Antibiotika, die die Welt noch braucht

6. März 2017

Der Ruf nach neuen Antibiotika wird immer lauter. Doch welche werden am dringendsten gebraucht? Die WHO veröffentlichte kürzlich eine Liste von zwölf Bakteriengruppen. Die Entwicklung neuer Antibiotika gegen diese zwölf sollte Priorität haben.

Antibiotikaresistente Bakterien breiten sich besorgniserregend aus. Die WHO veröffentlichte daher kürzlich erstmals eine Liste von zwölf Bakteriengruppen, die in der Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika zukünftig Priorität haben sollten. Wissenschaftler vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) an der Universität Tübingen waren maßgeblich an der Entwicklung dieser Prioritätenliste beteiligt. Prof. Evelina Tacconelli, Leiterin der Gruppe, sprach über die Entwicklung und Ziele der Auswahl:

Worum genau handelt es sich bei dieser Priority Pathogen List?

Tacconelli: Antibiotika-Resistenzen stehen seit dem G20-Gipfel 2015/16 ganz oben auf der Agenda des deutschen Gesundheitsministers. Aus diesem Grund hat das Ministerium die WHO gebeten, eine Prioritätenliste zu entwickeln. Diese Liste soll aufzeigen, welche Antibiotika mit dringender Priorität neu entwickelt werden müssen und gegen welche Keime sie gerichtet sein sollten.

Denn Deutschland hat den Auftrag, in Zusammenarbeit mit anderen Ländern ein ökonomisches Programm zur Förderung der Antibiotika-Forschung aufzustellen. Hierzu ist es notwendig, bereits im Vorfeld zu verstehen, wo und für welche Mikroorganismen Fördergelder investiert werden sollten. Das Problem ist, dass die Pharmaindustrie momentan nicht in die Entwicklung neuer Antibiotika investieren will, weil es für sie wirtschaftlich nicht interessant ist. Deswegen ist die Prioritätenliste so wichtig: Die WHO macht damit konkrete Vorschläge, wohin das Geld fließen soll.

Wie hat man die wichtigsten Pathogene ausgewählt?

Tacconelli: Ich bin sehr stolz auf unsere Methode, mit der wir die Liste zusammengestellt haben. Es handelt sich um eine sogenannte „Multi Criteria Decision Analysis“. Mit dieser neuen Methode haben wir evidenzbasierte Daten mit Expertenmeinungen verknüpft. Dazu haben wir zunächst die Evidenzen für neun Kriterien wie zum Beispiel „Mortalität“, „Bürde in Krankenhäusern und in der Gesellschaft“, „Übertragbarkeit“ und „Verhütbarkeit“ in der Literatur und in Projekten recherchiert.

Anschließend haben wir die Evidenzen 70 Experten aus den sechs WHO-Regionen vorgelegt, ohne dass sie die Namen der Bakterien kannten. Dazu haben sie ihre Meinung abgegeben, wo die Prioritäten liegen sollten. Aus diesen Daten haben wir mit statistischen Methoden letztendlich die finale Liste ermittelt.

Geht es vor allem um Krankenhauskeime oder um alle Antibiotika-resistenten Bakterien?

Tacconelli: Wir haben alle Antibiotika-resistenten Bakterien berücksichtigt. Am Ende haben wir zwölf Bakteriengruppen ausgewählt. Diese haben wir in drei Gruppen eingeteilt: Erreger mit kritischer, hoher und mittlerer Priorität.

Wie erwartet, sind beispielsweise Bakterien wie Acinetobacter, Pseudomonas und verschiedene Enterobakterien wie E. coli, die in Krankenhäusern gefährlich sind, in die Gruppe mit kritischer Priorität eingeordnet worden. Andere, wie zum Beispiel Gonokokken oder Salmonellen, wurden als hohes Risiko klassifiziert.

Für wen wurde die Liste entwickelt?

Tacconelli: Die Zielgruppen sind die Pharmaindustrie und alle Forschungseinrichtungen, die neue Antibiotika entwickeln – und in Deutschland gibt es viele davon. Wir sprechen den Privatsektor, aber auch Universitäten oder große Forschungsgruppen an, die ihre Planung für die nächsten 15 Jahre in Angriff nehmen wollen.

Die Idee ist, dass die Gesundheitsminister auf nationaler Ebene beschließen, genau hier zu investieren und damit Anreize für diejenigen zu schaffen, die in den kommenden Jahren Antibiotika gegen die genannten Bakterien entwickeln. In den nächsten fünf Jahren sollten Anreize eher für die Forschung hinsichtlich multiresistenter gramnegativer Bakterien gegeben werden. Bisher wurden viele Antibiotika gegen grampositive, wie z. B. MRSA-Stämme entwickelt, aber das ist nicht mehr das Hauptproblem.

Was versprechen Sie sich von dieser Liste?

Tacconelli: Ich denke, dass dieses Jahr die richtige Zeit dafür ist. Erstmals sprechen wir über Gelder, die wir benötigen, um das Problem der Antibiotika-Resistenzen zu beheben. Allen ist klar: Man muss die Mortalität reduzieren. Aber das ist auch ein großes ökonomisches Problem.

Deshalb ist es wichtig, gerade jetzt eine Planung für die Zukunft aufzustellen, um die zunehmende Problematik der multiresistenten Erreger anzugehen und neue Antibiotika zielgerichtet zu entwickeln. Ich bin davon überzeugt, dass auch die pharmazeutische Industrie diese Liste in ihrer Planung berücksichtigen wird.

Weitere Information:

WHO publishes list of bacteria for which new antibiotics are urgently needed
Weltgesundheitsorganisation (WHO); 2017

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1 Kommentar:

Gast: Ivory
Gast: Ivory

dumme Frage! Coli, Salmonellen sind doch vor allem Hygienefragen. Öfter richtig Händewaschen, da reicht Kernseife, die ist auch hautverträglich, wenn ich in Arbeitskleidung Besucher umarme, die gerade von draußen kommen???? oder in der Raucherecke abhänge?????
öfter mal nass, altmodisch putzen, statt Chemie, Im Bad mehr Abstand für Handtuch/Hygieneartikel der Pat.
Besucherscharen müssten leider begrenzt werden und einige schleppen auch ungewollt Keime ein.(Besucher sind etwas Schönes für den Kranken und können zur schnelleren Gesundheit beitragen, aber für den Mitpatienten kann es zum Horror werden, auch von dem Gesichtspunkt, dass Mitpatienten nicht zur Ruhe kommen, wäre eine Begrenzung gut.)
Die meisten Ärzte, wenn sie Antibiotika verschreiben weisen den Pat. darauf hin, wie wichtig eine kontinuirliche Einnahme nach Vorschrift ist hin, aber anscheinend gibt es nicht viel mündige Pat.” Um Hilfe schreien, aber sich dann nicht an die Anweisungen des Arztes halten.” Wieso halten sich zum Beispiel in “unterentwickelten Ländern” die Menschen genau an die Anweisungen? Sogar Schizophrene und andere psychisch erkrankte Menschen?

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