Alopezie: Klein und kahl

12. April 2017
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Kleine Männer tragen ein erhöhtes Risiko, frühzeitig eine Glatze zu bekommen. Das zeigt eine Studie, in der Humangenetiker das Erbgut von 20.000 Männern untersuchten. Ihre Daten zeigen auch, dass frühzeitiger Haarausfall mit diversen Krankheiten in Zusammenhang steht.

Kräftig und glänzend soll sie sein. Und voll natürlich. Eine üppige Haarpracht auf dem Kopf gilt als Schönheitsideal. Gehen einem dagegen die Haare aus, dann kratzt das oft gewaltig am Selbstbewusstsein des Betroffenen. Dabei ist es ganz normal, Haare zu verlieren. In der Regel sind das etwa 100 pro Tag, im Frühjahr und Herbst, ähnlich wie bei Tieren mit Fellwechsel auch mal mehr. Und auch Stress kann dafür sorgen, dass Haare weniger werden. Im Grunde aber sind die Verluste so gering, dass sie durch die nachwachsenden Haare verdeckt werden und auf dem Kopf gar nicht erst sichtbar werden. Kritisch wird es jedoch, wenn die Haare in Massen oder Büscheln ausfallen. Zeigen sich beim Mann schon mit 30 Jahren tiefe Geheimratsecken auf dem Kopf, steckt vermutlich ein erblich bedingter Haarausfall dahinter, die androgenetische Alopezie.

Die Haarwurzeln reagieren dabei wahrscheinlich genetisch bedingt überempfindlich auf ein Abbauprodukt des männlichen Geschlechtshormons Testosteron, das Dihydrotestosteron (DHT). Außerdem enthalten die Haarwurzeln womöglich besonders viel von dem Enzym 5-alpha-Reduktase, das dafür sorgt, dass noch mehr DHT produziert wird. DHT jedoch lässt die Haarfollikel schrumpfen. Aus den verkümmerten Follikeln wachsen, statt kräftiger Haare, mickrige Härchen, die manchmal schon ausfallen, bevor sie überhaupt richtig aus der Haut gucken. Die Folge: Platte, Kranz, Glatze. Rund 70 Prozent der älteren Männer kennen das Problem.

Werden kleine Männer häufiger kahl?

Eine aktuelle Studie kommt zu dem Schluss, dass kleinen Männern und Hellhäutigen häufiger die Haare ausgehen. Stefanie Heilmann-Heimbach, Humangenetikerin von der Universität Bonn, und ihre Kollegen haben für die bisher größte Genstudie zu diesem Thema das Erbgut von mehr als 20.000 Männern aus sieben Ländern nach Risikofaktoren für frühzeitigen Haarausfall durchsucht. „Wir konnten so 63 Änderungen im menschlichen Genom identifizieren, die das Risiko für frühzeitigen Haarausfall erhöhen“, erklärt Stefanie Heilmann-Heimbach.

Den Daten der Forscher zufolge beeinflussen einige Genvarianten jedoch nicht nur das Haarwachstum. Bestimmte Änderungen fördern auch einen früheren Pubertätsbeginn und das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen, wie Prostatakrebs. Außerdem haben die Forscher Verbindungen zu erhöhter Knochendichte gefunden, zu heller Hautfarbe und geringerer Körpergröße. „Männer mit frühzeitigem Haarausfall müssen nun aber nicht besorgt sein“, beruhigt Markus Nöthen, Direktor des Instituts für Humangenetik der Universität Bonn. „Die Risiken seien nur geringfügig erhöht. „Es ist jedoch spannend zu sehen, dass der Haarausfall keineswegs ein isoliertes Merkmal ist, sondern vielfältige Beziehungen zu anderen Merkmalen aufweist.“

Für die Wissenschaft sind solche Einblicke in die genetischen Ursachen von Haarausfall wichtig, die Behandlungsmöglichkeiten von Betroffenen verbessern sie vorerst jedoch nicht. Dabei ist die Nachfrage riesig. Zwar gibt es schon jetzt unzählige Mittelchen, die Hilfe verheißen. Doch halten die wenigsten, was sie versprechen. Forscher konnten weder Koffeinshampoos noch anderen Tinkturen aus dem Drogeriemarkt eine sichtbare Wirkung nachweisen. Laut Behandlungsleitlinie kommen zur Therapie des androgenetischen Haarausfalls sogar nur zwei Arzneistoffe infrage: Minoxidil und Finasterid. Die haarfördernde Wirkung von Minoxidil entdeckten Mediziner eher zufällig. Eigentlich sollte der Wirkstoff den Blutdruck von Patienten korrigieren. Einigen wuchsen durch die Behandlung jedoch mehr Haare. Heute ist Minoxidil, das ähnlich wie Koffein-Tinkturen in die Kopfhaut massiert wird, als Mittel gegen Haarausfall frei in der Apotheke erhältlich. Bei rund drei von zehn betroffenen Männern kann die Behandlung zu Besserungen führen. Doch von erfolgreicher Behandlung kann man wohl nicht sprechen, meist wächst nur ein minimaler Flaum.

Nebenwirkung: Potenzschwäche

Finasterid dagegen gibt es nur auf Rezept und nur für Männer. Die Tabletten verhindern, dass Testosteron in das haarschädigende DHT umgewandelt wird. Nach sechs bis zwölf Monaten zeigt sich bei rund vier von zehn Männern eine Besserung des Haarwuchses. Für eine schöne Haarpracht müssen einige Männer jedoch womöglich eine Potenzschwäche in Kauf nehmen. Einer aktuellen Studie zufolge könnten Erektionsprobleme sogar noch Monate oder Jahre nach dem Absetzen des Medikaments anhalten. Und nicht nur das: Im Arzneimittelbrief wird noch vor weiteren Nebenwirkungen gewarnt: „Finasterid ist einerseits nicht sehr wirksam, andererseits kann es zur Infertilität führen. Wir raten generell […] von diesem ‚Kosmetikum‘ mit erheblichen potenziellen endokrinen Nebenwirkungen ab.“

Außerdem gilt: Wer oben herum schon glatt ist, kann draufschmieren, was er will, er kriegt seine Haarpracht nicht zurück. Nur wenn das Haar gerade beginnt lichter zu werden, lassen sich die Haarfollikel manchmal wieder anregen.

Eine weitere Möglichkeit ist die Haartransplantation. Denn beim androgenetisch bedingtem Haarausfall, gehen nicht immer alle Haare aus. Häufig bleibt ein Haarkranz am Hinterkopf stehen. Werden einige dieser Haarwurzeln an lichter werdende Stellen verpflanzt, hat der Patient eine gute Chance, dass diese Wurzeln auch an ihrem neuen Platz Haare sprießen lassen.

Der Dermatologe entnimmt dafür nach einer örtlichen Betäubung einen schmalen Hautstreifen vom Hinterkopf. Anschließend arbeitet er einzelne Haarwurzeln oder Haarwurzelgrüppchen aus dem Haarstreifen heraus und setzt sie an der gewünschten Stelle wieder in die Kopfhaut ein. Der Eingriff erfolgt in der Regel ambulant. Bis ein Ergebnis zu sehen ist, kann es jedoch einige Monate dauern. Auch eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Manchmal entstehen Narben, die Wunde entzündet sich womöglich oder die transplantierten Haarwurzeln werden abgestoßen.

Zuerst kommt die Ursachensuche

Bevor Männer sich selbst therapieren oder einen OP-Termin vereinbaren, sollten sie sich gründlich untersuchen lassen. Denn die androgenetische Alopezie ist nicht der einzige Grund für schwindende Haare. Bei einem Kreisrunden Haarausfall fängt es mit einer oder mehreren runden kahlen Stellen an. Eventuell steckt eine Fehlsteuerung des Immunsystems dahinter.

Der diffuse Haarausfall kann dagegen durch eine Schilddrüsenerkrankung hervorgerufen werden, Hormonumstellungen oder durch eine radikale Diät und dem damit einhergehenden Nährstoffmangel. Und schließlich können auch verschiedene Krankheiten die Haare ausfallen lassen, Lupus etwa, Pilzinfektionen oder eine Schuppenflechte. Wenn die Haare ausgehen, sollte man daher zuerst einmal abklären, an welcher Art von Haarausfall man überhaupt leidet.

 

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Dermatologie, Pharmakologie

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12 Kommentare:

Dr. Peter Aschermann
Dr. Peter Aschermann

Als kurze Antwort auf die Frage nach den Indikationen für PRP-Behandlung des Haarausfalls: am besten untersucht ist diese Behandlung bei der Androgenetischen Alopezie, zeigt aber auch bei “diffusem Haarausfall” (telogenes Effluvium)positive Effekte. Hier ist aber zuvor auch eine Ursachenabklärung sinnvoll, um ggf. ursächlich behandeln zu können.

#12 |
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Michael Volke
Michael Volke

@#3 und #4:

Ich habe die gleiche Beobachtung an mir selbst gemacht, das Nachwachsen schwarzer Haare begann ab einem Vitamin-D-Blutspiegel von ca. 50 ng/l, bei einem Ferritin-Spiegel von ca. 50 Mikrogramm/l.

“I am not aware of any research on whether vitamin D prevents or reverses the greying of hair with age.”
Mehrere Autoren haben die Hochregulation des Enzyms Katalase durch Vitamin D dokumentiert, z.B.:
Zhang, Yang, “Pregenomic and Genomic Effects of 24,25-Dihydroxyvitamin D3” (2015). All Graduate Theses and Dissertations. Paper 4551, Utah State University, Seite 75.
Die Wirkung von Katalase auf die Haarfarbe wiederum ist hier untersucht worden:
J. M. Wood, H. Decker, H. Hartmann, B. Chavan, H. Rokos, J. D. Spencer, S.
Hasse, M. J. Thornton, M. Shalbaf, R. Paus and K. U. Schallreuter, “Senile hair graying: H2O2-mediated oxidative stress affects human hair color by blunting methionine sulfoxide repair”,
The FASEB Journal, Vol. 23, July 2009, Pages 2065-2075.

Katalase enthält Eisen, ein Eisenmangel kann daher die Aktivität des Enzyms ebenfalls begrenzen.
Vereinfacht, sieht der biochemische Mechanismus so aus:
Ausreichende Vitamin-D- und Eisen-Spiegel führen zu ausreichender Katalase-Aktivität.
Katalase entgiftet Wasserstoffsuperoxyd; Wasserstoffsuperoxyd zerstört durch Oxydation das Enzym Tyrosinase; Tyrosinase bewirkt den Umbau von Tyrosin zu Melanin, dem Farbstoff der Haare.

#11 |
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Gast
Gast

Sehr geehrter Herr Dr. Aschermann ( # 9 ),

falls Sie noch hereinschauen : Steht die PRP-Behandlung ausschließlich in Zusammenhang mit androgenetischer Alopezie oder ggf. auch mit diffusem Haarausfall ? Danke.

#10 |
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Dr. Peter Aschermann
Dr. Peter Aschermann

Ergänzend zu den Behandlungsmöglichkeiten bei der androgenetischen Alopezie ist in den letzten Jahren noch die PRP-Behandlung getreten, wobei PRP für “Plättchen-Reiches Plasma”(platelet rich plasma) steht und im Grunde eine Eigenblut-Behandlung mit den in den Plättchen(Thrombozyten) befindlichen Wachstumsfaktoren beschreibt. Es gibt zu dieser Methode inzwischen Studien, die Behandlungserfolge beschreiben, wie zB von Dr. Schiavone aus Rom. Auch wir haben inzwischen Behandlungserfolge damit erzielen können.

#9 |
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Unternehmensberaterin

#7 Deshalb führt man Studien meistens mit mehr als vier Teilnehmern durch.

#8 |
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Gast
Gast

Wie klein muss ein Mann denn sein, um Ihrer Behauptung zu genügen ?
Ich bin 1,63 klein/groß ? – bin krank, muss täglich etliche medikamentöse Wirkstoffe
aufnehmen, bin fast 80 Jahre alt und habe schönes dunkles volles Haar.
Drei meiner Nachbarn sind etwa 1,80 m groß. Sie sind halb so alt oder wesentlich jünger als ich und müssen sich trotz aller “Maßnahmen” mit ihrer Kahlköpfigkeit ab-
finden – hm – hm ???
“Studien” können manchmal hilfreich sein – in der Praxis beweist sich die Realität – hm – hm –

#7 |
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Uwe Niese
Uwe Niese

#1

Wahrscheinlich alle;-)

#6 |
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Dr. Elisabeth Wagner
Dr. Elisabeth Wagner

Bei befreundeten Sportlern ist mir aufgefallen, dass im Wettbewerb die Haar dünner werden. Und nach Reduktion des Stresses die Haar wieder kommen. Wohl durch die Übersäuerung des Organismus bei Belastung am Limit.
Mit der regelmässigen Einnahme von Basenpulver habe ich gute Erfahrungen zur Entsäuerung und der Vorbeugung und Therapie von Haarverlust.

#5 |
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Ernst Pawlowsky
Ernst Pawlowsky

Die Beobachtung von #3, Hr. Prof. Göring, kann ich bestätigen.
Ich hatte bisher gedacht, daß es an der Aufnahme von Kupfer als Spurenelement liegen könnte, doch habe ich etwa zeitgleich meine Vit. D Supplementation auf etwa 40.000 i. E. pro Woche erhöht um einen Spiegel von etwa 70 ng/ml zu halten.

#4 |
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Nichtmedizinische Berufe

In einer Frage-Antwort-Runde bei GrassrootsHealth wurde Dr. Robert Scragg, Professor für Epidemiologie, University of Auckland, New Zealand, gefragt:
„I am 68, taking 15k (gemeint ist 15 000 IE Vitamin D täglich), and have noticed my hair has pretty much stopped greying and in several areas it seems to be growing in now in non-gray hairs. Is this a natural occurrence for folks taking higher doses (proper doses) of Vitamin D3?”
Dr. Sragg: “I am not aware of any research on whether vitamin D prevents or reverses the greying of hair with age. Your observation is very interesting. But it would need to be confirmed by a double-blind randomized controlled trial of vitamin D supplementation before we could be certain that vitamin D has this effect. …”
Mir sind 3 Männer im Alter von 70-85 Jahren bekannt, bei denen der gleiche Effekt auftrat. Die Vitamin D-Supplementation betrug zwischen 5000 und 10000 IE täglich über mehr als 2 Jahre. Das betraf nicht nur das Kopfhaar, bei einem bildete sich ein schwarzer Kranz im Inneren des Kranzes des Haupthaares, bei den anderen beiden wuchs pigmentiertes Haar an den Schläfen, im Backenbart und in den Augenbrauen, sondern auch die Behaarung auf den Armen und auf der Brust. Doch wie Dr. Scragg sagte: Wir müssen erst auf die Ergebnisse der double-blind … warten, ehe wir es glauben können.

#3 |
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Studentin der Pharmazie

Und um welche “vielfältigen Beziehungen zu anderen Merkmalen” handelt es sich nun? Anstatt auf die Behandlung einzugehen und immer wieder um den heißen Brei herumzureden, wäre es schon interessanter einen Einblick in die Studien zu haben! Sonst sage ich:” Im Prinzip gibt es viele Auslöser für Haarausfall beim Mann” und das wusste man schon vorher. Hormone, vererbung…etc.! Ja und? Was ist nun neu?

#2 |
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Was ist jetzt mit den “diversen Krankheiten”, mit denen frühzeitiger Haarverlust im Zusammenhang stehen soll?

#1 |
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