Ärztliche Basisprüfung: Physikum Bye-Bye

28. Oktober 2010
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Seit 6 Jahren läuft in Aachen der Modellstudiengang Medizin. Jüngst wurde der erste Jahrgang durch das Examen gebracht und die fertigen Mediziner in den Beruf geschickt, ohne das Physikum bestanden zu haben. Stattdessen wird nach dem 6. Semester die Ärztliche Basisprüfung durchgeführt, ein Mittelding zwischen praktischer Gesellenprüfung und Multiple-Choice-Fragen.

Langeweile verhüten: Die Lernspirale

Mit der Einführung des Modellstudiengangs wurde von der üblichen Vorklinik-Klinik-Teilung abgelassen. Die Aachener Mediziner studieren in 3 großen Studienabschnitten an einer Lernspirale, die vom Grundlagenwissen aus immer tiefer in den Stoff einsteigt und am Ende – so die Theorie – ein besseres Wissen zum Staatsexamen produzieren soll als in den Regelstudiengängen. Während der erste Studienabschnitt in den ersten beiden Fachsemestern noch sehr herkömmlich wirkt – Zellbiologie, Physik, Biologie, Biochemie und Terminologie stehen im Curriculum – geht es ab dem 3. Semester richtig los.

Organbezogene Systemblöcke – fachübergreifende Lehre

Im zweiten Studienabschnitt werden die Organsysteme der menschlichen Körpers besprochen – organzentriert. Es gibt keine Vorlesungen der Hauptfächer mehr, in denen die verschiedenen Fachgebiete für sich jeweils die Organe und deren Pathologien besprechen. Vielmehr lernen die Aachener Studenten die Organe und Systeme direkt komplett kennen – in 3 bis 6 Wochen langen intensiven Blöcken, an denen alle Fächer gleichermaßen beteiligt sind. Natürlich wird man die Orthopäden eher und viel intensiver im Systemblock „Bewegungsapparat“ antreffen, und Augenheilkundler eher nicht im Block „Niere und Harnorgane“, aber die Säulen der medizinischen Grundausbildung wie Anatomie, Physiologie, Pharmakologie und Radiologie sind immer dabei. Am Ende der Systemblöcke wartet auf die Studierenden direkt eine Prüfung, meist kombiniert in Form einer schriftlichen Prüfung und einer objektiven standardisierten mündlichen Kurzprüfung an der Leiche, am Modell oder an Präparaten.

Und dann das Ganze noch mal…

Am Ende des 6. Semesters – und, weil es viel Arbeit ist, auch erst nach den langen Semesterferien – steht schließlich das „Ungetüm“ der medizinischen Ausbildung in Aachen, die Ärztliche Basisprüfung, die sich insgesamt über 2 Tage zieht. Hier wird das gesamte Wissen, das schon in den Blöcken gelehrt und in den Block-Klausuren geprüft wurde, im Sinne der sich wiederholenden Lernspirale erneut geprüft. Zusammenhängend, komplett, umfassend. Die meisten Studenten bereiten sich etwa 60 Tage in Vollzeit intensiv vor, es gibt aber auch Kandidaten, die bereits im Januar loslegen, ihre Mitschriften zu wälzen.

Prüfung nach Pfeife

Am ersten Tag steht die mündliche Prüfung auf dem Programm: 10 Stationen, 10 Prüfer mit 10 Beisitzern in einem Raum, in einem abgesperrten Flur. Vor den 10 Türen hängen jeweils die Fragen. Alle 8 Minuten ein Pfiff aus einer Bundeswehr-Trillerpfeife, 8 Minuten Zeit, die Fragen zu lesen, 8 Minuten Zeit, dem Prüfer zu beweisen, dass man das Richtige gelernt hat und es auch kurz, prägnant und richtig wiedergeben kann. Diese Prüfungsrotation wirkt etwas merkwürdig und hat ein bisschen was von einer Choreographie, ist aber wichtig, damit alle zur exakten Zeit beim richtigen Prüfer sitzen und die gleichen Bedingungen vorfinden. Dabei kommen auch praktische Komponenten vor: Auskultieren kann passieren, die „große Hafenrundfahrt“ – allerdings an einer Puppe – wurde auch schon abgeprüft. Echte Schauspieler sitzen im Raum der Bewegungs-Prüfung und klagen über diverse orthopädische Probleme, die mit dem richtigen Test vernünftig diagnostiziert werden müssen.

Auf dem Flur sind alle Verwaltungsmitarbeiter des Dekanats angetreten und versorgen die gerade lesenden und wartenden Studierenden mit Kaffee und Möhren, aber die meisten haben keinen Appetit und trinken allenfalls Wasser. Nach mehr als 3 Stunden ist es vorbei, aber nicht für lange…

120 Fragen Multiple-Choice als Kür

Wenn man aus der mündlichen Prüfung raus ist, hat man wenige Stunden Zeit, sich zu sammeln oder eventuell noch die stiefmütterlich-geliebten Nebenfächer wie Genetik, Arbeitsmedizin oder Epidemiologie durchzublättern. Dann findet man sich schon im Hörsaal wieder, genau 3 Stunden lang, um 120 Multiple Choice Fragen zu beantworten oder, je nach Tagesform, zu raten.

Ergebnisse am Strand

Am 16. September war dieses Jahr dann alles vorbei. Einer der wenigen Tage, an dem ein komplettes Semester gangataktisch und schwankend durchs Aachener Klinikum ging. Die meisten mit gutem Gefühl, aber die Ergebnisse ließen auf sich warten. Erst nach Prüfungsausschuss-Konferenz und Item-Analyse, in der „schlechte“ Fragen ausgefischt wurden, kamen die Ergebnisse per Mail – wenn es sein muss, auch per iPhone an den Urlaubsstrand. Die letzten 2 Wochen der dann nur noch kurzen Ferien wurde traditionell verreist, meistens in den Lerngruppen und mit guten Freunden um sich ein wenig zu erholen. Denn das neue Semester, das 7. Fachsemester wartet – das Tor zum dritten und letzten Studienabschnitt ist geöffnet. Für die meisten zumindest: in diesem Jahr haben nur weniger als 16% die Prüfung nicht bestanden

29 Wertungen (3 ø)
Studium

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3 Kommentare:

Alles klar. Ich seh schon, eine Art Reformierung scheint schon der Grundgedanke dahinter zu sein. Ich sehe aber auch viele Parallelen zu den anderen, altgedienten und neu ausgerichteten Systemen. Am Ende sieht es doch so aus, dass jede Uni heute auch viele der hier vorgestellten und umgesetzten Dinge längst nutzt. OSCE-Prüfungen, Skill-Labs, organzentrierte Seminare, praktisch orientierte und fächerübergreifende Fallbeispiele – nur eben nicht als einzige Verfahrensweise… Ich bin mir nicht ganz sicher, wo dabei die Vorteile liegen sollen die alte Regelung aufzugeben, die Trennung in Vorklinik und Klinik. Ich glaube am Ende kommt doch das selbe heraus, Mediziner mit dem nötigen Grund-Know-How nach einem anstrengenden Studium. ;-) Viel Erfolg weiterhin!

#3 |
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Hi Bernd, danke für die Rückfrage. Das habe ich unscharf beschrieben: In der gesamten “Kohorte”, alle die teilgenommen haben, war die Durchfallquote 16% etwa. In der Referenz-Gruppe, also in meinem Semester, die das erste mal geschrieben haben, etwa 7-8%.
Wenn man nicht besteht, muss der Teil (schriftlich oder mündlich, oder eben beides) nach 6 Monaten wiederholt werden, man hat bis dahin Lernzeit. Man darf die Prüfung zwei mal wiederholen, wenn der 3. Versuch nicht erfolgreich war, ist man (im Modellstudiengang) exmatrikuliert.
((Normalerweise hat man im 8. Semester Blockpraktika und im 9. Semester Freisemester (oder umgekehrt nach Losung), dies entfällt aber bei einmaligem Nichtbestehen der Prüfung und man studiert “azyklisch” weiter.

#2 |
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Recht interessante Einsicht in einen “neuen” Ansatz. Was mich noch interessieren würde wäre die Verfahrensweise mit denjenigen, die dabei durchfallen. Wird da sinnvoll damit umgegangen oder sitzen die dann zwangsweise auch einfach nur wieder mit in den selben Kursen? Ich meine immerhin sind “weniger als 16%” dennoch weit mehr als die aktuelle Durchfallerquote im Physikum im deutschlandweiten Durchschnitt (gesamt 12,7%, Referenzgruppe nu 4,4%).

#1 |
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