |
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Barbara Thies
Barbara Thies

Dabei wird mir wieder schlecht, wenn ich daran denke wie in den USA Millionen von Beschneidungen ohne Schmerzmittel verlaufen.

#4 |
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Gast
Gast

Die armen kleinenSchrei- Babys werden nicht plötzlich sterben, wenn man nicht sofort herbei eilt. Man kann auch Alles übertreiben mit diesen Studien

#3 |
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Gast
Gast

Die Diskussion um das Schmerzempfindung von Säuglingen erinnert mich stark an die Behauptung, Fische würden keinen Schmerz spüren.
Wie.abwegig, hat Schmerz vor allen anderen doch eine Warnfunktion auf momentanen Zellschaden.
Dieser kann sämtliche Lebewesen betreffen und daher macht die Information “Schmerz” auch bei Säuglingen absolut Sinn

#2 |
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Gast
Gast

Welch überraschende Erkenntniss !! Mir war immer schon schleierhaft, wie man allen ernstes annehmen und sogar die Ansicht vehement verteidigen konnte, dass Neugeborene und Kleinstkinder keine oder geringere Schmerzen empfinden, wie Erwachsene !! Die Reaktionen sprachen für den aufmerksamen und empathischen Beobachter schon immer eine andere Sprache.

#1 |
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