Lass jucken, Pruritus

8. Oktober 2010
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Jeder Fünfte entwickelt in seinem Leben chronischen Juckreiz. Doch lange wurde der schier unbändige Drang, sich zu kratzen, nicht ernst genommen. Nun könnten neue Medikamente und Therapien Millionen von Betroffenen Hoffnung machen.

Abgeschabte Haut, blutige Stellen am Körper und der ständige Drang sich zu kratzen: Etwa 17 Prozent der Berufstätigen leiden an Juckreiz, bei rund vier Prozent ist der Pruritus heftig oder chronisch. Doch obwohl das Leiden Körper und Psyche enorm belastet, sind nur etwa sechs Prozent in ärztlicher Behandlung. Viele Jahre wurde das Brennen, Stechen und Kratzen allenfalls als Begleitsymptom von einer handvoll Hautkrankheiten betrachtet. Dermatologen hatten nur wenige Behandlungsmöglichkeiten und so war die Aussicht auf eine wirksame Therapie bescheiden. Doch das Bild beginnt zu kippen – vor allem hierzulande. Deutschland ist weltweit das erste Land, das Juckambulanzen eröffnet und eine Behandlungs-Leitlinie für Ärzte erarbeitet hat.

Denn Jucken ist längst nicht Jucken: Allergische Reaktionen, Bakterien- oder Pilzinfektionen, Hautkrebs, Viren, Läuse, trockene Haut, Leber- oder Nierenerkrankungen – all das kann zu Juckreiz führen, ebenso wie bestimmte Medikamente oder kosmetische Wirksoffe. Zu den Mediatoren, die Pruritus auslösen, gehören Amine, Prostaglandine und Neuropeptide. Einer der wichtigsten Vermittler der Juckreaktion ist Histamin. „Spritzt man den Botenstoff unter die Haut, beginnt sie sofort zu jucken“, sagt Clemens Forster vom Institut für Physiologie und Pathophysiologie der Universität Erlangen-Nürnberg, der das Jucken wissenschaftlich untersucht. Der Körper hat seinen Histamin-Vorrat in den Mastzellen gespeichert, die ihn zum Beispiel nach einem Mückenstich innerhalb von Sekunden ausschütten. 1997 haben Wissenschaftler die dazugehörigen Nervenfasern gefunden. „Sie enden frei in der Haut, kommen sie in Kontakt mit Histamin, leiten sie sofort ein Juck-Signal bis zum Rückenmark. Dort wird die Nachricht auf andere Nervenbahnen umgelenkt und bis zum Gehirn geleitet“, erklärt Forster. In den meisten Fällen folgt darauf der nicht zu ignorierende Drang sich zu kratzen.

Und tatsächlich, das Reiben und Schaben verschafft Erleichterung – selbst wenn man sich dabei verletzt und sich regelrecht die Haut vom Leib kratzt. Einer amerikanischen Patientin gelang es angeblich sogar, sich durch die Schädeldecke bis zum Hirn durchzukratzen. Beim Schaben mit den Fingern überlagert das Schmerzsignal den Juckreiz. Zudem nimmt die Aktivität in denjenigen Bereichen des Gehirns ab, die unangenehme Gefühle und Erinnerungen entstehen lassen. Doch der Effekt hält nur kurz vor. Hinzu kommt nun eine Wunde, die heilen muss, und dabei zusätzlich juckt. Ein Juck-Kratz-Kreislauf entsteht.

Hält das Gefühl länger als sechs Wochen am Stück an, ist der Pruritus chronisch geworden. Um das zu vermeiden, muss eine Therapie möglichst früh beginnen. “Beim Jucken gilt die Regel: Wehret den Anfängen”, erklärt Prof. Sonja Ständer. Die Expertin leitet an der Hautklinik in Münster die deutschlandweit erste Juckambulanz. Tag für Tag behandelt die Ärztin die verschorften Arme, aufgekratzte Beine und geschundenen Körper von Menschen, die ständig unter Juckreiz leiden. Mit Erfolg: “70 Prozent unserer Patienten können wir helfen, wenn wir sie gemäß den Leitlinien behandeln“, so Ständer.

Beim Kampf gegen das Jucken steht die Pflege der geschundenen Haut an erster Stelle. “Kühlenden Lotionen und juckreizlindernde Cremes verbessern das gestörte Gleichgewicht der Haut und stellen ihre Barrierefunktion wieder her”, so Prof. Ständer. Damit kann man die Phasen ohne Krankheitszeichen verlängern und die Häufigkeit und die Schwere von Entzündungen eindämmen. Je nach Ursache lindern auch Salben mit Capsaicin den Juckreiz. Antihistaminika verhindern die Bindung von Histamin und Immunsuppressiva wie Glucocorticoide bremsen das Immunsystem in schlimmen Phasen. „Tacrolismus, Pimecrolismus scheinen zudem zusätzlich an den Nervenfasern zu wirken“, sagt Prof. Ständer. Das Jucken kann zudem zunehmen, wenn schmerzleitende Nervenbahnen durch Opioide blockiert werden. Häufig helfen dann Opioid-Antagonisten wie Naltrexon gegen das Jucken.

Doch längst nicht jedem ist mit diesen Medikamenten geholfen, denn so vielfältig die Ursachen, so individuell muss auch die Therapie sein. So benötigt der Neurodermitiker eine andere Behandlung, als der Krebskranke mit Juckreiz oder ein Patient mit einer Pilzinfektion. Gerade chronischer Juckreiz stellt Dermatologen vor eine Herausforderung. Doch seit das wissenschaftliche Interesse an der Juckreizentstehung gewachsen ist, entdecken Wissenschaftler immer mehr Wirkstoffe, die Juckreiz-Patienten helfen können. “Dabei sind sie oft gar nicht neu”, sagt Prof. Sonja Ständer. Gabapentin beispielsweise wird normalerweise bei Epilepsie und zur Schmerztherapie eingesetzt. Bei Juck-Patienten soll das Mittel verhindern, dass der Juckreiz ans Gehirn übermittelt wird. Zum Off-Label-Use gehören auch Serotonin-Wiederaufnahmehemmer aus der Gruppe der Antidepressiva. “Wir haben in den letzten Jahren sehr gute Erfahrungen mit diesen Substanzen gemacht”, sagt Ständer. Ein weiteres Medikament könnte schon bald die Palette erweitern. Der Kappa-Opioid-Antagonist Nalfurafin lieferte in Studien an Hämodialyse-Patienten mit starker Juckempfindung überzeugende Ergebnisse. In Japan ist das Medikament bereits zugelassen.

Ständer und ihre Kollegen haben nun eine weitere Therapie-Möglichkeit getestet. Ein wichtiger Vermittler bei der Juckreizentstehung ist das Neuropeptid Substanz P. In einer Studie verabreichten sie Patienten mit chronischem Pruritus einen Gegenspieler: Aprepitant. Bei 80 Prozent der Teilnehmer verbesserten sich die Symptome deutlich, am größten war der Effekt bei Menschen mit Hautkrankheiten. „Von allen neuen Therapien, die in letzter Zeit bei Juckreiz-Patienten angewandt wurden, stellte sich Aprepitant als die wirksamste heraus“, so Prof. Ständer.

117 Wertungen (4.14 ø)

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10 Kommentare:

Patrycjusz Nadurski
Patrycjusz Nadurski

Sehr interessant!

#10 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Wir haben in unserer Klinik erst in letzter Zeit einen Patienten psychotherapeutisch behandelt, der mit massivster Psoriasis zu uns gekommen ist, und nun nach 10 Wochen dermatologisch fast beschwerdefrei ist. Die psychische Komponente ist nicht zu unterschätzen!!

Dr.med. Könül Schükürlü hat nach meinen Erfahrungen mit seinem Komentar durchaus recht!!

#9 |
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Auch wenn es unseriös klingt: wir haben in Thailand nur mit natürlichen Ingredienzen, hauptsächlich Mangostaneextrakt, eine Creme entwickelt, die innerhalb von Minuten Juckreiz jeglicher Ursache lindert. Die meiste Erfahrung haben wir mit Mückenstichen, da dauert es bis zur Linderung 2 bis 10 Minuten, bei parasitär bedingtem Juckreiz bis zu 20 Minuten.
Ein entsprechender Test in Deutschland ist angemeldet zwecks Registrierung in Europa. In Thailand sind wir bei der FDA registriert. Unsere Homepage: http://www.maveracream.net
Es gibt leider Nachahmer mit Sitz in Panama, die unseriös mit unserem Namen werben ohne unsere Rezeptur zu kennen.
Unsere Cremes sind ohne die üblichen Pharmazeutika wie Bufexamac, Cortison, Antihistaminka, keine wesentlichen unerwünschten Wirkungen (außer temporärer, seltener Hautrötung wg. Mehrdurchblutung der kapillären Hautgefäße).

#8 |
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Dr. med. Wolf-D. Köhn
Dr. med. Wolf-D. Köhn

»Primum nihil nocere !«, damit erst gar kein Pruritus entsteht.
Das erfordert allerdings die Existenz des natürlichen Hautschutzes aus dem besten + billigsten Fett der Welt = SEBUM !
Dieses mittels der heutzutage hierzulande üblichen Reinigungsmethode unter Verwendung von Detergentien / Tensiden zu reduzieren / entfernen, ist der 1. Schritt auf dem pathogenen Weg, der einer regelrechten Odyssee gleichen kann. Daher ist die Juckreiz-Prävention, über die fast niemand schreibt / spricht, enorm wichtig: beim täglichen Duschen den natürlichen Schutz auf der Haut belassen, d. h. nur mit Wasser von A – Z den von mir sog. »inneren Dreck«, der mit dem permanent, lokal, situativ + zeitlich unterschiedlich austretenden Schweiß an unsere äußere Körperoberfläche gelangt, abspülen; mehr nicht !!!
Es sei denn, man hätte z. B. nach Fahrradreparatur maschinenfett-verschmierte Hände, die natürlich ohne Seite nicht zu reinigen wären.

Alternativ resp. additiv kann man die sog. Wascherde (arab. Rhassoul) für die Haut- + Haar-Reinigung verwenden, ich nehme sie ca. 1x / Wo.
(mit Vergnügen, wie z. B. Elefanten).

Beachtlich ist zudem die Art der Leibwäsche (ideal Wolle u. / o. Seide) und das verwendete Waschmittel (ideal Waschnußschalen aus Indien, für die es ein speziell abgestimmtes Fleckensalz z. B. von der Fa. Govinda gibt).

__________________________________________________
PS: Hat’s Kollege Peter Cornelius schon mal mit der Musik versucht ?

#7 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Ergänzung zum Beitrag Tremblau: school wisdom !

#6 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Erfahrungsbericht aus eigener Erfahrung: Als ich bei einem
quälenden “Nesselfieber” Antihistaminica ablehnte weil ich aus vitalen Gründen nicht schlafen wollte verordnete mir ein erfahrener Dermatologe ein subaquales Darmbad.- Noch während der erste Darminhalt sichtbar durch ein Glasrohr ablief schwand der Juckeiz.Erfahrener Pfleger und Kollege sahen mich schon vor einer fatalen Entwicklung !
Was die Homöopathie betrifft verweise ich gern auf die HEISENBERG´sche Unschärferelation ohne damit jemandem zu
nahe treten zu wollen.
Kann ich doch die selbst erlebte Wirkung von Sulfur in hoher Verdünnung nicht causal erklären. “There are things between haeven and sky your wisdom never dreamt of etc.etc”.. frei nach Shakespear ohne Nachprüfung der Orthographie! Viel Erfolg mit meiner Empfehlungs-
erinnerung ! Herzlich Ihr Tremblau

#5 |
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Dr. med. Könül Schükürlü
Dr. med. Könül Schükürlü

Juckreiz ist nicht immer das Symptom einer bestimmten Hautkrankheit. In Deutschland kaum bekannte oder nocht nicht ernst genommene Histamintoleranzstörung führt dehr häufig zum Juckreiz. Dabei muß nicht unbedingt der Histaminspiegel hoch, oder DAO (Diaminoxydase)Spiegel niedrig sein.Eine Funktionsstörung irgendwelchen Enzym kann auch zu gesmten Symptomenpalette mit Juckreiz,schlaflosigkeit führen . Ich glaube niht dass diese Juckreizambulanzen in der Lage sind diesen Patienten zu helfen da die Forschungsergebnisse in diesem Berecih zu sehr dünn sind

#4 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Seit Jhren vertrete ich die Meinung, dass das Kratzen bei Hautkrankheiten suchtcharakter hat:

Straker Drang zum Kratzen, weiteres Kratzen trotz Folgeschäden, Interessenverlust weil sich alles nur noch um die haut dreht, “Dosisteigerung”, soziale Isolation, Kontrollverlust…..vergleichen Sie das mal mit den ICD-10-Kriterien von Sucht!!!

Und tatsächlich wurde vor nicht allzulanger Zeit nachgewiesen dass beim Drang zu Kratzen die gleichen bereiche im gehirn angesprochen werden, wie bei Suchtkranken!!

#3 |
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Rolf Frommberger
Rolf Frommberger

#2 Genau, und das verrückte daran ist, dass das trotzdem wirkt, wie ich aus eigener Erfahrung mit homöopathischen Medikamenten zu berichten weiß. Mit Ihrer Frage wollen Sie wahrscheinlich darauf anspielen, dass vom Wirkstoff selbst in der LM 30 nichts mehr enthalten sein kann und das homöopathische Präparat also gar nicht wirken kann.

Wirkungen auf den Menschen sind aber nicht zwangsläufig an stoffliches gebunden. Allein mit Worten, Gesten und Bildern lassen sich erhebliche Wirkungen auf den menschlichen Organismus erzielen, ohne dass damit eine stoffliche Einwirkung gegeben wäre. Lediglich eine Information.

Unser Weltbild gibt immer nur den “derzeitigen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse” wider. Offensichtlich wissen wir noch nicht alles.

Galileo Galilei lässt grüßen.

#2 |
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Naturwissenschaftler

Herr Cornelius,
Danke für die Übersicht zur möglichen Behandlung des obenbeschriebenen Juckreizes.
Nur zum Verständis: LM30 entspricht einer 30mal durchgeführten 1:50000-Verdünnung, richtig?
Danke,
/EG

#1 |
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