Papp-à-la-Pille

29. Oktober 2010
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Grazer Forscher machen mit einer „Papierpille“ auf sich aufmerksam: Sie bringen Medikamente auf essbares Spezialpapier auf. Damit rückt die individuell dosierte pharmakologische Behandlung für jeden einzelnen Patienten in greifbare Nähe.

LSD machte die „Pappen“ bekannt: Bunt bedrucktes saugfähiges Löschpapier oder dünne Pappe dient seit Jahrzehnten als Träger der halluzinogenen Droge. Sie werden gelutscht oder geschluckt. In den vergangenen Jahren kamen Re-Prints der Pappen als „Blotterart“ groß heraus und werden seither als Kunstobjekte hoch gehandelt. Nun bemüht sich die Wissenschaft diese Art der Darreichungsform von Wirkstoffen salonfähig zu machen: Im Kompetenzzentrum für Pharmaforschung in Graz arbeiten Wissenschafter an einer Papierpille. Wirkstoffe werden auf essbares Papier gedruckt. Mit Hilfe dieser „Pills on Paper“ soll die Dosierung individueller, sowie auch genauer und die Einnahme von Medikamenten für den Patienten einfacher werden.

Individuelle Dosierung möglich

Mit ihrer starren Zusammensetzung an Wirkstoffen werden herkömmliche Arzneimittel oft über- oder unterdosiert. Somit sind sie nicht für alle Patienten gleich gut geeignet. Das Kompetenzzentrum Research Center Pharmaceutical Engineering (RCPE) hat sich daher mit dem Projekt “Printable Medicine (PoP – Pills on Paper)“ auf individuelle pharmazeutische Behandlungsstrategien spezialisiert. Univ.-Prof. Dr. Johannes Khinast, Gründer und wissenschaftlicher Geschäftsführer des RCPE hat mit seinem Team ein Verfahren entwickelt, das Arzneistoffe auf essbares Spezialpapier druckt. Es wird in eine Gelatinekapsel eingebracht und kann damit vom Patienten ohne Probleme oral eingenommen werden. Mit diesen „Pills on Paper“ sollen in Zukunft dem Patienten nicht mehr vorgefertigte Tabletten, sondern für seine Bedürfnisse Wirkstoffe und Dosis verschrieben werden. Denn ein wesentlicher Vorteil der neuen Verabreichungsform ist die Möglichkeit, Medikamente auf das Anforderungsprofil eines Patienten, seine Erkrankung, Alter, Geschlecht und Körpergröße, individuell abzustimmen.

Zeitverzögerte Wirkstoff-Abgabe

Der Patient erhält vom behandelnden Arzt ein Wirkstoffrezept, mit dem er in die Apotheke geht. „Dort kommt das Esspapier zum Einsatz“, erklärt Khinast. Mit Hilfe moderner präziser Drucktechnologie soll der Apotheker direkt und sofort maßgeschneiderte Medikamente für jede einzelne Person produzieren. Die “Pills on Paper” können jedoch nicht nur mehrere Medikamente in einer Kapsel enthalten, durch verschiedene Beschichtungen ist es zudem möglich, Wirkstoffe zeitverzögert oder über einen längeren Zeitraum abzugeben. Damit könnte das Bild des Patienten, der mehrmals täglich eine Vielzahl von Tabletten zu sich nehmen muss, der Vergangenheit angehören: Mit den „Pills on Paper“ soll die Medikamenteneinnahme nur mehr einmal täglich nötig sein.

Kosten- und Zeitersparnis

Neben einer Verbesserung der pharmakologischen Therapie könnten mit Hilfe der neuen Verabreichungsform auch die Compliance der Patienten erhöht werden. Weiters besteht ein Einsparungspotential bei Kosten- und Zeitaufwand für klinische Studien, Produktion und Medikamentenlogistik in den Spitälern. Einige hunderttausend Euro sind bereits in die Entwicklung der neuen Medikamentenform geflossen, bis zur Serienreife wird der Betrag in Millionenhöhe liegen. „Dann wartet allerdings ein riesiger Abnehmermarkt“, prophezeit Khinast. Der Wissenschaftler rechnet damit, dass der Prototyp in Krankenhäusern in fünf Jahren erprobt werden kann.

Bereits seit fünf Jahren arbeiten Experten der Karl-Franzens-Universität Graz und der Technischen Universität an dem Projekt zusammen. Mitte September wurde ihre Arbeit von der steirischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft mit einem Innovationspreis bedacht: Die Entwickler erhielten für ihre druckbare Medizin den diesjährigen “Fast Forward Award“.

62 Wertungen (4.4 ø)
Allgemein

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10 Kommentare:

Rettungsassistent

Dann würde der Apotheker wieder Medikamente nach Wunsch des Arztes zusammen stellen und nicht wie leider viel zu oft ein besser bezahlter Verkäufer sein. Die Zusammenstellung muss aber durch den Apotheker geschehen, die meisten Patienten wären damit wahrscheinlich überfordert.

#10 |
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Carsten Behrens
Carsten Behrens

Solange der kundige Patient die “Bündelung” (per Papier/Kapsel oder sonstwie) von Präparaten verhindern kann, habe ich nichts dagegen einzuwenden. Ansonsten frage ich mich, wie der kundige, multimorbide Patient eine Dosisanpassung eines einzelnen Präparates bei Bedarf selbst vornehmen soll. Der Patient wird wohl kaum die Präparate auf dem Eßpapier trennen können. Beispielsweise ein Patient mit Diabetes, regelwidrigem Blutdruck, Blutfette, chron. Magen-/Darmschleimhautentzündung in Kombination. Bei fehlendem Vetorecht dürfte der Patient bei ausreichendem Druck auf den (Kassen-)arzt der Dumme sein…

#9 |
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Mitarbeiter Industrie

Erst mal abwarten, wie sich die Sache entwickelt.Gäbe es eine Weiterentwicklung im Sinne und zum Wohle des Patienten, würde alles Neue gleich vorweg verurteilt werden? Bis zur Inverkehrbringung ist ausreichend Zeit, offene Fragen abzuklären und dementsprechend umzusetzen.

#8 |
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Hat man sich um die Akzeptatnz sietens der Patienten gekümmert? ind diese “Papiere” Hitze – Feuchtigkeits-empfindlich ? ( Urlaubsreisen ).Sind diese “papiere” notfalls überall erhältlich? Nach meiner Meinung noch eine Menge ungeklärter FRagen.

#7 |
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Medizinphysiker

Wenn das “printable” ist, liegt offenbar beim Apotheker eine Medikamentenlösung vor, könnte er eigentlich das ganze gleich als Tropfen verkaufen!

#6 |
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Dip. Med. Alla Scherban
Dip. Med. Alla Scherban

…was kostet diese revolution?

#5 |
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Tierarzt

Und dann steht da weiter Dosis für Erwachsene, Jugendliche und Kleinkinder? Ich wiege meine Hunde-Patienten und dosiere genau nach Kilogramm, teilweise noch in Abhängigkeit von der Rasse und Temperament. Tabletten gibt es auch in 12er Tütchen, wenn über 12 tage benötigt – nicht nur 10er Packungen. Anbruch von Großpackungen? Kein Problem… Vielleicht sollte die Revolution da einsetzen

#4 |
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Florian Seim
Florian Seim

toller Beitrag und v.a. eine geniale Idee.
Ich bin mal gespannt was die Zukunft da so bringt.

#3 |
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Das würde die Apotheke als solche revolutionieren.
Die Herstellung würde wieder stärker in den Fokus rücken.

Es sollte aber noch erwähnt werden, dass wohl kaum Antibiotika oder andere hoch dosierte Wirkstoffe mit Dosen von über 50 Milligramm applizierbar werden.

#2 |
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Dr. med. Hans Hinderer
Dr. med. Hans Hinderer

Geniale Idee! Hoffentlich scheitert sie nicht an der Koalition der Großpackungsproduzenten und -vertreiber!

#1 |
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