“Darf der das schon?” – PJler aus Patientensicht

13. Oktober 2010
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Die einen finden sie süß, die anderen trauen ihnen kein Stück: PJler haben es mit den Patienten oft nicht ganz leicht. Wir haben mit Patienten über ihre Erfahrungen mit PJlern gesprochen und geben Euch Tipps zur Patientenzähmung.

Studenten im praktischen Jahr machen die verschiedensten Erfahrungen mit Patienten und erleben unterschiedlichste Reaktionen. Von Blutsauger über Seelentröster, Ersatzenkel zu Stationsclown – die Liste der Nebenbeschäftigungen eines PJlers ist lang. Wie das die Patienten wirklich sehen, haben wir in fünf Interviews versucht herauszufinden. Dazu gibt’s ein paar praktische Tipps.

Jugendliche: Der süße PJler

Babsi* ist 14 Jahre alt, sie liegt in der Pädiatrischen Klinik und wartet auf eine Appendektomie. Sie grinst auf meine Frage nach dem PJler. “Der PJ-Student ist eigentlich ziemlich süß. Meine Freundinnen kommen mich jetzt noch öfter besuchen.” Ihre Augen funkeln, da ist die Angst vor der OP schon wieder fast vergessen. “Der darf auch Blut abnehmen und so – das ist halb so wild. Aber wenn meine Mama zu Besuch ist, wird es total peinlich. Die will immer den Stationsarzt rufen.” Klar, sie will natürlich die bestmögliche Behandlung für ihr Mädchen. “Vielleicht will ich später auch mal Ärztin werden!” sagt sie noch, bevor ich ihr Gute Besserung wünsche und mich verabschiede.

Tipp:
Gerade in der Pädiatrie sind wir als PJ Studenten oft mit Eltern konfrontiert, die sich gegen die Behandlung durch Studenten wehren und einen “qualifizierteren, erfahreneren” Arzt für ihre Kinder fordern. Das ist natürlich verständlich. Das Beste ist wohl, diesen Eltern klarzumachen, dass natürlich eine ständige Supervision durch den Stationsarzt gegeben ist. Wollen sich die Eltern allerdings partout nicht darauf einlassen, ist es wohl einfach sinnvoller den Stationsarzt zu informieren, sodass er eine adäquate Entscheidung treffen kann.

Gleichaltrige: Verständnis für PJler

Karin* ist 27 Jahre alt, sie hat immer wieder Synkopen bisher unbekannten Ursprungs und wird daher auf der Neurologischen Station durchgecheckt: “Ich wurde von einer PJlerin aufgenommen – die war super nett und ich hab mich wirklich gut aufgehoben gefühlt. Viele meiner Freunde studieren auch Medizin. Ich kenne das alles und weiß, dass das die einzige Möglichkeit ist, praktische Erfahrungen zu sammeln. Auch wenn es manchmal nicht so angenehm ist, wenn sie beim Nadellegen zwei oder drei Versuche braucht.” Karin beißt dann ein bisschen die Zähne zusammen und zeigt Verständnis. Außerdem findet sie es eigentlich ganz interessant ab und zu mit der PJlerin zu quatschen. Viele junge Leute sind hier nicht auf Station und da freut sie sich über ein bisschen Ansprache.

Tipp: Patienten die in unserem Alter sind wohl die dankbarste Gruppe für PJler. Sie sind flexibel und verständnisvoll, studieren entweder selbst noch oder können sich zumindest noch gut erinnern, wie hart der Berufsstart manchmal war. Hier muss man nur ein bisschen aufpassen, dass die persönliche Ebene nicht zu sehr in den Vordergrund tritt.

Die ältere Generation: Darf der PJler das schon?

Frau Kammer* ist Mitte 50 und wegen einer Unterleibs-OP in die Gynäkolgische Klink gekommen. Sie war schon ein wenig skeptisch als die PJlerin das erste Mal in ihr Zimmer kam. “Sie ist halt noch so jung”, sagt sie. “Ich habe immer nachgefragt, ob sie das denn schon alles machen kann und darf – mit den Nadeln und Infusionen. Da ist sie dann ganz nervös geworden. Und das hat mich dann ganz nervös gemacht. Man merkt halt schon, dass sie noch recht unsicher ist. Aber ein nettes Mädchen. Und sie bemüht sich wirklich sehr!”

Tipp:
Oft wird man als Student im Praktischen Jahr oder auch noch in den Anfängen der Assistenzarztzeit mit solchen Problemen zu kämpfen haben. Wenn man jung ist, trauen einem vor allem ältere Patienten nicht zu, seine Arbeit zu beherrschen. Wichtig ist, immer möglichst sicher aufzutreten. Wenn es Fragen oder Unklarheiten gibt, am Besten den Stationsarzt nicht vor dem Patienten fragen: der wird dadurch meist selbst verunsichert und noch mehr in seiner Annahme bestärkt, der junge Kollege sei noch grün hinter den Ohren.

Alte Menschen 1: Jeder muss mal lernen

Herr Schulze* ist 86 und freut sich jedes Mal, wenn Karsten, der PJler auf der Station der Inneren sein Zimmer betritt: er erinnert ihn ein bisschen an seinen Enkel – der studiert auch Medizin – und ist so ein tüchtiger Kerl. Deshalb wird Karsten auch der ein oder andere Faux-pas beim Nadellegen vergeben. “Jeder muss ja mal lernen.”, meint Herr Schulze. Außerdem sei es sehr erfrischend, morgens gleich ein freundliches Gesicht zu sehen.

Tipp:
Mit Freundlichkeit und Offenheit gewinnt man meist die Sympathie der Patienten. Jeder hat mal einen schlechten Tag, aber ein Lächeln im Krankenzimmer kann bekanntlich Wunder bewirken!

Alte Menschen 2: Ich bin doch kein Versuchskarnickel

Frau Esre*, 76 hingegen lässt sich kein Blut mehr von PJlern abnehmen. “Ich bin doch kein Versuchskarnickel” sagt sie, leicht empört. Neulich habe ihr Sohn ihr allerdings ein bisschen den Kopf gewaschen erzählt sie. Dass man sich eben bewusst sein muss, von Ärzten in der Ausbildung behandelt zu werden, wenn man die Vorzüge einer Universitätsklinik genießen möchte, hat er gesagt. Das versteht sie schon irgendwie, aber an ihren Arm lässt sie trotzdem nur den Oberarzt.

Tipp:
Es wird immer wieder Patienten geben, die sich nicht von Studenten behandeln lassen wollen. Auch das ist verständlich und man sollte es akzeptieren. Allerdings muss man sich auch nicht nach dem ersten missglückten Blutabnehmen aus dem Zimmer jagen lassen. Wir sind nun mal in der Ausbildung und müssen lernen. Bei Problem-Patienten am besten den Stationsarzt holen – der weiß meist, wie man am besten damit umgeht.

Fazit

Dies waren natürlich nur fünf Momentaufnahmen der Eindrücke, die Patienten von PJlern haben, aber vermutlich fassen sie die Lage in der Klinik recht gut zusammen. Klar wird: man muss mit unterschiedlichsten Charakteren und Bedürfnissen zurechtkommen und sollte schwierige Patienten nicht als Last sondern eher als gute Übung für das spätere Berufsleben betrachten. Denn die wird es immer geben und für manche hat ein Arzt auch nach 40 Jahren Klinik nicht genügend Berufserfahrung. Also: Augen zu und durch, mit einem Lächeln auf den Lippen und starken Nerven unter der dicken Haut!

*Namen geändert

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