Hausverbot für MRSA-Träger

2. November 2010
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Im Saarland läuft in diesen Tagen das bisher ambitionierteste Projekt zur Epidemiologie von multiresistenten Staphylokokken in Deutschland. Jeder Patient, der ins Krankenhaus kommt, wird untersucht. Helfen muss unter anderem ein neuer Roboter.

Die Daten zur bakteriologischen Resistenzsituation in Deutschland sind, sagen wir mal, föderalistisch. Wer sich beispielsweise von der MRSA-Situation ein möglichst objektives Bild machen möchte, muss auf diverse Datenquellen zurückgreifen, die jeweils bestimmte Ausschnitte der Resistenzproblematik in den Fokus nehmen. Da gibt es diverse Kliniknetzwerke, etwa das GENARS-Netz von sieben Universitätskliniken oder der ITS-KISS-Verbund, an dem 483 Intensivstationen beteiligt sind. Es gibt den deutschen Arm des europaweiten EARSS-Registers, außerdem separate Daten beispielsweise des Paul-Ehrlich-Instituts.

Wespe bei der Arbeit

Was bisher fehlte, sind echte flächendeckende Daten. Solche Datensätze sind unter anderem für die Beantwortung der nicht ganz unwichtigen Frage relevant, welcher Anteil der MRSA-Infektionen in Deutschlands Krankenhäusern von ambulant eingeschleppt wird. Das soll jetzt anders werden. Seit dem 18. Oktober, null Uhr, läuft im Saarland erstmals ein flächendeckendes MRSA-Screening auf Ebene eines gesamten, zugegebenermaßen kleinen Bundeslands. Bei allen Patienten, die zur stationären Aufnahme kommen, wird ein Abstrich des Rachens und der Nasenvorhöfe genommen. Diese Proben werden dann auf MRSA hin untersucht. Im Laufe des Projekts, das noch bis zum 12. Dezember läuft, werden insgesamt etwa 30000 Proben entnommen. „Durch das Screening haben wir die Gelegenheit, uns einen Überblick über die Risikofaktoren und MRSA-Lasten für die stationären Einrichtungen des Saarlandes zu verschaffen“, erklärte der saarländische Gesundheitsminister Georg Weisweiler, der das Projekt MRSAar Netz zum Startschuss selbst der Öffentlichkeit vorstellte.

Es liegt auf der Hand, dass es eine gewisse logistische Herausforderung bedeutet, die rund 30000 Proben adäquat zügig auszuwerten. Damit hier keine Engpässe entstehen, kommt am Universitätsklinikum des Saarlandes ein so genannter WASP-Roboter zum Einsatz. Wie jeder Stieg Larsson-Leser weiß, heißt WASP eigentlich Wespe. In dem Fall steht es freilich für Walk-Away Specimen Processor, eine noch recht neue Maschine des Herstellers Copan, die automatisiert mikrobiologische Proben anlegt und damit dem Laborpersonal einen arbeitsintensiven Schritt bei derartigen Massenscreenings abnimmt.

Föderalistische Daten sagen: MRSA stabil

Die Daten des Projekts dürfen mit Spannung erwartet werden. Klinikhygieniker haben – allen hysterischen MRSA-Artikeln in diversen Zeitschriften zum Trotz – in den vergangenen Jahren eher eine Stabilisierung als eine Eskalation der MRSA-Problematik beobachtet. So betonte Dr. Christine Geffers vom Hygieneinstitut der Charité Berlin beim Berliner Fortbildungsforum 2010 der Bundesärztekammer, dass die „MRSA-Quote“, also der Anteil der MRSA an allen Staphylococcus aureus-Isolaten, seit etwa 2005 nicht mehr ansteige. Im Jahr 2007 lag die Quote für Blutkulturen laut EARSS-Daten bei 16 Prozent. 2005 und 2006 waren es 21 beziehungsweise 20 Prozent. Bei postoperativen Wundabstrichen sieht es ähnlich aus: Hier lag die deutschlandweite Quote den KISS-Daten zufolge 2007 bei 20,7 Prozent, im Jahr davor bei 21,9 Prozent. Nicht nur stabil, sondern eher rückläufig sind die tatsächlich durch resistente Keime verursachten Infektionen. Das gilt zumindest für jene Kliniken, deren Intensivstationen an MRSA-Surveillance-Projekten teilnehmen. Die Inzidenzdichte lag auf deutschen Intensivstationen Geffers zufolge im Jahr 2007 bei 0,3 nosokomialen MRSA-bedingten Infektionen pro 1000 Patiententage. Zehn Jahre früher waren es noch 0,45.

Neue resistente Keime auf dem Vormarsch

Paradox ist das nur auf den ersten Blick. Denn die Zahl an Infektionen mit methicillinsensiblen Staphylocossus aureus ist stärker zurück gegangen als die MRSA-Infektionen. Die Folge ist, dass die MRSA-Infektionen nur relativ an Häufigkeit zugelegt beziehungsweise nicht abgenommen haben, während die tatsächliche Infektionshäufigkeit gesunken ist. Zunehmen tun dagegen derzeit andere resistente Keime, etwa vancomycinresistente Enterokokken (VRE) und die Extended Spectrum Beta-Lactamase-bildenden Keime (ESBL). Insgesamt sind die aber noch auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Hier zeigen sich dann auch die Grenzen des Saarland-Projekts, denn diese neuen resistenten Keime werden nicht erfasst. Ein weiteres Limit aus gesamtdeutscher Sicht ist die Tatsache, dass die Resistenzsituation bei allen Keimen regional stark schwankt. Daten aus dem Saarland werden also nicht zwangsläufig Rückschlüsse auf die Situation in Brandenburg oder Bayern erlauben.

79 Wertungen (4.1 ø)
Medizin

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12 Kommentare:

dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

Vielleicht könnten sich die Desinfektionsfachleute mal Gedanken machen über gasförmige Mittel wie OZON oder Farbstoffe oder antimikrobielle , Laseraktivierte Photosensitizer . Alles EASY !!

#12 |
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Hildegard Bohnenkamp
Hildegard Bohnenkamp

Auch die vielen Besucher schleppen Keime ein.

#11 |
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Dipl. Biol. Susanne Heinsohn
Dipl. Biol. Susanne Heinsohn

Es ist lange überfällig, dass Patienten, aber ebenso das Personal von Kliniken und auch Rehazentren (in die die Patienten ja z.T. “blutig” entlassen werden)auf MRSA gescreent werden!! Mein Vater ist vor 2 Jahren in Folge einer MRSA-Infection verstorben, dabei ist er N U R für eine Knie-OP in der Klinik (Ingolstadt)gewesen – nach der OP war die Wunde mit MRSA infiziert, was die Klinik über 2 Wochen nicht zugeben wollte! Ein Skandal der vermutlich kein Einzelfall ist! Also höchste Zeit für einschneidende Maßnahmen in unserem Land!!

#10 |
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Ohne Frage ist der Umgang mit MRSA,VRE und ESBL sowohl im Screening als auch Isolation/Eradikation mit erheblichen Kosten verbunden. Deshalb “den Kopf fatalistisch in den Sand” zu stecken ist einfach falsch, wie die Niederländer mit einer Quotenreduktion auf 1% MRSA durch ihre Maßnahmen bewiesen haben! MRSA bedingt verzögerte Wundheilung, als Sepsis vielleicht den Tod!Auf alle Fälle mindert diese Problematik das notwendige Vertrauen der Pat./innen in unsere Kliniken, Pflegeheimen und Praxen!

#9 |
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Sandra Hauschild
Sandra Hauschild

Auch in dem Krankenhaus in dem ich als Mitarbeiterin in der Hygiene tätig bin wird seit über einem Jahr jeder stationär aufzunehmende Patient auf MRSA gescreent. Daher ist diese Maßnahme im Saarland sicher nich so etwas besonderes. Schade, dass sich viele Häuser noch vor dem Aufwand scheuen. Unsere Sensibilisierung der Mitarbeiter und das Hinschauen statt Wegsaehen hat innerhalb eines Jahres den Verbrauch an Händedesinfektionsmittel um über 50% gesteigert!

#8 |
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Martin Nolte
Martin Nolte

In unserem Krankenhaus in Paderborn, von der Bettenzhl her das größte Haus vor Ort, werden in allen drei Betriebsstätten routinemäßig alle Patienten, welche zur stationären Aufnahme kommen, über ein Risikoprofil erfasst und bei Verdacht oder unklarer Infektionslage (z.B. Pat. nicht ansprechbar) abgestrichen. Dies läuft im Verbund mit vielen Häusern, welche den Uni´s Münster und Göttingen angeschlossen sind, hier im Haus nun auch schon seit dem 1. Januar 2008. Es hat bei uns auch keinen Pilotprojektcharakter mehr sondern wird bis auf weiteres fortgesetzt.
Warum also so einen Aufriss über das Saarland, wenn bereits im größten Bundesland (NRW) in einem räumlich größeren Gebiet (West-, Nord- u. Ostwestfalen) seit längerem ein Klinikverbund solche Daten erhebt.
Übrigens sind die Patienten über das Screening gut informiert und fragen teilweise proaktiv nach Ihren Ergebnissen und den Ergebnissen des Hauses.

#7 |
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Stefan Schneider
Stefan Schneider

http://www.mrsa-net.org/
Im Münsterland (Euregio) werden seit längerer Zeit alle Patienten in den Krankenhäusern abgestrichen. Uni Münster macht auch Schnelltests. Wo das bahnbrechend neue an dem Projekt im Saarland ist wird mir nicht ganz klar, ist schließlich auch nur regional begrenzt.
Was die Kosten angeht: Eine MRSA Infektion bedeutet höhere Kosten als eine Isolierung. Was alleine eine Tablette Zyvoxid kostet…Da werden Isolierungsmassnahmen schnell rentabel.

Was die ambulante Versorgung angeht empfehle ich ebenfalls die o.g. Adresse. Sanierungsschema anwenden!

#6 |
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Dr. med. Hanjo Burgard
Dr. med. Hanjo Burgard

Das Projekt ist überfällig. Es ist an der Zeit nachzuweisen, dass die Züchtung von MRSA hauptsächlich im nichtstationären Bereich durch unkritische Verordnung von Antibiotica begünstigt wurde.

#5 |
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Volker Schorr
Volker Schorr

Würde mich interessieren wie die Kliniken die Isolierungen bewerkstelligen – bei geschätzten 5-10% betroffeneren Patienten plus die Mitpatienten die dann auch isoliert werden müssen bis es einen negativen Abstrich gibt, kommt da einigest an Kosten auf die Kliniken zu – ganz zu schweigen von den Patienten deren Op Termine abgesagt werden müssen weil es keine Betten mehr gibt ….

#4 |
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Wie ist es denn umgekehrt ? Die Patienten,die mit MRSA aus dem Krankenhaus entlassen werden und die Keime dann in unsere Praxis schleppen bzw. zu hause verteilen und (kontaminierte) Angehörige in die Praxis kommen ?
Was können wir dagegen tun ?

#3 |
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Das Thema brennt den Klinikärzten seit Langem auf den Nägeln: Zuerst einmal aus Sorge um die Patienten, aber auch, weil i den Medien ja immer wieder die Rechnung “MRSA-Infekt = schlechte Klinikhygiene” aufgemacht wird.
Bedauerlich ist, daß keine bundesweite Überprüfung aufgelegt wird, die wirklich überall verläßliche Daten zur Verfügung stellt.
Allerdings finde ich die Überschrift des Artikels doch etwas reißerisch, von einem Hausverbot kann und darf keine Rede sein. Ein MRSA-Träger hat genauso Anspruch medizinische Hilfe, wie jeder andere.

#2 |
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sehr interessantes Projekt. Erinnert an die Niederlande, die schon seit langer Zeit so handeln. Ich vermisse die Konsequenz, dass alle Patienten/innen bis zum Abschluss der Untersuchung isoliert werden, um eine evtl. Übertragung auf andere Pat.bei Nachweis von MRSA zu vermeiden.
VRE und ESBL werden wohl aus Kostengründen nicht mit untersucht? Damit einmal wieder auf halbem (drittel) Wege halt gemacht!

#1 |
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