Locked-In – Gefangen im eigenen Körper

28. Oktober 2010
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Das Locked-In-Syndrom ist eine Lähmung des gesamten Körpers bis zu den Gesichtsmuskeln, meist verursacht durch einen Infarkt im Hirnstamm. Die Betroffenen haben nur minimale Bewegungsmöglichkeiten im Bereich der Augen, sind aber bei vollem Bewusstein und hören und sehen normal. Durch intensive Rehabilitation ist es möglich, ihre Lebensqualität stark zu verbessern.

Locked-In heißt übersetzt sehr zutreffend „Eingeschlossen“. Die Betroffenen sind bei völlig erhaltenem Bewusstsein vollständig gelähmt und dadurch unfähig, über Sprache, Mimik oder Gesten zu kommunizieren. Die Gesichts- und Zungenmuskulatur kann nicht mehr angesteuert werden. Selbst der Schluck- und der Würgereflex sind ausgefallen. Lediglich die vertikale Augenbeweglichkeit und der Lidschlag bleiben bei der das Syndrom verursachenden Schädigung im Bereich des sogenannten Pons erhalten. Sie sind der einzige Weg der Verständigung zwischen dem Patienten und seiner Umgebung.

Ursachen für das Locked-In-Syndrom

Der Hirnstamm, welcher bei dieser Krankheit betroffen ist, stellt den evolutionsgeschichtlich ältesten Teil des Gehirns dar. Er bildet den untersten Gehirnabschnitt und besteht aus auf- und absteigenden Nervenfasern und Ansammlungen von Neuronen beziehungsweise von Somata. Morphologisch besteht er aus dem Mittelhirn, dem Pons und der Medulla oblongata. Der Hirnstamm verschaltet und verarbeitet eingehende Sinneseindrücke sowie ausgehende motorische Signale. Zudem ist er für elementare und reflexartige Steuermechanismen zuständig. Im Hirnstamm liegen außerdem die Kerne des II.-XII. Hirnnerven. Von hier aus werden Kopf, Hals, Brust und Bauchorgane mit Nerven versorgt und die Herz-, Kreislauf- und Atmungsfunktionen reguliert. Im Hirnstamm erfolgt zudem die Koordination von Halte- und Stellreflexen, die unter anderem für die aufrechte Körperhaltung nötig sind.

Der Hirninfarkt ist die häufigere Form des Hirnschlages. Nur bei Patienten, die einen Schlaganfall im Hirnstamm erleiden, kann sich in der Folge auch ein Locked-In-Syndrom entwickeln. Betroffen ist bei der Erkrankung der Anteil des Hirnstammes, der für die motorischen Funktionen wichtig ist. Wachheit und Sensibilität von Locked-In-Syndrom-Betroffenen bleiben erhalten. Neben dem Hirninfarkt und Hirnblutung gibt es außerdem noch weniger häufig vorkommende Ursachen für das Locked-In-Syndrom wie zum Beispiel traumatische Hirnverletzungen, Meningoenzephalitis nach einem Zeckenbiss, amyotrophe Lateralsklerose, Multiple Sklerose und Tumore. Auch andere neurologische Ursachen können ein Locked-In-Syndrom hervorrufen. Ursachen sind hier beidseitige, querschnittartige Unterbrechung des Tractus corticobulbaris und Tractus corticospinalis im Bereich der Brücke. Auch ein Ausfall der cortico-spinalen und cortico-bulbären Bahnen, Teilen der Formatio reticularis und der Hirnnervenkerne können Ursachen für diese Erkrankung sein.

Locked-In vs. Wachkoma – hohe Verwechslungsgefahr

Ein wichtiger Punkt im Klinikalltag ist aber, dass das Locked-In-Syndrom aufgrund seiner Symptome sehr leicht mit einem Komazustand verwechselt werden kann. Dies zeigt sehr eindrucksvoll das Video über einen Patienten, der 23 Jahre lang als Wachkoma-Patient eingestuft und behandelt wurde.
Ein Wachkoma entsteht nach einer schweren Schädigung des Großhirns, die meist entweder durch ein Schädelhirntrauma oder Sauerstoffmangel des Gehirns aufgetreten ist. Diese Patienten können wie wach erscheinen, ihr Bewusstsein ist aber nicht mehr intakt. Der Kontakt zur Umwelt und die Wahrnehmung der Umwelt sind nicht möglich. Man spricht nach einer gewissen Beobachtungszeit in diesem Fall von einem Wachkoma. Beim Locked-In-Syndrom ist das Großhirn, also das Bewusstsein, nicht betroffen. Trotzdem sind dem Großhirn jede Kontrollen über den Körper entzogen, daher ähnelt dieser Zustand äußerlich sehr dem Wachkoma. Oft werden Patienten mit Locked-In-Syndrom nicht als solche erkannt und müssen bei wachem Geist in einem bewegungsunfähigen Körper ausharren.

Rehabilitation – Kommunikation per Vorstellungskraft

Die Behandlung des Locked-In-Syndroms ist sehr vielseitig und umfasst Krankengymnastik, Ergotherapie sowie Logopädie. Die besten Rehabilitationserfolge werden erreicht, je früher die Behandlung einsetzt. Dadurch sind teilweise erstaunliche Verbesserungen möglich, da das Gehirn offenbar bessere Reparaturmechanismen besitzt als bisher vermutet wurde. Parallel zur Physiotherapie wird bei der Ergotherapie versucht, die neurophysiologischen Defizite auszugleichen. Mit der logopädischen Therapie soll die Kommunikationsfähigkeit verbessert werden. Die Betroffenen können in aller Regel zunächst nur über Augenbewegungen anhand vereinbarter Signale kommunizieren. Die logopädischen Übungen sind zwar aufwendig, können aber langfristig dazu führen, dass der Betroffenen wieder mit seiner Umwelt in Kontakt treten kann. Zur Kommunikation können Betroffene eventuell auch Brain-Computer-Interface-Verfahren nutzen. In einem sehr aufwendigen Verfahren lernen die Betroffenen, über bestimmte Vorstellungen den Computer zu steuern. Durch die elektrischen Hirnaktivitäten kann der Mensch dem Computer Signale geben, diese Vorstellungen setzt der Computer in Steuerungsbefehle um. Nach weiteren Methoden wird immer noch geforscht.

Das Locked-In-Syndrom ist generell sehr selten und findet meist nur wenig Beachtung. Es stellt sich hierbei allerdings die Frage, ob tatsächlich so wenige Patienten an dieser Erkrankung leiden oder es lediglich nicht erkannt wird, dass der Patient darunter leidet und deswegen zu häufig Wachkoma anstatt Locked-In-Syndrom diagnostiziert wird. Daher ist es wichtig, jeden Patienten mit entsprechenden Symptomen oder der Diagnose Wachkoma genauer zu untersuchen, um eventuell das Locked-In-Syndrom auszuschließen und den Patienten dementsprechend zu therapieren.

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Medizin

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