Plaudiator oder Schweigologe?

29. September 2010
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Pro Jahr werden eine viertel Million Menschen wegen eines Suizidversuches in eine Klinik eingewiesen. Ein großer Teil von ihnen war in den Monaten vor dem Ereignis in ärztlicher Behandlung. Wie kann also der Arzt bei der Prävention kommunikativ behilflich sein und welche anderen "schweren Fälle" gibt es im Arzt-Patienten-Gespräch?

Oft ist es der Hausarzt, der den Patienten in einer präsuizidalen Phase erlebt. Schlafstörungen, finanzielle Probleme, psychische Erkrankungen oder die Diagnose einer nicht heilbaren Erkrankung entlocken dem Patienten die Ankündigung eines geplanten Freitodes. Häufig wird vermutet, dass der Patient “es gar nicht ernst gemeint hat”. Eine Chance, ernst genommen zu werden, haben meist nur Patienten, die einen schweren Suizidversuch unternehmen.

Ambivalenz nutzen!

Die erste Hürde ist das Erkennen und Beurteilen der Suizidalität. Dies sind Voraussetzungen einer möglichen Verhütung des Selbstmords. Der suizidalen Handlung geht, abgesehen von Kurzschlusshandlungen, in der Regel eine präsuizidale Entwicklung voraus, die in drei Stadien verläuft: Erwägung – Ambivalenz – Entschluss. Besonders im Stadium der Ambivalenz entwickelt sich ein Kampf zwischen selbsterhaltenden und selbstzerstörerischen Kräften. In dieser Phase kann es zu direkten oder indirekten Suizidankündigungen kommen, auf die der Arzt entsprechend reagieren muss.

Auch bei Verdacht Konfrontation suchen

Besteht der Verdacht, dass ein Patient an Suizid denkt, ohne dies jedoch auszusprechen, sollte der Arzt dies direkt thematisieren. Das enge Verhältnis zum langjährigen Hausarzt kann trügerisch sein. Die lange Bekanntschaft mit einem Patienten kann zu fehlerträchtigen Illusionen führen. Zur Abschätzung der echten Suizidgefahr sollte geklärt werden, ob der Patient zu einer Risikogruppe gehört: depressive Patienten, Alkoholiker, Medikamenten- und Drogenabhängige, Alte und Vereinsamte, Personen, die durch Suizidankündigungen oder -drohung aufgefallen sind oder die schon einen Suizidversuch durchgemacht haben.

Müssen und dürfen sind tabu

Der Versuch, einen Depressiven zu trösten, ist meist ohne Wirkung. Dies gilt auch für oberflächliche Aufmunterungsversuche wie “Spannen Sie mal richtig aus”. Vermeiden solte man auch die Worte „muss“ und „dürfen“. Der Depressive hat stets das Gefühl „zu müssen“ oder „nicht zu dürfen“. Er muss arbeiten, agieren, atmen. Sein ganzes Leben ist ein Muss. Sagt man ihm jetzt, dass er sich zusammenreißen muss, oder keine Tabletten schlucken darf, kann dies der Schlüsselreiz zur Suizidrealisation sein.

Im Gespräch mit Suizidpatienten ist es besonders wichtig, alle abwertenden Formulierungen und kritischen Äußerungen zum Selbstmordversuch zu vermeiden. Dies sollte auch den Angehörigen klargemacht werden. Ziel ist neben der Aufarbeitung der Problematik die Stärkung des gestörten Selbstwertgefühls. So zum Beispiel durch die Vermittlung des Gefühls, dass man den Patienten ohne Vorbehalte akzeptiert und seine Handlungsweise versteht. Es ist falsch, ihm das Vorhaben auszureden oder zu bagatellisieren. Vielmehr ist es hilfreich, die subjektive Erlebensweise des Suizidanten ernst zu nehmen.

  • Vorbereitung: Wie würden Sie es tun? Haben Sie schon Vorbereitungen getroffen? (Je konkreter die Vorstellungen, desto größer das Risiko)
  • Zwangsgedanken: Denken Sie bewusst daran oder drängen sich derartige Gedanken, auch wenn Sie es nicht wollen, auf? (Sich passiv aufdrängende Gedanken sind gefährlicher)
  • Ankündigungen: Haben Sie schon über Ihre Absichten mit jemandem gesprochen? (Ankündigungen immer ernst nehmen)
  • Aggressionshemmung: Haben Sie gegen jemanden Aggressionen, die Sie unterdrücken müssen? (Aggressionen, die unterdrückt werden müssen, richten sich gegen die eigene Person)
  • Einengung: Haben Sie Ihre Interessen, Gedanken und zwischenmenschlichen Kontakte gegenüber früher eingeschränkt und reduziert?

(nach W. PÖLDINGER)

Angst macht taub

Neben Suizidenten sind auch Angstpatienten für den Arzt eine kommunikative Herausforderung. Der Puls schlägt bis zum Hals, Schweiß steht auf der Stirn, der Magen ist zugeschnürt, die Gedanken fahren Karussell. Angst – dieses Gefühl ist eng mit der „Tätigkeit“ Patient verbunden. Die Angst, die dem Arzt begegnen kann, hat viele Gesichter. “Angst ist ein unangenehmer emotionaler Zustand mit zumeist physiologischen Begleiterscheinungen, hervorgegangen aus einem Gefühl der Bedrohung, entweder konkret oder nicht objektivierbar.” So definiert der Psychiater Prof. Volker Faust Angst.

Nach einer Untersuchung hat ein Zahnarzt am meisten Angst vor der Angst des Patienten. Doch nicht nur vor dem dentalmedizinischen Kollegen fürchtet man sich. Auch viele Patienten, die zum Hausarzt in die Praxis kommen, verspüren Ängste. Welche Untersuchungen wird mein Arzt an mir vornehmen? Wird es weh tun? Haben sich meine Laborwerte immer noch nicht verbessert? Viele Patienten gehen mit einem großen Fragezeichen zu ihrem Arzt, sie wissen nicht, was auf sie zukommt. Unbekanntes macht Angst. Weitere Gründe für Ängste können negative medizinische Erfahrungen, eine bevorstehende Klinikeinweisung aber auch das gigantische Potenzial an Technik sein. Angst ist ein Compliance-Killer. Deshalb sollte alles getan werden, damit der Kranke die Angst vor einer Untersuchung oder einer Therapie verliert. Ziel des gesamten Praxisteams muss es sein, sein Angstpotenzial zu senken. Eine ungünstige Bemerkung einer Helferin kann einen ruhigen in einen ängstlichen Patienten verwandeln. Wer imstande ist, sich in die Wirklichkeit eines Patienten einzufühlen, der zum ersten Mal zu Ihnen kommt, wird sich rasch ein plastisches Bild von dem Szenario seiner Ängste machen können.

Gesichter der Angst

Ob bei einem Patienten Angst vorliegt und wie schwer sie wirklich ist, kann schwierig zu erfassen sein. Wie viel von der Angst nach draußen dringt, wird auch von der Angstabwehr des Patienten bestimmt. Typische Abwehrformen sind Verdrängung, Verleugnung, Regression, Rationalisierung und Projektion. Damit der Arzt mit der Angst des Patienten richtig umgehen kann, muss er sie einordnen. Es ist ein Unterschied, ob der Arzt bzw. die Untersuchung der Auslöser ist, oder ob die Angst das Leben des Patienten bestimmt. Ängste können organisch bedingt sein, sich als Phobie darstellen sowie Neurosen oder Psychosen als Ursache haben.

Teddy als Anxiolytikum

Kinder sind wissbegierig und sehr aufnahmefähig. Deshalb sollte man dem kleinen Patienten vor, während und nach der Untersuchung alles erklären und alle Fragen in einer für Kinder verständlichen Sprache beantworten. Man kann auch versuchen, das Kind mit einem Plüschtier abzulenken, das es während der Untersuchung auf den Arm nimmt. Die Gefahr, dass es den Trösteteddy aber nicht wieder hergibt, ist groß. Ein Satz sollte gerade bei Kindern nicht rausrutschen: „Du musst keine Angst haben!“ Dann hat man verloren. Negierungen werden immer überhört, das Wort „Angst“ bleibt im Gedächtnis zurück.

Ob Mutter oder Vater bei der Behandlung dabei ist oder nicht, sollte das Kind selbst entscheiden dürfen. Während der Behandlung sollten keine verspäteten Erziehungsversuche durch die Eltern unternommen werden. Sie sollten nur, wenn unbedingt nötig, in den Behandlungsablauf eingreifen. Weder übertriebene Fürsorge noch ständige Ermahnungen sind in dieser Situation angebracht. Nach der Behandlung ist Loben wichtig, z.B. die Belohnung der Tapferkeit des kleinen Patienten mit einem Lolli o.ä..

Verbale und nonverbale Kommunikation sind wichtige Faktoren, Angst zu erzeugen oder zu lindern. Ein skeptischer Blick in die Krankenakte kann reichen, um bei einigen Patienten Ängste hervorzurufen. Unbedingt vermieden werden sollten Negierungen. Wenn man an alles denken darf, nur nicht an gelbe Frösche mit grünen Punkten, woran wird man denken? An gelbe Frösche mit grünen Punkten! „Das wird nicht wehr tun“. „Sie müssen keine Angst haben!“. „Das wird schon kein Krebs sein!“ Solche Killerphrasen sollte man vermeiden, stattdessen positiv sprechen. Statt „..keine Angst haben“ lieber „entspannen Sie sich!“. Auch das Zuhören bei den medizinischen Fachangestellten, wie oft diese Negierungen verwendet, macht Sinn. Praktisch ist ein Hinweis in der Akte des Patienten, ob er in die Rubrik „Angsthase“ gehört. So kann bereits das Praxisteam von Anfang an als Angstbremse wirken.

So bauen Sie Ängste beim Patienten ab

  • Sprechen Sie positiv: Sagen Sie statt „das Medikament hat kaum Nebenwirkungen“ besser: es ist gut verträglich
  • Reden Sie dem Patienten die Angst nicht aus
  • Bewerten Sie Abwehrmechanismen nicht unter
  • Beseitigen Sie Kommunikationsbarrieren
  • Vermeiden Sie Anonymität und Undurchschaubarkeit
  • Verwenden Sie keine Fremdwörter
  • Erklären Sie zuerst, was bei einer Untersuchung oder Therapie passiert, nicht dabei oder danach!
  • Fragen Sie den Patienten, wovor er konkret Angst hat
101 Wertungen (4.47 ø)
Medizin

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10 Kommentare:

Vor allem bei der diesbezüglichen Unterweisung der Mitarbeiter (Arzthelfer/innen, Pfleger, Schwestern) sehe ich (aus eigener Erfahrung) großen Handlungsbedarf. Aber auch manche der sich oft als allmächtig wähnenden Chefs in Krankenäusern und Praxen haben hier noch einiges zu lernen.

#10 |
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Arzt

Sehr guter Artikel!

Wichtig ist der Hinweis, Betreffende auf suizidale Gedanken und Impulse direkt anzusprechen. Das kann lebensrettend sein.

Oft besteht die Sorge, man könne jemanden durch entsprechende Fragen erst auf die Idee bringen, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Dem ist nicht so. Man kann niemandem Suizidalität einreden, der sich nicht ohnehin schon mit dem Thema Selbstmord beschäftigt hat.

#9 |
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Dr. med.vet. Karsten Schlaefer
Dr. med.vet. Karsten Schlaefer

Ein wirklich sehr guter Artikel. Auch für die “Betreuung” von Tierhaltern in der Kleintierpraxis hilfreich !

#8 |
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Bernd Brasche
Bernd Brasche

Vielen Dank Herr Bastigkeit. Hier auch mal wieder ein sehr guter Beitrag der bei weitem nicht nur für Arztpraxen, sondern auch für uns “auf der Straße” in meinen Augen sehr hilfreich ist. Leider immer mehr psychiatrische Notfälle mit immer komplexeren Aufgabenstellungen.

#7 |
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Dr. med. Karin Konkol
Dr. med. Karin Konkol

Sehr guter Artikel. Vielen Dank !
Leider ist es manchmal schwierig, die Patientin dann rasch an einen Fachkollegen/Kollegin weiterzuleiten, da oft erheblicher Wartezeiten und Terminschwierigkeiten bestehen.

#6 |
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Dr. med. Andrea  Hilling
Dr. med. Andrea Hilling

Ich halte den Artikel für mich als Allgemeinmedizinerin für sehr hilfreich, da kurz und prägnant geschrieben. Natürlich ist das Thema nur oberflächlich angeschnitten, aber mit guten pratischen Hilfen. Zum Kommentar von Herrn Prof Scholz: Kennen Sie Kollegen (Psychotherapeuten), die einen Termin innerhalb der ersten 2 Monate(!) anbieten? Ich nicht!! In meinem Gebiet herrscht absoluter Therapeutenmangel!

#5 |
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Dipl.-Med.^ Bernd Weinert
Dipl.-Med.^ Bernd Weinert

Das ist für mich ein sehr schöner Artikel. Ergänzend möchte ich hinzufüge, dass der Arzt seine eigene Angst vor dem heiklen Thema selbst überwinden muss. Das gelingt durch das Gespräch, durch die Beziehung, durch die Empathie. Suizidale Impulse werden durch die Beziehung zum Therapeuten gelindert. Wenn der Kollege merkt, dass das Aussprechen hilft, ist auch ihm geholfen.
Wichtig sind auch klare Absprachen mit dem Patienten über den nächsten Arzttermin und dass er sich bis dahin – nur bis dahin – nichts antun wird (sog. Suizidvertrag) und eine Notfallregelung. wenn er Suizidimpulse verspürt.

#4 |
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Das hier vermittelte Wissen ist auf der Höhe der Zeit. Für ärztliche Nicht-Fachleute sind die Empfehlungen angemessen und praktikabel. Insgesamt ist der Artikel gut und leicht nachvollziehbar geschrieben. Bleibt nur anzumerken: Wenn der niedergelassene, im Umgang mit psychischen Störungen nicht fachkundige Kollege (oder die Kollegin) Hinweise für klinisch relevante Angst oder gar Suizidtendenzen findet, sollte er die/den Pat auf jedem Fall die Adresse von wenigstens einer Psychotherapeutign oder eines Psychotherapeuten geben und kontrollieren, dass tatsächlich ein Kontakt zustande gekommen ist.

#3 |
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Exzellenter Artikel.
Kompliment, vor allem aber: Herzlichen Dank, Herr Bastigkeit!

#2 |
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Zahnärztin Ulla Augustyn
Zahnärztin Ulla Augustyn

…..nach dem Zahnartzbesuch einen Lolli?
Um noch meht Karies zu verursachen?
Da gibt es gesündere Alternativen!!!

#1 |
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