Viel Schallen um nichts?

26. Oktober 2010
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Ein gesunder Mensch sei nur ein schlecht untersuchter, so ein Bonmot, in dem viel Wahres steckt. Denn dank moderner Technik wird - wer sucht - meist fündig. Bestens geeignet dafür: Ultraschall. „Da halten wir doch mal rasch den Schallkopf drauf“, heißt es daher oft. Zu oft?

Ein Zuviel an Ultraschall sei praktisch nicht möglich, sagen Professor Dieter Nürnberg, Präsident der Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) und sein Kollege Dr. Hans Worlicek, Leiter der Arbeitsgemeinschaft „Ultraschall in der Praxis“ der DEGUM. Die Sonographie sei „beliebig“ wiederholbar und erspare manche aufwendige Diagnostik. Das Entgelt für die Ultraschalluntersuchung jedoch habe sich trotz der unstreitigen Vorteile und Fortschritte negativ entwickelt. Es stelle somit keinen finanziellen Anreiz dar. Beispielsweise erhalte der fachärztliche Internist beziehungsweise Gastroenterologe „als zuständiger Spezialist für den Bauchraum für die Untersuchung € 12,22 (€-EBM Ziffer 33042, KV Bayern 3/09), d.h. pro Organ zwischen 1 € und 1,75 €, wenn er standardmäßig Leber, Gallenblase, Gallenwege, Pankreas, Milz, Nieren untersucht bzw. fakultativ zusätzlich Lymphknoten, Darm, Magen, Blutgefäße und Bauchhöhle“.

In dieser Situation, so die DEGUM, werde der Ultraschall sogar defizitär, ein Problem, das bei Einsatz von teuren Hochleistungsgeräten nochmals verschärft werde. Der Internist mit spezieller Zulassung für Gefäßuntersuchungen könne etwa weitere 25 € erhalten. Nicht besser sei die Situation etwa bei Hausarzt-Internisten, Allgemeinärzten, Kinderärzten, Urologen oder Gynäkologen. Ein ganz anderes Problem sei die Qualität sonographischer Untersuchungen. Hier muss laut DEGUM tatsächlich mehr getan werden, um die Ausbildung der jungen Ärzte zu verbessern.

Die übliche Kritik: IGeL überwiegend überflüssig

Für die Ultraschall-Diagnostik als Leistung der Gesetzlichen Krankenkassen mag das ja zutreffen, werden Kritiker sagen. Doch etwas anderes sei es eben, wenn es um Selbstzahlerleistungen gehe. Da werde doch überwiegend Schindluder getrieben, heißt es immer wieder. Der Spiegel-Journalist Jörg Blech etwa bezeichnet IGeL als „intransparentes Gemisch entbehrlicher Leistungen“. Sein Kollege von der „Süddeutschen Zeitung“, der Mediziner Dr. Werner Bartens, definiert „IGeLn“ ebenfalls als „Angebot von unnötigen und unwirksamen Untersuchungen und Behandlungen, die von den Patienten aus eigener Tasche bezahlt werden müssen“. Und auch für Wolfgang Schuldzinski von der Verbraucherzentrale NRW sind die meisten solcher Zusatzangebote entweder „nicht zwingend erforderlich“, „schlicht überflüssig“ oder gar „medizinisch fragwürdig“. „Einige der ärztlichen Zusatzleistungen sind durchaus nützlich, wie die reisemedizinische Beratung. Viele sind jedoch überflüssig. Einzelne Angebote sind dagegen medizinisch umstritten und können sogar gesundheitsschädlich sein“, heißt es bei der AOK.

Der Ganzköpercheck: Wer suchet, der findet

Ein kleine Recherche allein zum Thema Vorsorge scheint den Kritikern Recht zu geben: Es gibt kaum noch Organe oder Laborparameter, für die kein „Gesundheitscheck“ angeboten wird. Das Spektrum reicht vom „Laborcheck“ mit großem Blutbild und umfassender Stoffwechselbeurteilung über den „Prostata-, Herz- und Sonocheck bis hin zum kernspintomographischen Ganzkörper- und auch dem kompletten Gesundheitscheck – einschließlich Messung des Sauerstoffgehalts im Blut. Der Eindruck, hier gehe es nicht immer primär um das Wohl der Patienten, kann da schon entstehen. Das sei halt wie die Inspektion beim Auto oder das Abwarten eines Funktionsausfalls beim Fahrzeug und der Wunsch der Reparatur, sagt ein niedergelassener Kollege. In ersten Fall versuche man, „künftigen Ärger zu vermeiden, im anderen Fall den stattgehabten Ärger zu beheben. Der eine hält es so, der andere so“.

Die Brust-Sono – ein Fortschritt, aber trotzdem IGeL

Die Gleichsetzung der Selbstzahlerleistungen mit “unwirksam” und “Geldmacherei” ist bei aller auch berechtigten Kritik allerdings sehr pauschal, um nicht zu sagen etwas platt. Denn für einige der Leistungen gibt es relativ unstreitige Belege für ihre Wirksamkeit. Die Biofeedback-Therapie bei Kopfschmerzen ist nur ein Beispiel dafür. Ein weiteres aktuelles Beispiel ist die Mamma-Sonographie. Sie dient als additives diagnostisches Mittel, um bei unklaren Mammographie-Befunden zusätzlich Klarheit zu schaffen. Bei jungen Frauen wird sie auch als erstes bildgebendes Verfahren eingesetzt, da deren Brustgewebe relativ dicht und in der Mammographie oft schlecht darstellbar ist. Die Ultraschalluntersuchung der Brust ist neben der Mammographie das wichtigste bildgebende Verfahren; sie ist allerdings zur Früherkennung nur eine Selbstzahlerleistung – zu Unrecht angesichts der technischen Fortschritte, sagt etwa Professor Helmut Madjar von der Deutschen Klinik für Diagnostik (DKD) in Wiesbaden. Laut Madjar haben die Ergebnisse einer gemeinsamen Studie mit dem Berufsverband für Frauenärzte in Wiesbaden zum Beispiel gezeigt, dass jedes fünfte operierte Mammakarzinom von niedergelassenen Frauenärzten primär bei einer Ultraschall-Untersuchung entdeckt wird.

2007 waren dies in der DKD 21 von 86 operierten Mammakarzinomen, und acht von 41 gutartigen Tumoren. „Dies entspricht einer Steigerung der Krebserkennung um 24 Prozent ausschließlich durch den Ultraschall. Die Zahl der Fehlalarme, also der falsch-positiven Befunde, ist darüber hinaus geringer als von den Leitlinien gefordert“, erklärt Madjar. Die beim Ultraschall entdeckten Tumoren hätten sich fast alle in einem frühen Stadium mit besten Heilungschancen befunden. „Keiner der Tumore war tastbar. Die meisten waren auch auf einer nachträglich durchgeführten Mammographie nicht erkennbar”, so Madjar.

Plädoyer für Brust-Sono zur Früherkennung

Die DEGUM befürwortet inzwischen sogar den verstärkten Einsatz der Sonographie in der Brustkrebsfrüherkennung. Denn mehrere Studien zeigten, so eine aktuelle Stellungnahme der DEGUM, „dass eine Ultraschalluntersuchung Brustkrebs oft entdeckt, wenn der Tumor noch nicht tastbar und häufig auch im Röntgenbild noch nicht sichtbar ist. Dies trifft besonders häufig bei Frauen mit dichtem Brustgewebe zu“ – und bei jungen Frauen. Selbstverständlich, so die DEGUM, setze eine erfolgreiche Früherkennung diagnostische Geräte auf aktuellem technischem Stand und ein hohes Ausbildungsniveau der untersuchenden Ärzte voraus. Die Untersuchung wird bislang jedoch weder flächendeckend noch mit einheitlichen Qualitätsstandards angeboten.

Auch die Ultraschall-Expertin Dr. Natalie Wöhrle von der Universität München kommt in einer bislang nur online publizierten Studie zu hochauflösenden Ultraschall-Verfahren zu dem Schluss: „Mit der Entwicklung hochfrequenter Schallköpfe und neuartiger Untersuchungstechniken hat sich die Sonographie der Mamma zu einer zunehmend eigenständigen Untersuchungsmethode entwickelt.“ Wie lange es noch dauert, bis der Gemeinsame Bundesausschuss diesen Fortschritt wahrnimmt, ist allerdings ein anderes Thema.

99 Wertungen (4.3 ø)
Medizin

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16 Kommentare:

Prof. Gerhard Clauss
Prof. Gerhard Clauss

guter Artikel !! aber !! wie heute abend schon öfter reklamiert !statt 14!! Seiten reichen auch 3 (drei)!!

#16 |
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Eine präzise Diagnostik im Bereich der Frauenheilkunde und Geburtshilfe ohne Ultaschall undenkbar.

#15 |
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Als Allgemeinarzt schalle ich seit 1978 und bin dankbar ein Instrument in der Hand zuhaben, das mir erhebl. bessere diagn. Möglichkeiten erlaubt abgesehen von Zufallsbefunden wie BAA, Lykn.metastasen eines Seminoms,nicht diagn. Schwangerschaft, Pleuraergüsse, Pericardergüsse,sogar einmal Vorhofmyxom mit B-bild!!

#14 |
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guter und ausgewogener Artikel!

#13 |
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Prof. Dr. med. Christian Albrecht May
Prof. Dr. med. Christian Albrecht May

Jeder, der Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft macht, weiß, dass eine nicht geringe Anzahl von Föten deutlich auf die Untersuchung reagiert. Die Bewegungen und Reaktionen entsprechen dabei einer Abwehr eines Störfeldes.
Störfelder entstehen während der Schwangerschaft zahlreiche; dies bedeutet nicht zwangsweise, dass sie schädlich sind. Es ist jedoch schon erstaunlich, dass diese Phänomene weder sauber analysiert noch publiziert werden. So als ob man Angst hat vor einer klaren phänomenologischen Beschreibung. Wie aus mehreren Kommentaren bereits zu entnehmen ist, sollte der Ultraschall verantwortungsvoll eingesetzt werden – daran würde eine saubere Studie auch nichts ändern.
Der erwachsene Organismus ist so vielen Störfeldern ausgesetzt die wesentlich stärker als die Ultraschallwellen sind, dass diese keinen nennenswerten zusätzlichen Schaden anrichten. Dennoch können sie unter widrigen Umständen genau das i-Tüpfelchen sein, dass das Fass zum überlaufen, die Krankheit zum Ausbruch bringt (sicherlich ein sehr seltenes Ereignis, was man gedanklich dennoch ernst nehmen sollte).
Da eine manuelle Untersuchung unter Umständen mehr Stress auslöst als eine Ultraschalluntersuchung, ist letztere sicher aufgrund ihrer großen Vorteile breit zu empfehlen. Ich denke auch, dass dies keine Technik für Radiologen ist.

#12 |
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Heilpraktikerin Adelaide Monique MARQUA
Heilpraktikerin Adelaide Monique MARQUA

Ich bin von der Unwissenheit mancher Ärzte schockiert!
Vom Wissen anderen wiederum beieindruckt!
Es werden teilweise lapidäre Aussagen gemacht ohne eigene Recherchen, nach dem Motto ich möchte dass mir ein Nachweis presentiert wird für diesen Unsinn oder halbwissenschaftlichen esoterischen Quatsch! Man könnte es auch ärztliche Arroganz nennen! In zehn Jahren heißt es dann: “ja das haben wir schon immer gewußt!”
Die Medizin ist ja schließlich keine Wissenschaft! Und wissenschaftlichen Ergebnisse werden ja immer wiederkorrigiert! Und wie ist es mit der zweifelhaften Medizin die ja auch so erfolgreich sein kann und da ansetzt wo die “Schulmedizin” ratlos ist?
Gut dass es Ärzte gibt die Interesse haben weitersehen als das was sie an Uni gelernt haben und sich ernsthaft weiterbilden. Danke dafür! Übrigens ich komme auch aus der “Schulmedizin”!

#11 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

sehr schön frau dr. med, drigalski, endlich eine die es auf den punkt bringt.
leider haben sie vergessen zu erwähnen ob die ergebnisse positiv oder negativ für die feten waren.
weiter so …..

Dr. M hat anscheinend interpretiert, alle achtung, auch ihm oder ihr ein herzliches “weiter so” …..

#10 |
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Doppleruntersuchungen des fetalen Gefäßsystems können tatsächlich Überwärmungen bewirken, allerdings -und das durch genügend Studien nachgewiesen – nur in einem übermäßigen Zeitrahmen, der bei keiner ärztlichen Untersuchung auch nur annähernd erreicht wird! Der Basis-Ultraschall in der Schwangerschaft, ob normales Screening oder weiterführend bei Verdacht auf Fehlbildungen, hat keinerlei biologische Wirkung auf das Ungeborene. Dies wurde in Nachuntersuchungen an geborenen Kindern bis ins frühe Schulalter hinein belegt, die keinerlei Unterschiede zwischen beschallten und nicht beschallten Kindern in der Schwangerschaft finden konnten. Auch stellen Schallwellen zur Bilderzeugung keine “Energie” dar, die eingebracht wird, sondern sie werden vom beschallten Objekt reflektiert.

#9 |
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Ich halte die Qualität der Ultraschallergebnisse auch bei vielen Kollegen für zweifelhaft.
Wenn sich eine Kollegin eine von ihr im US diagnostizierte Zyste durch ein CT bestätigen lassen muss oder ein Urologe Untersuchungen ohne Gel durchführt,frage ich mich, wie und wo diese Kollegen ihre Qualifikation nachgewiesen haben.

#8 |
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Was wird denn hier für ein Blödsinn gequatscht? Gehörige Wärme durch Doppler? Schonmal einen Schallkopf in den Händen gehalten? Es geht hier nicht um die Mikrowelle sondern um Ultraschall.
Das ist doch alles nur eitles Gerede!

Und: Wenn die Sonographie ordentlich bezahlt würde, dann würden es vermutlich auch hierzulande wieder mehr Radiologen tun. Ansonsten schallen eben diejenigen, die an validen Ergebnissen interessiert sind.

#7 |
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Dr. med. Matthias Solga
Dr. med. Matthias Solga

Ergebnisse gibts allerhand, Eindeutige bisher nicht.

Was sicher ist: es wird Energie eingebracht in Medien, mit Doppler meßbar, experimentell mit Kavitationen. An Lebendigem, Tier oder Mensch, sind Schäden durch den Schall an sich bisher nicht nachgewiesen.

Insofern bei der großen Anzahl an Untersuchungen ist als Einziges eindeutig: daß ein Schaden nahezu ausgeschlossen werden kann.

TROTZDEM: Es wird Energie eingebracht in ein biologisches System, und das hat nur dann zu geschehen, wenn dazu eine medizinische Indikation da ist. Babygucken, ob als IGeL oder auf einem indischen Marktplatz, oder auch aus Weichherz-Allyren eines ultraschallenden Arztes, ist abzulehnen.

#6 |
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Arne Bruhn
Arne Bruhn

Für Ihrer aller Feierabend:
Dem Bonmot am Anfang des Artikels möchte ich den Bericht eines 70-jährigen auf die Frage, wie er so gesund so alt wurde, hinzufügen:
Mit 17 diagnostizierte ein Sportarzt einen Herzfehler und riet von sportlicher Betätigung ab. Von da an mahte ich weite Bogen um Ärzte, diese längeren Wege befähigten mich mit 42 zum Marathonlauf – und nun bin ich gerade mit 14 Kg am Puckel 180 Kilometer durch die Alpen gepilgert – mit genauso weiten Bogen um Arztpraxen – das hielt mich fit und gesund!

#5 |
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Gerade in der Vorsorge ist Ultraschall einsehr gutes diagnostikum. Im Rahmen der Hausarztverräge mit der AOK ist eine jährliche abdominelle Sonographie eingeschlossen. Kürzlich habe ich bei einer sonst gesunden patientin ein nierencarzinom gefunden-rechtzeitig. Der Patientin mußte nur die halbe Niere entfernt werden-dank AOK Hausarztmodell und der damit verbundenen Sonographie ist die Patientin gesund!!
Ich könnte mehrere solche Beispiele aufzählen. auch die Karotis sonographie ist zum Abschätzen des individuellen Sklerosereisikos sehr wichtig

#4 |
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Es geht ja nicht nur um Gynäkologie und Geburtshilfe. Mache seit 15 Jahren internistischen Farbduplex, hat einen ungeheueren Nutzen,der mit Geld nicht zu bezahlen ist. Kritiken kommen meist von Kollegen, die das Verfahren weder ausreichend kennen noch beherrschen.Sollte schon in den Haenden der therapierenden Aerzten- und nicht nur in der Obhut der rein diagnostisch taetigen Radiologen etc.- bleiben, da diese auch die Befunde in der Gesamtschau und der Klinik beurteilen und therapeutische Konsoquenzen ziehen.

#3 |
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Dr. Fritz Vollmer
Dr. Fritz Vollmer

Auch ich wäre an Informationen zur Schädlichkeit für den Fötus interessiert.
Ich habe gehört, dass bei (Doppler-)anwendungen mit hoher Schallenergie eventuell Schwingungen im hörbaren Spektrum angeregt werden, die zu Stress führen können.
Auch können bei fortgesetzter Doppler-Schallung in kleinen Volumina Erwärmungen auftreten.
Von einer generellen Schädlichkeit des US beim Fötus ist mir aber auch nichts bekannt.

#2 |
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Dr. med. Dörte v. Drigalski
Dr. med. Dörte v. Drigalski

Zur Schädlichkeit für Feten während Schwangerschaft gibt es eindeutige Untersuchungsergebnisse.

#1 |
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