Kampfansage an die Krampfader

13. Oktober 2010
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In den meisten Fällen sind Krampfadern eine Folge geweiteter Leistenvenen. Bei einigen Frauen jedoch nimmt das versackende Blut einen Umweg über die Venen des kleinen Beckens. Forscher haben einen Bluttest entwickelt, mit dem das Leiden erkannt werden kann.

Wenn Frauen über Schmerzen im Bauch oder Schambereich leiden, können Krampfadern die Ursache sein. Diese entstehen, wenn sich Venen im Bereich des kleinen Beckens weiten und das Blut nicht mehr zum Herz fließt. Das Blut staut sich und sackt vom Unterleib aus ab in die Beine, sowohl in den Genitalien als auch an den Innenseiten der Beine können sich dadurch Krampfadern entwickeln. Die so genannte pelvine Insuffizienz betrifft rund fünf Prozent der Frauen, die an Krampfadern leiden. Die Betroffenen haben oft Beschwerden beim Sitzen oder beim Geschlechtsverkehr, fast immer treten im Bereich der Schamlippen sehr große Krampfadern auf. Es ist, vor allem bei älteren Patientinnen, ein mit viel Scham behaftetes Krankheitsbild. Die Ursache der pelvinen Insuffizienz liegt wie bei anderen Krampfaderleiden hauptsächlich in einer angeborenen Bindegewebsschwäche.

Blut in Beinvenen enthält viel Östrogen

Die Erkrankung wird sehr häufig nicht erkannt und deswegen oft falsch behandelt. Ein neuer, einfach zu handhabender Bluttest könnte nun Abhilfe schaffen. Er wurde von einem Forscherteam um Professor Achim Mumme am Klinikum der Ruhr-Universität Bochum entwickelt. „Wir nutzen einfach den Umstand aus, dass das Blut bei der pelvinen Insuffizienz viel Östrogen enthält“, sagt Mumme, der Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie ist. Das Hormon wird vom Blut aus den Eierstöcken aufgenommen, wenn es durch die Ovarialvene strömt. Normalerweise würde das östrogenhaltige Blut über die Nieren zurück zum Herzen fließen und sich dort wieder mit anderem Blut vermischen, so dass der Hormonspiegel in Armen und Beinen gleich ist. Sackt es aber in die falsche Richtung, steigt in den Beinvenen der Hormonspiegel deutlich an.

Ein Vergleich der beiden Hormonspiegel im Blut aus einer Armvene und einer Krampfader könne deswegen, so Mumme, den Verdacht auf eine pelvine Insuffizienz erhärten. Um die Krankheit zu erkennen, war bislang eine aufwändige und teure Diagnostik nötig. „Die Patientinnen mussten nach der Gabe eines Kontrastmittels durch einen Katheter in der Leiste geröntgt werden“, erklärt Mumme. „Diese Prozedur, auch als Phlebographie bekannt, ist nur in spezialisierten Kliniken möglich und schreckt viele Betroffene ab.“ Der neue Test dagegen sei einfach und könne Patientinnen die belastende Röntgenuntersuchung mit Kontrastmitteln ersparen.

Nur kleine Studie

Wie er und seine Kollegen im Fachblatt European Journal for Vascular and Endovascular Surgery berichten, haben sie die Wirksamkeit des neuen Tests im Rahmen einer kleinen Studie überprüft. An ihr nahmen 40 Frauen im gebärfähigen Alter teil, die an Funktionsstörungen der großen oberflächlichen Stammvenen litten. Die Testpersonen mussten sich sowohl einer Duplexsonographie als auch einer Phlebographie unterziehen. Bei 19 Patientinnen zeigten sich krankhaft veränderte Venen im Bereich des kleinen Beckens, während die anderen 21 Patientinnen nicht davon betroffen waren. Anschließend maßen die Wissenschaftler bei allen Frauen den Östrogenspiegel in den oberen und unteren Extremitäten.

Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigte sich, dass die Hormonmenge in den Beinvenen bei den Patientinnen mit einer pelvinen Insuffizienz deutlich erhöht war. Besonders deutlich wurde der Unterschied zwischen den beiden Gruppen, wenn man den Quotient aus beiden Östrogenkonzentrationen bildete: In der Gruppe betrug der Quotient durchschnittlich 1.9 und in der Kontrollgruppe 1.1. Zur einfacheren Handhabung für den Routineeinsatz in Kliniken, hat das Bochumer Ärzteteam einen Grenzwert für den Quotienten festgelegt. Überschreite der Quotient den Wert von 1.4, so Mumme, sollte die Testperson an einer pelvinen Insuffizienz erkrankt sein; bei Werten darunter sollten keine Veränderungen der Venen im Bereich des kleinen Beckens vorliegen.

Neuer Test spart Kosten

Im Klinikum der Ruhr-Universität Bochum hat der neue Test im klinischen Alltag schon Einzug gehalten: „Unser Ziel ist es jetzt, mit dem Bluttest schneller als bisher die Patientinnen zu identifizieren, die tatsächlich an einer pelvinen Insuffizienz erkrankt sind“, sagt Mumme. „Das erspart den Betroffenen unnötige Untersuchungen und uns unnötige Kosten, da die neue Methode um einiges billiger als die klassische Phlebographie ist.“ Habe sich durch Vergleich der beiden Hormonspiegel der Verdacht auf eine pelvine Insuffizienz erhärtet, könne man, so der Mediziner, immer noch die aufwändigen Untersuchungen anschließen und in deren Verlauf auch gleich die betroffenen Venen veröden oder mit Platinspiralen verschließen.

Auch andere Experten überzeugt der neue Test: „Das ist eine gute Idee mit einem einfachen Prozedere“, findet Professor Markus Stücker, Dermatologe an der Ruhr-Universität Bochum und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie. „Der Test ist sinnvoll, da die bisherige radiologische Untersuchung mit Kontrastmitteln sehr kostenintensiv und mit Radioaktivität verbunden ist.“ Allerdings, plädiert Stücker, sollte man den Einsatz des neuen Tests langsam aufbauen, da sich aufgrund der geringen Teilnehmerzahl in der Studie noch zeigen müsse, wie genau der Test tatsächlich sei.

96 Wertungen (4.3 ø)

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15 Kommentare:

Medizinjournalist

“Normalerweise würde das östrogenhaltige Blut über die Nieren zurück zum Herzen fließen und sich dort wieder mit anderem Blut vermischen, so dass der Hormonspiegel in Armen und Beinen gleich ist.” Das dort bezieht sich auf das Herz und nicht auf die Nieren, somit dürfte für jeden, der diesen Satz richtig liest, klar sein, dass sich das Blut im Herzen mischt und nicht in den Nieren

#15 |
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Martin Vierl
Martin Vierl

Schlampig recherchiert. Wie wär`s mal mit der Kombination Anatomiebuch zusammen mit der Beurteilung der (ja zum Teil umgekehrten) Blutflußrichtung?

#14 |
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Zitat: “Trotzdem mündet zumindestens die linke V. ovarica in die linke Nierenvene, auf diese Besonderheit wird im anatomischen Unterricht nur allzu gern hingeweisen.”

Mag sein, das gleiche gilt für die linke testicularis (oder?). Danach aber fließt das Blut nicht zur Niere sondern von der Niere weg in die untere Hohlvene. Also nix mit Vermischen in der Niere. Auch nicht in der Leber

#13 |
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Prinzipiell haben Sie Recht Frau Grigoleit. Trotzdem mündet zumindestens die linke V. ovarica in die linke Nierenvene, auf diese Besonderheit wird im anatomischen Unterricht nur allzu gern hingeweisen.

#12 |
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Dr. med. Jürgen Renker
Dr. med. Jürgen Renker

Alles gut und schön – ein vernünftiger Therapievorschlag – medikamentös und bezahlbar – wäre aber sinnvoller als der Vorschlag: Vegetarier zu werden!

#11 |
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Iris Welzenbach-Steck
Iris Welzenbach-Steck

Dank Frau Nath und Herrn Dr. Öhner, die die Frage “was bringt`s in der Konsequenz” aufwerfen.

#10 |
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Unsinn!

#9 |
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Heinz-Dieter Berkesch
Heinz-Dieter Berkesch

Die Phlebographie ist sehr wohl für die Bein und Beckenvenen geeignet,ob das Kontrastmittel in ausreichender Menge in die V. pelvine gelangt ist fraglich, eine Varicographie kann eher zu einer Darstellung führen.Die Duplexsonographie kann auch einen Reflux über V. pudenda zeigen.

#8 |
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Heinz-Dieter Berkesch
Heinz-Dieter Berkesch

Die Schaumsklerotherapie ist der einzige Weg,derfür die Patientinen geringen Aufwand und ausreichender Erfolg zeigt.Mit Pseudorezidive kann man rechnen da oft mehrere Venen aus dem Becken zum Bein ziehen. Dafür ist kein Hormontest nötig.

#7 |
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Studentin der Humanmedizin

Moment mal…. das venöse Blut fließt über die Niere?!?! Und vermischt sich dort mit anderem Blut?!?!? Hab ich in Anatomie geschlafen oder der o.g. Spezialist? Oder hat der Journalist was falsch verstanden? Die Niere erhält sicher kein venöses Blut aus der unteren Extremität. Und die Leber, die wenigstens ein venöses Rete mirabilis hat ebenso wenig. Das ganze mischt sich im rechten Vorhof oder nicht?

#6 |
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@ Nr.4 Hubertus Klaus: Mag sein, dass Herr Prof. Stücker sich am Schluss missverständlich ausgedrückt und “Strahlenbelastung” gemeint hat. Aber im oberen Text ist die Phlebographie korrekt beschrieben. Doch Herr Klaus, sie wissen vermutlich zu wenig von Allem, wenn sie von “älteren Frauen” reden:
1. ist die (interventionspflichtige) Varikosis ein Problem deutlich jüngerer Frauen;
2. tut die Phlebographie “schweinisch” weh! Die farbcodierte Duplexsonographie ist nebenwirkungs- und risikofrei bei mindestens gleicher Aussagekraft der Befunde. MfG Thomas G. Schätzler

#5 |
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Diätassistentin

@ 1: Vorbeugung von Entzündungen/Venenentzündungen
Bestimmte Ernährungsmuster korrelieren bekanntlich mit dem Entzündungsrisiko.
Generell gilt, dass eine typisch westliche Kost (¿western diet¿) mit einer erhöhten Konzentration an Entzündungsmarkern und eine Kost reich an Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und Nüssen (¿prudent diet¿) mit einem geringen Risiko für akute Entzündungsreaktionen einhergeht. Sie existiert zumindest: Die entzündungshemmende Kost.
Ein sehr spannendes Gebiet!

@ 2: Kampfansage an die Krampfader heißt (für mich) neben richtiger Ernährung (Normalgewicht) und Lebensweise – vor allen Dingen: laufen, laufen, laufen und zwar mindestens ½ Stunde täglich.
(Die Beine werden leicht und die Schmerzen (z.B. durch langes Sitzen) lassen nach.

#4 |
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Eine Phlebographie ist zwar ein radiologisches Verfahren, aber nicht mit RADIOAKTIVITÄT verbunden!
Da es sich bei den Pat. oft um ältere Frauen handelt, sehe ich die Strahlenbelastung hier auch nicht so kritisch.

#3 |
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Eine interessante Beobachtung aber aus kurativer Sicht wenig brauchbar, wie sollten pelvine Varikosen behandelt werden
weder operativ noch sklerotherapeutische Maßnahmen sind realistisch. Also ist der Test für die Erzeugerfirma ein gutes Geschäft.

#2 |
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Ernährungswissenschaftlerin / Ökotrophologin

Ich frage mich was bringt es mir, wenn man den Test macht und die dahinter stehende Erkrankung kennt? Was macht man in der Folge? Worin unterscheidet sich die Empfehlung?

#1 |
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