Multiples Myelom: Alter Wirkstoff im neuen Glanz

4. April 2017
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Die medikamentöse Standardtherapie bei einem Multiplen Myelom wirkt nur bei rund 30 Prozent der Patienten. Alternative Therapien sind dringend nötig. Onkologen nutzten nun das Potenzial eines veralteten HIV-Medikaments: Der Wirkstoff Nelfinavir wirkte besser als neue Krebsmedikamente.

Das Multiple Myelom ist eine der häufigsten bösartigen Erkrankungen des Blut- und Lymphsystems. Die jährliche Inzidenz beträgt 4 bis 5 Personen pro 100.000. Trotz großer Fortschritte in der Myelomtherapie in den vergangenen Jahren kann die Krankheit meist nicht geheilt werden, auch wenn sie in der Regel im Anfangsstadium durch moderne Therapeutika recht gut beherrscht werden kann.

Die überwiegende Mehrzahl der Myelompatienten verstirbt jedoch nach einigen Jahren nach verschiedenen medikamentösen Therapien, sobald die Erkrankung nicht mehr auf die verfügbaren Medikamente anspricht. Die Lage ist besonders prekär, wenn die Zellen resistent gegenüber Proteasom-Inhibitoren werden, einer seit zehn Jahren verfügbaren Medikamentenklasse mit besonders guter Wirksamkeit beim Multiplen Myelom.

Medikamente für neue Zwecke recyceln

In dieser Situation beträgt die zu erwartende durchschnittliche weitere Lebensdauer weniger als ein Jahr. Die verfügbare medikamentöse Standardtherapie wirkt nur bei gut 30 Prozent dieser Patienten.

Die Arbeitsgruppe für Experimentelle Onkologie und Hämatologie am Kantonsspital St. Gallen sucht seit einigen Jahren nach alternativen Möglichkeiten, solche therapieresistenten Myelomzellen wieder empfindlich für eine Therapie zu machen. Dabei setzt sie nicht auf die Entwicklung neuer Substanzen, sondern darauf, Medikamente, die seit langem erfolgreich für die Behandlung anderer Krankheiten eingesetzt werden und die daher „sicher“ sind, für die Krebstherapie zu nutzen.

Solche Medikamente sollen für die Krebstherapie „recycelt“ werden, indem man bei ihnen mit Hilfe moderner molekularer Methoden neue Wirkmechanismen offenlegt, die sich für die Tumortherapie nutzen lassen. Die Gruppe hat dabei vor einigen Jahren in Laborversuchen Nelfinavir als ein Medikament identifiziert, mit dem man die Proteasom-Inhibitor-Resistenz bei Myelomzellen überwinden kann.

Therapieansprechen bei 65 Prozent der Patienten

Nelfinavir-Kapseln waren über viele Jahre ein Standardmedikament zur Behandlung der HIV-Infektion, bevor das Mittel durch wirksamere HIV-Medikamente der nächsten Generation vom Markt verdrängt wurde. Nelfinavir besitzt mittlerweile keinen Patentschutz mehr, ist damit kommerziell uninteressant und wird von der Industrie nicht mehr erforscht.

Gemeinsam mit der Schweizer Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK) hat die St. Galler Gruppe um ihren Leiter Prof. C. Driessen kürzlich eine klinische Testung einer Therapie mit Nelfinavir bei Myelompatienten in der Schweiz vorgenommen. Die Ergebnisse der Studie zeigten ein Therapieansprechen bei 65 Prozent der Patienten, und damit eine deutlich höhere Rate an Wirksamkeit im indirekten Vergleich mit der aktuellen Standardtherapie oder auch zu den neuen Medikamenten der nächsten Generation.

Als „Nelfinavir-Driessen“ wurde der Substanz mittlerweile von der Swissmedic der Status als „orphan drug“ zur Behandlung des Multiplen Myeloms anerkannt.

Kommerzielle Hürden für „alte“ Wirkstoffe

Dieser Therapieerfolg zeigt exemplarisch auf, dass ein wahrscheinlich großes Therapiepotenzial von sehr vielen „alten“ Medikamenten für die moderne (Krebs-) Medizin nicht erschlossen wird, unter anderem weil dies den kommerziell getriebenen Mechanismen der Entwicklung und Zulassung neuer Medikamente entgegenläuft.

Für die erfolgreiche und sichere Behandlung von Patienten, den medizinischen Fortschritt und die zukünftige Stabilität des Gesundheitssystems könnte jedoch ein konsequentes Erforschen und Entwickeln des therapeutischen Potenzials „alter“ Medikamente mit den Methoden der modernen Biologie eine wichtige, bisher kaum genutzte Option darstellen.

Nicht bekannt ist jedoch, mit Hilfe welcher Mechanismen bzw. über welche molekulare Zielstruktur Nelfinavir zu diesem Therapieerfolg und dem Absterben der vorher resistenten Myelomzellen führt. In Laboruntersuchungen soll das jetzt ergründet werden. Mit diesem Wissen kann die Therapie einerseits in Zukunft zielgerichteter eingesetzt werden; zum anderen können damit neue Medikamente entwickelt werden, welche den hier erstmals beobachteten therapeutischen Effekt noch besser ausnutzen können.

Originalpublikation:

A Phase II single arm, multicenter clinical trial to assess the potential activity of oral nelfinavir combined with standards bortezomib in myeloma patients that have failed prior proteasome inhibitor-containing therapy cell transplantation (HCT)
Christoph Driessen; Gateway for Cancer Research; 2017

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2 Kommentare:

Bernd Hoppe
Bernd Hoppe

Bei unvollständigem Wissen sollte man nicht aus Arroganz auf die Trial and Error Methode verzichten. Der Erfolg zählt. Unnötig hier nochmal auf das frühere ‘Herzmittel’ Viagra hinzuweisen.
Schlecht ist, daß nur wenige Spezialisten in wenigen Pharmakonzernen experimentieren. Der Zufall braucht die hohe Zahl.

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Heilpraktikerin

Ja das Alte nicht immer wegwerfen, ob es sich nun um ein altes Medikament, oder um eine alte Therapie handelt.

Hier ein Pubmed Artikel der beschreibt, wie MRSA (multi-drug resistant, methicillin-resistant Staphylococcus aureus) im Labor wieder auf das Antibiotikum Oxacillin anspricht, wenn er von zwei ‘alten’, sogar als ‘anachronistisch’ betrachteten, Mitteln vorbehandelt wird.

Total interressant. Nur peinlich, dass es sich um zwei homöopathische Mittel handelt.

Was ist wohl der Prozentsatz von denen die jetzt sagen “Weil nicht sein kann was nicht sein darf!”, und denen die sich das mal anschauen.

Hier ist der Artikel: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/m/pubmed/28325220/#fft

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