AMNOG: Skurriler Angriff auf die PTA

24. September 2010
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An prominenten Namen wird es während der öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Gesundheit am kommenden 29. September im Deutschen Bundestag kaum fehlen: Für die zur Debatte stehenden Dokumente zeichnen sich neben der geballten Bundesregierung auch die Stars der Opposition verantwortlich.

Karl Lauterbach, Frank-Walter Steinmeier – und ohnehin die „gesamte Fraktion“ der SPD werden an diesem Tag ihre eigenen Bundestagsdrucksachen vorlegen, um den Ausschuss in Sachen AMNOG zu beeinflussen. Auch die Fraktionen der Grünen und die LINKE mischen im großen Showdown mit.

Es geht um viel, wenn auch sehr unbemerkt von der Öffentlichkeit. Denn die im Rahmen des Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetzes (AMNOG) geplante Änderung der Großhandelsvergütung „gefährdet zahlreiche qualifizierte und wohnortnahe Arbeitsplätze in Apotheken“, wie der Bundesverband PTA (BVpta) bereits am 10. August 2010 alarmiert feststellte. Bis zu 40.000 Euro pro Jahr und Apotheke könne das Minus ausmachen, rechnete der BVpta vor und nennt die Konsequenzen im gleichen Atemzug: „Da viele Apotheken diese zusätzliche Last nicht mehr schultern können, befürchten wir einen massiven Abbau von qualifizierten Arbeitsplätzen – vor allem bei PTA.“

Massiver Jobabbau?

Dass Verbände die Interessen ihrer Mitglieder medienwirksam verbreiten, gehört freilich zum Geschäft. Doch anders als in solchen Fällen üblich widmen sich schon vor Absegnung des Gesetzes Fachjournals den absehbaren Folgen für einen Berufsstand, den außerhalb des Apothekenbetriebs praktisch niemand kennt.

Das Fazit der Experten ist eindeutig: Die Bundesregierung plane in der aktuellen AMNOG-Version, dem Großhandel neben der bisherigen Vergütung auch eine „ertragsneutrale Honorierung“ zukommen zu lassen, nur: Das finanzielle Gesamtvolumen für den Großhandel werde gleichzeitig gesenkt. Allein das wirke sich, infolge sinkender Einnahmen, auf die Stellen der PTA-Branche aus, befürchtet nun der Bundesverband. Doch selbst wenn es nicht zum massiven Jobabbau kommen sollte, droht dem Berufsstand womöglich weiteres Ungemach.

Denn eine Finnesse in der Apothekenbetriebsordnung schreibt, sofern das Gesetz den Bundestag passiert, den neuen Umgang mit Rezepten vor. „Auch bei dieser Verordnungsänderung gibt es noch zahlreiche Ungereimtheiten wie etwa die Verpflichtung, dass künftig alle von PTA abgegeben Rezepte von einem Apotheker vor der Abgabe gegenzuzeichnen sind“, kritisiert die Vorsitzende des BVpta, Sabine Pfeiffer, die geplanten Änderungen. Warum PTA verstärkt überwacht werden sollen, bleibt freilich unklar – und wenig verständlich.

Rund 80 Prozent aller Arzneimittel werden seit 1968, als der Berufsstand sich neu formierte, ohnehin von pharmazeutisch technischen Assistentinnen abgegeben. Ob bei der Beratung, während der Rezepteinlösung oder beim Verkauf, die Berufsgruppe fungiert als Speerspitze in Sachen Kundenkontakt – woran es über Jahrzehnte hinweg nichts zu bemängeln gab. Was die größtenteils weiblichen Angestellten der PTA-Branche machen, gibt keinen Anlass zur Beanstandung. Mangelnde Fachkenntnis? Falsch zubereitete Präparate? Praktisch Fehlanzeige.

Berliner Änderung: Satz, Komma, Punkt.

Über das Berufsbild PTA hätten sich die Väter der geplanten Gesetzesänderungen ohne besondere geistige Überforderung beim frei zugänglichen Online-Lexikon Wikipedia informieren können. „Zu den Aufgaben zählen die Prüfung von Arzneimitteln, Wirk- und Hilfsstoffen sowie die Herstellung von Rezepturen“, heißt es auf der Website, und: „Wichtig ist dabei, die Kunden und Patienten über die richtige Anwendung der Produkte zu informieren. Auch in der Gesundheitsberatung und Prävention trägt die PTA zunehmend Verantwortung“.

Der Gesetzentwurf indes scheint sich mit derartigen Pragmatismen nicht auseinanderzusetzen, es geht offensichtlich eher darum, Dinge einfach zu ändern. Auf 40 Seiten befasst sich die Drucksache 17/2413 mit teilweise sehr skurrilen Aspekten der Gesetzgebung. So entstanden beim Entwurf der AMNOG Passagen, über die nicht nur die betroffenen PTA-Branche den Kopf schütteln wird.

Als ebenso sensationelles wie nutzloses Highlight des Regelwerks aus Berlin gilt zweifelsohne Artikel 3 Absatz 2: „In § 116 Absatz 3 Satz 1 werden das Semikolon und der nachfolgende Satzteil durch einen Punkt ersetzt.“

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14 Kommentare:

Apotheker

Weniger Apotheken = mehr Kunden in den verbliebenen Apotheken, allerdings dann mit Nummer ziehen nach IKEA Vorbild , warten, wiederkommen, da das Warenlager noch kleiner wird…..dann werden die Krankenkassen argumentieren, dass für noch weniger Honorar die Rezepte zu beliefern sind. Zum Überleben soll bzw muß man dann die Kunden finanziell ausnehmen. Letztendlich sind diese Probleme alle hausgemacht von einer kollegoiden Minderheit, die jedem Faulpelz auch das unbedeutendse Teil kostenlos nach Hause schickt, die für Kunden kostenlosen Plastic Tüten mit Killefitt vollstopft und das alles noch jahrelang forciert hat. Die Rabattaktionen wie 40% auf alles (inklusive Seriosität) haben uns allen den Rest gegeben: so etwas signalisiert den Kassen : hier ist noch Geld zu holen! Vielleicht ist an JAN damit teilw.Schluss, da dann durch den Fortfall der Rx Rabatte auch mit den OTC Artikeln Geld verdient werden muss….

#14 |
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Was wäre es denn….
… wenn die Apothekerverbände im Namen Ihrer Mitglieder nach Ansage und Vorbereitung alle Lieferverträge mit den “Kranken Kassen” kündigen??
Der Versorgungsauftrag wird weiter erfüllt gegen Barzahlung und jeder Patient holt sich sein Geld von der Kasse wieder.
Irgendwann muss es doch auch mal gut sein mit der Leidenfähigkeit unseres Berufsstandes. Soviel schlechtes Gewissen wegen des früher einmal verdienten Geldes kann es doch einfach gar nicht mehr geben.
Der Berufsstand und seine Arbeit für die Gesellschaft incl. der PTA’s werden dann mal ein Thema und in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt- und nicht nur der ekelerregende Mann mit der Fliege :-(( .
Man/frau sollte es mal angehen….

#13 |
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Sibylle Binder
Sibylle Binder

Die PTAs,die ich in meinen ca. 10 Berufsjahren erleben durfte, waren fast ausnahmslos hoch qualifiziert, motiviert und verantwortungsbewußt. In der PTA Fachpresse wurde zuletzt immer über eine Aufwertung ihres Berufes diskutiert, da sich doch so manch ein Apotheker von ihrer Arbeitshaltung gerne mal eine Scheibe abschneiden könnte. Wie seltsam wirkt da dieser Vorstoß der Regierenden. Es würde mich nicht wundern, wenn demnächst per Verordnung festgelegt würde, dass Regentropfen in Zukunft nur noch von unten nach oben fallen dürfen. Verkehrte Welt.

#12 |
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Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA)

Wie denken die sich das…. 1 Apotheker pro PTA? Oder Noch besser 1 Aprobierter Apotheker, der nur noch abzeichnet und gar keinen Kundenkontakt mehr hat. Tolles Berufsbild…..Jonnie Kontroletti… OHNE WORTE

#11 |
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Tina  Wagner
Tina Wagner

Die sollen ruhig mal machen – man wird schon sehen, was dabei herauskommt. Das Ganze ist so lächerlich, dass ich mich nicht mehr aufrege – oder frühestens, wenn´s soweit ist.

#10 |
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Cordula Meyer
Cordula Meyer

Wer denkt sich eigrntlich so etwas aus? Gibt’s da vielleicht eine übergeordnete Stelle mit dem Auftrag: mit möglichst sinn- und hirnlosen Anordnungen bislang gut funktionierende Strukturen zu torpedieren?? Und wenn wir schafsdoofen Apotheker auch das alles -wieder mal- schlucken, knallen dort die Sektkorken…

#9 |
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Apothekerin Ingrid Kniffka
Apothekerin Ingrid Kniffka

und warum dürfen völlig inkompetente Anlernsprechstundenhilfen Arztpraxen Blankorezepte ausstellen?

#8 |
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JUERGEN DREISCH
JUERGEN DREISCH

Auch die Politiker sind manchmal Apothekenkunden und beobachten(warum auch nicht) die anwesenden Handelnden,ebenso die immer zahlreicheren Testkaeufer liefern gerne Berichte ueber nicht praesente Apotheker und Apothekerinnen[Einfuehrung von Namens und Berufsbezeichnungen
am Revers ja auch schon geplant!) und schliesslich machen fleissige alleinarbeitende Apotheken Inhaber sich ja auch manchmal Gedanken,wie der Mitbewerber seine Abwesenheit in seiner Apotheke (man hat ja PTA’s ) mit seiner Berufspflicht und seinem Gewinn rechtfertigen will.
Die Pflicht zur persoenlichen Leitung einer Apotheke wurde schon immer sehr kreativ gehandhabt

#7 |
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Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA)

In den USA ist es ein Gesetz dass jedes Rezept vom Apotherker gechecked wird. PTA sind erlaubt die Medikamente herzurichten aber bevor der abgabe muss es gechecked werden. Finde das auch richtig. Es passieren zu viele fehler

#6 |
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Christian Kluge
Christian Kluge

Symtomatisch für Deutschland.In vielen Bereichen völlig überflüssige, inkompetente und Kosten verschlingende Verwaltungsapparate, die in ihrer Sinnlosigkeit ständig neue schwachsinnige Verordnungen und Gesetze produzieren.

#5 |
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Ricarda Bachmann-Selbach
Ricarda Bachmann-Selbach

Man kann sich mal vergleichbare Ausbildungsgänge auf anderen Gebieten ansehen, z.B. Rechtshelfer. Diese haben wesentlich mehr Kompetenzen und das Gehalt ist auch besser. Schade, dass heute Qualifikation abgewertet wird.
Dummheit regiert die Welt.

#4 |
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Apotheker

Es ist schon lustig:die ABDA schaltet Anzeigen in Apotheke ad hoc
und sonst nicht, die PTA machen die zu erwartende Misere öffentlich
und die direkt betroffenen Apo-Leiter merken anscheinend nichts-jeden-
falls äussern sie sich nicht.Gibt die ABDA Prämien fürs stillesein und
überlässt den PTA die Schlacht?Also überall skuriles.

#3 |
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Könnte es nicht so sein: Die Politik weiß natürlich, in welchem Umfang die PTAs an der Arzneimittelabgabe in den Vor-Ort-Apotheken beteiligt sind. Und man trifft mit dieser Vorschrift einen sehr wunden Punkt. Denn der nicht sofort abzeichnende Präsenzapotheker wird kriminalisiert, oder aber der Vorgang der Abgabe wird teurer und in manchen Apotheken wohl unwirtschaftlich bis unmöglich, da so viele Approbierte womöglich gar nicht zur Verfügung stehen.

#2 |
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Selbstst. Apotheker

Wieder ein Angriff auf mittelständische Unternehmen!

#1 |
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