Achtung, Schallkopf im Schritt!

4. November 2010
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Eine Studie mit mehr als 7.000 Patienten zeigt erstmals, dass mit einfachen Ultraschalluntersuchungen bis zu 30.000 Leistenbruch-Operationen vermeiden werden könnten. Die Daten wurden kürzlich von der DEGUM veröffentlicht.

Die Zahlen sprechen für sich. Rund 250.000 Menschen erleiden in Deutschland jährlich einen Leistenbruch. Was zu welchem Zeitpunkt in derartigen Fällen zu tun ist, meinen selbst medizinische Laien zu wissen. Dass eine Operation nur dann notwendig ist, wenn sich Darmschlingen im Leistenkanal einklemmen könnten, zählte bisher zu den Binsenweisheiten – dürfte sich aber nun bestätigen, sofern die Mediziner der Republik der Argumentation der DEGUM folgen.

Tatsächlich liefert eine jetzt veröffentlichte Studie mit mehr als 7.000 Patienten, „dass eine einfache Ultraschalluntersuchung diese Gefahr frühzeitig erkennt“, wie die DEGUM betont, und: „Bis zu 30.000 Operationen lassen sich auf diese Weise vermeiden“.

Dass die ebenso häufige wie verhasste Inguinal-Hernie dem Skalpell entgehen soll, mutet auf den ersten Blick wie ein kaum einzulösendes Versprechen an. Drängen nämlich Teile der Eingeweide in den Leistenkanal können sie sich dort verklemmen. Ein Prozess, infolge dessen die Darmschlingen absterben.

Genau das sei „eine lebensgefährliche, aber sehr seltene Komplikation”, wie der auf Leistenbruchoperationen spezialisierte Hamburger Studienautor Helmar Gai erklärt. Was unzählige Generationen von Ärzten schon immer vor ein Problem stellte, ist eine besondere Tücke der Malaise: Von außen ist der Beule in der Leiste nicht anzusehen, ob sie für den Patienten zum Risiko werden kann. „Selbst Computer– oder Kernspintomografie helfen in der Regel nicht weiter, da sie nur Momentaufnahmen liefern”, beschreibt Gai den Gau mit der High-Tech Diagnostik.

Ebenso simpel hingegen scheint der Ausweg aus der Beulen-Falle. Setzten Ärzte nämlich Ultraschalluntersuchungen ein, könnten sie nach Gais Erkenntnissen und Angaben der DEGUM „beobachten, wie sich die Hernie verändert, wenn der Patient durch Pressen den Druck im Bauchraum erhöht“.

Über 7.000 Patienten an der der Klinik Fleetinsel liefern die Datenbasis für derartige Thesen – Gai zufolge zeige die Studie nahezu unerschütterlich, dass die Form der Hernie in der Ultraschalluntersuchung „eine gute Risikoabschätzung ermöglicht“.

Beule, Röhre oder Sanduhr?

Ob eine OP ansteht, oder der Patient gar ohne größere Einschränkungen weiterleben kann, entscheiden drei spezielle Formen im Ultraschall. Rund 25 Prozent der Menschen mit Leistenbruch weisen eine schlichte Beule auf – und dürfen aufatmen. „Diese Patienten müssen nicht operiert werden, solange sie keine oder nur sehr geringe Beschwerden haben“, meint Gai, und: „Sie müssen sich auch nicht körperlich einschränken“.

Lediglich ruckartige Bewegungen bei gleichzeitiger starker Anspannung der Bauchdecke könnten zum Problem avancieren. Ganz anders hingegen sieht es für mehr als die Hälfte der Menschen mit Hernien aus – bei ihnen erkennen die Spezialisten in der Sonographie eine röhrenförmige Ausdehnung. Gleichwohl befördert die Röhre auf dem Monitor den Patienten nicht zwangsläufig in die Chirurgie: Bei Beschwerdefreiheit ist eine Operation nicht erforderlich, solange keine Darmschlingen in die Hernie vordringen.

Sanduhrförmige Hernien jedoch erfordern laut DEGUM grundsätzlich eine Operation – nur tritt die Sanduhr bei weniger als einem Viertel aller Patienten auf. Nach Gais Schätzung könnten durch Ultraschalluntersuchungen allein in Deutschland bis zu 30.000 Hernienoperationen vermieden werden – pro Jahr. Das würde der DEGUM zufolge zudem viele Patienten „vor Schmerzen in der Leiste bewahren, zu denen es nach fünf bis 35 Prozent der Operationen kommt“.

Beule, Röhre oder Sanduhr. Dass die Bilder praktisch frei vom diagnostischen Makel sind, attestiert eine weitere Besonderheit der Hamburger Studie: In keinem einzigen Fall mussten die Klinikärzte eine Notfalloperation wegen einer eingeklemmten Hernie durchführen.

106 Wertungen (4.2 ø)
Allgemein

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9 Kommentare:

Sehr interessanter Beitrag. Schliesse mich der Meinung von PD.Wolf an ninsichtlich des notwendigen Erbringens dort genannter Kenngrössen.

#9 |
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Dip. Med. Alla Scherban
Dip. Med. Alla Scherban

Interessanter Artikel…Sind siese Daten WIRKLICH von der DEGUM veröffentlicht? Ist jeder von diese 7000 Patienten 4,3 MAL (!?!) wegen Hernie zu viel operiert??? ( “DEGUM betont, und: bis 30000 OP lassen sich auf diese Weise (Ultraschal- hab ich verstanden) VERMEIDEN ” )!??

#8 |
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Dr. med. Hans-Peter Buthut
Dr. med. Hans-Peter Buthut

Herrn Kollegen Wolf ist beizupflichten! Evidenzgrad eher “4” als 3

#7 |
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Dr Ralf Basting
Dr Ralf Basting

Ein durchaus interessanter Artikel -allerdings ist die Leistenhernie leicht klinisch zu diagnostizieren und der alleinige Hinweis auf die Symptome einer Inkarzeration reicht bei intelligenten Menschen.

A b e r was hat der Schritt = Damm !!! mit der Leistenhernie zu tun ?

#6 |
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Dr. med. Friedrich Brändle
Dr. med. Friedrich Brändle

Sehr interessant, allerdings habe ich als Chirurg, der im Jahr ca. 90 Leistenhernien vorwiegend minimal invasiv operiert, die Problematik etwas anders.
Zur OP kommen in erster Linie Patienten, die Beschwerden haben. Die Einklemmungssymptomatik spielt eine sehr untergeordnete Rolle. Oft verursachen gerade die kleinen Hernien mehr Schmerzen. Davon abgesehen werden Hernien im Laufe der Jahre immer größer und können dann beim Älteren Mann uind insbesondere bei der älteren Frau durch Incaceration gefährlich werden. Postoperative Schmerzen in der Leiste treten auch in meinem Patiengut auf, durch konsequente Nachuntersuchung und entsprechende Therapie kann dieses Problem jedoch gelöst werden.
Dr. F, Brändle, Chirurg

#5 |
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Schön wär’s. Aber vor der Einführung in die Praxis müssen die wichtigsten Kenngrößen her, als da sind Sensitivität, Spezivität, positiver und negativer prädiktiver Wert! Unsereins hilft gerne!

#4 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Liebe Mitstreiter,
ich hoffe nur, daß sich gewisse “Externisten” Ultraschall
nicht zur Vermehrung ihrer monetären Hernienerfolge
zunutze machen !
Nach einem alten Witz muß ein Chirug umziehen wenn er am
bisherigen Ort seines segensreichen Wirkens alle Blinddärme
beseitigt hat !
Lichtenberg läßt grüßen.-
Ihr Tremblau
(Neuropsychiatrie; anlalytische Psychotherapie;
Standespolitiker im NAV-Virchow-Bund, dem einzigen
Verband, der sich speziell den Niedergelassenen
verschrieben hat; unser Internet-Auftritt ist lesens-
wert !)

#3 |
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Sehr interessanter Artikel, der unser interdisziplinäres Vorgehen in unserer Abteilung in Zusammenarbeit mit der Viszeralchirurgie bestätigt. In der Tat haben höchstens ein Viertel der mit der Diagnose Leistenhernie zum Ultraschall vorgestellten Patienten eine enge Bruchpforte / ” Sanduhr ” ist ein guter Terminus”), so dass die meisten Patienten der OP entgehen. Oft genug korrelieren die oft chronischen und atypischen Beschwerden überhaupt nicht mit dem Sonografiebefund. Dieses Vorgehen sollte sich durchsetzen.

#2 |
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Dr. Dietrich Muhlhardt
Dr. Dietrich Muhlhardt

interessanter Artikel
können sie weitere Informationen zum Untersuchungsgang und typischen befunden Schicken
Mfg
Dr.D.Muhlhardt

#1 |
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