Einer für alles: der Allgemeinmediziner

6. Oktober 2010
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Warum sollte man sich als junger Arzt für die Allgemeinmedizin entscheiden? Wir haben einen Allgemeinmediziner befragt: über Vorteile, Nachteile und 40-Stunden-Wochen.

Als Medizinstudent steht man spätestens nach erfolgreich absolviertem Hammerexamen vor der Frage: “Und welchen Facharzt mache ich jetzt?” Um diese Situation zu vermeiden, ist es hilfreich, sich schon früh über die verschiedenen Fachrichtungen und die Tätigkeiten des entsprechenden Facharztes zu informieren. Wir stellen Euch deshalb der Reihe nach einige Fachärzte vor.

Um Euch den Allgemeinmediziner vorzustellen, konnte ich Frederik Heese für ein Interview gewinnen. Der 33-Jährige praktiziert seit 2005 in Kassel gemeinsam mit seinem Vater in eigener Praxis. Sein Staatsexamen machte er 2004 an der Universität Marburg, wo er sich zuvor für Dermatologie als PJ-Wahlfach entschieden hatte, was seinen Alltag als Allgemeinmediziner durchaus positiv beeinflusst.

Aus welchen Gründen haben Sie sich für ein Medizinstudium entschieden und wie und wann stand fest, dass dieses Sie zur Allgemeinmedizin führen wird?

Frederik Heese: Bei mir bestand eigentlich nie ein anderer Wunsch als der, Arzt zu werden. Sicherlich bin ich da auch hineingewachsen, da mein Vater Mediziner ist. Viele träumen ja dennoch von einem Job als Feuerwehrmann oder Polizist, aber diese Bereiche haben mich einfach nicht so gereizt. Bei uns gab es damals nach dem Abitur noch den sogenannten “Mediziner-Test”, der sicherstellen sollte, dass man für diesen Studiengang geeignet sei und nachdem ich diesen erfolgreich abgelegt hatte, stand lediglich noch der Grundwehrdienst vor dem Studienbeginn in Marburg. Ich habe mich allerdings nicht nur dort, sondern natürlich auch in Gießen, Göttingen usw. beworben.
Zur Allgemeinmedizin bin ich sicherlich durch meinen Vater gekommen, auch wenn er mir von der Medizin im Gesamten und der Allgemeinmedizin im Speziellen eigentlich abgeraten hat. (schmunzelt)
Nach meiner Chirurgie-Zeit im Roten Kreuz Krankenhaus wusste ich, dass das zumindest nicht meine Zukunft ist. Ein toller Job mit viel Herausforderung, klar, aber wo soll da mal eine Familie bleiben? So hat sich das einfach entwickelt.

Haben Sie noch Zusatzbezeichnungen wie Chirotherapeut o.ä. erworben?

F.H.: Ja, wir übernehmen mit unserer Praxis auch noch die psychosomatische Grundversorgung unserer Patienten. Das hat sich teilweise aus eigenem Interesse und einfach aus der entsprechenden Nachfrage entwickelt.

Bitte erzählen Sie mir etwas über Ihre derzeitige berufliche Position und die Arbeit, die Ihren Alltag bestimmt. Mit welchen Altersgruppen und Krankheitsgeschehen haben Sie in Ihrem Praxisalltag am meisten zu tun?

F.H.: Wir haben eine gewisse Arbeitsteilung hier in der Praxis. Mein Vater kümmert sich viel um die Hausbesuche und besonders die Heimpatienten, das sind bei uns so etwa 100. Das heißt als Konsequenz, dass meine Klientel im Durchschnitt jünger ist, und die Patienten freuen sich natürlich auch über kürzere Wartezeiten, für die man mit der Arbeitsteilung besser sorgen kann.
Die häufigsten Beschwerden mit denen sich Patienten bei uns vorstellen sind saisonabhängige Erkältungen, jegliche Art der Rückenschmerzen und Verspannungen, aber auch viele depressive oder psychosomatische Krankheitsbilder, da ist der Hausarzt meist der erste Ansprechpartner.
Auch der berühmte Leberfleck, der nur mal eben im Rausgehen erwähnt wird, ist ebenso wie alle anderen Hautkrankheiten oft ein Thema bei uns. Hier kommt mir mein PJ-Tertial in der Dermatologie dann wirklich zugute, denn nur das, was man bereits in der Ausbildung gesehen hat, erkennt man auch sicher wieder und kann entsprechend handeln.
Ansonsten beschäftigen uns natürlich die Verlaufskontrollen der großen Volkskrankheiten wie Diabetes, koronare Herzkrankheit und ähnliches.

Auf wie viele Stunden Arbeitszeit kommen Sie in etwa pro Woche? Wie sieht es mit den Wochenenden und Notdiensten aus?

F.H.: Ich komme auf etwa 40 Stunden reine Praxisarbeitszeit pro Woche. Wobei man wissen muss, dass mein Vater fast jeden Morgen zwischen fünf und zehn Hausbesuche fährt und ich daher nur etwa alle 2 Wochen unterwegs bin. Wir haben samstags etwa eine Stunde für die Patienten geöffnet, allerdings vergeht oft doppelt so viel Zeit nochmal für Büroarbeit. Die Notdienste wurden vor Jahren schon an andere Praxen abgetreten, das heißt für uns aber nicht unbedingt, dass ein Sonntag garantiert ruhig bleibt. Unsere Patienten haben für den Notfall die jeweilige Handynummer und es kommt immer mal wieder vor, dass man ungeplant los muss.

Wie viel Arbeitszeit verwenden sie prozentual auf ärztliche Behandlungsmaßnahmen und wie viel entfällt auf bürokratische Notwendigkeiten wie etwa das Ausfüllen von Formularen etc.?

F.H.: Es ist schwierig diese Bereiche genau voneinander abzugrenzen. Es kommt dann natürlich darauf an, ob man etwa Karteneinträge zur einen oder zur anderen Kategorie zählt. Auf die gesamte in der Praxis geleistete Arbeit bezogen würde ich von fast 30-40% bürokratischem Aufwand ausgehen. Für mich selber macht der Anteil etwa 20% meiner Arbeit aus, was wirklich viel ist, wenn man bedenkt, dass oft nur ein Arzt die Formulare unterschreiben darf. Hier ist natürlich auch ein fittes Team an Arzthelfern/innen gefragt, das wir zum Glück haben. In vielen Fällen wissen die nämlich viel eher wo das entsprechende Formular zu finden ist.

Sind Sie mit dem derzeit aktuellen Gesundheitssystem einverstanden? Und wenn nicht, wo würden Sie im Sinne einer Verbesserung der Situation für die Allgemeinmediziner ansetzten?

F.H.: Ein generelles Problem ist sicherlich, dass wir im Moment an der Krankheit der Patienten verdienen und nicht etwa an deren Gesundheit, etwa im Sinne der Vorsorge und ähnlichem. Durch die Fallpauschalen steht die Diagnose im Vordergrund. Außerdem leiden speziell die Hausärzte unter den ständigen Veränderungen von Abrechnungssystemen und Formalitäten. Man muss sich immer wieder auf andere Sachverhalte einstellen, neue Formulare berücksichtigen ohne dabei den Patienten aus den Augen zu verlieren. Auch hier ist wieder ein fittes Praxisteam gefordert, ohne dies wäre der Alltag mitunter schwierig.
Als weiterhin bestehendes, wenn auch ungern zugegebenes Problem sehe ich die 2-Klassenmedizin für privat- und kassenversicherte Patienten. Bei uns sitzen alle Patienten im gleichen Wartezimmer und natürlich gibt man sich alle Mühe jeden gleich gut zu behandeln, aber das System macht es uns Allgemeinmedizinern schwer. Während man dem Privatpatienten das teure Medikament relativ problemlos verschreiben kann, würde man auf alle Kassenpatienten bezogen sein Budget überziehen, täte man selbiges. Das finde ich schon manchmal schwierig.

Gute Aussichten für junge Ärzte

Wie schätzen Sie die derzeitige Lage auf dem Arbeitsmarkt für Allgemeinmediziner ein? Decken sich Angebot und Nachfrage? Wohin wird der Trend in Zukunft gehen?

F.H.: Eine Perspektive für die Zukunft sind sicherlich Gemeinschaftspraxen. Ich denke, dass es in den nächsten Jahren mehr Zusammenschlüsse auch im Sinne von medizinischen Versorgungszentren geben wird. Auf diese Weise kann man Ressourcen einfach besser nutzen. Ein Ultraschallgerät für nur einen untersuchenden Arzt anzuschaffen lohnt sich oft nicht, teilt man sich die Geräte profitieren wiederum die Patienten von einer optimalen Versorgung.
Generell werden wir wohl in den nächsten Jahren eher ein Ärzte- als ein Patientenproblem haben. Es ist schwer überschaubar ob auf dem Allgemeinarztsektor für genug Nachwuchs gesorgt ist, aber ich habe da so meine Zweifel. Natürlich hat das auch wieder Vorteile, denn wo eine große Nachfrage ist, da kann man freier wählen. Allerdings werden viele die Verantwortung einer eigenen Praxis scheuen und das muss man verstehen, denn letztlich ist man von der Beschaffung des Toilettenpapiers bis zur Reanimation für alles zuständig.

Zurück zu den Studenten: Wo sehen Sie die Hauptmotivation für diesen Facharztbereich? Was sollte ein Medizinstudent/eine Medizinstudentin unbedingt mitbringen?

F.H.: Man braucht nicht unbedingt einen Helferkomplex um ein guter Hausarzt zu sein, wohl aber den Willen, für seine Patienten da zu sein, auch über die Sprechzeiten hinaus und unabhängig von der Bezahlung. Ein waches Auge und eine forschende Persönlichkeit sind hilfreich, ebenso wie zwischenmenschliche Qualitäten, sei es Kommunikationsfähigkeit oder Einfühlungsvermögen.
Studenten und Ärzte, die gut reflektieren können, kommen oft schneller zu einer Diagnose. Auch das berühmte “Bauchgefühl” hilft und ob man das hat stellt sich oft schon im Studium heraus. Wenn nicht, ist das ja auch nicht tragisch, dann sollte man jedoch vielleicht eine andere Richtung einschlagen. Alles andere kann man mit Geduld erlernen.

Welche Form der medizinischen Ausbildung (Vorlesung, Seminare, Praktika, Famulaturen) hat Sie persönlich am meisten voran gebracht und warum?

F.H.: Generell bringt einen die Arbeit am Patienten am meisten voran, daran gibt es nichts zu drehen. Allerdings muss diese nicht immer selber aktiv erfolgen, sondern auch so manche Vorlesung kann sehr nachhaltig sein. Einige meiner Professoren haben beispielsweise regelmäßig Patienten mit in die Vorlesungen gebracht und dann gemeinsam mit uns die Diagnosen erarbeitet. Der ein oder andere Fall ist da wirklich hängen geblieben. Zum Beispiel brachte ein Professor einen HNO-Patienten mit paroxysmalem Lagerungsschwindel mit. Nachdem wir das “Lagerungsmanöver” dann live gesehen hatten, beziehungsweise die Reaktion des bedauernswerten Patienten darauf, hat man das natürlich nie wieder vergessen. Schwieriger sind die Kolibri-Fälle, die dann drei Mal pro Jahr in Deutschland vorkommen. Professoren sind natürlich stolz darauf, aber da bleibt wenig hängen. Andererseits habe ich es auch immer wieder erlebt, dass die verrücktesten Diagnosen in den Raum geworfen wurden, obwohl man mit ein bisschen Nachdenken selbst als Nicht-Mediziner auf die Lösung gekommen wäre. Ein Beispiel: der Patient hatte Brustschmerzen und schlechte Laborwerte. Die Ideen reichten von Sarkoidose bis zu seltenen Tropenkrankheiten. Der Patient war schlicht Alkoholiker und hatte sich bei einem Sturz zwei Rippen gebrochen.

Wie gut ist der Beruf des Allgemeinmediziners insbesondere in eigener Praxis mit einer Familie vereinbar? Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen bezüglich Urlaubszeiten und der Wahl des Arbeitsplatzes?

F.H.: Ich würde sagen das liegt zu einem großen Teil an einem selber. Man kann als Selbstständiger natürlich besser planen, besonders in Bezug auf Urlaube, das ist ja einer der großen Vorteile. Auch eine Familie lässt sich mit dem Beruf der Allgemeinmedizin verbinden, man muss dann aber in der Lage sein, zurück zu schalten und eben keine 100 Stundenwochen zu arbeiten, selbst wenn die Nachfrage da ist. Das klingt oft leichter als es sich tatsächlich darstellt, denn man ist ja komplett für Vertretung und Ausfälle selbst verantwortlich. Wie gesagt, wenn man möchte kann man sicherlich Prioritäten setzten.

Wenn Sie heute bezüglich Ihres Fachbereiches noch einmal die freie Wahl hätten, würden Sie sich anders entscheiden und wenn ja wie?

F.H.: Da kann ich definitiv sagen, es wäre wieder die Allgemeinmedizin. Ich würde keine andere Richtung einschlagen wollen.

Vielen Dank für das Gespräch!

27 Wertungen (4.33 ø)
Allgemein

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1 Kommentar:

Stefanie Lohmeier
Stefanie Lohmeier

Der Artikel hat mir ausgesprochen gut gefallen. Schöner Aufbau, kein blabla, kurz, ein netter Einblick.

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