Harnwegsinfekt: Darum wirst du mich nicht los

21. April 2017
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Frauen leiden häufig an rezidivierenden Harnwegsinfekten. Bisher ist eine Behandlung mit Antibiotika Standard. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse zu der Frage, warum die Infektion oft wiederkehrt. Schuld ist ein wenig beachtetes Bakterium: Gardnerella vaginalis.

Harnwegsinfektionen gehören weltweit zu den häufigsten ambulant behandelten Infektionskrankheiten der Frau“, so Professor André Gessner, Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Hygiene am Uniklinikum Regensburg. Er schätzt, fast zehn Prozent aller ambulant verordneten Antibiotika würden aufgrund entsprechender Symptome verschrieben. Ob das in dem Ausmaß wirklich notwendig ist, untersuchte Dr. Ildikó Gágyor von der Universitätsmedizin Göttingen.

Es geht auch ohne Antibiotika

Dabei konzentrierte sie sich auf die Notwendigkeit einer Antibiotikatherapie bei unkomplizierten Infekten. An ihrer Studie nahmen 42 Hausarztpraxen aus Norddeutschland teil. Ärzte rekrutierten 494 Frauen ohne Vorerkrankung, aber mit den typischen Beschwerden einer Harnwegsinfektion. Dazu gehören Harndrang oder Brennen beim Wasserlassen. Die Teilnehmerinnen erhielten randomisiert entweder sofort das Antibiotikum Fosfomycin oder nur das Nichtsteriodale Antirheumatikum (NSA) Ibuprofen – verbunden mit dem Hinweis, sich erneut vorzustellen, sollten ihre Beschwerden schlimmer werden.

Rund zwei Drittel aller Patientinnen wurden ohne Antibiotika und nur mit Schmerzmitteln gesund. Nierenbeckenentzündungen waren unter Ibuprofen etwas häufiger. Allerdings erwies sich der Unterschied nicht als statistisch signifikant. „Wir können belegen: Für sonst gesunde Frauen mit leichten bis mittelschweren Symptomen ist die symptomatische Behandlung häufig ausreichend und das Risiko von Komplikationen gering“, resümiert Co-Autorin Dr. Jutta Bleidorn von der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie fordert, Leitlinien entsprechend der Erkenntnisse anzupassen.

Neben diesen vielversprechenden Resultaten bestehen weiterhin Unklarheiten. Viele Patientinnen erleiden innerhalb von sechs Monaten ein Rezidiv. Gessner: „Unklar ist aber bislang, welche Mechanismen oder Faktoren die auch nach Sexualkontakten gehäuft auftretenden Blasenentzündungen begünstigen.“

Wenig beachtete Keime

Forscher wussten bisher nur, dass Escherichia coli hinter den Beschwerden steckt. Intrazelluläre Reservoirs in der Harnblasenwand könnten erklären, warum es häufig zu Rezidiven kommt. Keime entziehen sich dem Immunsystem, aber auch der Pharmakotherapie mit Antibiotika.

Molekularbiologin Amanda L. Lewis zeigt in einer anderen aktuellen Studie, dass hierbei ein wenig beachtetes Bakterium die zentrale Rolle spielt, nämlich Gardnerella vaginalis. Der Keim verursacht zwar per se keine Symptome. Im Tierexperiment weist Lewis aber nach, dass Gardnerella vaginalis speziell Escherichia coli den Weg ebnen kann. Sie spricht von einem „neuen Modell für die Entstehung von Infektionen“, das für andere Organe ebenfalls von Bedeutung sein könnte. Gardnerella vaginalis gelangt wahrscheinlich beim Geschlechtsverkehr in den Körper, spekuliert Lewis. Wie schätzen andere Experten die Studie ein?

G_vaginalis

Vaginale Epithelzellen, die von Gardnerella vaginalis besidelt wurden, ca. 400-fach vergrößert © Wikipedia

Methodisch aufwändige Arbeit

André Gessner: „Die Arbeitsgruppe von Amanda Lewis […] hat in sehr aufwändigen Mausexperimenten untersucht, welchen Einfluss Vaginalbakterien auf die Infektionsentstehung und deren Verlauf nehmen.“ Gardnerella vaginalis lässt sich bei vielen gesunde Frauen vaginal nachweisen. In der Harnblase kommt es zu Entzündungsprozessen und Epithelschädigungen: der Startschuss für Blasenentzündung durch Escherichia coli. „Im Unterschied dazu sind andere Vaginalbakterien – in dieser Untersuchung Lactobacillus crispatus – nicht schädigend, eventuell sogar schützend“, ergänzt Gessner.

Er resümiert, dass „neue Therapieansätze, die auf die ‚Wegbereiter-Effekte‘ bestimmter Vaginalbakterien zielen, zur Verhinderung oder Behandlung rezidivierender Harnwegsinfekte gut vorstellbar“ seien.

Neue Wege zur Infektionsprophylaxe

Zu einer ähnlichen Bewertung kommt Professor Dr. Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie, Uniklinik Köln: „Das Bakterium Gardnerella vaginalis ist als ein Verursacher der Scheidenentzündung, der Vaginosis, bekannt. Die Studie von Gilbert et al. legt nahe, dass dieser Erreger auch verantwortlich sein kann für rezidivierende Blasenentzündungen – eine viele Frauen betreffende Erkrankung, gegen die es bisher keine wirksame Prophylaxe gibt.“ Für ihn ist besonders relevant, dass es sich hier um ein neues Modell für die Entstehung von Infektionen handeln könnte, das – wie Lewis schreibt – auch für andere Organe Relevanz hat.

Sollten sich entsprechende Zusammenhänge auch beim Menschen bestätigen, stünden neue Wege zur Infektionsprophylaxe bei Blasenentzündungen offen: „Diese Erkrankung könnte dann durch Beeinflussung der vaginalen Bakterienflora, zum Beispiel durch spezielle Antibiotika, verhindert werden“, hofft Fätkenheuer.

165 Wertungen (4.01 ø)
Forschung, Medizin, Urologie

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26 Kommentare:

Prof.Dr.Dr. Reichrdt
Prof.Dr.Dr. Reichrdt

#16/ #244. Wie halfen sich unsere weiblichen Vorfahren?
Die Frage wie halfen sich unsere weiblichen Vorfahren bei einem Harnwegsinfekt oder bei einer Vaginitis? Ist sicher nicht so einfach zu beantworten, dass wir leider diese Frauen nicht mehr befragen können. Jedoch aus Aufzeichnungen kann man vermuten, dass die Behandlung mit Naturheilmitteln: wie
Eichenrindenbäder, Bryonia Tinkturen, Salbei, Arnika und andere zu dieser Zeit bekannte Heilmittel zum Einsatz kamen.
Jedoch bitte nicht vergessen: Es gab zu dieser Zeit keine Antibiotika (Candida albicans Übersiedelungen)
Sicher auch keine Gardnerella Vaginalis Infektionen. (1950 von Hermann .L. Gardner M.D., entdeckt)

#26 |
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Dr.Max-Georg Kühl
Dr.Max-Georg Kühl

Interessant schon. Aber ohne brauchbare Empfehlungen.

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Gast
Gast

Den Überlegungen von #16 ist – bis auf Punkt 4. – noch niemand nachgegangen…
Wie ist da der Stand der Wissenschaft?

#24 |
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Prof.Dr.Dr. Reichrdt
Prof.Dr.Dr. Reichrdt

Der Kommentator der von den fachlichen Dingen nichts oder nur halb als Laie etwas versteht , sollte sich mit den Kommentaren zurückhalten. Es geht in den Kommentaren nicht um gefallen oder nicht gefallen, sondern rein um Tatsachen und wissenschaftliche Erkenntnisse, Erfahrungen.
# Gast 22 sie haben mit Genauigkeit die Tatsachen beschrieben.
#22 Gast | 24. April 2017 um 14:48

zu Gast16: von unseren “weiblichen Vorfahren” dürften – je nachdem wie weit Sie zurückblicken- nur die wenigsten ein so gesegnetes Alter erreicht haben um sich über postmenopausale Beschwerden beklagen zu können, und selbst wenn dann dürften Scheidentrockenheit und rezidivierende Harnwegsinfekte die geringsten ihrer gesundheitlichen Probleme gewesen sein.

#23 |
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Gast
Gast

@Gast16: von unseren “weiblichen Vorfahren” dürften – je nachdem wie weit Sie zurückblicken- nur die wenigsten ein so gesegnetes Alter erreicht haben um sich über postmenopausale Beschwerden beklagen zu können, und selbst wenn dann dürften Scheidentrockenheit und rezidivierende Harnwegsinfekte die geringsten ihrer gesundheitlichen Probleme gewesen sein.

#22 |
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Gast
Gast

Wie ist es denn nun mit d-Mannose? Irgendwelche Erfahrungen?

#21 |
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Dr. rer. nat. habil. Willibald Schliemann
Dr. rer. nat. habil. Willibald Schliemann

besidelt – schlecht abgeschrieben.

#20 |
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Prof.Dr.Dr. Reichrdt
Prof.Dr.Dr. Reichrdt

Zu #13 /#14 Dipl.-Biol. Anja Riggers Ärztin

Verehrte, liebe Frau Riggers ich möchte an dieser Stelle ihnen ein hohe Kompliment für ihren Beitrag aussprechen. „ sie sind mit Sicherheit keine Männer Hasserin“!!
Sie haben eine der möglichen Ursache genau beschrieben auch wenn das einige Herrn und Damen nicht wahr haben wolle. Es gibt in der sogenannten modernen Welt immer noch Menschen die von richtiger Hygiene (sprich Säuberung ihres Körpers) keinen blassen Schimmer haben.
Also mangelnde Aufklärung des Elternhauses und der Schule.

#19 |
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Frau Stefanie Zinke
Frau Stefanie Zinke

Silberwasser 25ppm hat auch schon geholfen

#18 |
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Gast
Gast

Meine Tante leidet auch öfters an Harnwegsinfekten, immer nachdem ihr Ehegatte von seinen Geschäftsreisen heimkehrt.

#17 |
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Gast
Gast

@21 / Prof.Dr.Dr. Reichrdt :

Zitat:
“3. Lactobacillus acidophilus Präparate zur Prophylaxe sind oft sehr hilfreich.”

Wie schaut das Prozedere in und nach den Wechseljahren aus?
1. Ist ein nahezu neutraler pH-Wert nicht der “normale Zustand” in der Scheide, bedingt durch den natürlich einsetzenden Oestrogenmangel und evtl. nachfolgender Trockenheit?
2. Oder sollte konsequent in Richtung “sauer” therapiert und/oder direkt Milchsäurebakterien zugeführt werden, evtl. in Kombination mit lokaler Oestrogensubstitution?
3. Letzteres müsste nach theoretische Überlegung dann lebenslang weitergeführt werden, damit nach Absetzen nicht der alte Zustand wieder auftritt?

4. Wie halfen sich unsere weiblichen Vorfahren?

#16 |
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Dr. med. Irmela Eckerlin-Wirths
Dr. med. Irmela Eckerlin-Wirths

Danke für viele hilfreiche Tipps an alle!

#15 |
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Und cystinol plus unmengen trinken hilft bestens ….. Außerdem immer mal wieder die vaginalflora mit lactobazillen unterstützen , sowie die ri chtige richtung beim reinigen nach dem kleinen geschäft ( in richtung vagina/after) einhalten ist ebenso schon eine gute prophylaxe ….

#14 |
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@11+12 DANKE!! , dass jemand kompetentes endlich klare Worte findet für ein offensichtliches Problem ( ungenügende Männerhygiene, übertriebene Frauenhygiene) …. Als ich das letzte Mal etwas ähnliches ansprach in hinblick auf kontamination mit hpv viren löste ich einen shitstorm aus und wurde als männerhasser beschimpft !!

#13 |
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Prof.Dr.Dr. Reichrdt
Prof.Dr.Dr. Reichrdt

Ja und dann gibt es Typen die waschen sich gar nicht die Hände. Bei Chirurgen konnte man nach Abstrichen der Hände Escherichia coli finden.

#12 |
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Prof.Dr.Dr. Reichrdt
Prof.Dr.Dr. Reichrdt

Zu den Vaginalenzüdungen/Vaginalinfektionen zum Beispiel. Gardnerella vaginalis
ist sicher eine einfache und sicher auch wirksame Methode möglich!
1. Männer sollten eine sorgsamere Hygiene mit ihrem Penis betreiben! Vor dem Kontakt mit ihrem Geschlechtsteil die Hände waschen. 98% Waschen sich die Hände erst nach dem Urinieren. (Kontaminierte Hände übertragen Bakterien und Viren auf den Penis. „ Übertragung beim ungeschützten Geschlechtsverkehr zur Vagina!)

2. Übertriebene oder falsche Genitalhygiene der Frauen führt sehr häufig zu Vaginal/Harnwegsenzündungen.
3. Lactobacillus acidophilus Präparate zur Prophylaxe sind oft sehr hilfreich.
4. „Cystinol akut in der Kombination mit 50mg/ Diklophenak“ oder “ Ibuprofen“

#11 |
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Christine Bertram
Christine Bertram

Bei rezividierenden Harnwegsinfektionen sollte der sekretorische IgA-Status
über eine Stuhluntersuchung (Mikrobiologisches Institut Herborn) untersucht und bewertet werden.
D-Mannose plus Proanthocyandine (OPC) aus Cranberry 36mg zur Behandlung.
Zur Prophylaxe eignen sich Milchsäurebakterien in Form von Zäpfchen oder Vaginalkapseln

#10 |
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habe vor über 40 jahren wegen eines therapieresistenten harnwegsinfekts in der familie das präparat ROWATINEX von einem erfahrenen urologischem kollegen genannt bekommen.es hatte damals nach x-facher erfolgloser antibiose einen durchschlagenden erfolg.
seither habe ichdas präparat häufig bei resistenten harnwegsinfekten eingesetzt mit ausschließlich positiven rückmeldungen.
das mittel ist gefühlt seit über 60 jahren im handel und rezeptfrei erhältlich.
über die inhaltsstoffe kann ich keine wissenschaftlich fundierte aussage machen,aber es wirkt!

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Annika Diederichs
Annika Diederichs

Noch einfacher und ohne Nebenwirkungen: Abends 1 g Vit. C (Ascorbinsäure) unretardiert zum Ansäuern des Harns einnehmen.

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Dr. med. Marc Heydenreich
Dr. med. Marc Heydenreich

Die Therapie des Harnwegsinfektes mit Ibuprofen alleine ohne Antibiotikum wurde bereits vor Jahren von Prof. Hörl, Wien, vorgetragen.

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Hatte guten Erfolg mit dem Immuntherapeutikum Uro vaxom(R) bei rez. Harnwegsinfektionen trotz Antibiotika, bei Rezidiven auch mit alleiniger Gabe ohne
Antibiotikum.

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Reinhard Laszig
Reinhard Laszig

Die Gardnerella-Problemaik ist nicht neu. Eine Therapienotwendigkeit dieses STI-Keimes meiner Meinung nach auch nicht. Seit 25 Jahren therapiere ich konsequent beide Partner mit “durchschlagendem” Erfolg. Man sollte die Therapienotwendigkeit endlich zur Kenntnis nehmen!
Reinhard Laszig,Kiel

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Gast
Gast

Döderlein-Kulturen eignen sich hervorragend, um eine Stabilisierung des sauren pH-Wertes zu erzielen und sind sehr gut geeignet zur Prophylaxe.

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Dr. Gerhard Fabel
Dr. Gerhard Fabel

Sowohl für Escherichia und Gardanella gibt es Nosoden,
Da braucht es keine Antibiotica

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Stefanie Roché
Stefanie Roché

Bei einem einfachen Harnwegsinfekt lohnt es sich, zunächst einen Behandlungsversuch mit D-Mannose zu starten. Ein einfacher Zucker, der nicht verstoffwechselt, sondern unverändert renal ausgeschieden wird, und die Anhaftung von Bakterien an die Schleimhäute verhindert. Resistenzen gibt es, allerdings bei den üblichen Verdächtigen der Harnwegsinfekte sehr selten. Als Nebenwirkung kommen bei größerer Einnahmemenge gelegentlich Verdauungsstörungen vor. Eignet sich auch als Prophylaktikum.

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Dr. med. Arnaud Carasso
Dr. med. Arnaud Carasso

Die Diagnose der Gardnerella vaginalis zu Hause ist sehr einfach: ein tropf Kalium Lauge (oder schwarze Kalium Seife) gemischt mit der suspekter Flüssigkeit (Urin oder Vaginalschleim).
Wenn es nach faulem Fisch stinkt ist der Test positif .

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