B-Vitamine: Pille gegen Feinstaub

3. April 2017
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Mit B-Vitaminen gelang es in einer experimentellen Studie, den schädlichen Effekt kleiner Teilchen auf die DNA-Methylierung zu verringern. Über Nebenwirkungen machen sich die Forscher wenig Gedanken. Die Studie weist weitere Mängel auf.

Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge wohnen 92 Prozent aller Menschen derzeit an Orten mit mehr als 10 Mikrogramm Luftschadstoffen pro Kubikmeter. Unzählige negative Effekte gehen auf feine oder ultrafeine Partikel zurück. Zwar ist es in den letzten Jahren gelungen, die durchschnittliche Belastung zu minimieren. Expositionsspitzenwerte treten an Tagen mit hohem Verkehrsaufkommen und ungünstiger Witterung immer noch auf.

An der Columbia University forscht man deshalb aktuell an einer Pille, die vor den gesundheitlichen Auswirkungen von Feinstaub schützen soll – eine praktische, wenn auch etwas absurde Vorstellung.

 

Folgen für das Erbgut

Schon vor Jahren zeigten Forscher um Carole Yauk, Ottawa, welche Auwirkungen Feinstaub auf das Sperma männlicher Mäuse haben kann. Sie exponierten Nager mit Mengen, die an befahrenen Straßen einer Großstadt auftreten. Dabei fanden sie deutlich mehr Mutationen als bei Vergleichstieren. Verändern sich Methylierungsprozesse im Ergbut, hat das Folgen für die Ablesung von Genen. Epigenetische Modelle könnten erklären, warum Feinstaub mit zahlreichen Erkrankungen assoziiert wird.

„Die molekularen Grundlagen sind nicht vollständig aufgeklärt“, sagt Professor Dr. Andrea Baccarelli von der Columbia University. „Gleichzeitig fehlen uns individuelle Möglichkeiten“. Nun soll seine neue Studie zeigen, dass B-Vitamine Auswirkungen der Luftverschmutzung auf unser Epigenom verhindern können.

B-Vitamine schützen das Genom

Baccarelli verabreichte zehn Probanden ein Placebo-Präparat oder Tabletten mit 2,5 mg Folsäure, 50 mg Vitamin B6 plus 1 mg Vitamin B12 pro Tag. Für die Studie hatte er gesunde Nichtraucher zwischen 18 bis 60 Jahren, die keine Medikamente oder Supplementationen einnahmen, rekrutiert.

Plasma-Messungen, die vor und nach der Gabe von Verum oder Placebo aufgenommen wurden, zeigten, dass B-Vitaminpräparate die medianen Plasmakonzentrationen von Folsäure, Vitamin B6 und Vitamin B12 signifikant erhöht haben.

Anschließend ließ Baccarelli alle Teilnehmer zwei Stunden lang per Gesichtsmaske Feinstaub einatmen. Seine Proben stammten von einer dicht befahrenen Straße aus der Innenstadt von Toronto. Pro Stunde lag das Verkehrsaufkommen bei 1.000 Fahrzeugen. Blutproben wurden gesammelt und mit dem Infinium Human Methylation 450K BeadChip gemessen.

Seine überraschende Erkenntnis: Bei Teilnehmern mit B-Vitamin-Supplementation kam es zu 28 bis 76 Prozent weniger Änderungen der DNA-Methylierung.

Fragen über Fragen

Methodisch betrachtet hat die Arbeit mehrere Schwächen. Dazu gehört in erster Linie die kleine Zahl an Probanden. Auch die Feinstaubapplikation per Atemmaske sollte hinterfragt werden. Lässt sich Baccarellis Methode tatsächlich mit üblichen Emissionen vergleichen? Und nicht zuletzt bleiben die Autoren Antworten auf eine zentrale Frage schuldig: Welche unerwünschten Effekte hat die langfristige Einnahme von Supplementen?

Baccarelli fordert deshalb auch in erster Linie politische Maßnahmen, um die Luftqualität zu erhöhen. Er spricht jedoch von einer „ergänzenden Möglichkeit, sich individuell vor den Folgen einer Feinstaubbelastung zu schützen“. Verlässliche Aussagen sind nur mit größeren Studien möglich.

22 Wertungen (4.68 ø)
Forschung, Pharmazie

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8 Kommentare:

Gast
Gast

erfreulich zu lesen, daß auch in der Mainstream-Medizin manchmal manches
ankommt, “umstrittene Außenseiter” wie Pall, Kremer oder Kuklinski
scheinen doch nicht ganz daneben zu liegen.

#8 |
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Heilpraktikerin

Ist es möglich herauszufinden ob die Studie mit Vitamin B12 Methylcobalamin or Cyanocobalamin meint? Das wäre auch noch interessant.

Ist ja gut dass die Notwendigkeit, etwaige negative Effekte von Langzeit Einnahme einer Substanz zu erwägen, angesprochen wird – solange sich diese Vorsicht nicht nur auf Vitamintherapie und andere als ‘alternativ’ betrachtete Modalitäten beschränkt!

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

Unabhängig davon existiert B12 – Mangel. In der Neurologischen Klinik, in der ich war, werden alle Patienten auf Vitamin B12 – Mangel untersucht – und in ca. 80 % wird man fündig. Therapiert wuird allerdings mit Depotspritzen, nicht mit Tabletten. Weshalb sollten diese Suplemente schädlich sein? Auch Veganer substuieren Vitamin B12.

#6 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

. . . ‘3) Frau Deinzer, auch ich finde den Artikel etwas zu negativ kommentiert. Abgesichts des heimtykischen Feinstaubs soll man in alle Richtungen forschen.
. . . Aus der Stadt heraus müssen sie aber schon weit “fahren”(?), denn sonst trägt ihnen der Wind alles nach. J.B. biologische Anthropologie

#5 |
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Joachim Bedynek
Joachim Bedynek

. . . #1) Herr Dr. Uffinger, ihr Beitrag legt nahe, dass die Pharmaindustrie absichtlich Leute krank werden lassen will. Diese Unterstellung geht dann aber doch zu weit! Letzten Endes bezichtigen sie sie des Totschlags.
. . . DNA-Methylierung ist ja groß in Mode. Dieser epigenetische Effekt verschwindet jedoch nach zwei – drei Generationen wieder – dies für die, die nicht auf dem neuesten Stand der Genetik sind. J.B., Anthropologie

#4 |
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HPA Juliane Deinzer
HPA Juliane Deinzer

Diese gute Nachricht wird für meinen Geschmack viel zu negativ kommentiert, warum darf ein “gesundes” Medikament nicht wirksam sein? Natürlich lässt solch eine “Medikamentierung” die Frage offen, warum nicht B-Komplex oder gleich Multivitamine verabreicht wurden. Und natürlich würde sicherlich das Ergebnis bei schon kränkeren Probanden trauriger sein.

Erschreckend finde ich wirklich, wie belastend Großstadtluft ist, ich gehe nämlich extra oft aufs Land, um den gesundheitlichen Vorteil von etwas reinerer Luft zu nutzen.

Nebenwirkungen von Vitaminen könnten Gesundwerdungssymptome sein, ist halt eine andere “Richtung” als körperbelastende Nebenwirkungen. Jedenfalls kann man meiner Ansicht nach damit nicht so viel falsch machen wie mit einer einzigen Schmerztablette, z.B. Paracetamol. Dass man kranke Menschen vorsichtig behandeln muss, und nicht gerade als Vitamin-Versuchskaninchen missbrauchen soll, sollte jedem klar sein. Also eher Gießkannenprinzip, wie die Nahrung auch, und nicht immer wieder Einzel-Vitaminisierung, sodass dieses starke Ungleichgewicht auch zu heftigen Nebenwirkungen führen kann.

#3 |
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Weitere medizinische Berufe

Ist die Gesellschaft für Ernährung eine Institution der Pharma Industrie??
Die empfohlenen Dosen bei Vitaminen (B, D3 usw.) liegt “Wirkungslosigkeit?

#2 |
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Jaja, die bösen Supplemente … bringen der Pharma-Industrie zu wenig Geld! Und durch einfache Maßnahmen könnten vielleicht dem Gesundheitsbetrieb Kunden entgehen???

#1 |
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