Kardio-Studie: Graues Haar, schwaches Herz

25. April 2017
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Studien zeigen, dass sich Haare nicht nur als Indikator für unser biologisches Alter eignen. Wer früh ergraut oder in der Scheitelregion kahl wird, hat auch eher mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu kämpfen – unabhängig davon wie alt man ist.

Weltweit suchen Forscher nach Indikatoren für kardiovaskuläre Ereignisse, um präventiv einzugreifen. In großen Kohorten finden sie immer neue Assoziationen. Eine auf den ersten Blick absurd erscheinende Studie zeigt Zusammenhänge zwischen dem Ergrauen von Haaren und Herzerkrankungen bei Männern. Molekularbiologisch betrachtet macht der Ansatz Sinn.

Daten von 545 Männern

Dr. Irini Samuel, eine Kardiologin aus Kairo, präsentierte aktuelle Daten auf dem Kongress EuroPrevent, Abstract 760. Sie rekrutierte 545 erwachsene Männer für ihre prospektive Beobachtungsstudie. Alle Probanden mussten sich einer Multislice-Computertomographie mit Kontrastmittelgabe unterziehen. Ziel war es, Herz und Gefäße in Augenschein zu nehmen.

Danach teilte Samuel alle Männer über den Hair Whitening Score in Gruppen ein. Hier steht „1“ für rein schwarzes Haar, und „2“ für mehr schwarzes als weißes Haar. Bei „3“ sind schwarze und weiße Haare gleich häufig zu finden, bei „4“ gibt es mehr weiße als schwarze Haare, und bei „5“ liegen rein weiße Haare vor. Jede Patientengruppe wurde von zwei Forschern unabhängig begutachtet. Sie erfassten auch bekannte Risikofaktoren wie Hypertonien, Diabetes, Rauchen, Dyslipidämien oder kardiovaskuläre Ereignisse in der Familie.

Ein Indikator des biologischen Alters

Samuel fand heraus, dass graue Haare ab dem Grad 3 unabhängig vom Alter und von sonstigen Einflussfaktoren mit einem höheren Risiko in Verbindung stand, an einer konoraren Herzkrankheit zu erkranken. Graue Haare und Herz-Kreislauf-Erkrankungen hätten den gleichen Auslöser, nämlich nachlassende Reparaturprozesse, schreibt die Forscherin. Sie bewertet die Haarfarbe als Indikator für unser biologische Alter.

Ihre Erkenntnis überrascht kaum. Bereits vor fünf Jahren hatten türkische Kardiologen um Sinan Altan Kocaman gezeigt, dass graue Haare bei Männern einen Marker für koronare Herzerkrankungen darstellen. Sie gewannen ihre Erkenntnis anhand von 213 Probanden. „Das biologische Alter kann bei der Bestimmung des Gesamtrisikos der Patienten wichtig sein“, so Kocaman.

Japanische Wissenschaftler um Tomohide Yamada befassten sich ebenfalls mit der Materie. Sie wollten wissen, ob Alopezie mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung steht. Für ihre Metaanalyse fanden sie in der Literatur 850 Studien, drei Fall-Kontroll-Studien und drei Kohortenstudien. Insgesamt lagen Yamada Daten zu 36.990 Patienten vor. Er identifizierte Haarverlust im Scheitelbereich – vor allem bei Patienten unter 60 Jahren – als möglichen Marker für kardiovaskuläre Risiken. Dem gegenüber waren „Geheimratsecken“ im frontalen Bereich nicht mit der Erkrankung assoziiert.

Keine Kausalität – aber neue Impulse

Alle genannten Studien beweisen letztlich keine Kausalität, sind aber Impulse für neue Forschungsprojekte. Sowohl Samuel als auch Yamada wünschen sich einen Indikator für Patienten ohne Beschwerden. Im Zweifelsfall bleibt nur der Check-up beim Kardiologen.

40 Wertungen (3.25 ø)
Forschung, Pharmazie

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12 Kommentare:

Dr. med. Ursula M. Schleicher
Dr. med. Ursula M. Schleicher

“Wer früh ergraut oder in der Scheitelregion kahl wird, hat auch eher mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu kämpfen – unabhängig davon wie alt man ist”. Der erste Teil dieser Aussage ist banal, man altert halt früher, beim zweiten Teil bekommt der Semantiker das Grauen.

#12 |
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Gast
Gast

Auch interessant sind (glaubwürdige?) Berichte, nach denen ein Traumaereignis zur spontanen Ergrauung führt!
Und dem Kommentierer 10 unterstelle ich graues aber volles Haar! Bei mir ist es anders herum, meine schwarzen Haare sind zwar nur noch spärlich aber das Zeichen des zu Ende gehenden Haarausfalls!

#11 |
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Dr. med. vet. Wolfgang Bartsch
Dr. med. vet. Wolfgang Bartsch

Wenn man 80 Jahre alt ist darf man sagen,
“meine Graue Haare sind Zeichen der zu Ende gehenden Jugend,
das Symptom des Alters ist die Glatze.”

#10 |
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Nichtmedizinische Berufe

Was ist mit Menschen, die sehr früh grau werden, nämlich in den frühen Zwanzigern? Ich kenne zwei Familien, innerhalb derer das anscheinend erblich ist.
Was bedeutet das für das biologische Alter?

#9 |
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Gast
Gast

….nämlich dass oft Grauhaarigkeit und Haarausfall genauso eine Alterserscheinung sind wie Herz-KreislaufErkrankungen…..

#8 |
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Heilpraktikerin

Diese Studie bestätigt nur was in der TCM seit mehreren tausend Jahren bekannt ist!!

#7 |
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Dr. med. Wurst
Dr. med. Wurst

Ich hoffe, man hat die 545 Männer, die aus völliger Gesundheit heraus der Strahlenbelastung eines Ganzkörper-CT und den Gesundheitsrisiken einer CT- Kontrastmittelgabe ausgesetzt wurden, gut über die Studienbedingungen aufgeklärt. Wenngleich die Gütekriterien an wissenschaftliche Experimente hier zweifelhaft waren, haben die Männer wenigstens hernach gute Chancen, dass ihre grauen Haare noch ein wenig grauer oder lichter werden.

#6 |
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Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass ich die Wiedergabe der Publikation von AMR Elfaramawy, I. Samuel et al. aus Platzgründen um statistische Detailangaben kürzen musste.
Im Detail:
http://spo.escardio.org/SessionDetails.aspx?eevtid=1245&sessId=21097&subSessId=5916&searchQuery=%2fdefault.aspx%3feevtid%3d1245%26days%3d%26topics%3d%26types%3d%26rooms%3d%26freetext%3dhair%2bgraying%26sort%3d1%26page%3d1%26showResults%3dTrue%26nb#.WQBBsmdTLU4
Erfreulich bleibt, trotz meiner deutlichen Kritik am wissenschaftlichen Vorgehen, dass die Publikation von arabisch-islamischen Autoren gemeinsam mit einer Christin namens Irini Samuel stammt. Das ist in Ägypten keine Selbstverständlichkeit! MfG

#5 |
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Sehr geehrter Dr. Schätzler,
herzlichen Dank für dieses “Zurechtrücken”, also Enttarnen dieser merkwürdigen Publikationen aus Ägypten und ebenso Türkei. Die dort tätigen Ärzt/Innen- also die Autor/Innen sollten die ihnen verfügbaren Ressourcen ( Arzt-Arbeitszeit, Medizin – Geräte, Labors, Rechner etc.) lieber dazu verwenden, den leidenden Patienten in ihren Ländern zu helfen, als dermaßen unglaubwürdige “Studien” zu produzieren. Auch der Ehrgeiz, sich international zu profilieren reicht als Begründung für solche Machwerke nicht aus. MfG, GB

#4 |
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Gast
Gast

Die Kommentare des Herrn Dr. Schätzler schätze ich sehr! Vielen Dank für Ihre Klarstellung.

#3 |
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Die Publikation: “The degree of hair graying in male gender as an independent risk factor for coronary artery disease, a prospective study” der Autoren “AMR Elfaramawy, I. Samuel, R. Darweesh, A. Shehata, H. Farouk, H. Kandil”…”Kasr Al-Ainy Hospital-Faculty of Medicine, Department of Cardiology – Cairo – Egypt” ist mitnichten auch nur ansatzweise eine “prospektive Studie” gewesen. Eine Randomisierung fehlt ebenso!
European Journal of Preventive Cardiology ( April 2017 ) 24 (Supplement 1), 168,
beschreibt eine reine Diagnostik und die Bestätigung einer Weißharigkeit, nachdem (!) bei 80 Prozent der Probanden klinisch manifeste KHK-Erkrankungen (CAD coronary artery disease) detektiert worden waren. Von prospektiven Verlaufsbeobachtungen keine Spur!
“Method: This prospective observation study included 545 adult males who underwent a multi-slice computed tomography coronary angiography (MSCT CA) for suspicion of coronary artery disease (CAD), patients were divided into different subgroups according to the percentage of gray/white hairs (Hair Whitening Score, HWS: 1-5) and to absence or presence of CAD.
Results: CAD was prevalent in 80% of our studied population, (46.8 %) had three vessels disease with mean age of 53.2 ± 10.7 yrs. Hypertension, diabetes and dyslipidemia were more prevalent in CAD group). Patients with CAD had statistically significant higher HWS (3 or more, predominately white hair), and significant coronary artery calcification. Multivariate regression analysis showed that age Hair Whitening Score, hypertension, and dyslipidemia were independent predictors of presence of atherosclerotic CAD and only age was found as independent predictor of hair graying.
Conclusion: In our population, high hair whitening score was associated with increased risk of CAD independent of chronological age and other established cardiovascular risk factors”.
Wenn also nur noch das Alter, der Weißhaarigkeits-Score, Hochdruck und Dyslipidämie unabhängige Voraussagefaktoren für arteriosklerotische KHK sein sollen, ist aber die entscheidende Variable, wie die Autoren selbst feststellen, das Alter – und damit ist diese Studie wissenschaftlich unhaltbar und führt zu Haare raufen im Scheitelbereich und (Er-)Grauen. 

#2 |
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Gast
Gast

Noch überraschender ist, dass dieser Zusammenhang nicht nur bei Naturhaar sondern noch viel ausgeprägter bei graufarbenen Perücken besteht.
Eine Metaanalyse hat ergeben, dass graufarbene Perücken, die mit Alopezie vergesellschaftet sind, doppelt so sichere Marker für Herz-Kreislaufprobleme darstellen!

#1 |
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