Bisphenol A: Leise bröselt der Schmelz

1. Juli 2013
Teilen

Der Weichmacher Bisphenol A (BPA) scheint ein wahres Teufelszeug zu sein. Nun konnten Wissenschaftler zeigen, dass er auch den Zahnschmelz nachhaltig und irreversibel schädigen kann.

Bisphenol A (BPA) wird weltweit in großen Mengen hergestellt. In den menschlichen Körper gelangt es vor allem über Lebensmittel, deren Verpackungen die Verbindung enthalten. Plastikdosen und Getränkebehältern aus Kunststoff, aber auch Konserven- und Getränkedosen aus Metall enthalten Bisphenol A. Im menschlichen Körper scheint die allgegenwärtige Chemikalie bereits in geringen Konzentrationen ähnlich wie weibliche Östrogene zu wirken. BPA könnte für Entwicklungsstörungen, neurologische Schäden, ein schwaches Immunsystem, ein erhöhtes Krebsrisiko, speziell bei Brustkrebs, Verhaltensauffälligkeiten, Unfruchtbarkeit bei Männern, Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Probleme (mit)verantwortlich sein, wie Wissenschaftler vermuten und diskutieren. Nun könnte ein nachhaltig geschwächter Zahnschmelz diese Liste ergänzen, denn gerade in den ersten Lebensmonaten während der Bildung des Zahnschmelzes, seien Kinder besonders anfällig für die Effekte von BPA und die Konzentrationen in ihren Körpern hoch, berichten französische Wissenschaftler.

Brüchig, fleckig und schmerzempfindlich

Die Molar-Incisor-Hypomineralisation (MIH) ist eine Mineralisationsstörung an den bleibenden Schneidezähnen (engl. Incisor) und den ersten bleibenden Backenzähnen (engl. Molar) im Ober- und Unterkiefer. Die oberen Schneidezähne sind häufiger betroffen als die unteren. Eine MIH ist nicht zu übersehen. Betroffene haben gelblich-weiße bis braune Verfärbungen auf einzelnen Bereichen eines Zahnes oder auf dem ganzen Zahn. Je dunkler die Farbe, desto poröser die Zahnsubstanz und desto größer die Gefahr posteruptiver Substanzverluste. Der hypomineralisierte Schmelz hat im Vergleich zu normalem Schmelz einen niedrigeren Kalzium- und Phosphorgehalt sowie einen höheren Kohlenstoffanteil. Die mechanische Belastbarkeit des betroffenen Schmelzes ist herabgesetzt, wodurch es schon unter normaler Kaubelastung zu Schmelzabsprengungen kommen kann. Nicht selten leiden die Betroffenen unter einer erhöhte Empfindlichkeit für thermische, chemische und mechanische Reize. Wenn die Zahnpflege schmerzt, beginnt ein Teufelskreis, denn eine vernachlässigte Mundhygiene führt zu Karies. Bei der zahnärztlichen Behandlung kann das Schmerzempfinden der meist jungen Patienten häufig selbst durch eine Lokalanästhesie nicht wesentlich verbessert werden. Die betroffenen Kinder leiden unter ihren Zahnarztsitzungen sehr.

Immer mehr MIH-Fälle

Laut dem Zahnärzteblatt Baden-Württemberg liegt die Prävalenz der MIH in Deutschland zwischen 0,6% bis 5,6%. Abhängig von der Studie findet man Prävalenzen zwischen 3,6% und 25% – mit grundsätzlich steigender Tendenz. Die Mineralisationsphase der Zahnkronen, die vom 8. Schwangerschaftsmonat bis zum 5. Lebensjahr stattfindet, ist bei diesen Zähnen stark gestört. Der Zahnschmelz sei wie ein Archiv, das die Bedingungen zu dieser Zeit dauerhaft und unwiderruflich aufzeichnet, schreiben die Forscher. Wissenschaftler vermuten, dass Ameloblasten – spezialisierte Zellen, die den Zahnschmelz bilden – bei MIH während dieser Phase teilweise irreversibel zerstört werden.

Ursachen bisher unklar

Wo liegen die Ursachen für eine MIH? Die zahlreichen Studien, die bis heute dazu durchgeführt wurden, kommen alle zum selben Ergebnis: Es stehen zwar Vermutungen im Raum, die eindeutige Ätiologie der MIH bleibt allerdings ungeklärt. Unter Wissenschaftlern werden derzeit Sauerstoffmangel bei oder nach der Geburt, chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen, die frühe Gabe bestimmter Antibiotika, erhöhter Dioxingehalt oder polychloriertes Biphenyl (PCB) in der Muttermilch, Infektionserkrankungen wie Diphterie, Scharlach, Mumps, Masern sowie Störungen im Mineralhaushalt bedingt durch Malnutrition, Zöliakie oder Vitamin D-Hypovitaminose diskutiert. Auch multifaktorielle Ursachen sind derzeit Gegenstand der Ursachendiskussion. Bereits im Jahr 2004 stellten Wissenschaftler die Vermutung auf, dass freigesetzte Bestandteile von Trinkflaschen aus Kunststoff, insbesondere bei lang andauernder Nuckelgewohnheit, einen negativen Einfluss auf die Schmelzentwicklung haben könnten. Nun legen die Ergebnisse einer französischen Studie nahe, dass der Weichmacher Bisphenol A tatsächlich den Zahnschmelz nachhaltig schwächen könnte. Grund für Forschungsarbeiten sind nicht nur die steigende Belastung durch BPA und andere hormonähnliche Substanzen, sondern auch die Zunahme von MIH.

EU-Grenzwert viel zu hoch?

Zunächst testeten die Forscher an Ratten, wie sich BPA auf den Zahnschmelz auswirkt. Sie setzten die Tiere vor der Geburt und in den Wochen danach BPA-Konzentrationen aus, die um das Zehnfache niedriger waren als der von der EU festgelegte tägliche tolerierbare Wert von 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht. Nach einem Monat waren 75% aller Rattenzähne weiße Verfärbungen und brüchige Stellen. Untersuchten die Wissenschaftler die Zähne unter dem Mikroskop, stellten sie fest, dass die Veränderungen genau denen von menschlichen Zähnen bei MIH entsprechen: Der Zahnschmelz besitzt zu wenig Mineralien und zu viele organische Verbindungen – vor allem Proteine.

BPA stört Protein-Abbau

Bei näherer Betrachtung zeigt sich die Ursache des Problems: Die Bildung des Zahnschmelzes beginnt, indem der Zahn ein Proteingerüst aufbaut. Dieses dient den Mineralien später als Grundlage zum Ablagern. Sind alle Mineralien an Ort und Stelle, ist das Proteingerüst praktisch überflüssig und wird wieder abgebaut, damit sich der feste Zahnschmelz durch Kristallisation ausbilden kann. BPA stört diesen Prozess offenbar bei Ratten und Menschen in gleicher Weise: Unter BPA-Einfluss akkumulieren die Zähne im ersten Schritt zu viele Proteine, die im zweiten Schritt nicht richtig abgebaut werden können. So behindern sie die Kristallisation – der Zahnschmelz bleibt weich und brüchig. Was genau BPA auf molekularere Ebene auslöst, wollen die Wissenschaftler als Nächstes testen. Auch wenn die Versuche an Ratten kaum Zweifel aufkommen lassen, arbeiten die Forscher bereits am endgültigen Nachweis, dass BPA auch beim Menschen MIH auslöst.

Zum 1. März 2011 hat das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz BPA im Zusammenhang mit Babyflaschen verboten, der Abverkauf bereits hergestellter Fläschchen mit diesem Stoff war bis Ende Mai 2011 gestattet. Auch in zahlreichen anderen Kunststoffen ist der Einsatz des Weichmachers BPA nach wie vor erlaubt.

215 Wertungen (4.75 ø)
Forschung, Medizin, Zahnmedizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

18 Kommentare:

Franz Wilhelm
Franz Wilhelm

Sehr guter Artikel! Plastik ist überall, aber ist schon lange nicht mehr der einzige Stoff, der uns schadet! Ich blogge zum Thema Wasser: http://wasser-infos.com Freue mich über Feedback!

#18 |
  0
Anne-Katrin Klink
Anne-Katrin Klink

Frage an alle Leser:
Haben PP und PE Produkte auch einen Zusatz an BPA, oder sind diese Polymere frei von Zusätzen? Chemisch möglich wäre das ja durchaus.
Bin dankbar für eine Antwort von Informierten.
Was rate ich denn wohl Eltern von kleinen Kindern?
freundliche Grüsse

#17 |
  0
Ärztin

Am schlimmsten sind die Kassiererinnen dran, die den ganzen Tag über Massen an Kassenzetteln, alle mit Bisphenol A, in den Händen haben und nicht wissen welche Risiken sie für sich eingehen.

#16 |
  0
Dr. rer. nat. Klaus Decken
Dr. rer. nat. Klaus Decken

Unabhängig von seinen Nebenwirkungen ist Bisphenol A definitiv kein Weichmacher – es ist ein Monomer verschiedener Kunststoffe (Epoxide und Polycarbonate), das in Spuren auch immer ein nicht-polymerisierter Form vorliegt und dann ausbluten kann.

#15 |
  0

Dr. med. Volker Köster
Chirurg, (retired)

Ist BPA auch in den sog. Beißschienen enthalten, die der Zahnarzt den “Knirschern” empfiehlt und anfertigt?

#14 |
  0
Naturwissenschaftler

Ich kann meine Empfehlung, genau wie bei der Kollegin Fr.Dr. Bihlmaier, weiter geben: “bitte greifen Sie und nutzen Sie wie möglich die Glasverpackungen”.

Obwohl die Bis-Phenole A chemisch-biologisch-thermisch unter NORMALEN Bedingungen stabil und inert sind.
Sollte man aber diese Polymere mit ihren verschiedensten Verwendungen in Lebensmittel, Beschichtung, Kunststoffweichmacher mit Vorsicht behandeln bzw. mit Vorsicht umgehen.
Diese Kunststoffe (Polymere) sind dann INSTABIL wenn:
1. Wärmewirkung, kochendes Wasser
2. Bestrahlung,
3. Säuren (starke Zitronensäure…etc)
4. bzw. Laugen einen gewissen Einfluss auf diese Substanz hat, dann kann zu solcher Freisetzung von Bis-Phenol A aus dem Polymer hervorrufen.

D.h. Plastik Geschirr, Tupperware, Flaschen aus Polycarbonat (P.C.: hart Plaste wie Glas) …etc. sollen deshalb nicht in Geschirrspülmaschinen gewaschen werden, da bei Herauslösen von Bis-Phenolen das gesamte Spülwasser verunreinigt wird.

Das gleiche gilt auch für die Trinkwasser-Entkeimung durch Sonnenlicht in recycelten P.C.-Trinkwasser-Verkaufsflaschen und auch die Verwendung von P.C. als Sichtfenster zur Füllstandsanzeige in Wasserkochern oder Kaffeemaschinen oder für Standmixerbehälter.

MfG

#13 |
  0

Lieber Gast,
wodurch unterscheidet sich “chemisches” Fluorid von natürlich in Nahrungsmitteln oder Wasser vorkommendem?
Hier gilt doch eher: Die Dosis macht das Gift! Denn Fluorosen (das meinen Sie ja wohl) kommen immer bei einer Überdosierung vor. Sie werden aber zumeist bei Menschen gefunden, die während Ihrer Kindheit in entsprechenden Gebieten (bis in die 50er Gegenden in der Eifel mit eigenem Trinkbrunnen, heutzutage meist Menschen aus bestimmten Gegenden in Nordafrika) gelebt haben. Ich habe in über 20 Jahren noch keine Fluorose infolge von Überdosierung von Zahnpasta gesehen, aber schon sehr viele MIH!

#12 |
  0

Großartig daß diese s hon lange vermuteten komplexen Schädigungen durch BPA etc endlich mehr erforscht und nachgewiesen wurden. Nur dann werden gesetzgeberische Konsequenzen möglich.

#11 |
  0
Gast
Gast

Auch (chemisches) Fluorid kann Flecken und Verfärbungen hervorrufen, ganz abgesehen von den anderen gesundheitlichen Schädigungen.

#10 |
  0
Dagmar Butzer
Dagmar Butzer

Wir schaffen es, dass wir uns wirklich selbst krank machen!

#9 |
  0
Heilpraktiker

bzw dem Grauen zumindest teilweise entgegenwirken

#8 |
  0
Heilpraktiker

Trinkflaschen aus Tritan können hier Abhilfe schaffen.

#7 |
  0
Diplom-Biologin Eva Freitag
Diplom-Biologin Eva Freitag

Naja…. und was kommt als nächstes? Forschungserkenntnisse sind immer nur eine Momentaufnahme, dass sollte man immer im Auge behalten. Siehe auch: Bleirohre, früher state of the art… Die Umwelt, sei es die natürliche oder künstliche ist NICHT auf das Wohl des Menschen ausgerichtet.

#6 |
  0
Carmen Katharina Emmerich
Carmen Katharina Emmerich

Es reicht doch schon, einen Einkaufszettel in die Hand zu nehmen, der damit beschichtet wird. Eigentlich sollte man mit Handschuhen einkaufen gehen…..

#5 |
  0
ZMP Claudia Löffler
ZMP Claudia Löffler

…die Flaschen sind vom Markt, aber was ist mit den Saugern, Schnullern, Beissringen, Spielzeug…?!

#4 |
  0
Dipl.-Psych. Heinz Kleinboelting
Dipl.-Psych. Heinz Kleinboelting

Interessanterweise kommt die Substanz in vielen aktuellen Füllungswerkstoffen (Composite) vor.

Siehe auch:
http://www.sciencenews.org/view/generic/id/342328/description/Putting_BPA-based_dental_fillings_in_perspective

#3 |
  0
Heilpraktikerin

Wir rotten uns Schritt für Schritt selber aus, aber Hauptsache das Bankkonto wird fett.

#2 |
  1
Dr. med. Susanne Bihlmaier
Dr. med. Susanne Bihlmaier

Was viele nicht wissen: Bisphenol A findet sich oft in der Innenbeschichtung von Konserven. Daher alternativ möglichst zur Glasverpackung greifen, was z.B. bei passierten oder gestückelten Tomaten durchaus möglich ist. (Quelle und weitere gesundheits-aktive Ernährungsinfos und fixe Schlemmerrezepte in “Tomatenrot +Drachengrün, das Beste aus Ost und West” Hädecke

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: