Gefangenschaft im Laufstall

30. September 2010
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Manche sehen in ihr den Schlüssel zum Stopp des Alterns, andere nur den seltenen Fall einer Entwicklungsstörung. Ein Mädchen aus den USA ist auch mit siebzehn Jahren noch ein Baby. Das Geheimnis ihrer Jugend konnte bisher kein Gen-Fahnder auflösen.

Ähnliches hat die Welt noch nicht gesehen. Brooke Greenberg ist möglicherweise das einzige Fallbeispiel für ewige Jugend unter acht Milliarden Menschen. Die inzwischen siebzehnjährige Amerikanerin ist für etliche Forscher das fleischgewordene ideale Untersuchungsprojekt zum Thema „Alterungsprozesse“. Die „Süddeutsche Zeitung“ zitiert ihren Arzt Richard Walker von der University of South Florida mit den Worten: „Ohne sensationsheischend sein zu wollen, dies ist eine Gelegenheit, die Frage zu beantworten, warum wir sterblich sind.“ Bisher haben es die Experten aber nicht geschafft, eine Antwort auf die Frage zu geben, warum Brooke Greenbergs Körper sich weigert, erwachsen zu werden.

Siebzehn Jahre, siebeneinhalb Kilogramm

Brooke ist 76 Zentimeter groß, wiegt knapp siebeneinhalb Kilogramm und hat die äußere Erscheinung und das Verhalten eines etwa einjährigen Kindes. In den letzten zehn Jahren hat das Mädchen um 1,5 Kilogramm zugenommen und ist um sieben Zentimeter gewachsen. Bereits im Mutterleib weigerte sich der Fötus, kontinuierlich zu wachsen. Perioden mit normaler Entwicklung folgten Zeiten mit deutlichen Verzögerungen. Die Schwangerschaft ging schließlich in der 36. Woche mit einer Frühgeburt zu Ende und Brooke kam mit einem Geburtsgewicht von 1,85 Kilogramm zur Welt. Auffälligste Missbildung bei der Geburt war eine anteriore Hüftdislokation.

Auch heute läuft Brooke immer noch in einem Rollgestell und muss über eine Magensonde ernährt werden. Speiseröhre und Atemwege haben sich unterschiedlich entwickelt und die Muskeln, die für den Transport der Nahrung vom Mund über Rachen in den Magen sorgen, arbeiten unkoordiniert. Ähnliche Koordinationsstörungen verhindern auch bis zum sechsten Lebensjahr, dass das Mädchen ohne fremde Hilfe aufrecht sitzen konnte.

Gehirntumor und Magengeschwüre

Aber nicht nur der Körper ist betroffen, auch die geistige Entwicklung schreitet zwar voran, aber mit extremem Zeitlupentempo. So erkennt das Mädchen zwar sein Spiegelbild und seine engsten Bezugspersonen und reagiert auf einfache Befehle, wie etwa etwas zu greifen. Dennoch ist es das typische Verhalten eines Kleinkinds, das noch nicht sprechen kann.

Welche Chancen hat Brooke, alt zu werden und sich dabei noch weiterzuentwickeln? Wer sich die Krankengeschichte der Siebzehnjährigen anschaut, ist erstaunt, dass der zurückgebliebene Teenager immer noch lebt. Greenberg hat inzwischen sieben Magengeschwüre hinter sich, einen Schlaganfall und einen Tumor mit Spontanremission. Ärzte stellten vor etwa zwölf Jahren einen Tumor von mehreren Zentimetern Größe in ihrem Gehirn fest. Zum Erstaunen aller Beobachter verschwand die Geschwulst kurze Zeit später von alleine.

Ungeklärter Gendefekt

Trotz intensiver Suche haben auch erfahrene Humangenetiker bisher keinen wirklich auffallenden genetischen Defekt im Erbgut gefunden. Viele Experten sehen in der Aktivität der Telomerase einen Schlüssel zu Alterungsprozessen. Sie ist in Krebszellen überaus aktiv und sorgt damit für die Unsterblichkeit der Zelle. Bei Brooke Greenberg ist zumindest in den untersuchten Haut-Fibroblasten keine Telomerase-Aktivität nachzuweisen. Im Gegenteil: Die durchschnittliche Länge der Telomere an den Chromosomen ist kürzer als die (entsprechend dem Geburtsdatum) gleichaltriger junger Erwachsener. Keine Auffälligkeit auch bei Hormonen, die für Entwicklung und Wachstum zuständig sind. Eine Behandlung mit Somatotropin änderte nichts an der Entwicklungsstörung. Das Ehepaar Greenberg hat noch weitere Kinder: eine jüngere sowie zwei ältere Schwestern sind gesund und normal entwickelt. 


Das Werner-Syndrom und Hutchinson-Gilford-Syndrom sind verschiedene Ausprägungen der Progerie. Im Gegenteil zu Brooke Greenbergs Erscheinungsbild altert dort der Körper vorzeitig und sehr schnell. Ein Defekt in den dafür verantwortlichen Genregionen? Fehlanzeige.

Master-Gen für koordinierte Organentwicklung

Bei der Fahndung nach den Hintergründen, so sind sich die Experten inzwischen ziemlich sicher, geht es nicht um den Defekt eines Gens, das für langsames oder schnelles Altern verantwortlich ist. Denn nur einige Teile ihres Körpers altern sehr langsam. So sind die meisten Milchzähne noch intakt. Sie entsprechen einem Alter von etwa acht Jahren, ihre Knochen haben ein biologisches Alter von etwa zehn. Die Speiseröhre ist dagegen unnatürlich klein.

Nachdem die bisherige Spurensuche weitgehend erfolglos blieb, bleibt für Hypothesen viel Raum. Diejenige, die wohl am meisten einleuchtet, veröffentlichte Richard Walker in einem Artikel vor etwa eineinhalb Jahren in „Mechanisms of Ageing and Development“. Er glaubt an einen Defekt in einem „Master-Gen“, verantwortlich für aufeinander abgestimmtes Wachstum von Organen im Körper. Dieses Gen würde dafür sorgen, dass in jeder Entwicklungsphase des Menschen die Zusammenarbeit zwischen Organen mit unterschiedlicher Wachstumsgeschwindigkeit funktioniert. Das Problem dabei: Brooke Greenbergs Fall ist das erste und bisher einzige Vorkommen eines solchen Syndroms, das sich in der Literatur finden lässt. Möglicherweise gibt es in Brasilien einen zweiten Menschen mit dem Alterungsstopp. Details darüber sind aber in den Fachzeitschriften bisher nicht aufgetaucht.

Wer sich Bilder von Brooke Greenberg im Alter von fünf, zehn, elf und fünfzehn Jahren ansieht, tut sich schwer, sie in die richtige Reihenfolge zu bringen. Liegt in dieser Familie der Schlüssel für ewige Jugend? Für die Mutter von Brooke Greenberg, die seit siebzehn Jahren ein Kleinkind versorgt, ist der Preis hoch.

108 Wertungen (4.56 ø)
Medizin
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7 Kommentare:

Patrycjusz Nadurski
Patrycjusz Nadurski

Interessante Geschichte

#7 |
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Regine Reusch
Regine Reusch

Ich glaube diese Geschichte nicht.

#6 |
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Bravo Herr Subat

kann Ihren Standpunkt voll und ganz unterstützen! Vermutlich geschehen in gut abgeschirmten Forschungs- Labors genügend Gruseligkeiten, die der Menschheit mehr Schaden als Nutzen bringen und jeden Science Fiction in den Schatten stellen.
Hern Dr.med. vet. Kramer hingegen könnte jemand darauf hinweisen dass Polemik nur in seltensten Fällen jemals jemanden zum Nachdenken gebracht hat. Diese Harald- Schmitt- Mentalität trägt hierzzulande zum Untergang des menschlichen Miteinanders bei und verkauft sich zwar gut, vergiftet aber nachhaltig das Klima. Wer andere herabsetzen muss, um sich gut zu fühlen, kann in meinen Augen nicht sehr ausgeglichen sein.

G. Umminger

#5 |
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Vielleicht haben auch die Optiker irgend wann mal was von der Genforschung….. Im Mittelalter wurden die Anatomen verteufelt.

#4 |
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Studentin der Humanmedizin

bei aller brisanz des ewigen Gen-Antiaging-Themas würde mich doch mal interessieren, wie es den Eltern in dieser Situation geht. Was ist, wenn die Kleine ewig lebt?

#3 |
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Ich bin der Meinung, Herr Subat sollte bei seinem Beruf bleiben. Die Art und Weise, wie er sich über Genforschung äußert, spricht dafür. Es wirft doch auch niemand Herrn Subat vor, aus Geldgier Brillen anzufertigen.

#2 |
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Heinz Subat
Heinz Subat

vielleicht sollte der ‘fall’ Brooke Greenberg die meschheit mahnen, die finger von gen-manipulation zu lassen, weil er beweist, daß daß wir noch lange nicht alles über gene und deren bedeutung wissen. deshalb der appell an alle übereifrigen oder karriere-geilen resp. machtlüsternen forscher : bedenkt, daß wir nur ein winziger teil der natur sind, und diese deswegen nie werden beherrschen können.

heinz subat

#1 |
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