Arzneimittelreport 2013: Zu viele Smarties für Senioren

28. Juni 2013
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Alle Jahre wieder kommt der Arzneimittelreport. Die Probleme bleiben die gleichen. Vor allem die Polypharmazie bei älteren Patienten ist ein Dauerbrenner. Bleibt als Hoffnung, Apotheker und Ärzte künftig besser zu vernetzen – schwer möglich ohne Tools wie die elektronische Gesundheitskarte.

Mit ihrem Arzneimittelreport zeigt die Barmer GEK aktuelle Trends bei Verordnungen auf. Professor Dr. Gerd Glaeske von der Universität Bremen untersuchte Daten von 9,1 Millionen Versicherten. Sein Fazit: Im Vergleich zu 2011 verordneten Ärzte in 2012 genau 2,16 Prozent weniger Arzneimittelpackungen, und Kosten sanken um 1,07 Prozent.

And the winner is…

An der Spitze der Gesamtausgaben für Medikamente steht mit 2,36 Prozent Humira (Adalimumab). Dann folgen Enbrel (Etanercept) mit 1,70 Prozent und Copaxone (Glatirameracetat) mit 1,23 Prozent. Dicht dahinter liegen Avonex und Rebif (Interferone) mit jeweils 1,18 Prozent. Auf weiteren Spitzenplätzen sind Lyrica (Pregabalin) mit 1,07 Prozent sowie Glivec (Imatinib) mit 0,97 Prozent zu finden. Spiriva (Tiotropiumbromid, 0,96 Prozent), Symbicort (Budesonid /Formoterol, 0,95 Prozent) und Clexane (Enoxaparin-Natrium, 0,90 Prozent der Gesamtausgaben) kommen gleich danach. Hinsichtlich der Verordnungszahlen steht Bisoprolol-ratiopharm mit 1,44 Prozent an der Spitze, gefolgt von Metoprololsuccinat – 1A Pharma (1,30 Prozent), Ramipril ISIS (1,29 Prozent), L-Thyroxin Henning (1,23 Prozent) und Novaminsulfon Lichtenstein (1,13 Prozent).

AMNOG nicht aufweichen

Unter dem Strich ist die Bilanz aus Verschreibungen positiv: Aufgrund von Rabattverträgen und Generika wurden 42 Millionen Euro eigespart. So stieg die Generikaquote im letzten Jahr von 72 auf 75 Prozent. Darüber hinaus sind neue Verträge für 250 Wirkstoffe beziehungsweise Wirkstoffkombinationen im Portfolio. Mehrpartnermodelle mit Verordnungsalternativen sollen künftig die Compliance verbessern und Lieferungen garantieren, hofft die Barmer GEK. Deren stellvertretender Vorstandsvorsitzender Dr. Rolf-Ulrich Schlenker lobt vor allem das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetze (AMNOG) und warnt im gleichen Atemzug: Mit „andauernden lobbyistischen und juristischen Vorstößen der Pharmaindustrie“ sowie mit einer „überraschenden Aktion der Bundesregierung“ werde versucht, das Gesetz aufzuweichen. Stärkere Einflüsse von Firmen auf Vergleichstherapien im Zuge der frühen Nutzenbewertung lehnt er als „präjudizierende Effekte auf die spätere Preisfindung“ ab. Jetzt nachzulassen, wäre ein „falsches Signal“. Auch wünscht sich die Barmer GEK weiterhin Preismoratorien und erhöhte Herstellerrabatte. Schlenker forderte Regierungspolitiker deshalb auf, entsprechende Regelungen ab 2014 um weitere fünf Jahre zu verlängern – „Kostenbremsen sind keine Innovationsbremsen“. Vielmehr bewertet er die gesetzliche Krankenversicherung als „innovationsoffenes System“. Glaeske weist auf eine „dringend überfällige“ Prüfung des Bestandsmarkts hin, schließlich hätten Me-too-Präparate immer noch einen großen Anteil an den Ausgaben. Bei Lyrica, Seroquel, NovoRapid und Co. sieht der Forscher bis zu 300 Millionen Euro Einsparpotenzial.

Teufelskreislauf Multimorbidität und Polypharmazie

Ein viel größeres Problem stellen überflüssige Verschreibungen dar. Glaeske fand bei Versicherten der Barmer GEK über 65, immerhin 2,1 Millionen Menschen, zahlreiche Auffälligkeiten. Jeder zweite Patient dieser Altersgruppe leidet an drei oder mehr Krankheiten. Von Polypharmazie mit fünf und mehr Wirkstoffen sind rund 33 Prozent betroffen. Besonders häufig: ACE-Hemmer, Betablocker und Diuretika. Einerseits befürchten Apotheker gefährliche Interaktionen, andererseits sinkt die Compliance erwiesenermaßen pro Wirkstoff. Hinzu kommt, dass Ärzte eine verminderte Leber- und Nierentätigkeit in vielen Fällen nicht ausreichend berücksichtigen, heißt es im Report. Kein Wunder, dass jede zehnte Klinikeinweisung betagter Patienten auf Wechselwirkungen oder unerwünschte Effekte zurückzuführen ist. Bleibt nur, die allseits bekannte Priscus-Liste stärker zu nutzen und Medikationen nach Möglichkeit auf vier bis fünf Wirkstoffe zu beschränken. Mittelfristig äußern Versorgungsforscher den frommen Wunsch nach einer Leitlinie bei Multimorbidität, vorausgesetzt, es gibt methodisch hochwertige Studien mit Senioren.

Warten auf E-Health

Multimorbide Patienten würden von einer elektronischen Gesundheitskarte mit erweiterten Funktionen wie dem elektronischen Rezept stark profitieren. Damit ließen sich Doppeltverordnungen vermeiden, und Apotheker könnten komplette Medikationspläne erstellen. Widerstand kommt vor allem aus der Medizin: „Manche Funktionäre von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung malen den Teufel an die Wand“, kritisiert Schlenker. „Aus Angst vor der vermeintlichen Datenhoheit und Steuerungsgewalt der Kassen torpediert man seit Jahren den Aufbau der Telematikinfrastruktur.“ Im europäischen Vergleich ist Deutschland mittlerweile zum Schlusslicht geworden – ohne Perspektive: Das ambitionierte ABDA-KBV-Modell gerät mehr und mehr in Schieflage, nachdem sich Sachsens Hausärzte gegen eine Umsetzung entschieden. Zwar laufen entsprechende Vorbereitungen unvermindert weiter, jedoch mit ungewissem Ausgang.

Kleine Kinder – große Arzneimittelration

Bei Kindern und Jugendlichen beobachtet Glaeske ebenfalls gefährliche Entwicklungen: Von 2005 bis 2012 ist der Verbrauch von Antipsychotika um 41 Prozent nach oben gegangen – vor allem bei den 10- bis 14-Jährigen. Mit 48,0 Prozent aller Diagnosen stehen hyperkinetische Störungen an der Spitze, gefolgt von Störungen des Sozialverhaltens (29,3 Prozent), Depressionen (25,7 Prozent) und Angststörungen (19,1 Prozent). Mit diesem Thema befasste sich auch der Barmer GEK Arztreport 2013: Zwischen 2006 und 2011 stieg die Zahl diagnostizierter Aufmerksamkeits- beziehungsweise Hyperaktivitätsstörungen bei Kindern und Jugendlichen von 2,92 auf 4,14 Prozent. Eine medizinische Erklärung bleiben Forscher aber schuldig: Weder hätten sich Therapieempfehlungen geändert, noch sei die Zahl an Patienten mit psychiatrischen Störungen angestiegen, so Glaeske. Doch es gibt bemerkenswerte Korrelationen: Je höher das Ausbildungsniveau der Erziehungsberechtigten ist, desto seltener diagnostizieren Pädiater ADHS. Andererseits sind Kinder mit einem Elternteil zwischen 20 und 24 Jahren 1,5 Mal häufiger von der Krankheit betroffen als Sprösslinge mit Eltern zwischen 30 und 35 Jahren. Auf Kassenrezepten stehen verstärkt Neuzulassungen (plus 129 Prozent), während etablierte Präparate seltener verordnet werden. Schlenker bewertet Medikamente gegen Erziehungsprobleme als „falschen Weg“. Er verweist auf Alternativen wie Elterntraining oder Verhaltenstherapie.

Alt und sediert

Das Thema betrifft nicht nur Kinder, sondern auch Senioren. Zwischen 65 und 74 Jahren nahmen beispielsweise 8,3 Prozent aller Versicherten Benzodiazepine ein, unter Demenzkrankten waren es sogar 16,4 Prozent. Bleibt zu vermuten, dass viele Patienten Präparate nur bekommen, um Entzugssymptome zu lindern. Glaeske warnt, dass sich unter dieser Medikation häufiger Demenzen entwickeln – ein Teufelskreislauf.

Patientenorientiert arbeiten

Für Apotheker zeigen alle jetzt vorgestellten Daten ganz deutlich, dass ein häufig geforderter Paradigmenwechsel zu vollziehen ist: weg von der verlängerten Hand des Arztes, hin zur patientenorientierten Pharmazie. In den USA stehen Konzepte wie das Medication Therapy Management längst auf der Tagesordnung. Auch die ABDA will spätestens zum Deutschen Apothekertag im Herbst ein neues Leitbild präsentieren.

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Pharmazie

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4 Kommentare:

Apothekerin

Leider sind hier wohl bei der BEK keine Zahlen über erhöhte Kosten für vermehrte Klinikaufenthalte und Krankenhauseinweisungen mit eingeflossen, welche aufgrund mangelnder Compliance bei den ständig wechselnden Rabattarzneimitteln auftreten. Auch sind keine Kosten für den erheblichen Mehraufwand für die Beratung durch den Apotheker eingerechnet. Dies dürfte wohl mindestens mit Null aufgehen.

Ein neues Leitbild? Ja gern, aber mit angemessener Bezahlung.

#4 |
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Apotheker

Statt einer teuren Datenschleuder, an der sich eh nur die Gematik und alle ihre Förderer in Politik und Wirtschaft gesund stoßen werden:
Bezahlt die Apotheker für einen gründlichen quartalsmäßigen oder halbjährlichen Medikationscheck mit Beratung (Zeitraum nicht unter 45min) und propagiert das bei den Patienten.
Die Apotheker haben zumeist sowieso schon den besseren Überblick darüber, was die Patienten alles einnehmen (auch OTC) und sind nunmal die Experten für Arzneimittel und ihre vielfältigen Interaktionen.
Was soll da ein Hausarzt herum”doktern” (nach dem Medikationscheck-Modell der Kassen), der nichtmal die Hälfte der Medikamente von den Facharzt-Spezialisten hinreichend kennt? Und wann soll das geschehen, die Praxen werden nicht leerer?

Aber wie schon im Artikel angedeutet: Solange man ‘uns’ bei der Medication Therapy nicht mitspielen lässt (Krankenhausapotheker als lobende Ausnahme), verzichtet man bereitwillig auf patientennahe Expertise.

#3 |
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KOORDINATION:
Viele Patienten konsultieren viele Ärzte. Jeder verschreibt und verschreibt.
Auf das Problem der UAWn muss hier auch wieder einmal verwiesen werden. Warum können wir nicht – wie in anderen Ländern (z.B. Dänemark) – die Präparate auf der Gesundheitskarte auflisten? Am Datenschutz ist noch kein Patient gestorben, aber einige an Fehlverschreibungen!
POLYPHARMAZIE:
Es sollte sich herumgesprochen haben, dass nicht alle Krankheiten bei einer Polymorbidität behandelt werden können. (Bisweilen werden dann auch noch die NWn therapiert…) Man muss sich auf die Haupterkrankung beschränken. Es ist nicht weiter hinnehmbar, dass viele Patienten als ›Polypharmacophagen‹ den Rest ihres Lebens verbringen.
ALTER:
›Evidenz-basierte Medizin‹ (EBM) gibt es für Senioren so gut wie nicht. Führen wir uns die altersbedingten Veränderungen (vor allem herabgesetzter Metabolismus durch Nieren- oder Leberinsuffizienz etc.) vor Augen sind auch niedriger dosierte Medikamentengaben indiziert. – Auch sollte man ab und an einen Blick auf die PRISCUS-Liste werfen!
Es gibt viel zu tun…!!!

#2 |
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Edwin Müller
Edwin Müller

Da Dank der tausenden Rabattverträge, die “Smarties” immer wieder anders aussehen, sind Fehleinnahmen und Verwechslungen an der Tagesordnung. Aber darüber “filosofiert” der gläserne Professor leider nicht. Da würde er ja mit seinem Geldgeber in Konflikt geraten. Trauriges Schauspiel der kranken Kassen und ihrer willigen Helfer…

#1 |
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