Sterbehilfe: Wenn das Personal nachhilft

31. März 2017
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Unter dem reißerischen Titel „Tatort Krankenhaus“ veröffentlichte Professor Karl H. Beine von der Universität Witten/Herdecke die Ergebnisse einer von ihm durchgeführten Studie. Demnach würden pro Jahr angeblich 21.000 Patienten durch die Hand eines Arztes oder Pflegers sterben.

Prof. Beine befragte im Herbst 2015 mehr als 5.000 Beschäftigte in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Demnach würden pro Jahr angeblich 21.000 Patienten durch die Hand eines Arztes oder Pflegers sterben. Ein Schrei des Entsetzens geht jetzt durch die Republik, nachdem der Professor seine Ergebnisse vorgestellt hat. Auf die zentrale Frage: „Haben Sie selbst schon einmal aktiv das Leiden von Patienten beendet?“ antworteten 3,4 Prozent der Ärzte mit „Ja“, ebenso 1,8 Prozent der Altenpfleger und 1,5 Prozent der Krankenpfleger.

Beine ist Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke und Chefarzt am Marien-Hospital in Hamm, er gilt als Deutschlands bekanntester Experte für Patiententötung. Doch nun melden sich in allen Medien andere Experten zu Wort und zweifeln an seinen Ergebnissen. Zu Recht? Die Zahlen als einfach nur falsch und übertrieben abzutun, wäre zu kurz gegriffen. Es lohnt sich, genauer hinzusehen, denn die Sache hat zwei Seiten – wenn nicht gar drei.

Nummer 1: Alles ist gut und richtig

Nicht alle die mit „Ja“ antworteten, haben sich im rechtlichen Sinne strafbar gemacht. Das lenkt auch Prof. Beine ein. Denn viele empfinden bestimmte medizinische Maßnahmen am Ende der Lebenszeit eines Patienten als aktive – und damit strafbare – Sterbehilfe, während es sich aus juristischer Sicht um passive und damit erlaubte Sterbehilfe handelt.

Wird beispielsweise eine künstliche Ernährung oder Beatmung eingestellt, weil sich der Patient im offensichtlichen und unumkehrbaren Sterbeprozess befindet, so ist dies medizinisch indiziert. Denn wie Dr. Michael de Ridder, Chefarzt der Rettungsstelle vom Kreuzberger Urban-Krankenhaus in einem Interview sagte, hat der Arzt nicht die Aufgabe, das Sterben an sich zu verhindern. Er hat das vorzeitige Sterben zu verhindern durch kuratives Handeln. Genauso ist aber ärztliche Aufgabe, das qualvolle Sterben durch palliatives Handeln zu verhindern . So können – zugegeben plakativ – die Grundsätze der Bundesärztekammer zur Sterbebegleitung zusammengefasst werden.

Für den Behandelnden ist es eine belastende Situation, wenn sich die Frage stellt, ob und wann der Zeitpunkt gekommen ist, an dem das kurative Therapieziel „Heilung“ aufgegeben und das palliative Ziel „Linderung der Symptome“ angepeilt werden sollte. Es ist nicht vermessen zu vermuten, dass viele der Ärzte und Pfleger, die in der Studie auf die Frage „Haben Sie selbst schon einmal aktiv das Leiden von Patienten beendet?“ mit „Ja“ antworteten, diese Situation des Therapiezielwechsels im Sinn hatten.

Aber nicht nur, wenn sich der Patient im unumkehrbaren Sterbeprozess befindet, darf – ja muss – der Arzt so handeln. Er muss dies ebenso tun, wenn sich der Patient vielleicht noch nicht im unumkehrbaren Sterbeprozess befindet, er aber eine entsprechende Willenserklärung abgegeben hat. Hier sei erinnert an die Frau, die nach einem Unfall vom Hals abwärts gelähmt und infolge dessen auf künstliche Beatmung und ständige medizinische Betreuung und Pflege angewiesen war.

Diese Frau hatte nach Einschätzung ihrer behandelnden Ärzte eine Lebenserwartung von etwa 15 Jahren, war also wahrlich nicht in der Nähe ihres Lebensendes angekommen. Sie hätte aber zweifelsfrei jederzeit die Beendigung der Beatmung verlangen können. Die Ärztin, der Pfleger, welche in solch einem Fall das terminale Weaning (S. 60 f der Leitlinie) veranlasst oder begleitet, macht sich nicht strafbar, empfindet dies aber häufig als „aktive Sterbehilfe“.

Nummer 2: Im klinischen Alltag wimmelt es von „Opfern“

Die Medien berichten weltweit immer wieder von „Todesengeln“ oder auch weniger liebevoll von „Vollstreckern“. Dies sind Menschen, deren Aufgabe eigentlich darin besteht, Kranken und Alten zu helfen, die aber, statt zu helfen, bewusst töten. Das Motiv ist vielfältig. Getötet wird z.B. aus falsch verstandenem Mitleid, als Demonstration von Macht oder wegen Überforderung.

Ein Pfleger aus Delmenhorst gestand, mindestens sechs Patienten bewusst getötet zu haben. Nicht erst in Delmenhorst, sondern schon früher auch in Oldenburg. Prof. Beine sieht als einen typischen Grund für dieses Handeln ein mangelndes Selbstwertgefühl, wie er in einem Interview sagte. Dazu erklärte er weiter: Ein Pfleger, der einmal tötete, wird dies wieder tun.

In einem anderen Fall war der „Todesengel“ eine Krankenschwester, die arglosen Patienten heimlich Heparin in tödlicher Dosis in die Infusion mischte. Leider sind viele weitere Fälle bekannt.

Während in der Regel bei Bekanntwerden solcher Taten von „Einzelfällen“ gesprochen wird, vermutet Prof. Beine hierin schon seit längerem ein systemisches Problem. Er ist sich sicher, die Einzelfall-Vermutung verharmlost ein generelles Problem. Tötungen im Krankenhaus und Pflegeheim sind von den dort Beschäftigten aufgrund deren Qualifikation leicht zu initiieren und zu verheimlichen. Natürlich auch, weil der Tod in diesen Institutionen Teil des Arbeitsalltags ist.

Es wäre fatal, diese Behauptung in die Märchenwelt zu verbannen, einzig weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Fakt ist, dass die physische und psychische Belastung derer, die in Krankenhaus und Altenheim arbeiten, groß ist und aufgrund der gestiegenen ökonomischen Zwänge zunehmend größer wurde und wird. Alarmzeichen werden nicht gehört, weggewischt. Es ist durchaus denkbar, dass sich die Belastung alle möglichen Ventile sucht und findet. Ist es wirklich ausgeschlossen, dass Beschäftigte ein Ventil darin finden, den einen oder anderen alten/todkranken/hilflosen Menschen z.B. über eine Überdosierung geeigneter Medikamente sanft „entschlafen“ zu lassen?

Das klingt friedlich, doch die vorsätzliche Tötung unter Ausnutzung der Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers führt immer wieder zu einer Verurteilung wegen Mordes. Jedoch ist das Mordmerkmal der „Heimtücke“ besonders „tückisch“. Die Juristen streiten, wann dies zu bejahen ist. Das hier detailliert auszuführen, würde aber zu weit gehen. Doch wie bereits zu Beginn des Artikels erwähnt, ist es fraglich, ob die nach der Studie hochgerechneten 21.000 getöteten Patienten alle Opfer solcher Tötungshandlungen sind.

Nummer 3: Die Wahrheit liegt wie immer dazwischen

Wo die Wahrheit liegt – ob näher beim Guten oder näher beim Grauen – das muss aufgeklärt werden. Immer nur Wegschauen ist garantiert der falsche Weg. Denn jeder, der sich in ein Krankenhaus oder Altenheim begibt, muss das Gefühl haben „Hier bin ich aufgehoben, hier wird mir geholfen“.

Dieses Gefühl der Sicherheit verdient es, dass sich unsere Gesellschaft dieses ernsten und erschreckenden Themas annimmt. Aber nicht mit Hysterie, sondern mit der notwendigen Sorgfalt und Abgeklärtheit.

Prof. Beine forscht seit über zwanzig Jahren zu Persönlichkeitsprofilen von Menschen, die im Krankenhaus zu Tätern werden. Seine Warnung sollte angemessen gehört werden. Bereits 2011 bezifferte er die Zahl der Menschen, die seit den Siebziger Jahren für Tötungen in Kliniken und Altenheimen verurteilt wurden, auf 37. Seither sind einige hinzu gekommen. Ob es eine Dunkelziffer gibt und wie hoch diese ist, sollte gefragt werden dürfen.

138 Wertungen (4.67 ø)

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27 Kommentare:

Mitarbeiter Industrie

Peter van Stedman # 19 zunächst herzlichen Dank für 33 Jahre verantwortungsvolle Pflege, unbeachtet von unserer egoistischen Gesellschaft.
Peter van Stedman stellt dezidiert voll zutreffend fest Zitat ” Abschreckend finde ich es einfach dass das Phänomen des Übertreibens und Verallgemeinerns immer mehr Einzug in die Medien bekommt ! ” Zitat Ende.
Dies muss zwar vehement beklagt werden ist aber auch dem oberflächlichen “Zeitgeist” geschuldet. Je brutaler und plakativer Beiträge in den Medien präsentiert werden je mehr spontane, kurzzeitige Aufmerksamkeit wird bis zur nächsten ” Horrormeldung” erzeugt. Wie kommt es sonst Millionen Bürger, davon viele Jugendliche, sind inzwischen psychisch belastet.
Der Mensch lebt NICHT vom Brot allein.

#27 |
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Gast
Gast

Ab wann nennt man es Mord , ab wann Erlösung?
Meine Kollegin hat ihrer vollverkrebsten Mutter als diese nur noch vor Schmerzen im Delirium war auch mehr Morphin gespritzt als vorgesehen. In meinen Augen war sie keine Mörderin .Warum muß ein Mensch am Ende so leiden?

#26 |
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Prof. Dr. Stefan Dove
Prof. Dr. Stefan Dove

#13: Müssen Sie den Gender-Irrsinn auch noch in doccheck tragen? Frau (!) Nadolski-Standke hat sich und uns diesen Krampf, unter dem wir an den Unis besonders leiden, jedenfalls erspart. Sonst würden aus Ärzten vielleicht “approbierte Heilende”…

#25 |
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Jürgen Riese
Jürgen Riese

Liebe Frau Nadolski, Ihr Bericht regt (erneut) zum Nachdenken an. Das Thema hat viele Facetten und sollte zu weiterer Diskussion anregen. Aber bitte, bezeichnen Sie den verdienten Kollegen Beine nicht als einen Experten für Patiententötung.

#24 |
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Hans Gerhard Christoph
Hans Gerhard Christoph

im Nachgang zu meiner ersten Stellungnahme empfehle ich einen Ausflug
in die Niederungen der ” deutschen Pflegerealität” unter http://www.pflege-shv.de
Die gravierenden und skandalösen Zustände in einigen sogenannten Senioren-
heimen , Seniorenresidenzen, sind NUR die Spitze dessen was tagtäglich in einigen
solcher ” Aufbewahrungsstätten ” vor sich geht. Wir haben zwar in Deutschland
ein Tierschutzgesetz , aber welches Gesetz schützt unsere ehrenwerten Senioren
vor den ” Realitäten ” in deutschen Pflegeeinrichtungen. Die Gründe für diese skandalösen Zustände sind höchst vielschichtig. Keiner der sogenannten Gesundheitspolitiker, teilweise selbst verstrickt in Abhängigkeiten, nimmt sich
dieser zum Himmel schreienden Zustände nur ansatzweise an.
Medizinische Dienste kosten zwar Milliarden, versagen jedoch schon alleine deshalb weil die Prüfkriterien ( Prüflisten ) die Interessen der Heimbetreiber
favorisieren. Im übrigen kündigen Mitarbeiter des MD die sogenannten ” Kontrollen” vorher rechtzeitig an. Was dies mit den eigentlichen Aufgaben des
MD zu tun haben soll erschließt sich niemand der nur einen Rest an Verstand
bewahrt hat. Hier ist in Jahrzehnten ein unleidiges System, incl. der gerichtlich bestellten sogenannten ” Betreuer ” , entstanden. In diesem z.T. sogar korrupten System, kommen die Interessen der Pflegebedürftigen komplett
unter die Räder.

#23 |
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Gast X
Gast X

Nein, da irren Sie sich nicht. Das gegenteilige Problem -nämlich mangelndes Durstempfinden- ist eigentlich bei älteren Patienten viel häufiger vorliegend. Eine der häufigsten Aufnahmediagnosen ist “Exsikkose”, in vielen Fällen berichten die pflegenden Angehörigen oder die Pflegekräfte dass trotz mehrfacher Versuche der Patient kaum mehr dazu zu bewegen ist etwas zu sich zu nehmen. Die Patienten werden dann zunehmend gleichgültig, kraftlos und apathisch. Meistens lässt sich das durch ein paar Infusionen wieder in Ordnung bringen, solange der Patient dann in rehydriertem Zustand wieder genug Kraft und Willen entwickelt wieder selbst zu trinken. Oft ist es ein schleichender Prozess der bereits lange bevor eine Pflegebedürftigkeit vorlag begann, und über die Jahre auch eine chronische Niereninsuffizienz begünstigen kann. Aber natürlich kann jemand der Ärzte und Pflegekräfte als grausame, gewissenlose Monster sehen und darstellen möchte mit solch schaurigen Äußerungen viel Aufmerksamkeit erregen…

#22 |
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Gast
Gast

In den Kommentaren ist mehrfach von Verdursten die Rede. Meines Wissens ist die Methode der Flüssigkeitsverweigerung eine Möglichkeit, den eigenen Tod ohne Schmerzen herbeizuführen, oder irre ich da?

#21 |
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Gianni Bec
Gianni Bec

Hallo, nochmals …. denn leider ist es notwendig …
und zu “gepr. Pharmaref. ” und was er schreibt, trifft absolut den Nacgel auf den Kopf … und dies ist leider … eine alltägliche Realität in Deutschland, wo doch alles konjuktiev bestens sei, wo es aber wiederum zu Anderem Globalen Verwerfungen führt, und dann – angeblich – die Deutsche Pflegekraft nicht bezahlbar sei. Und nun sind wir wieder bei meinemErsten Beitrag wo es heißt unter:
.. “durch eine – vermutlich überforderte Anästhesie Mitarbeiterin – und in der Folge zu schweren Neurologischen Schäden geführt hat. Hierbei sei nur kurz der – nicht geschützte und selbst verliehene PD=Privat Dozent – Begriff – erwähnt…
Das ist auch u.A. ein S K A N D A L.

#20 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Für mich stellt sich bei diesem Thema immer wieder die Frage, wie ein solches Zahlenergebnis zustande kommt, denn mich hat in meinen 33 Jahren Altenpflege noch niemand gefragt ob ich schon mal Sterbehilfe geleistet habe. Abschreckend finde ich es einfach, dass das Phänomen des Übertreibens und Verallgemeinern immer mehr Einzug in die Medien bekommt, und das nicht nur in den Populismen wie Bildzeitung und Co.
In meinem Pflegealltag erlebe ich es immer, dass ein palliatives Handeln immer und ausführlich mit den behandelnden Ärzten, den Angehörigen und Betreuern und dem Pflegeteam ab- und besprochen wird. Für mich gibt das Sicherheit im Handeln und ich empfinde dies auch als Trost für Angehörige, Partner und Freunde.

#19 |
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Bernd Brüggemann
Bernd Brüggemann

“…Nur weil ein sterbender Patient Morphium oder ein anderes Medikament erhält heißt das nicht dass er “eingeschläfert” wird…”
Nein, vollkommen richtig. Sehr viel Patienten auch nicht präfinale profitieren enorm von schmerzlindernder Therapie.
Nach ursprünglicher Skepsis meinerseits vor über 25 Jahren bin ich sogar regelrecht “Fan” von schwachdosierten Pflastern geworden, da gerade bei geringen Dosierungen die Lebensqualität manchmal ganz enorm für lange Zeit gesteigert werden kann.
Nur weil es technisch möglich ist, meiner Argumentation einen Umkehrschluss entgegenzusetzen, muss dieser nicht schlüssig sein!

“…Bei korrekter Anwendung wird damit der Tod NICHT vorzeitig herbeigeführt….”
Genau diese Fälle sind ja auch im ursprünglichen Artikel nicht gemeint, oder?
Bei mir ebenso nicht.

“…Und es heißt auch nicht dass gegen die Wünsche des Patienten gehandelt wird…”
Das habe ich zumeist exakt gegenteilig erfahren.
Die Wünsche des Patienten wirklich zu beachten, funktioniert tatsächlich in den allermeisten Fällen NICHT.
Entweder hat man Angst vor der Courage des Patienten, der eine Sterbehilfe ausdrücklich wünscht oder man tut es auf die von mir beschriebene Weise ganz ohne Einwilligung unter Verwendung von Euphemismen gegenüber der Verwandtschaft.
“…Arbeiten Sie doch einmal eine Weile in der Palliativmedizin. Begleiten Sie doch erst einmal Dutzende von Patienten auf ihrem letzten Weg, teilweise vor Schmerzen stöhnend oder verzweifelt nach Atem ringend…”
Geht auch prima OHNE Palliativmedizin. Denn genau SO stirbt man ja unter Überdosierung. Nur ohne Schmerzen, angeblich.
Von “selbstbewusst” oder “selbstbestimmt” kann da eigentlich keine Rede mehr sein…
Jedem Mörder billigen wir mildernde Umstände zu, sofern er unter Drogeneinfluss während seiner Tat stand, gerade WEIL er NICHT zurechnungsfähig gewesen sein soll…
Und dann bei Schmerzpatienten…?
Voll zurechnungsfähig trotz Droge?
Oder gerade wegen Droge?
Oder wie jetzt?
Doppelmoral?
Och nö…Ist einfach einfacher so….

#18 |
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Gast X
Gast X

Und nur zur Ergänzung: für alle die der Meinung sind die Änderung von Therapieansätzen von kurativ auf palliativ sei eine Kostenfrage…das ist Unsinn! In den meisten Fällen wäre die Durchführung und Abrechnung einer invasiv-kurativen Therapie um ein vielfaches gewinnbringender. Geld verdient man mit OPs, Herzkatheter, Komplexbehandlungen, und wochenlangen Intensivbehandlungen mit künstlicher Ernährung und Beatmung… und für die Patienten ist es manchmal eine Tortur (mussten Sie schon einmal eine wochenlange Intensivbehandlung oder gar eine Reanimation über sich ergehen lassen?). So etwas sollte man einem Menschen nur dann zumuten wenn er es will UND eine medizinische Indikation besteht.
Die Änderung zum palliativen Therapieansatz hin bringt keinen finanziellen Vorteil, sie muss mit dem Patienten und/oder den Angehörigen beraten werden und wird außerdem vom klinikinternen Ethikrat geprüft. Zusätzlich sei noch erwähnt dass eine umfassende Palliative Betreuung in vielen Fällen wesentlich zeitaufwändiger ist und viel mehr Personal erfordert als so manches kurative Standardprocedere.

#17 |
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Gast X
Gast X

@ Brüggemann: Nur weil ein sterbender Patient Morphium oder ein anderes Medikament erhält heißt das nicht dass er “eingeschläfert” wird. Bei korrekter Anwendung wird damit der Tod NICHT vorzeitig herbeigeführt. Und es heißt auch nicht dass gegen die Wünsche des Patienten gehandelt wird. Arbeiten Sie doch einmal eine Weile in der Palliativmedizin. Begleiten Sie doch erst einmal Dutzende von Patienten auf ihrem letzten Weg, teilweise vor Schmerzen stöhnend oder verzweifelt nach Atem ringend… -die wenigsten sind in dieser Phase noch imstande zu sprechen, geschweige denn sich zu verabschieden oder um Schmrzmittel zu bitten- und erzählen Sie uns noch einmal das solche Schmerzen gerne ertragen worden wären, um “bewusst sterben zu dürfen”. Das können sie nicht pauschal beurteilen, jeder Sterbeprozess verläuft individuell. Wir wären in vielen Fällen froh wenn überhaupt jemand von der Familie kommen würde um sich zu verabschieden und uns über die Wünsche eines nicht mehr ansprechbaren Sterbenden zu informieren aber oftmals ist leider Einsamkeit das einzige was unseren Patienten ein “bewusster Abschied” zu bieten hat. Die Arbeit engagierter Palliativmediziner mit den unverzeihlichen Verbrechen von sogenannten Todesengeln in einen Topf zu werfen ist nicht angemessen.

#16 |
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Bernd Brüggemann
Bernd Brüggemann

Wenn die Fallpauschale nicht mehr hergibt, “läßt man der Natur seinen Lauf”, setzt Therapie einfach komplett ab und “nimmt dem Patient die Schmerzen”, die zumeist gerne gerne ertragen worden wären, wenn man nur dafür das Ende hätte kommen sehen DÜRFEN, um WIRKLICH bewußt zu sterben und sich ggf. verabschieden zu können.
Zig mal erlebt, immer beanstandet.
Da wird extra im Vorfeld Fenta oder Oxy oder Morphium angesetzt, damit man es “im Bedarfsfall” nicht extra anordnen muss, es nicht auffällig wird.

Wenn DAS “Menschenwürdiges Sterben” sein soll, verstehe ich nicht, was wir gegen die Tötungen bei Massenviehhaltungen haben können.
Gerade WIE würdelos diese Menschen am Ende verrecken, und das auch noch “im Jumm” ohne etwas davon zu bemerken, ohne dem zugestimmt zu haben…

Einfach EKELERREGEND diese heuchlerische, überall vertretendene Doppelmoral !!
Wie Tiere einschläfern… Die haben uns ebenso treudumm vertraut….

#15 |
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Gianni Bec
Gianni Bec

Hallo,
Dieses Thema ist wohl alltäglich in der Heutigen Zeit, wenn vor allem aus rationellen Gründen eine – Minimierung der Kosten – vor allem noch viel schlimmer ist – im Maxmimierungsfall innerhalb der Kliniken -. Dieses Beispiel
ist leider – mir fst (drei Mal) zum endgültigen “Exedus” gefährt hätte durch eine
– vermutlich überforderte Anästhesie Mitarbeiterin – und in der Folge zu schweren
Neurologischen Schäden geführt hat. Hierbei sei nur kurz der – nicht geschützte und selbst verliehene PD=Privat Dozent – Begriff – erwähnt.

#14 |
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Gast
Gast

Liebe Fr. Nadolski -Standke,
danke für den interessanten und wichtigen Artikel über dieses Thema!
Und…..
es ist bis auf eine Ausnahme nur Von Ärzten, Krankenpflegern, sogar Altenpflegern die Rede. Hallo! 50% Ärztinnen, Krankenschwestern und Altenpflegerinnen sind sogar in der großen Mehrzahl Frauen, es sind sind ja traditionell weibliche Berufe. Warum findet in der Medizin immer noch umgekehrtes “Gendern” statt?
Nimmt man einen Pfleger erster als eine Krankenschwester?

#13 |
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Gast
Gast

Sehr geehrter Herr Redlich,vielen Dank für Ihre Stellungnahme mit der Darlegung der korrekten medizinischen Abwägung: kurativ oder palliativ zu behandeln. Die von Ihnen beanstandete Äußerung, die Quälerei beenden zu wollen, ist von einem Oberarzt getätigt worden.

Im Falle meiner Mutter (Privatpatientin)hat leider überhaupt keine Abwägung stattgefunden. Eine i.v. Ernährung mit Aminoveen war aufgrund des Zustandes der Venen nicht möglich, einem Port hatte ich bereits zugestimmt nach Aufklärung, der Eingriff fand trotzdem nicht statt. Meine nachdrückliche Bitte, die Vollmacht zu berücksichtigen, wurde wie folgt beschieden: “Sie müssen erst gesetzlicher Betreuer sein um die Magensonde zu bewirken. Die Zeit sich vom Gericht bestellen zu lassen: Ihre Mutter muss angehört werden, ein Gutachter eingeschaltet werden, ein gerichtlicher Beschluss hierzu erfolgen, haben Sie nicht mehr.” Richtig: Verhungern dauert ca. 3 Wochen, verdursten eines alten Menschen im Hochsommer maximal 3 bis 4 Tage. Als Angehöriger ihr etwas zu verabreichen wurde mir strengstens untersagt. Sie hätte eine Schluckstörung und könnte daran ersticken oder eine Aspirationspneumonie
erleiden. Ich würde haften. Eine Schluckstörung wurde nie mit einer Faes nachgewiesen.

Meine Mutter war in der Geriatrie angemeldet. Diese Anmeldung in eine Anforderung umzuwandeln, war meine Initiative. Eine weitere Option war die Uniklinik Düsseldorf, die sie wegen der Dringlichkeit auch aufgenommen hätte und die Magensonde gesetzt hätte, von mir ebenfalls eingeschaltet.

Den nahen Tod hatte man u.a. mit einer Elektrolytentgleisung falsch begründet, da es sich objektiv nur um eine leichte Elektrolytverschiebung von Kalium und Natrium handelte, die reversibel war.

Resumee: Jede Klinik müsste einen Ethikbeauftragten/Ethikkommission haben, der/die von jedem Beteiligten, auch Angehörigen, jederzeit anrufbar sein müsste für eine schnelle lebenserhaltende Entscheidung ggf. bis zur Entscheidung des Vormundschaftsgerichts.

Hinzuweisen ist auch auf Missstände des englischen Gesundheitssystems, wo jährlich eine bedauerliche Anzahl von Patienten verdurstet, weil man sie vernachlässigt hat und auch das Trinken von Wasser aus Blumenvasen den Tod
durch Verdursten nicht verhindern kann.

Ich gehöre nicht dem medizinischen, sondern juristischem Berufsstand an. Mir wurde u.a. gesagt: Auch bei Patienten zwischen 60 und 70 Jahren würde man die Intensivstation nur im Ausnahmefall gewähren. Eine Intensivstation, die mit
Flachbildfernsehern an allen Plätzen ausgestattet ist.

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Manfred Schmidt-Kirchner
Manfred Schmidt-Kirchner

ps:
Ich weiß auch, dass nicht wenige Patienten mit ihrem langjährigen Hausarzt entsprechende Hilfe verabredet haben. Und wenn dann die Sterbesituation(!) nur noch Leiden bedeutet, dass dann so mancher guter (!) Arzt die Verabredung auch einhält.

Das haben gute Ärzte schon immer sehr verantwortungsbewußt so gehandhabt und es für sich behalten (müssen).

Denken Sie an das Ende von Siegmund Freud!

#11 |
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Manfred Schmidt-Kirchner
Manfred Schmidt-Kirchner

Wenn jemand auf Intensivstation liegt und das Ende für jeden deutlich sichtbar ganz nahe herbeigekommen ist und Pat. vorher Intubation und andere lebenserhaltende Maßnahmen bei klarem Verstand sowohl Angehörigen wie auch Ärzten ganz klar abgelehnt hat und auch ganz eindeutig zum Ausdruck gebracht hat, dass er/sie jetzt gern sterben möchte – und wenn dann die Situation dadurch dramatisch wird, dass die Bronchien verkrampfen und das Atmen kaum noch möglich ist:

Wenn man dann nach Aufklärung und Absprache mit dem/der Betroffenen(!), den Angehörigen und mehreren Ärzten sich entschließt, eine hohe Dosis Morphin(+Diazepam) zu spritzen, was die Sauerstoffsättigung dramatisch abfallen läßt, aber sofort nach Injektion die Atmung entkrampft – und diese(r) Pat. dann nach 2-3 Stunden friedlich stirbt, dann ist das ein AKT DER GNADE und die Beendigung eines sinnlosen Leidens!

Ich selbst wünsche mir mal einen Arzt, der in vergleichbarer Situation bei mir ebenso die gesetzlichen Grenzen überschreitet und mich nicht mit Novalgin o.ä. abspeist, was ja im hausärztlichen Bereich immer noch allzu oft geschieht.

Das Thema ist viel komplexer als hier oft in den Kommentaren dargestellt!

#10 |
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Warum werden offenbar nur Alte umgebracht. Bisher habe ich noch nicht gelesen, daß Frühchen Opfer sind.

Mir gibt das zu denken über den Stellenwert von alten Menschen in unserer Gesellschaft. Animal farm grüßt.

#9 |
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Dr. Theo Payk
Dr. Theo Payk

Laut Prof. Beine werden die jährlich 21000 (?) vorsätzlichen Krankentötungen ökonomischem Druck, Personalnotstand und daraus resultierenden Überlastungsreaktionen in den Einrichtungen zugeschrieben – kurzum unserem vermeintlich maroden Gesundheitswesen. Bei näherer Betrachtung zeigen sich als hauptsächliche Ursachen indes zwei wesentlich näherliegende Faktoren: Zum einen charakterliche Defizite der zumeist narzisstisch deformierten und/oder emotional verwahrlosten Täter/innen, die offensichtlich ihre Allmachtsfantasien lange Zeit unkontrolliert ausleben konnten; zum anderen eine fatale Kombination von unreflektierter Betriebsblindheit mit mangelhafter Supervision bzw. unprofessioneller Begleitung der Stationsteams seitens der fachlichen Leitung.
Dr. Theodor Payk

#8 |
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Roman Haack
Roman Haack

Vorschlag für das LL-Programm: Diagnostik der medizinischen Bildung. Vllt. schafft sie es bis auf S3 Niveau. Geht aber hier am Thema vorbei. Die Schilderung des persönlichen Erlebens passt dagegen gut. Die Umstände, die dies wohl begünstigen, wurden vor einigen Wochen im Spiegel gut beschrieben – am Bsp. eines Klinikkonzerns. Ein System, dessen Effekte eine alarmierende Flut an Gefährdungsanzeigen produziert, wird kaum nur auf der bestmöglichen Abwägung von kurativ vs. palliativ basieren können. Lukrativ gehört eben auch zu den Kriterien und dürfte sowohl unmittelbar Entscheidungen beeinflussen, als auch mittelbar durch ein betriebswirtschaftlich organisiertes Minimalprinzip und dessen Auswirkungen auf Angestellte. Was auch ein kurativer Ansatzpunkt für das Beschriebene wäre.

#7 |
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Ärztliche Entscheidungen verlangen immer ein Abwägen. Wer von unds will sich schon anmuten den perfekten Zeitpunkt zwischen kurativer und palliativer Behandlung zu erkennen. Entscheidend ist die Lebensqualität des Patienten. Kann dieser sich nicht mehr selbst zu seiner Lebensqualität äußern, so werden im Zweifelsfall behandelnde Ärzte zusammen mit Angehörigen entscheiden müssen ob ein krankheitsbedingter Zustand noch Lebensqualität im SInne des Patienten ist. Jeder verantwortungsvoll handelnde Mediziner wird sich über sinnvolle und sinnlose Maßnahmen Gedanken machen und nach bestem Gewissen unter Inanspruchnahme der Meinung ANgehöriger im vermuteten Sinne des Patienten entscheiden. Sehr geehrter “Gast”: In dem Verhalten der behandelnden Ärzte kann ich keine aktive Sterbehilfe erkennen, eher im Zweifelsfall eine unterlassene Hilfeleistung (zumindest nach INterpretation Ihrer Formulierung). Allerdings bezweifle ich beim Lesen Ihres Kommentars, dass Sie akademisch medizinisch ausgebildet sind. Ich kann mir nicht vorstellen , dass ein Arzt die Lebensfreude eines Patienten vernichten will, warum sollte er auch….auch “eine Quälerei beenden” ist ein Terminus, den ein Arzt m.E. einem ANgehörigen niemals sagen würde. Es fällt mir auch schwer zu glauben, dass eine geriatrische Fachklinik ihre Mutter “anforderte”, da in der Regel ein Patient von einer Klinik in die nächste verlegt wird.
Auch der Begriff “lebensunwertes Leben” zeugt meiner Meinung nach nicht von medizinischer Fachbildung, sondern entspricht eher einem Laienterminus. Ein Arzt kennt kein “lebensunwertes Leben”, sondern unterscheidet zwischen kurativ und palliativ.

#6 |
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Gast
Gast

Meine 92jährige Mutter wurde fast ein Opfer aktiver Sterbehilfe im Krankenhaus. Von der Notaufnahme eines anderen Krankenhauses nach Herzinfarkt (n-stemi Vorderwandinfarkt)mit Notarztbegleitung zur Herzkatheterbehandlung dort eingewiesen, wollte man sie zunächst in der Onkologie! unterbringen, dann in einem Isolierzimmer. Ein Oberarzt (Kardiologe) hat sich mir gegenüber klar geäußert: “Er will die Quälerei beenden.” Mein Einwand, sie habe in ihrer Vollmacht klar geregelt, dass sie die bestmögliche, geeignete Behandlung bei guter psychologischer Begleitung wünscht und nichts, auch nicht die Magensonde, ausschließt,” wurde nicht berücksichtigt. Man wollte sie qualvoll: sie wurde immer unruhiger, saugte den Speichel aus Ihrer Oberkieferprothese, verdursten lassen. Erst als eine geriatrische Fachklinik sie anforderte als Patientin, wurde ihr die Magensonde gelegt, mit der Bemerkung des Chefarztes, sie würde davon sowieso nicht profitieren. Es geht ihr inzwischen viel besser, eine orale Ernährung, die wegen einer Speiseröhrenverätzung 3. Grades bei Sodbrennen vorübergehend nicht möglich war, wird inzwischen langsam mit kleinen Portionen aufgebaut. Sie wohnt in meinem barrierefrei umgebauten Haus im Erdgeschoss, liebevoll versorgt von mir und Altenpflegern und hat die Lebensfreude und Lebensbejahung zurück, die Ärzte entgegen dem hippokratischen Eid vernichten wollten. “Lebensunwertes Leben” – nie wieder, wehret den Anfängen!
Danke Herr Professor Beine!

#5 |
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… und wie ich sehe, wurden diese schon aus dem Netz genommen. Gut!

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Der Artikel hat abwertende Einwürfe sicher nicht verdient!

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Medizinjournalistin

Lese das Buch gerade.

#2 |
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Gast
Gast

Danke, Frau Nadolski-Standke, für Ihren wieder sehr gut recherchierten und unaufgeregten Artikel! Licht ins Dunkelfeld zu bekommen, ist auch meiner Meinung nach erforderlich. Womöglich hätte Prof. Beine das Thema nicht so plakativ und “kraft seiner professoralen Überzeugung” angehen sollen; es hat Sensibilität und Zwischentöne verdient, da ansonsten die Gefahr besteht, daß die Auseinandersetzung hierzu blockiert werden könnte.

#1 |
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