Seniorenpillen: Eine geht noch rein

22. Oktober 2010
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Dass es Multimedikation bei multimorbiden Senioren gibt, wird allgemein nicht bestritten. Die Medikamente kosten das Gesundheitssystem viel Geld. Aber auch Krankenhaus– und Praxiskosten wegen häufiger Wechsel- und Nebenwirkungen sind nicht zu unterschätzen.

Wer die Folgen gefährlicher Wechselwirkungen zu vertreten hat, darüber streiten nicht nur die Gelehrten. Ist es der Zeitmangel oder die Unkenntnis der Ärzte? Oder dass Hausärzte gar nicht mehr überschauen, was von Facharzt-Kollegen verordnet wurde? Oder ein Wissensdefizit, weil die Pharmaindustrie zu wenig Studien in der Zielgruppe der alten Menschen durchführt? Oder die Zulassungsbehörden, die an die Zulassung bestimmte Voraussetzungen knüpfen könnten?

Wie dem auch sei, Behandlungskosten, verursacht durch Multimedikation, kosten das Gesundheitssystem viel Geld. Deswegen fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) seit 2007 sechs Verbundprojekte zum Thema “Gesundheit im Alter” mit insgesamt 16 Millionen Euro. Weitere Fördermaßnahmen sind bereits in Sicht. Ziel ist, wissenschaftliche Voraussetzungen für die Verbesserung der medizinischen Versorgung und Pflege älterer Menschen zu schaffen. “Priscus” (lateinisch: „alt, altehrwürdig“) heißt eines dieser geförderten Projekte, in dem Forscher in fachübergreifender Zusammenarbeit neue Therapieansätze und Versorgungsstrukturen für ältere, multimorbide Menschen entwickeln. “Priscus” wird von Dr. med. Ulrich Thiem, Abteilung für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie an der Ruhr-Universität Bochum, koordiniert.

Bis zu zehn und mehr Medikamente am Tag

Die Priscus-Forscher ermittelten zunächst einmal Anzahl und Wirkstoffe der Medikamente, die von über 70-Jährigen eingenommen wird. Dazu befragten sie 2.500 Patienten in Telefoninterviews. Das Ergebnis: Im Durchschnitt nahm jeder Befragte sechs verschiedene Medikamente – plus/minus drei -regelmäßig ein. Je älter umso mehr. Zu den häufigsten Präparaten gehörten Blutdruckmedikamente, Lipidsenker und Diabetesmedikamente. Erschreckend sei, so Thiem, “dass die Patienten mit wilden Mischungen von Wirkstoffen behandelt werden, die sich teils in ihrer Wirkung gegenseitig aufheben und teils Wechselwirkungen hervorrufen können, über die man kaum Kenntnisse hat”. Das Grundproblem sei, dass bei Multimorbidität nicht jede einzelne Erkrankung behandelt werden kann, ohne Gefahr zu laufen, einen ungünstigen Medikamentenmix zu verabreichen. Deshalb müsse man Prioritäten setzen bzw. sinnvolle Behandlungsmuster entwickeln.

Prioritäten bei der Behandlung setzen

Wie könnten diese Prioritäten bzw. Behandlungsmuster aussehen? Um diese Frage zu beantworten, haben die Priscus-Forscher eine weitere telefonische Patienten-Umfrage durchgeführt mit dem Ziel, statistisch häufige Erkrankungskombinationen herauszufinden. Beispielsweise den “Herztypen”, der infolge langjähriger Diabetes, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen Gefäßprobleme hat. Außerdem fragten sie ab, was die Patienten sich von einer Behandlung wünschen. Erste Ergebnisse bestätigten die Einschätzung, dass die Bewältigung des Alltags in den eigenen vier Wänden Vorrang hat. Was in fünf oder zehn Jahren ist, sei den Patienten weniger wichtig nach dem Motto, dass man dann vielleicht schon nicht mehr lebe. “Ob der 80-Jährige Bluthochdruck hat, der auf mehrere Jahre sein Schlaganfallrisiko erhöht, ist ihm nicht so wichtig”, so Thiem. Aber die Behandlung der Arthrose mit Schmerztabletten mache ihm den Alltag leichter. Die endgültigen Ergebnisse der Studie stehen noch aus.

PIM-Liste für deutsche Verordnungspraxis

Im Rahmen des Verbundprojekts ist auch die Priscus-Liste entstanden, die unter Federführung von Prof. Dr. Petra Thürmann, Universität Witten-Herdecke, entwickelt wurde. Die Liste wurde vor kurzem vorgestellt. Sie enthält 83 Arzneistoffe, die als potenziell inadäquate Medikamente (PIM) für ältere Menschen eingestuft wurden. Die Idee dazu stammt aus Amerika. Die Priscus-Forscher glichen zunächst die seit 1991 mehrfach aktualisierte US-Liste mit den in Deutschland verordneten Arzneien ab. Da es keine verwertbare Übereinstimmung gab, wurde eine Liste speziell für den deutschen Markt entwickelt. Allerdings gibt sie keine Auskunft über Wechselwirkungen von Medikamenten. Dazu Thürmann: “Arzneimittelinteraktionen sind extrem vielseitig und umfangreich, so dass wir, um im Rahmen der Handhabbarkeit der Liste zu bleiben, an dieser Stelle auf das wichtige Thema der Arzneimittelinteraktionen leider nicht weiter eingehen konnten. Es ist aber ein Thema für mögliche Weiterentwicklungen der Liste. An dieser Stelle möchten wir die Nutzung elektronischer Wechselwirkungschecks empfehlen.” Geplant ist, in einer beantragten zweiten Förderphase die PRISCUS-Liste in den Praxis-Alltag von Hausärzten und in den Klinik-Alltag zu implementieren.

Arzneimittel-Sicherheitsgurt

Auch in Österreich wird nach Lösungen gesucht, mit denen gefährliche Pillencocktails geahndet werden können. Auch hier ist der Hauptkonsument über 70. Der erstmals in Salzburg getestete “Arzneimittel-Sicherheitsgurt“, von Gesundheitsministerium und Apothekerkammer entwickelt, basiert auf einer Patienten-Medikamenten-Datei, die der Apotheker auf Basis der E-Card anlegt. Bei Erkennen einer gefährlichen Wechselwirkung wird der Patient informiert und notfalls zum Arzt geschickt. Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) wehrt sich gegen diesen E-Sicherheitsgurt. “Apotheker können niemals beurteilen, wie die Medikation zu erfolgen hat”, verlautet es von der ÖÄK. Die Krankenkassen begrüßen das Projekt, weil es Einsparungen in Millionenhöhe verspricht. Die Apotheker beharren darauf aufgrund der hohen Investitionen, die bereits getätigt wurden. Die Pilotversuche werden wie geplant durchgeführt. Auch ein Weg, der ganz ohne wissenschaftliche Studien zum Ziel führen könnte.

91 Wertungen (4.25 ø)
Medizin

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18 Kommentare:

Medizinphysiker

…eigentlich ist die Liste nur eine Aufzählung an sich bekannter Risiken bzw. Nebenwirkungen! Jetzt ist mir auch klar, was es mit dem Bild auf sich hat! Es soll darauf hinweisen, dass hier alte Hüte verkauft werden!

#18 |
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Neben Allem in dem Artikel geschilderten sollte der Abusus von nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten gerade durch ältere Menschen nicht außer Acht gelassen werden.

#17 |
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Medizinphysiker

Die Liste gibt doch überhaupt keine Aussagen über WW von Medikamenten! Steht auch so in dem Beitrag! Allenfalls sind es Empfehlungen für die Medikation bei multimorbiden Patienten? Irgendwie Thema verfehlt, der Tenor des Beitrags verspricht etwas ohne es zu halten!!

#16 |
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Zwei ganz einfache Dinge sind hier entscheidend: Erstens eine saubere Fremdanamnese, incl. OTC-Präparate, zum Zweiten eine simpele Formel I = (n2 – n):2. I ist die Zahl der Interaktionen. Bei 10 Medikamenten (keine ungewöhnliche Zahl, habe ich also 45(!!) Interaktionsmöglichkeiten.
Kürzlich sah ich auf einer Intensivstation einen Pat., der 23 Medikamente erhielt: Es ergeben sich 253(!!!!) Interaktionsmöglichkeiten. Die Chance, dass darunter z.B 10 sind, die dem Pat. schaden könnten ist doch beträchtlich….

#15 |
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Ich fände es schon mal einen guten Anfang, wenn ich wüsste, zu welchen anderen Ärzten meine Patienten noch gehen und was sie dort erhalten (insbesonders die “Befreiten”).
Probleme entstehen auch, wenn Medikamente anders eingenommen werden als verordnet und schlechte Erfahrungen habe ich auch bei Rabattverträgen: zB: Meto .. (Firma 1) und Meto .. (Firma 2) wird trotz Medikamentenplans doppelt eingenommen. Gleiches ist mit Metformin passiert.

#14 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Danke Herr Professor Lücker!
Über zehn Jahre lang veranstaltete ich Fortbildungsabende und
moderierte sie selbst. Wohltuend wars wie angesehene Referenten da spontan einräumten,selbst noch aus der Dis-
kussion gelernt zu haben. Dank auch an DOC trotz der jour-
nalistischen Eigenheiten.-

#13 |
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Pharmareferentin Gabriele Dahm
Pharmareferentin Gabriele Dahm

Das Problem der Multimorbidität ist schon länger bekannt. Jährlich sterben tausende Pat. an Interaktionen durch Medikamente. Insbesondere ältere Pat. nehmen oftmals gegen ihre Hypertonie ca. 5 versch. Med. Die Priscusliste ist also überfällig und sicher sehr hilfreich in der täglichen Praxis.
Auch das Thema der Chronobiologie sollte an dieser Stelle einmal erörtert werden, das ist ein sehr wesentlicher Faktor,denn es kommt sehr darauf an, zu welcher Zeit ein Med. eingenommen wird, um zu wirken.

#12 |
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Was soll die journalistische Verformung allgemein bekannter Zusammenhänge zwichen Wechselwirkungen von Arzneimitteln?
Sinnvoller wäre doch wohl eine pragmatische Lösung in Form von Vorschlägen von Kombinationen bei der typischen Polymorbidität unserer älteren Generation.
1. ohne KHK Statin 1x am Tag und NSAD retard alle 2 Tage
2. bei zusätzlicher KHK 2x 100mg ASS am Tag
so ist keine WW zu erwarten.
P.L. Pharmakologe/Toxikolge,Klinischer Pharmakologe

#11 |
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Das Priscus-Projekt und die daraus resultierende Liste sind hilfreich und schärfen das Bewusstsein für die Multimedikation und daraus resultierenden Nebenwirkungen. Als Internist war mir die Liste, als sie im Sommer im Deutschen Ärzteblatt erschien, jedoch nicht völlig neu. Und es ist bemerkenswert, dass dieses Thema Monate nach der Publikation noch einmal journalistisch aufbereitet wird, als sei es brandfrisch publiziert.- das finde ich nicht allzu originell.
Aber das soll den Nutzen keineswegs schmälern, die das Projekt unzweifelhaft erbracht hat.

#10 |
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Ich arbeite in der Geriatrie und bin täglich damit beschäftigt Medipläne (die sicher leitlinienkompatibel erstellt wurden) “auszumisten” damit sie patientenkompatibel sind bzw wieder werden. Polymedikation von 18 verschiedenen Präparaten und mehr sind in der Geriatrie keine Seltenheit. Die Kombination Hypertonus bei M. Parkinson mit Arthrose, Diabetes und KHK ist nicht selten und schon sind viele Medis zusammen. Da kann unter stationären Bedingungen ein Auslassversuch oder ein Dosisreduktionsversuch von Schmerzmitteln gewagt werden, ohne dass damit sozial verträgliches Absterben forciert wird oder ähnliches wie andere Kommentatoren andeuteten. Ich bin überzeugt, dass weniger oft mehr ist. Es muss nur das richtige sein.Vielleicht braucht es auch nach Einleitung einer richtigen Parkinsontherapie weniger Schmerzmedis zur Muskelentspannung (alles schon gehabt) und schon kann der Pat. wieder laufen.

#9 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

1.) das alberne Photo finde ich entwürdigend. Den Zusammenhang mit dem Thema nicht nachvollziehbar.-
2.) daß sich Metaboliten von Medikiamenten besonders bei
gleichem Abbauweg beißen können und auch diesen überfordern ist seit Jahrzehnten bekannt.- Für jede einzelne notwendige
Arznei einen verschiedenen Abbauweg zu finden ist schon bei drei Präparaten problematisch. Außerdem wird kaum von Herstellern der Metabolismus angegeben.-
Pillen sind Kügelchen. Es gibt noch Tabletten, Dragees und Kapseln und mehr.Die Ausweitung des Pillenbegriffs
auf alle durch den Mund verschluckbare Medizin ist eine
dümmliche Vereinfachung wie “drugs”, “Kohle” und “Knast”.-
Die Dummheit nbeginntmmit der Verwilderung der Sprache
wird aber immer “cooler”.-

#8 |
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Ärztin

Die Liste könnte erweitert werden!

#7 |
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mein prostataadenom verlangt urotraxal und avodart,
der hypertonus bekommt torasemid und enahexal comp,
ein alter ischämischer Insult erhält 100 mg ASS und für die osteoporose empfielt sich calcium plus D. ein chronisches kaliumdefizit muß auch noch gefüttert werde.
Eine überprüfung möglicher wechselwirkungen erscheint nach dem gesagten offenbar indiziert, was dem alten orthopäaden (jahrgang 1922)jetzt einleuchtet

#6 |
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Dr. rer. nat. Christian Schubert
Dr. rer. nat. Christian Schubert

Nicht verstandene oder nicht bekannte Interaktionen von Arzneimitteln sind ein inzwischen bekanntes Problem, das mehrheitlich alte, multimorbide Menschen betrifft. Hier herrscht sicher noch enormer Nachholbedarf Studien betreffend. Allerdings habe ich erhebliche Zweifel daran, daß telefonische Befragungen bei über 70-jährigen medizinischen Laien Licht ins Dunkel bringen können. Meine eigenen Eltern sind über 80 Jahre alt und sowohl geistig als auch körperlich überdurchschnittlich fit. An einer Telefonumfrage über täglich einzunehmende Medikamente würden sie jedoch schier verzweifeln.

#5 |
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Übrigens: In meiner Praxis-Software kann ich – zumindest für die mir bekannten Medikamente meiner Patienten (Eigenmedikation und Fremdverordnung von Fachärzten ohne Bericht an den HA bleiben leider teilweise außen vor) – die Wechselwirkungen gegenchecken.

#4 |
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Wie will man denn den Patienten über die Behandlungsprioritäten entscheiden lassen? Oder führen wir ihn im Crash-Kurs vorher schnell zum Medizin-Bachelor-Abschluss?

>>”Ob der 80-Jährige Bluthochdruck hat, der auf mehrere Jahre sein Schlaganfallrisiko erhöht, ist ihm nicht so wichtig”, so Thiem. Aber die Behandlung der Arthrose mit Schmerztabletten mache ihm den Alltag leichter. << Super, also verzichtet man auf die teuren Antihypertensiva, aber wenn der 81jährige dann die dekompensierte Herzinsuffizienz hat und sich umentscheidet, behandelt man viel zu spät den Hypertonus und lässt dafür eine andere Krankheit aus dem Ruder laufen? Oder wenn er mit 81 seinen Apoplex hatte und auf der Pflegestation darauf wartet, dass die Schwester die vollgesch...ene Windel endlich wechselt, dann ist er glücklicher, weil seine Arthrose so schön still hält? Da können wir ja gleich den SoFa der Krankenkasse entscheiden lassen...

#3 |
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Hätte gern gewußt, wieviel Pat. pro Jahr in Deutschland ver-
sterben wegen Wechselwirkungen von Medikamenten bei der Poly-
pharmacie?

#2 |
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Beate Heil
Beate Heil

Diese Liste ist optimal für die tägl. Empfehlungen !

#1 |
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