Keuchhusten: Kollegen, jetzt seid ihr dran

27. Februar 2017
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In Deutschland erkrankten nach Angaben des Robert Koch-Instituts 2016 mehr als 22.000 Menschen an Keuchhusten – so viel wie noch nie seit Beginn der Meldepflicht im Jahr 2013. Das Nachholen ausstehender Impfungen ist laut RKI dringend nötig.

Erkrankungen an Keuchhusten häufen sich in Deutschland. Seit Jahresbeginn wurden bereits 1.554 neue Keuchhusten-Patienten an das Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sieht den Grund dafür in Impflücken und kritisiert die Erwachsenenmediziner. „Wir Kinder- und Jugendärzte impfen möglichst auch immer die Angehörigen mit gegen Keuchhusten. Aber mit unserem Engagement erreichen wir nicht alle. Allgemeinärzte und Gynäkologen müssen mehr als bisher darauf achten, dass sie Impflücken schließen,“ so BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach.

Impflücken schließen

Bei Erwachsenen ohne Kinder ist der Anteil an Nichtimpfern laut Fischbach am höchsten: „Nach den jüngsten RKI-Daten für 2014 sind fast 97 Prozent der Kinder in Ostdeutschland und 95 Prozent in Westdeutschland bei der Einschulung gegen Keuchhusten geschützt. Bei den Erwachsenen ist es je nach Lebensalter nur jeder Fünfte bis Zehnte. Bei jungen Eltern hat ein Drittel einen Impfschutz, bei Schwangeren ein Fünftel.“

94 gemeldete Keuchhusten-Fälle in Kiel zwischen dem 16. November 2015 und dem 13. März 2016 veranlasste das RKI zu einer retrospektiven Kohorenstudie an zwei Schulen und einer Kita. Das Fazit: Es gab eine deutliche Steigerung zu den Jahren davor, in denen „[…] lediglich 12 (2013/2014) bzw. fünf Keuchhusten-Fälle (2014/2015) übermittelt worden waren.“

Die Erkrankung wird nicht ernst genug genommen, kritisiert Fischbach: „Keuchhusten ist also offenbar bei Erwachsenen und auch bei Allgemeinärzten und Gynäkologen noch nicht vollständig im Bewusstsein. Das muss sich dringend ändern, denn Keuchhusten ist alles andere als harmlos. Gerade im ersten Lebensjahr, wenn der Impfschutz noch nicht vollständig ist, kann Keuchhusten eine ernste gesundheitliche Bedrohung für Kinder sein.“

Schutz besteht nicht ein Leben lang

Laut RKI hätte man den Ausbruch eindämmen können: „Ärzte und der öffentliche Gesundheitsdienst sollten gerade auch in Ausbruchssituationen auf die Nachholung ausstehender Impfungen hinwirken.“ Die Auffrischungsimpfung gegen Keuchhusten für Erwachsene wird seit 2009 empfohlen. Sie wird mit der Impfung gegen Tetanus und Diphtherie kombiniert. Weder eine bewältigte Erkrankung noch die Grundimmunisierung im Kindesalter schützt ein Leben lang vor der Erkrankung.

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Untersuchung eines Keuchhusten-Ausbruchs bei Kindern mit hohen Impfquoten in Kiel © RKI

Aus der Kohortenstudie geht eine relative Impfeffektivität von 88 Prozent für die komplette Grundimmunisierung und 74 Prozent für die erste Auffrischimpfung hervor – es gibt also keinen Hinweis auf ein außergewöhnliches Impfversagen. Dennoch: „Trotz der relativ hohen Impfeffektivität ist davon auszugehen, dass auch Geimpfte erkranken können, gerade in Ausbruchssituationen,“ betont der Experte.

Infektionsketten unterbrechen

Erlischt der Impfschutz, können sich Menschen auch nach überwundener Infektion erneut anstecken. Ist eine junge Mutter beispielsweise nicht geimpft, hat ihr Baby bis zur ersten Immunisierungsmöglichkeit im Alter von zwei Monaten keinen Schutz. Waren teilnehmende Kinder der Kohortenstudie jedoch geimpft, konnte kein schwerwiegender Verlauf der Pertussis-Erkrankung diagnostiziert werden. Impfungen können also dazu beitragen, den Verlauf der Erkrankung abzuschwächen.

Problematisch beurteilt das RKI den Fokus von Ärzten auf das Behandeln und Testen von Keuchhusten-Patienten. Das Impfen war eher zweitrangig. Um Infektionsketten zu unterbrechen, ist aber unmittelbares Impfen nach dem Ausbruch einer Pertussis-Erkrankung ratsam.

11 Wertungen (4.27 ø)

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14 Kommentare:

Dr. med. Günter Gremmler
Dr. med. Günter Gremmler

Ich habe als Erwachsener Pertussis gehabt. Wenn ich den Mund öffnete, weil ich sprechen wollte, musste ich furchtbar husten. Es war schrecklich. Kinderkrankheiten sind für Erwachsene nicht nur lästig, sondern manchmal sehr schädigend. Es ist schade, dass viele erst durch Schaden klug werden.

#14 |
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Gast
Gast

Beitrag #3 zeigt mal wieder, warum man Heilpraktiker nicht ernst nehmen kann und das Heilpraktikertum verboten werden sollte.

#13 |
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Gast
Gast

@ Anna Burhans: Sehe ich auch so, die STIKO hinkt hinterher.
@ Dr. Schätzler: Danke für die Aufkllärung! Ich muß in dem Zusammenhang gerade an die gute alte Diphtherieimpfung denken, die ja als Toxoidimpfstoff auch “nur” vor der Erkrankung, nicht aber der Infektion selbst oder der Weitergabe des Erregers schützt.
@ Jan Paffrath: Wenn Sie ernsthaft den Milchwirt T****n zitieren, dann beweist das in meinen Augen nicht nur Ihren wissenschaftlichen Analphabetismus, sondern auch, daß Sie eine Gefahr für die Volksgesundheit sind. Ich hätte nicht schlecht Lust, die zustänndige Stelle im Kreis Stormarn zu benachrichtigen, auf daß Ihnen das Handwerk gelegt wird!

#12 |
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Ärztin

Aus dem Impf-Bulletin der STIKO 34/2016:
“Erwachsene sollen die nächste fällige Td-Impfung einmalig als
Tdap-Kombinationsimpfung erhalten.”
Mit den Ausnahmen von Frauen im gebärfähigen Alter, Personen die im Haushalt Kontakt zu Neugeborenen haben können und Personal in Gesundheitsberufen und Gemeinschaftseinrichtungen.

Mal ganz einfach gefragt: wenn ich mich an diese Maßgaben der ständigen Impfkommission halte, bedingt das nicht Impflücken?

Auf das Für und Wider der Impfungen lasse ich mich gerne in einem persönlichen Gespräch in der Praxis ein, aber nicht im Internet.

Viele Grüße

#11 |
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Rettungssanitäter

es erschrikt mich immer wieder wenn solche Leute wie Herr Pappnas #3 ungehindert hier ihr unwissen ausbreiten dürfen. hier lobe ich mir die Österreicher In Österreich ist die Ausübung der Heilkunst ausschließlich den Ärzten und – beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie – den Psychotherapeuten vorbehalten. Die Ausübung des Berufes des Heilpraktikers sowie die Ausbildung dazu ist in Österreich durch das Ärztegesetz[3] bzw. das Ausbildungsvorbehaltsgesetz[4] verboten und strafbar. Diese Regelung wurde bereits vom Europäischen Gerichtshof geprüft und als EU-rechtskonform bestätigt.[5]

#10 |
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Gast X
Gast X

Gerade Impfgegner werfen gerne wieder einmal verschiedenste Daten und Fakten zusammen die nicht zusammengehören. Das Ziel die Maserninfektionen durch komplette Herdenimmunität zu limitieren hat mit Keuchhusten nichts zu tun. Das ist eine völlig andere Situation. Danke für Ihren Beitrag Herr Dr. Schätzler. Natürlich ist es suboptimal wenn kein vollständiger Infektionsschutz besteht, ganz besonders wenn es darum geht zu vermeiden dass Säuglinge erkranken, die immerhin daran sterben könnten. Deshalb zu behaupten die Impfung für Erwachsene sei nicht nötig oder gar kontraindiziert ist aber dennoch Unsinn. Auch für Erwachsene kann (je nach Konstitution und Vorerkrankungen z.B. Asthma) ein schwerer Verlauf durchaus sehr heftige Komplikationen hervorrufen und auch eine stationäre Behandlung erforderlich machen… insofern wäre auch für viele Erwachsene ein Schutz vor schweren Verläufen sehr wünschenswert.

#9 |
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Bevor hier weitere Verschwörungstheorien verbreitet werden: Ich zitiere aus dem Deutschen Ärzteblatt:
“Die heute verwendeten azellulären Keuchhusten-Impfstoffe hinterlassen offenbar eine lückenhafte Immunität. Sie verhinderten in tierexperimentellen Studien in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS 2013; doi: 10.1073/pnas.1314688110) zwar eine schwere Erkrankung, nicht aber die Besiedlung der Rachenschleimhaut mit Krankheitserregern, die sogar auf andere Tiere übertragen werden konnten. Die Studie stellt deshalb die durch die Impfung angestrebte Herdenimmunität infrage.
In den meisten Ländern ist es in den letzten Jahren zu einem Anstieg der Keuchhusten­erkrankungen gekommen. In den USA erkrankten 2012 schätzungsweise 42.000 Menschen, die höchste Zahl seit mehr als 50 Jahren. Verantwortlich gemacht wurde vor allem die zeitlich begrenzte Immunität der Impfung (weshalb inzwischen eine [weitere] Auffrischung im Teenager-Alter empfohlen wird).
Die Forschungsergebnisse, die das Team um Tod Merkel vom Office of Vaccines Research and Review der US-Arzneibehörde FDA jetzt vorstellt, liefern eine weitere Erklärung. Es erscheint möglich, dass die Impfung nur die Erkrankung, nicht aber die Infektion verhindert. Damit entfiele eine Barriere gegen Epidemien. Normalerweise verhindert eine hohe Impfquote, dass sich Krankheitserreger in einer Population ausbreiten. Epidemiologen sprechen von einer Herdenimmunität.” (Zitat Ende) http://m.aerzteblatt.de/news/56706.htm
“Acellular pertussis vaccines protect against disease but fail to prevent infection and transmission in a nonhuman primate model” von Jason M. Warfel et al.

Bei meiner hausärztlichen Praxisgründung 1992 war ich damals noch ohne Laborbudget entsetzt, wie viele meiner Patienten serologisch nachgewiesen an akuter Pertussis neu erkrankten und habe in der Folge regelmäßig mit Pertussis-Kombinationsimpfungen alle 10 Jahre aufgefrischt, bis der Spuk vorbei war.

#8 |
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Susann Bürger ist zuzustimmen. Es ist egoistisch und unsozial, nicht an diejenigen zu denken, die nicht geimpft werden dürfen oder auch an diejenigen, die besonders durch vermeintlich harmlose Infektionskrankheiten gefährdet sind, wie Neugeborene oder Frühgeborene ohne „Nestschutz“, Behinderte, Kranke, Alte. Sie alle bedürfen der „Solidargemeinschaft“ derjenigen, die einen ausreichenden Impfschutz aufgebaut haben.

#7 |
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Gast
Gast

Wahrscheinlich liegt noch zuviel Impfstoff auf Lager. Dieser muss irgendwie weg, da die Entsorgung sehr teuer wäre. Also versucht man es mal wieder mit Angstmache.
Das gleiche ist doch das Problem mit der Diphtherie. Da man blöderweise Impfstoff gegen Tetanus mit Diphtherie zusammengepampt hat, wird behauptet, mit den Flüchtlingen sei diese bei uns ausgestorbene Krankheit plötzlich wieder präsent.
Neulich kam ja zudem heraus, dass den Impfstoffen Zusätze beigefügt werden, die in 10 bis 15 Jahren z. B. Rheuma beim Patienten verursachen. Hier erschließt sich wieder ein neuer Absatzmarkt für Big Pharma.

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Susann Bürger
Susann Bürger

#HP Paffrath
Keuchhusten kommt auch mit ungeimpften Kranken ins Land und nicht durch Impfungen! Der ewige Kampf um Sinn oder Unsinn von Impfungen nervt mich immens.
Man sollte an die denken, die nicht geimpft werden dürfen. Das sind die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft,wenn es um die Sinnhaftigkeit von Impfungen und damit Schutz vor Infektionskrankheiten geht. Schützt diese Leute und lasst euch impfen! Alles andere ist nicht sozial.

#5 |
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Lena Baier
Lena Baier

Auch unsere Familie hatte es im Januar 2016 erwischt. Trotz aufgefrischter Impfung im Jahr 2014 sind mein Mann, meine damals 2 jährige Tochter und auch ich – 2 Wochen vor der Geburt unsere zweiten Tochter – an Pertussis erkrankt. Dabei hatten wir von drei unterschiedlichen Herstellern unsere impfseren erhalten… Bei einer Impfschulung sagte ein Sprecher eines Herstellers, dass die Impfungen wohl nachweislich nicht gegen Pertussis schützen, sondern die Erkrankung nur abschwächen könne, da sich der Stamm verändert haben soll….

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Heilpraktiker

In der Überschrift steckt doch die Antwort:

2016 mehr als 22.000 Menschen an Keuchhusten – so viel wie noch nie seit Beginn der Meldepflicht im Jahr 2013.

Es liegt an der erhöhten Impfrate, die die Erkrankungsrate in die Höhe treibt.

Diese Statistik gab´s in den USA und anderswo auch schon vor zig Jahren.
Kaum war die Durchimpfungspflicht abgesetzt ging auch die Zahl der Erkrankungen drastisch zurück.

Der Rest des Artikels ist plumpes, in Fachsprache verpacktes Ablenkunsmanöver

Wie bei eigentlich allen Erkrankungen war die Durchimpfungspflicht nie auslösender Faktor des Rückganges solcher Erkrankungen, sondern steigende Hygieneverhältnisse. Impfkampagnen sind nur auf einen bereits fahrenden Zug aufgesprungen.
https://www.newsletter.tolzin.de/index.php?subid=49746&option=com_acymailing&ctrl=url&urlid=116&mailid=63

#3 |
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Liegt doch neben der Sache: Auf alle Fälle unterbricht Impfen die Infektionskette; und dies gilt für Pertussis, ebenso wie für Masern oder andere „Kinderkrankheiten“, für die es inzwischen einen gut verträglichen aktiven Impfschutz gibt!

#2 |
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Gast
Gast

Zitat:”Um Infektionsketten zu unterbrechen, ist aber unmittelbares Impfen nach dem Ausbruch einer Pertussis-Erkrankung ratsam.”
Frage: Ist hier von einer passiven Immunisierung die Rede? Anderenfalls erschließt sich mir nicht so ganz, weshalb zu einem reflexhaften Impfen geraten wird: Wie schnell soll denn die Immunisierung vonstatten gehen…?

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