Schlaganfall: Rolle der Alpha-Granula entschlüsselt

2. Juli 2013
Teilen

Sie sind noch nicht einmal vollständige Zellen, lebenswichtig sind sie trotzdem. Ohne Blutplättchen könnten wir an jedem kleinsten Kratzer verbluten. Zu dem Bild, was sie noch alles können, tragen kürzlich publizierte Studienergebnisse bei.

Plättchen sind diejenigen Blutbestandteile, die sich an einer Gefäßverletzung sofort zusammenlagern, einen Pfropf bilden und so verhindern, dass mehr von dem kostbaren Lebenssaft ausläuft. Außerdem enthalten sie dutzende von Faktoren, die aus dem Zusammenhang von Entzündungen, Gefäßwachstum oder Wundheilung bekannt sind – säuberlich verpackt in kleine Bläschen namens Alpha-Granula, die für Blutplättchen typisch sind und bei Aktivierung ausgeschüttet werden.

Dass diese Alpha-Granula auch für Prozesse jenseits der Blutgerinnung wichtig sind, haben Wissenschaftler schon länger vermutet. „Allein schon wegen der schieren Anzahl dieser Faktoren“, begründet Carsten Deppermann, Erstautor der Studie, die kürzlich in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift The Journal of Clinical Investigation erschienen ist. Aber sie sind auch „mit als erste am Ort des Geschehens“ und könnten so sehr früh wichtige Faktoren für eine Entzündungsreaktion ausschütten.

Die Arbeitsgruppe von Prof. Bernhard Nieswandt am Würzburger Rudolf-Virchow-Zentrum für Experimentelle Biomedizin konnte jetzt weitere Hinweise auf die Rolle der Alpha-Granula sammeln. In Mäusen schalteten sie ein Gen namens Nbeal2 aus, sodass den Plättchen dieser Tiere die Alpha-Granula fehlten. Die Blutplättchen konnten sich daraufhin wie erwartet schlechter zusammenlagern und verschlossen so Gefäßverletzungen weniger schnell. Diese Symptome sind aus der seltenen menschlichen Gerinnungsstörung Gray Platelet Syndrome bekannt, der das Mausmodell nachgebildet wurde.

Schwacher „Lückenfüller“

Aber auch nach dem ersten Verschluss heilten Wunden bei diesen Mäusen schlechter. Bei ihnen war das sogenannte Granulationsgewebe deutlich dünner ausgeprägt, das laut Carsten Deppermann zunächst „die Lücke füllt“, bis unter der nachwachsenden Haut sich auch das normale Gewebe neu bilden kann.

Dafür waren die manipulierten Mäuse in verschiedenen Tests weniger anfällig für verstopfte Adern, die Ursache von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Ihre Blutplättchen blieben nicht lange genug aneinander haften, um einen stabilen Pfropf in den Blutgefäßen zu bilden. Und wenn die Forscher auf künstlichem Wege doch einen Schlaganfall auslösten, war der geschädigte Bereich bei den Mäusen ohne Alpha-Granula deutlich kleiner als bei ihren normalen Geschwistern, und entsprechend ihr Verhalten weniger beeinträchtigt.

Nach einem künstlich ausgelösten Schlaganfall sind die geschädigten Bereiche (weiß) im Gehirn von normalen Mäusen (links) deutlich größer als bei Mäusen ohne Alpha-Granula (rechts). © Bild: AG Nieswandt

Orchestrierung des Schlaganfalls

Die Forscher konnten somit zum ersten Mal entschlüsseln, welche Rolle die Alpha-Granula in Plättchen bei der Orchestrierung des Schlaganfalls spielen. Schließlich geht man mittlerweile davon aus, dass nicht nur der durch Plättchen verursachte Gefäßverschluss, sondern auch verschiedenste entzündliche Prozesse die Schäden beim Schlaganfall verursachen. Die Ergebnisse der Studie tragen somit dazu bei, die Entstehung des Schlaganfalls besser zu verstehen und mögliche Zielstrukturen für zukünftige Therapien zu finden. Arbeitsgruppenleiter Prof. Bernhard Nieswandt ist sich sicher: „Mit dieser Maus haben wir jetzt ein gutes Modell, um die Rolle der Alpha-Granula weiter zu untersuchen.“

Originalpublikation:

Gray platelet syndrome and defective thrombo-inflammation in Nbeal2-deficient mice
Carsten Deppermann et al.; J Clin Invest., doi: 10.1172/JCI69210; 2013

20 Wertungen (4.1 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: