Adhärenz: Jeder Vierte wird untreu

11. April 2017
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Fühlen sich Patienten besser, nehmen sie ihre Medikamente nicht mehr ein, ohne dies mit dem Arzt abzusprechen. Das zeigen Ergebnisse einer aktuellen Befragung. Besonders bei Antibiotika brechen viele frühzeitig ab und erhöhen unbewusst das Risiko, Resistenzen zu entwickeln.

Apotheker versuchen seit Jahren, Patienten durch Beratung von der Einnahme dringend benötigter Arzneimittel zu überzeugen. Dass es noch Nachholbedarf gibt, zeigt eine repräsentative Befragung. Das Marktforschungsunternehmen Nielsen hat im Auftrag des Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller (BAH) 1.000 Bürger telefonisch interviewt. Jeder Vierte (23 Prozent) gab an, im letzten Jahr mindestens einmal Medikamente eigenmächtig abgesetzt zu haben. Davon sei der Arzt nicht informiert worden, hieß es weiter. Als Grund sagten Laien, ihnen sei es nach Beginn der Pharmakotherapie schnell besser gegangen.

Antibiotika: Resistenzen durch fehlende Adhärenz

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Besonders problematisch ist dieser Trend bei Antibiotika. Laut WHO haben Antibiotika-Resistenzen in den letzten Jahren zugenommen. Forscher erklären dies nicht nur mit falschen Verordnungen in der Humanmedizin und mit dem landwirtschaftlichen Einsatz, sondern auch mit Einnahmefehlern. „Bei einer vorzeitigen Absetzung drohen nicht nur Komplikationen für die aktuelle Erkrankung. Auch die Gefahr, dass die Bakterien gegen das Antibiotikum resistent werden, das dann bei künftigen Erkrankungen nicht mehr wirkt, ist hoch“, sagt Dr. Elmar Kroth, Geschäftsführer Wissenschaft beim BAH.

Antihypertensiva: kein Leidensdruck, keine Pillen

Während bei Antibiotika zu Beginn der Behandlung meistens ein gewisser Leidensdruck da ist, fühlen sich Patienten mit Bluthochdruck anfangs subjektiv wohl. Vielleicht sind sie von der Therapie nicht überzeugt, vielleicht leiden sie aber auch an Nebenwirkungen. Wissenschaftler haben anhand von Publikationen eine Reihe wichtiger Faktoren identifiziert, die bei Antihypertensiva eine Rolle spielen. Ihre Erkenntnisse lassen sich auf andere Pharmakotherapien übertragen.

Wann sinkt die Adhärenz?

  • bei chronischen Erkrankungen mit zunehmender Dauer
  • bei fehlenden Symptomen
  • bei komplexen Einnahmeschemata
  • bei Zunahme der Zahl an Einzeldosen pro Tag
  • bei schlechter Information oder schlechter Kommunikation mit Health Professionals
  • bei alleinstehenden Männern

Wann steigt die Adhärenz?

  • bei früheren Erfolgen mit der Pharmakotherapie
  • bei einfachen Schemata zur Einnahme, etwa durch Retard-Formulierungen oder Kombinationspräparate
  • bei guter Kommunikation mit Health Professionals
  • bei regelmäßigem Kontakte zu Arzt und/oder Apotheker
  • bei sozialem Rückhalt durch Ehepartner und/oder Familienmitglieder
  • beim Einsatz technischer Systeme wie Apps oder „Pillenwecker“

Um in Zukunft positivere Ergebnisse zu erzielen, wäre es sinnvoll, Patienten mit Polymedikation langfristig per Medikationsmanagement zu begleiten.

3 Wertungen (5 ø)
Forschung, Pharmazie

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3 Kommentare:

Rettungsassistent
#3 |
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Medizinische Dokumentarin

Habe ich nicht erst kürzlich hier einen Artikel gelesen, in der die Länge der Antibiotikatherapie in Frage gestellt wurde?

#2 |
  1
Gast
Gast

Ich denke das wichtigste ist dass der Patient verstanden hat warum er das Medikament nehmen soll. Deswegen ist das wichtigste die Kommunikation und Vertrauen zwischen Arzt und Patient.

#1 |
  0


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